Olga Pona

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crossroads:
Alltag, Identität, Moderne, Tradition
region:
Europe, Eastern
country/territory:
Russian Federation
created on:
June 3, 2005
last changed on:
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information provided by:
Olga Pona

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Die Poesie trister Realität oder die andere Art der Schönheit

Erst nach einem Studium der KFZ- und Traktortechnik kam Olga Pona, heute eine der führenden Choreografinnen der zeitgenössischen russischen Tanzszene, zum Tanz. Ihr eigenwilliger choreografischer Stil dient mittlerweile als Vorbild zahlreicher junger russischer Tanzkompagnien. Besonders an Ponas Werk ist, dass sie sich als Choreografin in die russische Erzähltradition der großen realistischen Literatur einreiht: „Die russische Realität ist die Hauptquelle für meine Arbeit. In einem Land, das sich schnell verändert und das seine Ideologie verloren hat, ist diese Realität nicht sehr poetisch. Aber es gibt eine Tradition, die sicherlich älter ist als der Kommunismus“, so Pona in einem Gespräch mit Gilles Amalvi.
Pona erzählt vom russischen Alltag im postkommunistischen Russland. Sie beobachtet ihre unmittelbare Umgebung, etwa die Menschen ihrer Heimatstadt, der Industriemetropole Chelyabinsk, oder evoziert ihre Erinnerungen an das ländliche Russland ihrer Kindheit. So verkörpern die Tänzer ihres „Chelyabinsk Theater of Contemporary Dance“ in der Performance „Staring into Eternity“ Arbeitslose der russischen Provinz. Ihre Bewegungssprache beschreibt die Körpersprache der Menschen, deren Leben von Arbeitslosigkeit und Warten, von Beengung und Hoffnungslosigkeit geprägt ist: „Wenn Sie in die russische Provinz gingen, würden Sie sehen, dass die russischen Männer schwer verletzt sind. Es gibt kaum Arbeit, und sie sind schlecht bezahlt. Es ist schwer für sie, ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, und die meisten von ihnen versuchen, ihre Probleme mit Alkohol zu lösen, Unmengen von Alkohol. (…) Sie sind alle gleich und haben kein Gefühl mehr“ (ibid).

In ihrem Bewegungsvokabular und durch musikalische Sequenzen transzendiert Pona diesen geradezu körperlich beschriebenen Alltag. So verleiht sie „ihren“ arbeitslosen Männern auf der Bühne eine Sensibilität, die sie in der Wirklichkeit nicht vorfindet. Sie hebt, so Pona, „die Realität auf eine poetischere Ebene“ und versucht, die Träume der Menschen durchscheinen zu lassen, und damit eine Wirklichkeit, die „nicht von romantischen Bildern bestimmt ist, sondern vom Leben selbst“. Formell arbeitet sie in ihren Choreografien hierfür mit Brüchen: sie löst zum Beispiel die begleitende Volkstanz-Musik plötzlich von atmosphärischen Klängen und einer veränderten Bewegungssprache ab. Trotzdem sie ihren Figuren damit einen Ausweg gibt, spricht Pona nicht von Hoffnung und nicht von Botschaften. Pona erzählt. Ihre Stücke sprechen von Liebe, von Entfremdung und von Angst. Bisweilen erinnern sie an die Bilder des großen russischen Regisseurs Andrej Tarkovskij. So schreibt Bettina Trauwborst in ballettanz (März 2002) über die surrealen Sequenzen der Performance „Waiting“: „Andrej Tarkovskij scheint mit durchs Fenster zu blinzeln, wenn der Schnee rieselt und drei Frauen den Frost vom Glas wischen.“

Die Einzigartigkeit ihres enigmatischen und kraftvollen, nicht stilgetreuen Tanzvokabulars führt dabei gelegentlich zu Schwierigkeiten der Zuordnung . In der Neuen Rhein Zeitung (2002) wird ihr Repertoire als Mischung aus klassischem Ballett und Ausdruckstanz beschrieben. Auf Olga Ponas Website nennt sie ihr choreografisches Werk unprosaisch „contemporary dance made of necessity“(www.olgapona.com). Mehr den Inhalten verpflichtet, distanziert sich Pona gleichzeitig bewusst von zeitgenössischen Trends.

In ihrer 2005 uraufgeführten Choreografie „Nostalgia“ tanzen fünf Männer und Frauen durch einen Birkenwald aus an Decke und Boden befestigten Baumröhren. Der Wald symbolisiert das ländliche Russland. Auf einer anderen Ebene symbolisiert der Wald das Leben, und der Tanz die Reise durch das Leben. Die Tänzer, die sich nach den Klängen des Urban Tribe oder des Body Electric bewegen, haben etwas Marionettenhaftes, schreibt Gesa Pölert von der Rheinischen Post (2005): „Als wäre, was sie auf der Bühne durchleben, immer auch Abbild einer schicksalhaften Willkür, die die Körper umarmt und verstößt, sie verzerrt und surreal durcheinanderwirft.“ Sie kriechen mal über den Boden, mal nutzen sie die Baumröhren für akrobatische Einlagen. Mit „Nostalgia“ „schrieb“ die Choreografin Olga Pona einmal mehr ein Stück in der Tradition der großen alten Männer Russlands. Aber die „Tradition, die älter ist als der Kommunismus“, so sagt sie, „gilt es mit einem Sinn für Absurdität und Nostalgie zu betrachten.“

Author: Heike Gatzmaga

Bio

Olga Pona, geboren 1959 in Novotroisk im südlichen Ural, kam erst mit 21 Jahren zum Tanz. Sie studierte zunächst KFZ- und Traktortechnik. Von 1980 bis 1985 nahm sie Unterricht in Volkstanz und Ballett am Chelyabinsker Institut für Kultur. Fortbildungen und Workshops in Jekaterinburg - neben Chelyabinsk ein weiteres Zentrum des neuen russischen Tanzes -, Novosibirsk und Moskau brachten sie in Berührung mit westlich-zeitgenössischem Tanz. 1992 gründete sie zusammen mit Vladimir Pona die Compagnie Chelyabinsk Theatre of Contemporary Dance, mit der sie bisher elf grosse und zahlreiche Kurz-Choreografien erarbeitete. Olga Ponas Performances wurden auf zahlreichen osteuropäischen Festivals gezeigt und sind nun zunehmend auch in Westeuropa gefragt. 2001 und 2003 erhielt sie den renommiertesten russischen Theaterpreis, die „Goldene Maske“ für die beste zeitgenössische Choreografie.

Works

Nostalgia

Production / Performance,
2005

Does the English Queen Know What Real Life is About?

Production / Performance,
2003

Trans Siberia Express

Production / Performance,
2003

Staring into Eternity

Production / Performance,
2003

Waiting

Production / Performance,
2002

www.faces.ru

Production / Performance,
2001

Kinomania

Production / Performance,
2000

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2005

(02 June 05 - 18 June 05)

Www

Olga Pona Website