Yuka Oyama

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crossroads:
Identität, Konsumverhalten
genre(subgenre):
Design & Kunstgewerbe (Schmuck)
Performing Arts (interaktive Performance)
region:
Europe, Western, Asia, Eastern
country/territory:
Germany, Japan
city:
Berlin
created on:
September 14, 2005
last changed on:
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Yuka Oyama

Article

Schmuck: ein Politikum?

KÜNSTLERSTATEMENT/ POSTKARTENPROJEKT DES HAUSES DER KULTUREN DER WELT 2007 „Ist es möglich, meine Nachbarn zusammenzubringen, um unser monströses Wohnhochhaus am Platz der Vereinten Nationen in Berlin zu verschönern? Dieses Gebäude ist ein Heim für 220 Haushalte. Da gibt es die ursprünglichen Bewohner und die Nachzügler. Die früheren Bewohner sind vorwiegend Ex-SED-Mitglieder, Ex-Geheimdienstleute und andere privilegierte Bürger aus der Zeit des früheren Ostdeutschland. Die letzteren sind kürzlich eingezogen, sie suchen relativ günstige Mietangebote. Die zwei Gruppen haben nichts miteinander zu tun und unabhängig von der großen Zahl seiner Bewohner scheint das Gebäude von der Straße aus immer unbewohnt. Wie kann ich diesen Ort lebendiger machen?" (Yuka Oyama) „Eines Tages saß ich in meinem Atelier, blickte hinaus auf die Straße, wo jeder so grau, korrekt und sauber aussah, und spürte auf einmal den unmittelbaren Drang, die Dinge aus dem Lot zu bringen. Plötzlich kam es mir so widersinnig vor, allein hier zu sitzen und ein Schmuckstück anzufertigen, das irgendwann einmal die Erscheinung eines menschlichen Körpers vervollständigen sollte. Ich wollte Objekte kreieren, die individueller auf den Einzelnen abgestimmt sind, das Individuelle der jeweiligen Person stärker herausarbeiten. Also begann ich 2002 mit meinen interaktiven Schmuck-Performances, den Schmuck Quickies.“
Sperrige Installationen, auf Rücken und Köpfe gebunden, Tennisschläger, die wie Flügel abstehen, dann wieder flacher Haarschmuck: Mal wirken die Schmuck-Quickies verspielt und unbeschwert, dann wieder wie eine Provokation der herkömmlichen Vorstellung von Schmuck. Schließlich stellt Yuka Oyama ihre Schmuck-Kunstobjekte aus dem her, was andere wegwerfen, was die Konsumgesellschaft abstößt. Sie operiert mit Materialien und deren fragwürdigem ästhetischen Reiz, erweitert damit den traditionellen Schmuckbegriff und steht somit in der Tradition des „künstlerischen Schmucks“, die sich im 20. Jahrhundert als Gegenreaktion auf die Entwicklung der Schmuckindustrie und der Massenware herausbildete. Durch den Verzicht auf den überlieferten Formenkanon und die Verwendung von ungewöhnlichen Materialien vollzog sich hier eine radikale Erneuerung, die Yuka Oyama in ihren Arbeiten noch auf die Spitze treibt, wenn sie zu Abfall greift und daraus ihre Schmuckinstallationen herstellt. Auffallend ist bei ihren Arbeiten auch die Ausdehnung der Schmuckensembles in den Raum: ein prall gefüllter Plastikschlauch als Hals- und Bauchkette (für Naoko Kanezuka aus Tokio), eine lange Schleppe aus Beuteln und Netzen (ASQ AGAIN), stacheliger Kopfschmuck aus Drähten, eine Girlande aus rosafarbenen Schulterpolstern. Solche Arbeiten lassen sich nicht einfach Kategorien wie „Schmuckstück“ oder „Kunstwerk“ zuordnen, sondern verweisen auf Schnittstellen, Querverbindungen, Verwandtschaften und Parallelen.
Gefragt nach solcherart Grenzüberschreitungen, antwortet Yuka Oyama allerdings: „Nein, darum geht es mir eigentlich gar nicht. Ich interessiere mich einfach für so viele künstlerische Bereiche, so viele Dinge inspirieren mich, und all das will ich immer auch in meinen Arbeiten unterbringen. Ich stelle mir eine Aufgabe und versuche sie mit meinen Arbeiten zu lösen.“

