Farkhondeh Shahroudi

Article Bio Works
crossroads:
Geschichte, Heimat, Identität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Objektkunst)
region:
Middle East, Europe, Western, America, South
country/territory:
Iran (Islamic Republic of), Germany, Argentina
created on:
February 23, 2004
last changed on:
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Die Schrift des Verborgenen

Die Gärten und das Paradies, die Verhüllung und das Geheimnis, die Sprache und das Schweigen, das Verborgene und das Vergebliche: Das sind die Chiffren der Sehnsucht, die die Künstlerin Farkhondeh Shahroudi in ihren Werken immer wieder aufs neue gestaltet. Sie ist 1962 in Teheran geboren und lebt seit 1990 in Deutschland.
Der Begriff Heimat scheint an einen Ort gebunden: Das ist eine Vorstellung, die Farkhondeh Sharoudi in ihren künstlerischen Arbeiten überwinden möchte. Sie sucht nach der mobilen Heimat, nach einem Stück Zuhause, das sich überall hin mitnehmen lässt, nach einer transportablen Identität. In Teppichen, alt und ausgetreten, geknüpft in verschiedenen Ländern und besetzt mit ornamentalen Motiven, die auf den Garten und das Paradies mit abstrakten Arabesken verweisen, hat sie einen Träger für diese Idee entdeckt. „Teppiche kann man überall hin mitnehmen, damit beginnt man sich einzurichten“, sagt die Künstlerin, die im Iran aufwuchs und seit ihrem 28. Lebensjahr in Deutschland arbeitet.

Die Teppiche bilden in ihren Arbeiten gleich mehrfach ein Zeugnis von Geschichte. Die erste Erzählung, mit der sie verbunden sind, berührt die Kultur, aus der sie kommen: die Tradition der alten Muster, den Status des Handwerks, ihr kultureller Wert in einer traditioneller Gesellschaft. Die zweite Erzählung ist schon eine der Umwertung, die von den Handelswegen aus dem Orient nach Europa handelt und von der dekorativen Funktion der Teppiche im bürgerlichen Haushalt des Westens. Die Sprache der Ornamente wird hier ästhetisch geschätzt, aber kaum noch mit ihren ursprünglichen Inhalten verbunden. Die dritte Geschichte könnte von ihrem Wandern von Haushalt zu Haushalt erzählen, von den vielen Füßen, die hinübergingen, von Familien, Generationen, Trennungen, Umzügen, Neuanfängen.

Für all diese Spuren stehen die ausgetretenen Teppiche auch dann, wenn „man die Spuren nicht mehr lesen kann“, sagt Farkhondeh Shahroudi. In ihren Arbeiten mit dem Teppichmaterial betont sie das Bruchstückhafte dieser verschiedenen Erzählungen und hebt es noch hervor, indem sie die Teppiche zerschneidet und Stücke verschiedener Herkunft neu aneinander näht. Die Nähte sind grob und markieren einen Einschnitt, Verluste und Zerstörungen. „Neue Identitäten zu bilden, kann wehtun“, sagt die Künstlerin, die sich mit diesem Prozess in vielen Werkgruppen beschäftigt hat. Schon ihren früheren Bildern aus Leinwand hat sie oft Schnitte beigebracht, die dann vernäht wurden und als Narben stehen blieben. Später verhüllte sie die Bilder mit Stoffen: Das war eine Geste, um dem Schmerz Ruhe zu geben und auf Heilung zu hoffen.

Einen umfriedeten Ort zu schaffen, geschützt wie ein Garten, das ist ein weiteres Motiv ihrer Arbeit. Der Garten und das Paradies: Dies sind verwandte Orte, sowohl in der Kultur des Orients wie des Okzidents, die immer wieder neue Besetzungen erfahren haben, kulturhistorischer oder soziologischer Art oder religiös motiviert. In diesem vagen und unendlich weiten Feld will Farkhondeh Shahroudi keine Begrenzungen treffen. Sie will den Betrachter nicht zuletzt mit seiner Unsicherheit und seinen Fragen konfrontieren, was der Garten denn für ihn bedeutet, Ort der Freiheit oder der Umgrenzung.

