Jordi Soler

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crossroads:
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genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Dichtung, Essay, Kurzgeschichte, Reportage, Roman)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexico City
created on:
May 15, 2003
last changed on:
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Sieben Minuten mit Mick Jagger

Jordi Soler, Chronist der mexikanischen Rockkultur

Jordi Soler, 1963 im Bundesstaats Veracruz als Sohn katalanischer Eltern geboren, zählt seit Jahren zu den medialen Shooting-Stars Mexikos. Er war Leiter des legendären Senders Rock 101, Chronist der Rock-Szene Mexikos, Journalist und Autor zahlreicher literarischer Werke. Als Großstadtautor vermischt er Kulturphilosophisches und Elemente der Popkultur in seinen Texten, deren Markenzeichen ein schneller Rhythmus und ein humorvoller Ton sind. Seit über einem Jahr vertritt er – ganz in der Tradition vieler andere mexikanischer Intellektueller – sein Land als Kulturattaché in Irland
Jordi Soler gehört zu den zeitgenössischen Autoren, deren Arbeit sich nicht mehr wie in den sechziger Jahren mit einem Gattungsbegriff wie „La onda“ oder der „Boom-Literatur“ definieren lassen. Sein Umgang mit dem Medium Sprache ist vielfältig und divers. Soler überschreitet die Grenzen aller literarischen Genres – sowohl in den Themen, über die er schreibt, als auch in seinem Sprachstil, der sich an die unterschiedliche Thematik anpasst und dadurch jedes Buch zu einem sprachlichen Gesamtkunstwerk werden lässt.

Seit den achtziger Jahren engagiert sich Soler außerdem im Hörfunk. Als Leiter des legendären Senders Rock 101 prägte er in dieser Zeit die Geschichte des Radios in Mexiko maßgeblich mit. Danach moderierte er für den Sender Radioactivo 98,5, der in den neunziger Jahren von der zapatistischen Vereinigung EZLN besetzt wurde. In seiner Nachtsendung für Radioactivo präsentierte er zwischen Liedern von Psychodelic Furs Texte von Jack Kerouac, und nach einem Stück von U 2 las er einen Auszug aus Javier Mariás letztem Buch – so begab sich Soler mit seinen Hörern auf literarisch-musikalische Expeditionen. Die Hauptperson in seinem ersten Roman „Bocafloja“ (1994) – ein Radiomoderator namens Johnny Bocafloja – wirkt denn auch wie ein Alter Ego Solers.

Im Bereich der Printmedien machte Soler zum einen durch seine Interviews mit Rockgrößen wie den Rolling Stones auf sich aufmerksam, zum anderen mit sensibel beobachteten Reportagen über zeitgenössische gesellschaftliche Phänomene, die er mit Ironie betrachtete und beschrieb. Besonders hervorzuheben sind seine Reportagen und Kolumnen für die linksliberale Tageszeitung La Jornada, für die auch mexikanische Schriftstellerkollegen wie Carlos Fuentes, Carlos Monsiváis oder Germán Dehasa schreiben.

Einige dieser Kolumnen aus La Jornada nahm Soler in seinen Erzählband „La cantante descalza y otros casos oscuros del rock“ (1998), einer musikalischen Chronik, auf, in der er ironisch und analytisch seine Interviews und Treffen mit Musikern wie Mick Jagger, Patti Smith oder Robert Fripp, dem früheren Gitarristen von Brian Eno, beschreibt. Insbesondere das Thema des Starkults hat es Soler angetan. Ob er die Spuren von Jimi Hendrix’ Mexiko Besuch 1969 verfolgt, Vergleiche zwischen Frank Sinatra – besonders dessen Anziehungskraft auf Frauen – und Wilhelm dem Eroberer zieht, oder über einen japanischen Schönheitschirurgen schreibt, der sich darauf spezialisiert hat, Frauen operativ einen Nabel wie Madonna zu verpassen – es sind die Abstrusitäten, die mit der Verehrung der Idole einhergehen, eben die „casos oscures del rock“, über die er bissig und zynisch, aber immer mit großer Liebe zu den Protagonisten und eindrucksvoller Kenntnis der musikalischen Grundlagen schreibt.

In seinen Romanen thematisiert er aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen wie zwischenmenschliche Phänomene – meist in ihrer speziellen Bedeutung für das Individuum. Musik und Film, im Journalismus seine bevorzugten Themengebiete, fehlen auch in Solers literarischem Werk nie. Migration, die daraus resultierende Isolierung und Drogenkonsum sind die Fragmente, aus der die Collage „Nueva Aquitania“ (1999) über einen jungen Mexikaner, der versucht in Lissabon Fuß zu fassen, besteht. Ein simpler Plot, der – und hier erweist sich Soler als genialer Regisseur seiner Geschichte und ihrer Figuren – durch die nicht in klassische Schemata einzuordnende Erzählweise zu einem komischen und von der Poesie Fernando Pessoas intelligent inspirierten Meistwerk wird.

