Qurratulain Hyder

Article Bio Works Merits www
crossroads:
Gender, Identität, Kolonialismus
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Kurzgeschichte, Reportage, Roman)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
city:
New Delhi
created on:
May 23, 2003
last changed on:
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Qurratulain Hyder
Qurratulain Hyder © Gaurav Sharma (www.loc.gov/.../news/authors/ pics_qurratulainhyder.html)

Article

Das kulturelle Gedächtnis einer Generation

Die 1927 geborene Schriftstellerin Qurratulain Hyder gehört zu den bedeutenden Urdu-Autoren des 20. Jahrhunderts. Ihre Romane und Kurzgeschichten verfolgen menschliche Schicksale in den Wirren der Geschichte, besonders im Spannungsfeld muslimischer und hinduistischer Kultur. Auch der Konflikt zwischen privater Glückssuche und sozialen Erfordernissen gehört zu ihren zentralen Themen. Sie schuf einige Frauengestalten von eindringlicher Wirkungskraft. Sowohl in der Themenwahl als auch in der Gestaltung ihrer Texte beweist Qurratulain Hyder Mut zum Experiment und große Innovationskraft.
Qurratulain Hyder wird oft als die große alte Dame oder auch die graue Eminenz der Urdu-Literatur bezeichnet. Darin zeigen sich Bewunderung und Anerkennung, aber auch Distanz zu dieser überragenden Gestalt der Urdu-Prosa des 20. Jahrhunderts. Hyder wuchs in einer Familie auf, in der das Schreiben geradezu „mit den Genen“ weitergegeben wurde. Beide Eltern und eine Tante waren angesehene Schriftsteller. Ein beinahe fotografisches Gedächtnis und ein gehöriges Maß an Fantasie trugen laut Hyder außerdem zu ihren schriftstellerischen Fähigkeiten bei.

Nachdem sie schon in den vierziger Jahren erste Erzählungen in literarischen Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde sie 1948 mit ihrem ersten Roman schlagartig berühmt. „Mere bhi sanamkhane“ behandelte die damals hochaktuelle Thematik der Teilung Indiens von 1947. Die Begründung Pakistans, das den indischen Muslimen eine Heimstatt frei von einer Bevormundung durch die Hindu-Mehrheit sichern sollte, forderte sie zu einer persönlichen Entscheidung für Indien oder Pakistan heraus. Die in Indien verbliebenen Muslime wurden dort mangelnder nationaler Loyalität verdächtigt. Gleichzeitig stellte die Teilung des Landes die Zukunft der indo-muslimischen Kultursynthese in Frage, die über Jahrhunderte das geistige und künstlerische Leben Nordindiens befruchtet hatte. Damit waren zwei der Hauptthemen angeschnitten, die Qurratulain bis in ihr Spätwerk hinein beschäftigen sollten.

Mit dem Roman „Ag ka darya“ („Der Feuerstrom“, 1959) gelang Hyder ein großer Wurf. Sehr zu ihrem Leidwesen steht er seither stellvertretend für ihr gesamtes literarisches Schaffen und verstellt den Blick auf ihre zahlreichen späteren Werke. Anhand eines wiederkehrenden Figurenensembles verfolgt sie Hauptwendepunkte des indischen Kultur- und Geisteslebens in vier historischen Epochen, die jeweils durch einschneidende politische Ereignisse markiert sind.

Die Romanhandlung setzt im 4. Jh. v. Chr. mit der Ausbreitung des Buddhismus in Indien ein und führt uns über die Epochen der frühen Muslimherrschaft und der kolonialen Eroberungen bis in die Neuzeit. Deren jugendliche Helden erleben die Teilung Indiens als große menschliche und zivilisatorische Tragödie. Der Roman mündet in die Ablehnung einer separaten Muslim-Nation und ein Bekenntnis zum säkularen indischen Staat. Die Kontinuität der Handlung wird durch die Reinkarnation der Hauptfiguren und durch das Bild eines Flusses, der metaphorisch für den Verlauf der Zeit steht, hergestellt.

Als verbindendes Moment fungieren darüber hinaus die im Roman dargestellten geistigen Konflikte der jeweiligen Epochen und ihr Verhältnis zur Macht. Um ihre Auffassung von einem synthetischen Charakter der indischen Kultur zu illustrieren, hat Qurratulain Hyder zahlreiche Zitate aus Sanskritquellen, Volksliedern, mystischen Hymnen, modernen Gedichten, Dramen und Zeitdokumenten in den Text montiert. Trotz einiger Schwächen in der Figurenzeichnung und Unausgewogenheiten in der Handlungsführung schuf sie mit „Ag ka darya“ ein in seiner thematischen Breite und Brisanz einmaliges Werk, das zu Recht als ein Meilenstein der Urdu-Literatur gilt. Der intellektuell anspruchsvolle Roman schaffte es in die Bestsellerlisten, wurde in zahlreiche indische Sprachen übersetzt und liegt seit 1998 auch in englischer Fassung vor.

In ihrem späteren Werk hat Qurratulain Hyder die Schicksale indischer Muslime im Unabhängigkeitskampf und im unabhängigen Indien und Pakistan behandelt, wobei der Wertewandel in einer sich zunehmend kapitalistisch orientierenden Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rückten.

