Rachid Bouchareb

Article Bio Works
crossroads:
Heimat, Identität, Mythos, Tradition
genre(subgenre):
Film (Spielfilm)
region:
Europe, Western
country/territory:
France
city:
Paris
created on:
May 21, 2003
last changed on:
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Article

Zerrspiegel der Fremdheit

Der 1953 bei Paris geborene Rachid Bouchareb ist erfolgreicher Autor, Regisseur und Produzent. Im Zentrum seiner Filme stehen die Erfahrung von Fremdheit, die Suche nach Identität und Heimat sowie die Mythen, die sich damit verbinden. Für seinen zweiten Spielfilm "Cheb" (1991) gewann Bouchareb u.a. den Preis "Perspectives du Cinéma" in Cannes. "Little Senegal" (2000) war für den "Goldenen Bären" auf der Berlinale nominiert.
Der 1953 bei Paris geborene Rachid Bouchareb beschäftigt sich in seinen Spielfilmen mit Fragen der Fremdheit und der Suche nach Identität und Heimat. Dabei blickt der Autor, Regisseur und Produzent meist aus einer Perspektive auf sein Thema, die bestehende Vorstellungen entmythologisiert. Dies gilt besonders für seinen letzten Film "Little Senegal" (2000). "Ich wollte einen Film über die Begegnung von Afrika und dem schwarzen Amerika drehen, aber dabei das Schema von ?Roots´ umkehren. Es sollte um einen Afrikaner gehen, der in die USA kommt und dabei die Kluft zwischen den beiden Kulturen entdeckt," erklärt Bouchareb die Intention des von ihm geschriebenen, gedrehten und produzierten Films.

"Little Senegal" erzählt nicht die stereotype afroamerikanische Geschichte eines schwarzen US-Amerikaners, der seine Wurzeln in Afrika sucht. Sein Protagonist Alloune ist Fremdenführer im Museum der berüchtigten Sklaveninsel Gorée vor Dakar, dort wo amerikanische Touristen gewöhnlich ankommen. Er will den Spuren seiner Vorfahren folgen, die als Sklaven nach Nordamerika verschleppt wurden, und gelangt so über South Carolina nach Little Senegal in New York ? und schließlich wieder zurück nach Gorée.

Alloune recherchiert seinen Stammbaum und findet schließlich seine entfernte Verwandte Ida, eine resolute Frau in seinem Alter, die einen Kiosk in Harlem betreibt und sich in keiner Weise für ihre afrikanisch-amerikanische Geschichte interessiert. Ihr einziges Interesse ist es, zu überleben und ihre schwangere Enkelin von der Straße zu holen. Zwei Kulturen prallen aufeinander: die traditionsbewussten Familienwerte des Afrikaners Alloune und das großstädtische Survival-of-the-Fittest der Afroamerikanerin, die sich dem Afrikaner überlegen fühlt. So entdeckt Alloune, dass schwarz durchaus nicht gleich schwarz ist. "Ich wollte einen Film machen über die Verletzung Afrikas, seine Wunden, seine Geschichte", sagt Bouchareb "und ich wollte mich mit der Situation in Einwanderungsländern beschäftigen."

Auch in "Cheb" / "Flucht aus Afrika" (1991) blickt Bouchareb mit den Augen eines Fremden auf ein fremdes Land. Hier spiegelt er Algerien seine Wunden und seine Geschichte und damit indirekt auch die seiner französischen Heimat, wo er als Kind algerischer Einwanderer geboren wurde.

Der Protagonist, der neunzehnjährige Merwan, ist als Sohn algerischer Immigranten in Frankreich aufgewachsen. Da er in Algerien geboren wurde, wird er eines Tages dorthin ausgewiesen. Merwan kommt als Fremder in sein Heimatland zurück ? das er dann schnell und brutal kennenlernen soll. Seine Landsleute konfiszieren seinen Pass und stecken ihn ins Militär. In der bedrückenden und feindlichen Atmosphäre einer Kaserne mitten in der Wüste lassen die einheimischen Algerier ihn gnadenlos den Unterschied zu ihnen spüren. Als Einwanderer in Frankreich wie in Algerien beschließt Merwan, das Land zu verlassen, das ihn gegen seinen Willen festhält, um in ein Land zurückzukehren, das ihn gegen seinen Willen abgeschoben hat.