In seinem letzten Roman, „La mujer que tenía los pies feos“ (2001) versucht Soler, dem Phänomen der Verliebtheit auf die Spur zu kommen. Der männliche Protagonist ist ein Filmproduzent, der klassische Stereotyp eines „Womanizers“, der mittels „Casting-Couch“ jede Frau, die ihm gefällt, auch auf dieselbe bekommt. In Varsovia jedoch, „der Frau mit den hässlichen Füßen“ findet er seine Meisterin. Der Roman ist ein rhetorischer Genuss über Obsessionen, menschliche Eitelkeiten und die immer wiederkehrende Frage, warum zwischen manchen Menschen die „Chemie stimmt“ und zwischen anderen nicht.

Soler gelingt es – wie kaum einem anderen seiner Generation – für sämtliche Genres der Literatur: Prosa, Essay und auch Lyrik, wie drei Gedichtbände beweisen, einen eigenen sprachlichen, ausgesprochen bildhaften Stil zu entwickeln. Insbesondere seine Gedichte erinnern stark an die Ästhetik und die Themen des aktuellen mexikanischen Kinos – wie z.B. „Amores Perros“ von Alejandro Gonzalez Iñarittu. Andere behandeln politische Ereignisse im Stil eines lyrischen Essays wie „Monolog vor dem Michigan Lake während eine Ente brennt“ aus dem Gedichtband „La novia del soldado japonés“ (2001):

Mehr als Tausend Zapatisten erreichen die Stadt
über Xochimilco
irgendwo muss es einen Wirbelsturm geben,
die Gesichtsmaske lässt die Augen sehen
die Augen lassen den Regenwald sehen
den Regenwald, ihr zuhause
ihr zuhause, ihre Frauen, ihre Töchter.
Das Feuer:
vergewaltigende Soldaten, Brunnen vergiftend,
eine Fackel auf das Haus werfend,
tötend,
die das Vaterland dieser Männer verteidigen,
welche darum kämpfen, es zu erhalten.
Die Gesichtsmaske lässt die Augen sehen,
hinter den Augen wächst der Regenwald,
irgendwo muss es einen Wirbelsturm geben.
Mehr als tausend Zapatisten laufen über die
Reformstraße
bis ins spirituelle Herz Amerikas
es gibt nichts Wichtigeres.

Wie viele seiner literarischen Zeitgenossen sucht Soler in seinen Werken nicht mehr nach einer Identität oder gar nach einer Definition der „Mexikanität“ wie etwa Octavio Paz, sondern interessiert sich für „eine Vielzahl unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Identitäten und Lebensentwürfe“. (Vgl.: Friedhelm Schmidt-Welle, in: Matices 29, Frühjahr 2001)

Author: Monika Zessnik

Bio

Jordi Soler, 1963 in La Portuguesa, einer Kaffeeplantage im Regenwald des mexikanischen Bundesstaats Veracruz auf 800 Metern Seehöhe, als Sohn katalanischer Eltern geboren, sieht seine kulturelle Identität halb mexikanisch, halb katalanisch. Er absolvierte eine Ausbildung zum Industriedesigner, arbeitete aber nie in diesem Beruf.
Soler war in den achtziger und neunziger Jahren als Radiomoderator tätig, später als Leiter des in den achtziger Jahren legendären Senders Rock 101 sowie u.a. für eine sehr erfolgreiche Nachtsendung im Sender Radioactivo 98,5.

Seit dem Beginn der neunziger Jahre schrieb Soler für verschiedene Tageszeitungen und Magazine wie El Excelsior, La Reforma oder Uno más uno. Berühmt war seine wöchentliche Kolumne in der linksliberalen Tagszeitung La Jornada, in der er vor allem über aktuelle Tendenzen des Musikgeschäftes, der Literatur, der Jugendkultur oder über tagespolitische Ereignisse wie die Aktivitäten der zapatistischen Organisation EZLN schrieb.

Er ist Autor mehrerer Romane, Gedichtsammlungen und Erzählbände.

Seit 2001 ist Jordi Soler Kulturattaché der mexikanischen Botschaft in Dublin.

Works

La fiesta del oso

Published Written,
2009
Mondadori: Barcelona

La novia del soldado japonés

Published Written,
2001
Gedichte. Plaza y Janes

La mujer que tenía los pies feos

Published Written,
2001
Roman. Alfaguara

Nueve Aquitania

Published Written,
1999
Roman. Alfaguara

La cantante descalza y otros casos oscuros del rock

Published Written,
1998
Erzählungen. Alfaguara

Ola Perdida

Published Written,
1996
Gedichte.

La corsaria

Published Written,
1996
Roman. Grijalbo

Otro ladrillo en la pared

Published Written,
1996
Erzählungen. Selector

Bocafloja

Published Written,
1994
Roman. Grijalbo

El corazón es un perro que se tira por la ventana

Published Written,
1993
Gedichte. El Tucán

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)

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Reportagen

Link zu seinen wichtigsten Reportagen

Offizielle Webseite

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Monolog

Monolog vor dem Michigan See während eine Ente brennt
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