Amos Gitai

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crossroads:
Exil, Geschichte, Gewalt, Heimat, Judentum, Krieg
genre(subgenre):
Film (Doku-Fiktion, Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
Middle East
country/territory:
Israel
created on:
November 25, 2005
last changed on:
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Amos Gitai

Article

Der auf die Nerven zielt

Amos Gitai, geboren 1950 im israelischen Haifa, thematisiert in seinen mittlerweile über 40 Dokumentar- und Spielfilmen meist Aspekte zeitgenössischer jüdischer Geschichte und Gegenwart. Mit seinen Filmen geht es Gitai vor allem darum, den „Nerv seines Landes” zu treffen, das nach dem Yom Kippur Krieg 1973 ein „Zeitalter der Unschuld“ hinter sich gelassen habe. Sowohl im Dokumentar- als auch im Spielfilm hinterfragt er durch Mittel wie den plötzlichen Perspektivwechsel die Existenz einer objektiven Wahrheit. So sagte er in einem Interview: „Ich kreiere keine objektiven Bilder. Ich glaube nicht an sie. Als Individuen nehmen wir die Welt abhängig von unserer Position in einem Netzwerk von Bildern wahr. Wir sind von Bildern umgeben, die allesamt subjektiv sind.“ (Cinematoscope, 2000)
Gitai, der zunächst Architektur studierte, unterbrach sein Studium mit Beginn des Yom Kippur Krieges (1973) und wurde zum Hubschrauberpiloten eines Rettungsteams. In einem Interview mit der BBC (2003) erwähnt er, dass er wie die meisten seiner Generation in den Krieg „hineingezogen“ wurde. Schon einige Wochen nach seinem Kriegseintritt wurde sein Hubschrauber von einer syrischen Missile getroffen und stürzte ab. Gitai überlebte und begann, den Krieg mit der Kamera festzuhalten. Zunächst machte er kurze, abstrakte Momentaufnahmen mit einer Super-8-Kamera, die ihm seine Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Trotzdem er sein Architektur-Studium später wieder aufnahm und mit einem Doktortitel abschloss, nennt Gitai es abwertend eine „formale Übung“, die zu einem anderen Leben und einem anderen Land gehöre (ibid.). Auch heute noch betrachtet er den Hubschrauberabsturz als eine entscheidende Zäsur.

Bis in die späten 70er und frühen 80er Jahre produzierte Gitai Dokumentationen, unter anderem für das israelische Fernsehen. Einige seiner Filme wurden in Israel wegen ihrer mangelnden Parteilichkeit, oder „pro-arabischen“ Haltung verboten. Daher ging er 1983 nach Frankreich, wo er die nächsten zehn Jahre blieb. In einigen seiner in dieser Zeit entstandenen Filmen, wie „Ananas“(1983), einer Dokumentation über die Zucht und Vermarktung von Ananas, wendet er sich von dem traumatischen Ausgangspunkt seines Filmschaffens ab. 1983 entstand auch die Musikdokumentation „Brand New Day“, in dem er Annie Lennox und die Eurythmics auf einer Japan-Tour begleitet. Andere Filme aus seiner Zeit in Frankreich, wie „Berlin-Jerusalem“ (1989) und „Golem – the Spirit of Exile“ (1991), Gitais erster Spielfilm, variieren das Thema „Heimat und Exil“.

Noch vor seiner Rückkehr nach Haifa Mitte der neunziger Jahre wandte sich Gitai erneut seinen ursprünglichen, um Krieg und Gewalt kreisenden Fragen zu. In „Im Tal der Wupper“ („In the Valley of the Wupper“, 1993), dem ersten Teil einer Trilogie zum Thema Neofaschismus, dokumentiert er einen Vorfall im Wuppertal der neunziger Jahre. Ein alter Mann wurde von Neonazis als „Jude“ beschimpft, mit Schnaps übergossen und in Brand gesetzt. Die Bilder von „Im Tal der Wupper“ geben keine einfachen Antworten auf neofaschistische Gewalt. Gitai interviewte deutsche Neonazis und verlieh ihnen damit ein individuelles Gesicht. Ohne einen direkten historischen Bezug herzustellen, deutet er ein geschichtliches Kontinuum an - indem er etwa Bilder wiederholt, die Assoziationen an NS-Deportationen wecken.