Unter SQ, so lautet die Abkürzung von Schmuck Quickies, hat man sich folgenden Prozess vorzustellen: Yuka Oyama nimmt Bänder, Klebestreifen, beliebige weggeworfene Gegenstände und versucht diese zu kombinieren und für den Träger, in diesen Fällen den Ausstellungsbesucher, ein Schmuckstück herzustellen – wobei man die Vorstellung von einem konventionellen Schmuckstück aufgeben muss. Jeder Teilnehmer sitzt vor einem Spiegel und wird von der Künstlerin befragt. Erst dann wird die Person nach gründlicher Betrachtung durch Yuka Oyama „geschmückt“. Dabei entstehen skurrile Kleiderinstallationen, verrückter Haarschmuck, absurde Halsketten. Es drängt sich beim Beobachter die Frage nach der Tragbarkeit dieser Objekte auf. „Sie ist für den Moment gegeben“, so Yuka Oyama im Gespräch, „und es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie die Gegenstände den Träger verändern. Deshalb fasziniert mich auch Schmuck per se. Denn in ihm drückt sich – vergleichbar mit Kleidungsstücken – Individualität aus. Mit Schmuck kann man seine Erscheinung kontrollieren, man kann ihn bewusst einsetzen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Und praktisch ist er auch“, lacht sie kurz auf, „denn wenn ich feststelle, dass ich zu viel umgehängt habe oder für den Anlass unpassend geschmückt bin, kann ich die Ohrringe und Halskette einfach abnehmen.“

Yuka Oyama ist nicht wählerisch beim Gebrauch ihrer Materialien, im Gegenteil. Sie nimmt, was die Leute ihr bringen und was sie selbst findet. Als ihr die Idee zu den Schmuck-Performances kam, die sie mittlerweile in Japan und diversen europäischen Ländern aufführt, war ihr schnell klar, dass sie aus Kosten- und Zeitgründen keine wertvollen, dauerhaften Materialien würde verwenden können. Sie wollte mit so vielen Leuten wie möglich arbeiten, sich von diesen inspirieren lassen – „Schließlich haben mehr Menschen auch mehr Ideen.“ So entstand eine Art Recycling-Forschungsprojekt. Ihr Wunsch ist es, ein Archiv für die verschiedensten Recycling-Materialien aufzubauen. Ein unerwarteter Nebeneffekt ihrer Arbeiten war nämlich die Beobachtung, dass die weggeworfenen Dinge ihre jeweils eigene Geschichte erzählen, dass sie Auskunft geben nicht nur über die Individuen, die diese Gegenstände abgeben, sondern auch über die Geschichte der jeweiligen Städte, über gesellschaftliche Trends. „In einem Ort in Japan ist mir beispielsweise besonders aufgefallen“, so Yuka Oyama, „dass Dinge, die man für die Schule braucht, weggeworfen werden. In diesem Ort ist die Überalterung der Gesellschaft ein akutes gesellschaftliches Problem.“

Überrascht wurde sie auch bei ihrem Projekt Kaeru-Bag, was zu Deutsch heißt: „Taschen, die man zurückgeben muss“. Besucher nahmen solche durchsichtigen Taschen mit der Anleitung nach Hause, sie mit Dingen zu füllen, die sie nicht mehr länger benötigen, und damit ins Museum zurückzukehren. Yuka Oyama sortierte dann die Gegenstände nach Materialien und schmückte die Leute manchmal zufällig gerade mit den Dingen, die sie selbst mitgebracht hatten. Das Staunen darüber war auf beiden Seiten groß.

