Michael Rakowitz

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crossroads:
Identität, Interkulturalismus, Kolonialismus, Krieg
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, partizipatorische Kunst)
region:
America, North
country/territory:
United States of America
created on:
February 22, 2010
last changed on:
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Michael Rakowitz
Michael Rakowitz. Courtesy of the artist

Article

Die Fallen der Geschichte

Man braucht eine besondere List, um den Fallen der Geschichte auszuweichen. Das wissen die populären Helden aus Filmen und Comics, und das weiß der amerikanische Künstler Michael Rakowitz. Seine Kunstprojekte sind listig und weil sie dies sind, vergegenwärtigen sie auf gewitzte Weise gerade jene Gefahren, denen sie ausweichen. Dabei kann es um die Angst vor dem sozialen Absturz und dem Leben auf der Straße gehen, wie in seinem Langzeitprojekt paraSITE, das sich an Obdachlose mit einer konkreten Hilfe zum Aufwärmen richtet, oder um die Gefahr, die von der Einseitigkeit nationaler Identitäts-Zuschreibungen ausgeht.
Wie der Westen den Irak sieht und der Irak den Westen verfolgt Rakowitz seit den Jahren des Ersten Golfkriegs und kommt dabei immer wieder zu erstaunlichen Befunden. Denn er findet viele Ähnlichkeiten, ja sogar Spiegelungen zwischen den Kriegsgegnern, die sich doch für gegensätzlich halten.

Michael Rakowitz ist 1973 in New York geboren und lebt heute in Chicago. Den Irak, das Land, aus dem seine jüdisch-irakischen 1946 Großeltern in die USA geflohen sind, kannte er lange nur aus den Nachrichten der CNN. Während er in Long Island zur Highschool ging, sah er jene eigenartig grün gefärbten Bilder aus den Bombern, die Angriffe gegen den Irak flogen. „Das Land, in das meine Großeltern geflohen waren, befand sich nun im Krieg mit dem Land, aus dem sie geflohen waren.“

Es wäre dennoch zu kurz gegriffen, seine politisch so hellhörige Kunst allein aus seiner Biografie und Herkunft zu erklären. „Jeder Amerikaner hätte diese Projekte machen können“, sagt Michael Rakowitz, „es ist eine sehr amerikanische Geschichte.“ Allein, dass es keine Repräsentation irakischer Kultur in den USA gab, und sei sie noch so alltäglich, den vielen Einwanderern zum Trotz, beschäftigte ihn. „In Paris heute sieht man zum Beispiel viele nordafrikanische Restaurants. Das ist eine Folge der kolonialen Besetzung Nordafrikas, aber zugleich eine Umkehrung, eine Bewegung in die andere Richtung. In New York gibt es dagegen kein einziges irakisches Restaurant“, erzählt Rakowitz. So entstand für ihn die Idee zu "Enemy Kitchen", einem 2006 gestarteten Projekt, bei dem er in Schulen, aber auch für amerikanische Kriegsveteranen Einführungen in die irakische Küche anbietet. Die Rezepte stammen von seiner Mutter.

„Von den Kindern, die dabei waren“, erinnert sich der Künstler an seinen Kochunterricht in einer New Yorker Schule, „hatten die meisten irgendwelche verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Soldaten des Golfkrieges. Die Lehrer hatten beschlossen, dass über den Krieg nicht geredet wird. Aber in den acht Wochen, in denen ich mit ihnen Kebabbällchen rollte und Saucen rührte, kamen natürlich alle ihre Vorstellungen zur Sprache. ‚Saddam Hussein hat die Twin Towers zerstört‘, sagte der eine, ‚nein, das war Bin Laden“, meinte ein zweiter und ein dritter kannte die Verschwörungstheorie, nach der es das amerikanische Militär selbst war.“ Es sind diese sozialen Interaktionen, die Rakowitz an seinen Projekten liebt.

Bekannt wurde er mit paraSITE, begonnen 1989, noch während seines Studiums am Massachusetts Institute of Technology. Aus transparenter Folie entwickelte er eine doppelwandige Struktur, die an Abluftrohre angeschlossen werden kann, um sich zu erwärmen und so einem Obdachlosen Schutz zu bieten. Im Gespräch mit einzelnen Nutzern, 40 gibt es bisher, ging er auf ihre Bedürfnisse ein und ließ sich erklären,wo sie ein Fenster brauchten, um mögliche Angreifer zu sehen oder wo sie Taschen für die Unterbringung ihrer persönlichen Gegenstände eingebaut haben wollten. Deshalb sind die paraSITES nicht nur Skulpturen im öffentlichen Raum, die auf eine zunehmende Privatisierung verweisen, sondern sie sind zugleich Porträts ihrer Nutzer.

