Edouard Glissant

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crossroads:
Geschichte, Hybridität, Identität, Kreolen, Philosophie, Politik, Raum, Sprache, Vielfalt
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Dichtung, Essay, Roman)
region:
Europe, Western, America, Caribbean
country/territory:
France, Martinique (France)
city:
Warschau
created on:
March 1, 2011
last changed on:
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Edouard Glissant
Edouard Glissant. Foto: Manfred Metzner © 2011. Verlag Das Wunderhorn

Article

„Ich behaupte, dass die Welt sich kreolisiert“

Der Poet der Vielheit: Zum Tod des Philosophen und Autors Édouard Glissant

Der bedeutendste Poet, Philosoph, Romancier und Essayist der französischsprachigen Karibik und intellektueller Vordenker in kulturtheoretischen Fragen wirkte müde und stützte sich auf einen knorrigen Stock. Doch die Kraft seiner politischen Anliegen, seine Neugier und die Dringlichkeit seiner Argumentation gegen ein starres Schubladendenken in Kategorien von Identität und Ethnie waren beeindruckend. „Die neuen Sprachen der türkisch-deutschen Jugendlichen, die Mehrsprachigkeit, der Umgang mit Vielheit – das interessiert mich, wenn ich nach Berlin komme“, offenbarte mir Édouard Glissant. Es war unser letztes Gespräch. Vor zwei Tagen starb Édouard Glissant im Alter von 82 Jahren nach längerer Krankheit in Paris.
1928 auf der karibischen Insel Martinique geboren, kam er mit einem Stipendium der französischen Regierung 1946 nach Paris, um dort Geschichte, Literatur, Ethnologie und Philosophie zu studieren. Schon bald schloss er sich künstlerisch-literarischen Zirkeln an und engagierte sich in antikolonialistischen Bewegungen: Es war die Zeit Aimé Césaires, Frantz Fanons, Léopold Sédar Senghors. Glissant veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Romane, Essays und Theaterstücke. 1958 erhielt er den PRIX RENAUDOT für seinem ersten Roman „La Lézarde“ (Sturzflug – das Lied von Martinique), ein Manifest des Dichters und der postkolonialen Emanzipation der Antillen. Von 1982 bis 1988 war er Kulturpolitiker in der UNESCO. Glissant lebte in seinem Haus auf Martinique, in den USA, wo er zunächst in Louisiana an der City University New in York lehrte, sowie in Paris, der Stadt, der er sein Institut du Tout-Monde schenkte.

Glissants Gesamtwerk umfasst Gedichte, Romane und philosophische Essays. Es „verknüpft Philosophie und Poesie in ihrer tiefsten und reinsten Form“, so der Philosoph Gilles Deleuze. Glissant legte seit den 1980er-Jahren Theorien zu Kreolisierung, Diversität und Differenz vor. Werke wie „Le discours antillais“, (1981, Zersplitterte Welten. Der Diskurs der Antillen dt. 1986) waren maßgeblich für die Herausbildung eines Interesses für Multikulturalität, Identitätspolitik und so genannte Minderheiten-Literaturen. Er entwickelte sie zu einer Poetik der Vielheit, einer fragmentarischen Theorie der weltweiten Beziehungen – vor allem in „Poétique de la Relation“ (1990) und „Introduction à une Poétique du Divers“ (1996, Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit 2005) sowie im „Traité du Tout-Monde“ (1997, dt. Traktat über die Welt 1999) und in der „Philosophie de la Relation“ (2009). Den Prozess der Globalisierung beschrieb er als einer der Ersten als kulturelle Tendenz. Somit ist Glissants Werk ein eigenständiger und umfassender kulturphilosophischer Beitrag zum Thema der Vermischung von Kulturen in einer globalisierten Welt. Seine Lyrikbände, Romane und Essays haben weltweit Spuren hinterlassen. In Paris stellte er noch im Oktober 2010 die Sammlung „La terre le Feu, l’Eau et les Vents“ mit Gedichten wichtiger Inspirationsmeister und Weggefährten vor, im selben Jahr erschien auch „L’Imaginaire des langues. Entretiens avec Lise Gauvin“, ein Plädoyer für die Revolte und die Kraft der Imagination.