Qurratulain ist keine feministische Autorin im engeren Sinne und hat sich stets gegen eine männer- und frauenspezifische Literatur gewandt. Die Frauen ihrer Werke sind den Männern intellektuell ebenbürtig und oft die stärkeren Charaktere, durch ihre Lebensumstände aber an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten gehindert. In den jüngsten Romanen begegnen uns jedoch auch Frauen, denen es gelingt, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Beruflicher Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit sind hier meist mit dem Verzicht auf Partnerschaft verbunden. Hierbei spielen vermutlich persönliche Erfahrungen der Autorin eine Rolle.

In ihrer auf ausgiebigen Quellenstudien beruhenden Familiensaga „Kar-i jahan daraz hai“ („Die Geschäfte der Welt währen lange“, 1977-79) beschreibt Hyder die Geschichte ihrer Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert. Die episodische Struktur mit zahlreichen dramatischen und amüsanten Einlagen dokumentiert gleichzeitig eine im Schwinden begriffene Erzähltradition, die sich in Historiografie und Biografie stark des Anekdotischen bediente.

Schon in den frühen Werken der Autorin deutete sich ein wichtiges Gestaltungsprinzip an: Bewusstseinsvorgänge verschiedenster Ausprägung nehmen in ihren Texten breiten Raum ein und lassen die äußere Handlung oft in den Hintergrund treten. Zusätzlich bedient sie sich einer Montagetechnik, die verschiedenste Textsorten in den Erzählfluss integriert. Damit wird teils die Charakterisierung der Figuren vertieft, teils ein breiterer literarischer, kultureller oder historischer Kontext in das Werk hineingeholt. Insgesamt ergibt sich so eine besondere Textur, die ihre Werke unverwechselbar macht.

Qurratulain Hyders fragwürdiger Hang zur Idealisierung und zu melodramatischen Szenen wird durch ihre unbändige Fabulierfreude, ihren Hang zur Ironie und ihren inhaltlichen Horizont mehr als gut gemacht. In Indien und Pakistan gilt die Autorin trotz kritischer Rezensionen durch jüngere Literaturkritiker als eine literarische Ikone. Ihr Rang als Erzählerin wahrhaft epischen Formats und herausragende Sprachvirtuosin wird dadurch nicht geschmälert.


Qurratulain Hyder verstarb im August 2007 nach längerer Krankheit.

Author: Christina Oesterheld  

Bio

Qurratulain Hyder wurde 1927 in Aligarh, in der nordindischen Provinz Uttar Pradesh, geboren. Sie wuchs in verschiedenen Städten Nordindiens auf, ging nach der Teilung des Subkontinentes 1947 mit ihrem Bruder nach Pakistan, kehrte aber nach einem Aufenthalt in London 1962 nach Indien zurück. Dort ließ sie sich zuerst in Bombay und dann in Delhi nieder. Sie lebt heute in einer Satellitenstadt bei Delhi.

Hyder arbeitete als Journalistin für Rundfunk und Presse und nahm Lehraufträge an Universitäten in Indien und in den USA wahr. Sie hat Werke der Weltliteratur aus dem Englischen in das Urdu übertragen und einige ihrer eigenen Werke in das Englische übersetzt. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt, u.a. mit dem Jnanpith Award, dem höchsten indischen Literaturpreis. Sie verstarb im August 2007 nach längerer Krankheit.

Works

My Temples, too

Published Written,
2004
Roman. Women Unlimited: New Delhi

A Season of Betrayals

Published Written,
1999
Kurzgeschichten. Kali for Women: New Delhi

River of Fire

Published Written,
1998
Roman. Kali for Women: New Delhi

The Street Singers of Lucknow

Published Written,
1996
Kurzgeschichten. Sterling Publishers: New Delhi

Fireflies in the Mist

Published Written,
1994
Roman. Sterling: New Delhi

The Sound of Falling Leaves

Published Written,
1994
Kurzgeschichten. Sahitya Akademi: New Delhi

Die wechselvollen Schicksale der Andalib Bano

Published Written,
1991
Romanauszug. In: Gestehts! die Dichter des Orients sind größer. Das Arabische Buch: Berlin

Chandni Begam

Published Written,
1990
Roman.

Der Berg der Fakire

Published Written,
1990
Kurzgeschichte. In: Erkundungen. 23 Erzählungen aus Indien. Volk und Welt: Berlin

Der Qalandar

Published Written,
1989
Kurzgeschichte. In: Allahs indischer Garten. Ohne Angabe: Frauenfeld

Gardish-i rang-i chaman

Published Written,
1987
Roman.

Kar-i jahan daraz hai

Published Written,
1979
Familiensaga.

Akhir-i shab ke hamsafar

Published Written,
1979
Roman.

A Woman´s Life

Published Written,
1979
Roman. Chetana: New Delhi

Stories from India (edited by Qurratulain Hyder)

Published Written,
1974
Kurzgeschichten. Sterling Publishers: New Delhi

Sitaharan

Published Written,
1968
Erzählungen.

Patjhar ki avaz

Published Written,
1965
Kurzgeschichten.

Ag ka darya

Published Written,
1959
Roman.

The Exiles

Published Written,
1955
Kurzgeschichte. PEN: Lahore

Mere bhi sanamkhane

Published Written,
1948
Roman.

Merits

1967 Sahitya Akademi Award
1969 Soviet Land Nehru Award
1985 Ghalib Award
1989 Jnanpith Award

Www