Auf diesen Topos bezieht sich auch die Arbeit „Schwestern des Gartens“, für die die iranische Künstlerin verschiedenen Kleider genäht hat und noch näht. Zuerst fallen ihre Farben auf, rot, grün und schwarz, die nicht nur die Nationalfarben der iranische Fahne sind. Die Kleider sind verwirrend, ihnen fehlen die Öffnungen für Hände, Hals und Kopf; stattdessen umfassen sie den ganzen Körper wie eine Silhouette. Manchmal wächst aus der ersten Figur eine zweite, untrennbar mit der ersten verbunden, wie ein Schatten, eine Erinnerung, eine Vergangenheit – man kann nicht ohne sie leben, aber mit ihr ist der Bewegungsspielraum eingeschränkt. Die Kleider sind prächtig, glänzend, festlich, gemacht für den großen Auftritt – und doch sind die Bewohner dieser Kleider in ihnen gefangen.

Eine zweite Serie verstärkt diesen ambivalenten Aspekt: die „Wächter“. Sie sind aus militärischen Tarnstoffen genäht. Damit verbindet sich die Macht der Uniform und die Aggression des Krieges. Doch etwas stimmt immer nicht mit den Gliedern der „Wächter“: Entweder sind ihre Arme aneinander genäht, oder sie humpeln auf einem Bein oder ersticken unter einer Mütze. Sie sind zugleich Krüppel, Opfer der Macht und der Aggression, in jeder Bewegung gehindert.

Die Formen und Figuren der „Schwestern“ und der „Wächter“ tauchen wieder auf in Büchern, die Farkhondeh Sharoudi auch aus Stoffen herstellt. Sie zeichnet auf Seiten aus Stoff, die Umrisslinien wirken wie genäht. Oft rinnt aus den Figuren ein Fluss aus Ornamenten heraus, verwandt der persischen Schrift und Kalligraphie, wie eine Sprache, die nicht mehr gehört werden kann. Von Seite zu Seite verändern sich die Konstellationen der Figuren, sie durchleben mythische Geschichten und die Linien, die von Körper zu Körper zu greifen scheinen, sind ein weiteres Zeichen für die Suche nach Verbindung und Verwurzelung.

Ebenso wie die Kleider gehören auch die Bücher in den Bereich des Privaten und Intimen. Mit all ihren Werken umkreist Farkhondeh Sharoudi eine innere Welt, einen Bereich des Nicht-Ausgesprochen und Verhüllten, des womöglich aus Schutz Verborgenen, vielleicht aber auch aus Furcht Bewachten. Ihre Materialien und die zierlichen Zeichnungen, mit denen sie die Oberfläche bedeckt, rufen dabei den Eindruck eines sehr zärtlichen Umgangs mit dem hervor, was nie deutlich an die Oberfläche dringen kann.

Seit zweieinhalb Jahren lebt die Künstlerin in Berlin. In ihrem Atelier liegen viele kleine „Kissen“, gebildet aus zusammengefaltetem Stoff, beschrieben und bezeichnet mit schönen Bögen und Schwüngen. Das sind ihre Gedichte; der größte Teil des Textes ist unlesbar in ihnen verschwunden. Die Umformung in ein Kissen aber verwandelt die Erinnerung an das Gedicht, das nicht mehr zu lesen ist, in eine tröstende, schmeichelnde Geste. In diesem Bild für eine Sprache, die noch immer anwesend ist, aber eingeschränkt in ihren Möglichkeiten der Mitteilungen, verarbeitet die Künstlerin auch ihre Erfahrungen des Lebens in einer fremden Sprache. „Das kann wehtun“, sagt sie. Die Kissen sind ein Bild für das, was nicht mehr mitteilbar ist, weil es in der neuen Sprache keinen Ausdruck findet. Dennoch sind sie eine Form der beredten Stille, ein Schweigen, das eine eigene Geschichte hat.
Author: Katrin Bettina Müller

Bio

Farkhondeh Shahroudi wurde 1962 in Teheran geboren. 1985 begann sie ein Studium der Malerei an der Universität der Künste Alzahra, einer Universität für Frauen, in Teheran. 1990 zog sie in die Bundesrepublik Deutschland und setzte ihr Studium ab 1993 an der Schule für Kunst und Design in Dortmund fort. 2001 zog sie nach Berlin.

Works

Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen:

Exhibition / Installation
2004 Entfernte Nähe, Haus der Kulturen der Welt 2003 „Giardino“, Stazione Tirbutina, Rom, Italien 2002 „Insideout“, fünftes Festival der Neuen Kunst, Berlin 2000 „Continental shift“, Stadts Galerie Heerlen, Niederlande 1999 Städtische Galerie Dortmund, Torhaus Rombergpark 1998 „Katibeha“, Museum am Ostwall, Dortmund (Katalog) Galerie TZR, Bochum