Auch wenn Yuka Oyama nur selten den Gegensatz Ost-West strapaziert, so sind ihr die Unterschiede doch aufgefallen: Zu ihren Performances in Japan seien beispielsweise keine Männer über 30 gekommen, in Italien auffallend viele Männer, wohingegen in Österreich gerade ältere Menschen sich von ihr hätten schmücken lassen. Auch hätten sich Japaner und „Westler“ unterschiedlich auf die Auseinandersetzung mit ihr eingelassen: Es sei ihr schwer gefallen, Zugang zu ihren Landsleuten zu finden, aber wenn diese Hürde einmal überwunden war, waren die Japaner offen für alles und überließen sich dem künstlerischen Prozess. „Westler“ seien vergleichsweise leicht für ihre Projekte zu gewinnen gewesen, aber die Zusammenarbeit ging stets nur bis zu einem gewissen Punkt, ja sie hätten vielmehr versucht, die Arbeit zu kontrollieren.

Mit ihren Schmuckensembles aus Alltagsgegenständen will Yuka Oyama „erschüttern“, will Gegebenheiten hinterfragen, Kategorien und Verhaltensmuster, auch zum Innehalten in vermeintlich selbstverständlichen Abläufen auffordern. Selbst wenn sie diese Haltung nie provokativ formuliert, so ist sie doch in all ihren Objekten zu spüren. Yuka Oyama arbeitet bei ihren Schmuck Quickies das Individuelle heraus und führt dem Träger seine eigenen Ideen und Vorstellungen vor Augen. Sie will, dass er eine aktive Rolle bei der Formung und Gestaltung übernimmt, um damit passiven Konsum von Mode und Schmuck in Frage zu stellen. „Es ist doch eigentlich verrückt, dass sich jeder vom anderen durch sein Äußeres unterscheiden will, um sich als Individuum abzusetzen, aber dann rennen doch alle wieder in dieselben Läden und kaufen das gleiche Zeug“, schüttelt Yuka Oyama verwundert den Kopf.

Außerdem will sie die Konzeption von „Schmuck“ auf den Kopf stellen, der in vielen Gesellschaften als Statussymbol eingesetzt wird. Sie arbeitet mit Materialien, die keinen Glamour verleihen, die nichts über den Reichtum und gesellschaftlichen Status des Trägers verraten. Am Wichtigsten aber ist ihr bei ihren Performances die Kommunikation: Heute entwerfen die Hersteller ihre Modelle meist völlig losgelöst von individuellen Ansprüchen. Früher kommunizierten „Hersteller“ und „Träger“, informierten sich gegenseitig über Trends, über Wünsche und Eindrücke. In diese Zeit möchte die Künstlerin gedanklich und künstlerisch zurückgehen, diese Gespräche wieder aufnehmen. Überhaupt kommt Yuka Oyama ständig auf diese beiden Themen zu sprechen: mangelnde Zeit und fehlende Kommunikation. Deshalb ist ihr auch die Unterhaltung mit den Trägerinnen ihres Schmucks ein Anliegen, deshalb inszeniert sie bei ihren Performances „Invasion of Privacy“ Installationen in privaten Räumen. Die Menschen heute, so sagt sie, sitzen viel zu wenig zusammen und basteln. Auch die „Liebesbandage“ ist vor diesem Hintergrund zu sehen: Viel zu selten würden Familienfeste organisiert, weil es so zeitaufwendig sei. Daher fordert sie Besucher auf, ihre Unterschrift auf medizinische Handgelenkbänder – ähnlich, wie man es früher auf Gipsverbänden getan hat – zu setzen, und verteilt diese Bänder dann als Erinnerung an ein Fest. Erhellend ist ihre Erklärung des Kleidungsstücks „Hochzeitskleid“ – weiße Sandsäcke an einem Hüftgürtel befestigt erschweren das Gehen –, das vielfach von westlichen Kunstkritikern dahingehend interpretiert wird, dass es den schweren Gang zum Standesamt symbolisiere. Yuka Oyama ist indes ein anderer Aspekt sehr viel wichtiger: Hochzeiten würden heute wie am Fließband auf den Standesämtern abgewickelt und nach starren Mustern geregelt, was der ursprünglich recht intimen Zeremonie zuwiderlaufe. Mit der Verlangsamung, die dieses Hochzeitskleid bewirkt, wollte sie auf diesen Automatismus aufmerksam machen, sie wollte zum Innehalten auffordern, keineswegs eine Anti-Haltung zur Hochzeit heraufbeschwören.