Mit seiner Freundin Malika versucht er, aus dieser Gesellschaft mit ihren rigiden Gesetzen und Sitten zu fliehen. Die Flucht scheitert an der Grenze. Ein gefälschter Pass verhilft ihm schließlich zur Rückkehr nach Frankreich, doch auch da wartet schon der Militärdienst auf ihn. "Mein erster Film ?Bâton Rouge´ zeigt die Anziehungskraft der Vereinigten Staaten und nicht die des Maghrebs. Zu der Zeit sah ich mich nicht direkt mit meinem Geburtsland konfrontiert. Jetzt gehe ich den Mythos der Heimkehr in die Heimat an, in dem jeder Einwanderer seit jeher lebt. Aber in Wirklichkeit bin ich nie mit meiner Familie nach Algerien zurückgekehrt, und ich werde auch nie dorthin zurückkehren. ?Cheb´ beruht auf dieser Konfrontation zwischen dem Heimkehrermythos und der täglichen Lebenswirklichkeit in Algerien.?

"L´Honneur de ma famille" / "Die Ehre meiner Familie" (1997) erzählt vom Konflikt der Generationen in einer Einwandererfamilie. Nora kommt aus einem strengen Elternhaus. Ihre Familie stammt aus Algerien, und ihre Eltern legen großen Wert auf die Einhaltung von Traditionen. Nora hat es gelernt, sich ausgeklügelter Schummeleien zu bedienen, um ein paar Freiheiten für sich herauszuschlagen. Sie träumt davon, zusammen mit ihrer Freundin nach Goa auszuwandern. Das Geld dafür verdient sie sich heimlich in einer Disco. Doch es kommt anders. Sie wird schwanger und das auch noch von einem Franzosen. Nun gilt es einen für die Eltern akzeptablen Vater zu finden. Auch in "Die Ehre meiner Familie" stellt Bouchareb Klischees in Frage. Das Leben in zwei Kulturen wird hier zum grotesken Maskenspiel, und keiner Rolle, nicht einmal der des politisch verfolgten Flüchtlings, ist ganz zu trauen.

"Poussières de vie" / "Die Kinder von Saigon" (1994) basiert auf dem autobiographischen Roman "La colline du Fanta" von Duyen Ahn. Der Film schildert ein Drama aus der Zeit des sozialistischen Umerziehungsterrors nach dem Rückzug der Amerikaner aus Vietnam, der Opfer wie Täter jede Menschlichkeit und Würde kostete.


Veranstaltungen im HKW:
Freitag, 13. November 1992
Filme aus dem Maghreb
Cheb
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino Freiburg


Neuer arabischer Film
Filmfestival Karthago
Retrospektive ´98
L?Honneur de ma famille

Samstag, 13. Februar 1999
Mittwoch, 17. Februar 1999

Rezeption des arabischen Kinos in Deutschland und Europa
Round Table
Mit den Regisseuren: Bourlem Guerdjou (Algerien), Rachid Bouchareb (Algerien), Kalthoum Bornaz (Tunesien), Roschdy Zem (Algerien, Magda Wassef (Paris) und Ulrich Gregor (Berlin)
Moderation: Eberhard Spreng

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt


Author: Ulrich Jossner  

Bio

Rachid Bouchareb wurde am 1.9.1953 bei Paris geboren. Von 1977 bis 1983 arbeitete er als Regieassistent bei der staatlichen französischen Fernsehproduktionsgesellschaft "S.F.P.", anschließend für die privaten Fernsehsender "TF 1" und "Antenne 2". Daneben entstehen erste Kurzfilme. 1985 realisiert er seinen ersten langen Spielfilm "Bâton Rouge". 1988 gründet er zusammen mit Jean Bréhat die Produktionsfirma "3.B". Für seinen zweiten Spielfilm "Cheb" wird er 1991 u. a. mit dem "Bronzenen Leoparden" in Locarno und dem Preis der "Perspectives du Cinéma" in Cannes ausgezeichnet. Sein letzter Film "Little Senegal" (2000) wurde in Berlin für den "Goldenen Bären" nominiert.

Works

Indigènes

Film / TV,
2006

Le Vilain Petit Poussin

Film / TV,
2003

Little Senegal

Film / TV,
2000

L´Honneur de ma famille/ Die Ehre meiner Familie

Film / TV,
1995

Poussière de vie/ Die Kinder von Saigon

Film / TV,
1994

Des années déchirées

Film / TV,
1992

Cheb/ Flucht aus Afrika

Film / TV,
1991

Rai

Film / TV,
1988

Bâton Rouge

Film / TV,
1985

Peut-être la mer

Film / TV,
1983

Le Banc

Film / TV,
1978

La Pièce

Film / TV,
1976

La Chute

Film / TV,
1976