Christian Lattier

Article Bio Works Projects
crossroads:
Moderne, Religion, Tradition
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei)
region:
Africa, Western, Europe, Western
country/territory:
Côte d'Ivoire, France
created on:
June 21, 2003
last changed on:
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Article

Die Nike von Samothrake ist der Hühnerdieb

Der Bildhauer Christian Lattier, 1925 in Grand Lahou am Atlantik geboren, ist der bekannteste Künstler der Elfenbeinküste. Seine Ausbildung erhielt Lattier in Frankreich, wo er mit seinen unverwechselbaren, oft als ironische Adaptionen klassischer Figuren angelegten Skulpturen aus Draht und Garn auch seine ersten künstlerischen Erfolge feierte. 1962 kehrte Lattier an die Elfenbeinküste zurück, um in Abidjan einen Lehrstuhl für Bildhauerei an der École Nationale des Beaux-Arts zu übernehmen. Christian Lattier verstarb 1978.
Er war der „Bildhauer mit den nackten Händen“, so zumindest lautete sein Spitzname: Christian Lattier, 1925 in der rund zweihundert Kilometer westlich von der Hauptstadt Abidjan gelegenen Hafenstadt Grand Lahou geboren, ist auch noch 25 Jahre nach seinem Tod zweifellos der bekannteste Künstler der Elfenbeinküste. Lattier verließ sein Heimatland bereits im Knabenalter, emigrierte nach Frankreich und schloss sich dort 1935 der Maristen-Bruderschaft in Saint-Chamond an der Loire an. Mit 21 Jahren schrieb er sich an der École des Beaux-Arts in Saint-Etienne ein, ein Jahr darauf wechselte er in die Bildhauerklasse an der École des Beaux-Arts in Paris. In Paris arbeitete Christian Lattier eine Zeitlang auch im Architekturbüro von Dometh Guth.

In seine Zeit in Paris fielen auch die ersten Erfolge, die Lattier als Künstler feierte. Schon kurz nach seiner Ankunft 1947 entdeckte man sein außerordentliches Talent und bald wurde Lattier zu einer kleinen Berühmtheit in der Künstlerstadt Paris. Besondere Aufmerksamkeit erregten seine unverwechselbaren Plastiken, die er aus Holz, Steinen, Draht und einem festen Hanfgarn schuf. Dabei verband Lattier die traditionelle westafrikanische Technik, um einen Drahtkern herum eine Maske zu flechten oder besser: zu binden mit Motiven, die meist aus der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte stammten. So entstanden Figuren, die ihre Extravaganz aus der Mischung von kraftvoll wirkender Stammeskunst und anspielungsreicher, oft auch ironisch-respektloser Thematik schöpften.

Eine dieser seltsam versponnenen, kunstvoll ornamentierten Garn-Draht-Gebilde ist die 1,30 Meter hohe Plastik „Der Hühnerdieb oder der Sieg von Samothrake“ aus dem Jahr 1962, die sich heute im Nachlass von Christian Lattier befindet und im Musée des Civilisations de Côte d’Ivoire in Abidjan ausgestellt wird. Die Anregung für diese Arbeit hat Lattier sicher im Louvre erhalten, denn dort wird die antike Statue der Nike von Samothrake, ein Hauptwerk hellenistischer Skulptur, aufbewahrt.

Von dieser Inspirationsquelle ist in Lattiers Version auf den ersten Blick allerdings rein gar nichts mehr zu bemerken: Statt der hehren, in furioser Bewegung eingefrorenen Siegesgöttin aus weißem Marmor steht vor dem Betrachter tatsächlich eher ein Hühnerdieb -– eine lächerlich schmale Jammergestalt, die feist und breitbeinig im Begriff zu sein scheint, das Weite zu suchen. Um den Hals trägt sie eine lange Kette mit antikisierenden Medaillons, als weitere Reminiszenz an das große Vorbild erkennt man nach längerem Hinsehen am Rücken der Figur eigentümlich dynamisierte Formen, die mit etwas Wohlwollen als die Flügel und das wehende Gewand der Ur-Nike interpretiert werden können.

Doch der ironische Umgang mit Jahrhunderte alten Traditionen beschränkt sich bei Lattier nicht auf die europäische Kultur. Auch westafrikanische Kult-Masken waren Gegenstand seiner künstlerischen Umdeutungen. Drei Jahre vor seinem Tod flocht Lattier 1975 ein auch entsprechend die „Maske“ betiteltes Werk, in dem sich wieder überlieferte Techniken, traditionelle, in diesem Fall eben afrikanische Motive und Elemente der europäischen Abstraktion und amerikanischen Minimal Art auf spezielle Weise vereinen. Zwar sind hier die wulstigen Gesichtszüge noch in Ansätzen wiederzuerkennen, doch insgesamt erreicht Lattier durch Verknappung der Formensprache und die Lust am Ornament eine sehr freie Adaption des kultischen Ideals.

1962, in dem Jahr, in dem er den „Hühnerdieb oder den Sieg von Samothrake“ schuf, kehrte Lattier zurück an die Elfenbeinküste, um einen Lehrstuhl für Bildhauerei an der École Nationale des Beaux-Arts in Abidjan zu übernehmen. Lattier wurde für sein Schaffen vielfach ausgezeichnet, so erhielt er noch in Frankreich unter anderen den „Premier Prix des Cathedrales de France“ (1953), den „Premier Prix Chenavard“ (1954), anlässlich des ersten Festival of Black Arts in Dakar wurde ihm der Grand Prix zugesprochen. 1976 wurde er zum „Ritter des Ordens der Republik Elfenbeinküste“ ernannt. Christian Lattier starb – unter angeblich nicht vollständig geklärten Umständen – im Jahr 1978.
Author: Ulrich Clewing

Bio

1925 in Grand Lahou, Elfenbeinküste, geboren
1946 École des Beaux-Arts, Saint Etienne
1947 École des Beaux-Arts, Paris
Mitarbeit im Architekturbüro Dometh Guth, Paris
1962 Professor für Bildhauerei an der École Nationale des Beaux-Arts, Abidjan
1978 gestorben

Works

Exhibition / Installation,
2003
1958 Sorbonne, Paris, Frankreich. 1959 Musée Rodin, Paris, Frankreich. Paris Biennale, Frankreich. 1961 Salon de Comparaison, Paris, Frankreich. 1966 Festival of Black Arts, Dakar, Senegal. 1967 Universal Fair, Montréal, Kanada. 1969 Festival de Algier, Algerien. 1975 Centre Culturel Français, Abidjan, Elfenbeinküste. Auszeichnungen: 1953 „Premier Prix des Cathedrales de France“ 1954 „Premier Prix Chenavard“ 1966 „Grand Prix Festival of Black Arts“, Dakar 1976 „Knight of the Order of the National Republic“, Elfenbeinküste

Exhibition / Installation,
2003
1958 Sorbonne, Paris, Frankreich. 1959 Musée Rodin, Paris, Frankreich. Paris Biennale, Frankreich. 1961 Salon de Comparaison, Paris, Frankreich. 1966 Festival of Black Arts, Dakar, Senegal. 1967 Universal Fair, Montréal, Kanada. 1969 Festival de Algier, Algerien. 1975 Centre Culturel Français, Abidjan, Elfenbeinküste. Auszeichnungen: 1953 „Premier Prix des Cathedrales de France“ 1954 „Premier Prix Chenavard“ 1966 „Grand Prix Festival of Black Arts“, Dakar 1976 „Knight of the Order of the National Republic“, Elfenbeinküste

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)