Und wie steht es mit der Veräußerbarkeit von solcherart Kunstschmuck aus Abfällen? Als Antwort auf diese für Yuka Oyama sehr spannende und existentielle Frage konzipiert sie für das Haus der Kulturen der Welt einen Laden, in dem die Ausstellungsbesucher nicht etwa geschmückt werden, sondern den Schmuck selbst herstellen. Yuka Oyama spielt die Ladenbesitzerin und wird die Teilnehmer auch entlohnen, sie erhalten einen Euro pro Stunde – zum einen als Anspielung auf die Ein-Euro-Jobs in Deutschland, zum andern auf die Herstellung von Schmuck in Billiglohnländern. Damit arbeitet sie zwar entlang kapitalistischer Strukturen, allerdings in entgegen gesetzter Richtung – erst recht, wenn es ihr gelänge, diesen Schmuck dann nach Asien zu exportieren.

Alle Zitate stammen aus einem Interview der Autorin mit der Künstlerin (September 2005).
Author: Alice Grünfelder

Bio

Yuka Oyama, geboren 1974 in Tokio, wuchs in Malaysien, Indonesien und den USA auf. Nach einem Design-Studium in Rhode Island kam sie nach Berlin, wo sie von 1996 bis 1998 eine Lehre bei dem Goldschmiedemeister Heinz Siebauer absolvierte. 1997 nahm sie ein Studium in der Klasse von Prof. Otto Künzli an der Akademie der Bildenden Künste in München auf, das sie 2004 mit einem Diplom abschloss. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Performance-Künstlerin.

Works

Veranstaltungen im Haus der Kulturen der Welt

Exhibition / Installation,
2005
„Bin ich schön?“ SchmuckQuickies, Workshop mit Yuka Oyama im Rahmen des Jugendprogramms NEXT 2005: „ASQ /After Schmuck Quickies“, Performance im Rahmen von „Räume und Schatten“, Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2005 „Autonom ist noch nicht einmal der Mond: Kunst/Initiativen aus Japan“, Zeitgenössische Kunst Galerien, München, Deutschland 2004 „Craftholics Anonimous“, Middlesborough Institute of Modern Art, England „Sqart – Reclaim the Gehweg“, Designmai, Berlin, Deutschland „brillant(e)“, Kunst Meran, Italien „Immaterial Jewellery“, Schloss Plüschow, Deutschland 2003 „Simple Beads and Cultural Seeds“, Schloss Güstrow, Deutschland „Now and Forever“, Luitpoldblock, München „Echigo-Tsumari Triennal 2003“, Niigate, Japan 2002 „Zweite Haut – Kunst und Kleidung“, Museum Bellerive, Zürich „Right on Time“, Dommuseum Frankfurt am Main, Deutschland 2001 „Mikromegas“, Bayerischer Kunsthandwerkverein, München „Impression & Expression“, Martina & Co., Rhode Island, USA 2000 INS“, Haus der Kunst, München, Deutschland

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2005 „Catalogue Presentation“, Bank Art, Yokohama, Japan „SQ/ASQ“, OONA Galerie, Berlin, Deutschland „Not Even a Moon is Autonomous“ Lothringer 13, München, Deutschland 2002 „Casual Jewellery“, OONA Galerie, Berlin, Deutschland

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)

Www

Website der Künstlerin

images
Schmuck Quickies-Echigo Tsumari
Schmuck Quickies-Echigo Tsumari