Mit seiner Rückkehr nach Israel Mitte der neunziger Jahre begann für Gitai eine neue kreative Schaffensperiode. In den folgenden zehn Jahren produzierte er zehn Filme, darunter Spiel- und Dokumentarfilme. Die traumatischen Erlebnisse des Yom Kippur Krieges verarbeitete er 1997 zuerst in der Dokumentation „War Memories“, und 2000 nach Abschluss der Friedensverhandlungen zwischen Israel, Syrien und Ägypten in dem zweistündigen Spielfilm „Kippur“. „Kippur“ wechselt zwischen schnellen, aus der Perspektive zweier Protagonisten gedrehten, und langatmigen statischen Aufnahmen der Zerstörung. Der Zuschauer erlebt einen anonymen modernen Krieg. Der Kriegsgegner, anders als in konventionellen Filmen dieses Genres, bleibt in Gitais Szenen abstrakt, ein virtuelles Gegenüber. Auch die zwei Protagonisten geraten nicht zu Helden. Niemand, so schreibt der Film-Rezensent Fred Camper, übernimmt in „Kippur“ die Führung: der Krieg sei keine Hölle, sondern ein unauflösbares Chaos (The Chicago Reader online feature, 2005).

Nach den Motiven für sein Filmschaffen befragt, antwortet Gitai, dass er den „Nerv seines Landes“ treffen möchte, das mit dem Kippur-Krieg das „Zeitalter der Unschuld“ hinter sich gelassen habe (BBC, 2003). Gitai tut dies auf unterschiedliche Weise. Einige Filme wirken makaber und offenbaren einen skurrilen Sinn für Humor. In „Golem- der versteinerte Garten“ („Golem – the Petrified Garden“, 1993) etwa begibt sich ein Kunsthändler mit einer gigantischen Handskulptur nach Sibirien, in Stalins „jüdisches Heimatland“ Birobidzhan, um die übrigen verlorenen Skulpturteile zu finden. Welche Mittel auch immer er einsetzt – es gibt, laut Gitai, „Dinge, die gesagt werden müssen. Und sie müssen in filmischer Form ausgedrückt werden.“(ibid.)
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Der Regisseur Amos Gitai, geboren 1950 in Haifa, Israel, unterbrach sein Studium der Architektur anlässlich des Yom Kippur Krieges 1973. Als Helikopterpilot dokumentierte er den Krieg mit einer Super-8-Kamera. Sein erster Dokumentarfilm „House“ (1980) zeigt wie die Fortsetzung „House in Jerusalem“ (1998), die Trilogie „Things“ (1995), „Day after Day“ (1998) und „Sacred“ (1999) das urbane Israel. Gitais Werke sind ebenso humorvoll wie kritisch und brisant. Seine aktuellsten Filme sind „Promised Land“ (2004) und „Free Zone“ (2005). Eine Retrospektive seines mehr als 40 Filme umfassenden Werks war 2003 im Centre Pompidou zu sehen. Amos Gitai erwarb neben seinem künstlerischen Schaffen einen Doktortitel in Berkeley/Kalifornien. Heute lebt er in Israel, Frankreich und den USA

Works

Filmographie

Film / TV
2005 Spielfilm. FREE ZONE 2004 Spielfilm. PROMISED LAND 2003 Spielfilm. ALILA 2002 Spielfilm. KEDMA 2001 Spielfilm. EDEN Dokumentarfilm. WADI GRAND CANYON 2000 Spielfilm. KIPPUR 1999 Spielfilm. KADOSH 1998 Dokumentarfilm. A HOUSE IN JERUSALEM Dokumentarfilm. ZION; AUTO-EMANCIPATION Spielfilm. YOM YOUM (Day after Day) 1997 Doku-Drama. WAR AND PEACE IN VESOUL 1996 Dokumentarfilm. THE ARENA OF MURDER Theater-/Dokumentarfilm. MILIM (Words) 1995 Spielfilm. DEVARIM (Things) 1994 Dokumentarfilm. IN THE NAME OF THE DUCE Dokumentarfilm. GIVE PEACE A CHANCE 1993 Dokumentarfilm. QUEEN MARY Spielfilm. THE PETRIFIED GARDEN Theater-/Dokumentarfilm. THE WAR OF THE SON OF LIGHT AGAINST THE SONS OF DARKNESS Dokumentarfilm. IN THE VALLEY OF THE WUPPER Dokumentarfilm. KIPPUR WAR MEMORIES 1992 Theater-/Dokumentarfilm. METAMORPHOSIS OF A MELODY 1991 Spielfilm. GOLEM, THE SPIRIT OF EXILE Dokumentarfilm. WADI, TEN YEARS LATER 1989 Spielfilm. BERLIN-JERUSALEM Doku-Drama. BIRTH OF A GOLEM 1987 Documentarfilm. BRAND NEW DAY 1985 Spielfilm. ESTHER 1984 Dokumentarfilm. BANGKOK-BAHRAIN (Labour for Sale) 1983 Dokumentarfilm. ANANAS (Pineapples) 1982 Dokumentarfilm. FIELD DIARY 1981 Dokumentarfilm. WADI Dokumentarfilm. IN SEARCH OF IDENTITY Dokumentarfilm. AMERICAN MYTHOLOGIES 1980 Dokumentarfilm. HOUSE

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

TRAUM UND TRAUMA

Moving Images and the Promised Lands

(02 December 05 - 18 December 05)

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