Aber eben auch ein Instrument der List. Als der damalige Oberbürgermeister von New York Rudolph Giuliani in seinen Anti-Homeless-Laws die Benutzung jeder Struktur, die höher als 3.5 Fuß war, verbieten ließ, entwarf Rakowitz einen paraSITE, der niedriger war und wie ein Schlafsack dem Körper folgte. Natürlich ist dieses Projekt vor allem eine symbolische Aktion, die ungleich mehr gesehen und im Kontext von Kunst und Politik diskutiert wurde als tatsächlich genutzt. Ihre mobile Struktur gibt nicht nur der Obdachlosigkeit als soziales Problem ein Gesicht, sondern demonstriert auch den Preis, den eine auf Mobilität und Flexibilität setzende Gesellschaft vielleicht eines Tages zahlen muss. Denn nicht zufällig hat sich mit der Finanz- und Immobilienkrise die Wohnungsnot in den USA verschärft.

Im Frühjahr 2010 zeigt Rakowitz eine Installation in der Tate Modern in London, die in enger Beziehung zu seiner Arbeit für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin steht. Neben eigenen Zeichnungen und Texten, die comicartig verbunden sind, benutzt er dabei einfache Materialien wie arabische Lebensmittelverpackungen zum Bau seiner Objekte. Die Londoner Installation mit dem Titel „The worst condition is to pass under an sword which is not one’s own“ verfolgt dabei die erstaunlichen Verbindungen zwischen der amerikanischen Science-Fiction- und Fantasy-Kultur und den Repräsentationsformen des Regimes von Saddam Hussein. Tatsächlich war nicht nur dessen Sohn Uday ein Fan von Star Wars und entwarf für eine militärische Eliteeinheit eine völlig untaugliche Uniform , die dem Kostüm von Darth Vader nachempfunden war. Auch der Diktator selbst orientierte sich beim Bau eines Triumphbogens, der aus zwei gekreuzten Schwertern besteht, an einem Plakat von „The Empire Strikes Back“.

Dieser Transfer der Images, der nicht nur zwischen zwei ideologisch verfeindeten Mächten stattfindet, sondern auch zwischen Trash und dem Verlangen nach Hochkultur, wirkt wie eine reale Karikatur der Verhältnisse. Davon erfahren hat Rakowitz über ebay, weil dort amerikanische Soldaten jene Helme als Trophäen verkauften, die den irakischen Soldatenköpfen zwar wenig genutzt hatten, aber Sci-Fi-Schick ausstrahlten. Rakowitz‘ Arbeit für das Haus der Kulturen in Berlin „May the Arrogant not Prevail“ ist ebenfalls eng mit den US-amerikanischen Soldaten verbunden, die sich in Bagdad gerne vor einem 1:3 Modell des Ishtar-Tors fotografieren ließen.

Das Original dieses Tores steht seit den 1920er Jahren im Berliner Pergamon-Museum. Saddam Hussein ließ eine Kopie für das National Museum of Iraq nachbauen und an diese Kopie lehnt nun Rakowitz sein Modell an. Es empfängt den Besucher der Ausstellung „Über Wut“ eindeutig als eine Kulisse, mit der Rückseite der Treppe zugewandt. Mehr Entzauberung geht gar nicht. Das berühmte Blau der glasierten, jahrtausende alten Keramik ist mit arabischen Pepsiverpackungen gestaltet, die gelben Streifen von Liptons Tea. Die Verpackungen können stellvertretend für die Waren gesehen werden, die längst vor den militärischen Invasoren da waren und die sich über die vorgefundene Kultur gestülpt haben. In einer Art Mimikry ahmen sie die Vergangenheit nach, an deren Stelle sie getreten sind.

Für Rakowitz ist die Kopie der Kopie auch ein Gespenst, das sich heimatlos dort rumtreibt, wo das Original gut gesichert im Museum steht. Das ist keine politische Rückgabeforderung, wohl aber eine listige Aufforderung, der Herkunft des kulturellen Reichtums stärker Rechnung zu tragen.


Aus einem Interview der Autorin mit dem Künstler im März 2010.
Author: Katrin Bettina Müller