Seine Texte faszinieren und zielen nicht auf ein in sich geschlossenes kategoriales Denksystem. Das Offene seines Werkes fordert den Leser heraus, weil es ungewöhnliche Verbindungslinien aufzeigt. Eine pittoreske oder naturalistische Karibikliteratur war seine Sache nicht, vielmehr unterhielt er eine fließende Beziehung zum Text, à la William Faulkner, dem er einen Essay widmete. Damit setzt er der europäischen Tradition, die alles erhellen und das Fremde vermessen will, eine karibische Poetik der Vielstimmigkeit und Gleichzeitigkeit entgegen. Die „Opazität“, d.h. die Undurchdringlichkeit des Anderen, das Nicht-Erklärbare sei etwas Positives, lautet eine seiner Thesen gegen die falsche Klarheit universalistischer Modelle im aktuellen Dokumentarfilm „Edouard Glissant: un monde en relation“ des New Yorker Regisseurs Manthia Diawara.

Früh greift er auch das ausbeuterische Verhältnis des Menschen zur Natur auf. Landschaft und Naturgewalten, vor allem die Inseln und das Meer sind charakteristische Motive und Metaphern seiner Philosophie und Literatur. Die Karibik ist für ihn ein Laboratorium der „Kreolisierung“. Ihre Sprachmischung aus afrikanischer Syntax, karibischen Wörtern und französischen Dialekten sieht er als exemplarisch für die Vermischung von Kulturen, aus der Neues, sogar Unvorhersehbares, entsteht. Die spezifische archipelische Verfasstheit der Karibik macht sie zu einem Modell für das, was auf der ganzen Welt geschieht: „Ich behaupte, dass die Welt sich kreolisiert.“

Kreolisierung beinhaltet eine schöpferische Aneignung kultureller Mischung unter Achtung und Bewahrung von Vielfalt und Heterogenität. Mit seiner Poetik der Relation, des „Archipelischen“ beschreibt er die Öffnung für neue Beziehungsformen. Glissants seit 2006 herausgegebene Buchreihe „Völker am Wasser“ basiert auf zwölf Expeditionen ausgewählter Autoren zu acht Völkern, die nur vom Wasser aus erreichbar sind, da sie auf abgeschiedenen Inseln, an Flussufern oder an Küsten leben. Hier erschien zuletzt auf Deutsch „Das magnetische Land“, eine ungewöhnliche Annäherung an die kulturelle Energie der Osterinsel. Als „Black Atlantic“ ist das Meer in Glissants Werk aber auch Speicher historischer Traumata: Die grausame Schiffspassage, die Sklaven aus Westafrika in die Karibik und nach Amerika deportierte, lebt im Gedächtnis der Sklaven und ihrer Nachfahren fort.

Der daraus entstandenen schwarzen diasporischen Kulturproduktion ist laut Glissant ihre „Multiplizität“ gemein – sie inspirierte ihn zu Kollaborationen mit dem Jazz-Musiker Jacques Coursil oder dem Dub-Poeten Linton Kwesi Johnson.

Glissant wurde mehrmals für den Literaturnobelpreis nominiert und wird von den neueren frankophonen Autoren wie Patrick Chamoiseau oder Raphael Confiant rezipiert. Dennoch hat dieser wohl wichtigste zeitgenössische Denker bislang noch keine gebührende Resonanz in unserer Kulturtheorie, Philosophie und Globalisierungstheorie gefunden. Nach diesem großen Verlust bleibt zu hoffen, dass Glissants Plädoyer für die Mannigfaltigkeit hineinsickert in unser Denken, Fühlen und Handeln. Der Schatz, den uns dieser Autor hinterlässt, birgt unendlich viele Anregungen für zukünftige Entwürfe einer globalen Beziehungspoetik.
Author: Susanne Stemmler

Works

Das magnetische Land, Die Irrfahrt der Osterinsel Rapa Nui

Published Written,
2010
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit

Published Written,
2005
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Schwarzes Salz

Published Written,
2002
Gedichte. Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Beate Thill.

Traktat über die Welt

Published Written,
1999
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Faulkner Mississippi

Published Written,
1997
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Die Entdecker der Nacht

Published Written,
1991
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Mahagony

Published Written,
1989
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Zersplitterte Welten, Der Diskurs der Antillen

Published Written,
1986
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Die Hütte des Aufsehers

Published Written,
1983
Das Wunderhorn: Heidelberg. Aus dem Französischen von Beate Thill.

Sturzflut – Das Lied von Martinique.

Published Written,
1959
Kindler Verlag: München

Weitere Publikationen siehe englische Textversion

Established

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Lifelines No 4: Édouard Glissant

(12 May 11 - 15 May 11)