Bio

Der 1973 in Great Neck, USA geborene Künstler irakischer Abstammung Michael Rakowitz lebt und arbeitet in Chicago. 1998 begann er sein laufendes Projekt ParaSite, bei dem er Obdachlosen in verschiedenen Städten aufblasbare Behausungen baute, die an den äußeren Ausgängen von Klimaanlagen und Ventilatoren von Gebäuden befestigt wurden. Rakowitz war bereits weltweit in Gruppen - und Einzelausstellungen und auf verschiedenen Biennalen vertreten. Seine jüngste Einzelausstellung an der Tate Modern, London (2010) „The Worst Condition Is To Pass Under A Sword Which Is Not One’s Own“ beschäftigt sich ebenso wie die bekannte Arbeit „“The Invisible Enemy Should not Exist” (2007, Lombard Freid –Projects, New York), die u.a. auf der 10ten Instanbul Biennale 2007 zu sehen war, mit der aktuellen Politik im Irak nach der letzten US- Invasion.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2008 16th Biennial of Sydney, Sydney, Australia; 2007 Instant Urbanism, S AM- Swiss Architecture Museum, Basel, Switzerland; 10th International Istanbul Biennial, Istanbul, Turkey; Sharjah Biennial 8: Between The Desert And The Sea, Sharjah, United Arab Emirates; 2006 Civic Performance, Stony Brook University, Staller Center for the Arts, Stony Brook, New York, USA; Revisiting Home, NGBK, Berlin, Germany; Who Cares, Creative Time, New York, USA; LESS – Alternative Living Strategies, PAC, Milano, Italy; Mind the Gap, Smack Mellon, Brooklyn, New York, USA; Art in the Contested City, Pratt Institute, Brooklyn, New York, USA; 2005 SAFE: Design Takes On Risk, Museum of Modern Art, New York, USA; Tirana Biennale, Tirana, Albania; TI The Pantagruel Syndrome, Torino, Italy; ATOMICA, Lombard-Freid Fine Arts and Esso Gallery, New York, USA; Royal College of Art Curatorial Studies exhibition Don’t Interrupt Your Activities, London, UK; Inhabituel, Milano, Italy; Transmediale, Berlin, Germany; 2004 Gonflables, Inflatables, Gonfiabli Tripostal, Lille, France; Living In Motion, Vitra Design Museum/Z33 Hasselt, Belgium; Parasites: When Spaces Come Into Play, Museum of Modern Art Foundation Ludwig, Vienna; Jamaica Flux, Jamaica Center for Arts and Learning, New York, USA; Ars Electronica, Linz, Austria; Subway Series, Queens Museum of Art, Queens, New York, USA; The Interventionists, MassMOCA, North Adams, USA; X Treme Houses, Lothinger Dreizehn, Munich, Germany; Adaptations, Apex Art, New York City, and Friedricianum, Kassel, Germany; Borne of Necessity, Weatherspoon Museum of Art, Greensboro, North Carolina; USA; Global Priority, UMass Amherst, MA; 2003 24/7, Contemporary Art Centre, Vilnius, Lithuania; BQE, White Box, New York, USA; Get Rid of Yourself, ACC Gallery Weimar & Leipzig, Germany; Homeland, Whitney Museum of American Art Independent Curatorial Study Program, CUNY Graduate Center, New York, USA; Inside Design Now: 2003 National Design Triennial, The Cooper-Hewitt National Design Museum, New York, USA; Queens International, The Queens Museum of Art, Queens, New York, USA; 2002 Design 21: Continuous Connection, UNESCO Paris, France; Und Ab Die Poste-Inside Out: 5th Annual Festival of New Art, Berlin, Germany; Submerge, Kunstbunker, Nuremberg, Germany; Architecture of Emergency, FRI-ART Friburg, Switzerland, three person show with Shigeru Ban and Samuel Mockbee & Rural Studio AIR, Dorsky Gallery, Queens, New York, USA; Utopia Now!, Sonoma Museum of Contemporary Art, California, USA; Comfort Zone: Portable Living Spaces,The Fabric Workshop Museum, Philadelphia, USA; Utopia Now!, CCAC Wattis Institute, Oakland, USA; 2001 Back and Forth, Vacancy Gallery, New York, USA; GZ:01, 129 Lafayette Street, New York, USA; Building Codes, Storefront for Art and Architecture, New York, USA; Elsewhere, HEREart, New York, USA; 2000 Concerted Compassionism, White Columns, New York, USA; 1998 A Skowhegan Decade, David Beitzel Gallery, New York, USA; 1997 Repeat Reverse, Yale University Art Gallery, New Haven, USA; Blast Box 1993: Remaking Civilization, X Art Foundation, New York, USA;

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2007 The invisible enemy should not exist, Lombard-Freid Projects, New York, USA; 2006 Return, Creative Time, New York, New York, USA; Enemy Kitchen, More Art, New York, New York, USA; The Visionaries, Trafo Gallery, Budapest, Hungary; Endgames, Galleria Alberto Peola, Torino, Italy; Percent for Art Program Commission, Department of Cultural Affairs, New York, USA; 2005 Dull Roar, Lombard-Freid Fine Arts, New York, USA; Return, Longwood Art Gallery, Bronx, USA; 2004 Greeting from Stowe, Vermont Kunstraum Innsbruck/Stadtturmgalerie, Austria; Test Ballot, (public project) Kunstraum Innsbruck/Stadtturmgalerie, Austria; 2003 Romanticized All Out of Proportion, Special Project, Queens Museum of Art Queens, New York, USA; 2002 Breach, Lower East Side Tenement Museum New York, USA; 2001 Minaret, (Ongoing performance, Leipzig, Germany 2003/ Station Building, Baltimore 2003/ Clocktower Gallery, New York City 2003 & 2001); 2000 Climate Control, Special Project, P.S.1 Contemporary Art Center, Queens, New York, USA; Guard, Pratt Institute, Brooklyn, New York, USA; Postcard Views, Queens, New York, USA; 1998 paraSITE (ongoing performance) various urban sites in Boston, New York City, Baltimore & Berlin); 1997 Hubuz, Amman, Jordan

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

On rage

Exhibition, Film, Discourse

(14 March 10 - 09 May 10)

Www

Homepage des Künstlers