Abbas Kiarostami

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genre(subgenre):
Film (Doku-Fiktion, Dokumentarfilm, Kinder & Jugend, Kurzfilm, Spielfilm)
region:
Middle East, Asia, Eastern
country/territory:
Iran (Islamic Republic of), China
related artists:
created on:
February 14, 2004
last changed on:
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Abbas Kiarostami

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Poesie und Modernität

Der 1940 in Teheran geborene Abbas Kiarostami ist der wichtigste Vertreter des neueren iranischen Kinos. Er begann um 1970 mit Kinderfilmen und entwickelte seither – als Regisseur, aber auch als Drehbuchautor – originäre, häufig selbstreflexive Mischformen zwischen fiktionalem und dokumentarischem Kino. Daneben wird Kiarostami auch als Maler wahrgenommen und ausgestellt.
Der 1940 in Teheran geborene Abbas Kiarostami ist der wichtigste Vertreter des neueren iranischen Kinos. Trotz der Zensur in dem islamistischen "Gottesstaat" kommen aus dem Iran regelmäßig herausragende Filme, die vor allem auf den internationalen Festivals, aber auch in Programmkinos eine eigene Erfolgsgeschichte haben. Regisseure wie Bahram Beyzai, Mohsen Makhmalbaf, Jafar Panahi oder Abolfazl Jalili zählen zu den bedeutenden Auteurs des Weltkinos.

Abbas Kiarostami nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein, weil sein Werk nicht nur alle Gattungen umfasst (und mischt), sondern auch die wichtigsten Strategien des iranischen Kinos enthält: Er setzt häufig Laiendarsteller ein, bringt erzählte Zeit und Erzählzeit zur Deckung, bricht die Erzählformen durch selbstreflexive Momente und sucht dabei doch nach einer Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die den kinematographischen Apparat vergessen macht.

Seinen ersten Kurzfilm drehte Kiarostami 1970, im Zusammenhang mit der von ihm begründeten Kinoabteilung des Instituts für die intellektuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Das „Brot und die Straße“ (Nan va kucheh) zeigt einen Jungen, dem ein Hund dem Heimweg versperrt. Der Junge besänftigt den Hund, indem er ihm von dem Brot gibt, das er bei sich trägt. Die Konstellation des Films – ein Protagonist, ein Weg, ein Hindernis, eine Lösung – kehrt in vielen Variationen im Werk Kiarostamis wieder.

In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm „Der Passagier“ (Mosafer, 1974) möchte ein Jungen aus einem Dorf in der Provinz unbedingt zu einem Fußballspiel der Nationalmannschaft in die Hauptstadt. Der Film schildert minutiös die Bemühungen, das Geld für die Fahrt aufzutreiben, und endet schließlich mit einer tragikomischen Pointe.

„Wo ist das Haus meines Freundes?“ (1987), der Spielfilm, mit dem Kiarostami international bekannt wurde, hat als Hauptfigur einen Jungen, der sich abends aus dem Haus stiehlt, um seinem Freund heimlich ein Schulheft zurückzubringen, das er irrtümlich an sich genommen hat. Auch hier ist es die geduldige Schilderung der Kleinigkeiten auf dem Weg, die dem Film seine Spannung verleiht. Zusammen mit „Und das Leben geht weiter“ (1991) und „Quer durch den Olivenhain“ (1994) bildet „Wo ist das Haus meines Freundes?“ die sogenannte Rostam-abad-Trilogie, in der es um eine Region geht, die 1990 von einem schweren Erdbeben betroffen wurde.

„Close-up“ (1990) ist vielleicht der komplexeste Film Kiarostamis über die Wechselwirkungen zwischen Kino und Gesellschaft: Er verhandelt darin den Fall eines Arbeitslosen, der mit dem Regisseur Mohsen Makhmalbaf verwechselt wird und von diesem Irrtum eine Zeitlang profitiert. In „Close-up“ steht das anschließende Gerichtsverfahren im Zentrum einer semidokumentarischen Rekonstruktion, an deren Ende es zu einer Begegnung mit dem echten Makhmalbaf kommt.

In seinem jüngsten Film „Ten“ (2002) mischt Kiarostami seine Methoden zu einem fast avantgardistischen, strukturellen Werk: In zehn gleich langen, ununterbrochenen, auf Video jeweils in einem Auto gedrehten Einstellungen entsteht das Bild einer Gesellschaft ohne Öffentlichkeit. Das Auto wird zu einem intimen Ort des Übergangs zwischen Kontrolle durch die islamischen Autoritäten und bürgerlichen Freiheiten, die man sich heimlich nimmt.

In seinen ausdrücklichen Dokumentarfilmen berichtet Kiarostami ebenfalls subtil von der alltäglichen Gewalt unter den Bedingungen einer "halben Demokratie" (Süddeutsche Zeitung"): In „Hamsarayan“ (Straßenkreuzung, 1983) ist wieder sein Interesse an Realzeit und Laiendarstellern erkennbar. Eine notdürftig versteckte Kamera filmt eine Kreuzung, auf der ein Ordnungshüter verfügt, wessen Passierschein (oder wessen Ausrede) ausreichend Gültigkeit hat, um die Durchfahrt zu gestatten. Kiarostami zeigt die Verhandlungen, die Finten, die pragmatischen Lösungen zwischen Regel und Ausnahme. Gelegentlich entdeckt jemand die Kamera, zugleich sonnt sich der Beamte in seiner doppelten Funktion und entwickelt regelrechten Spielwitz.

In „Hausaufgaben“ (1990) ist die Konstellation deutlicher reflexiv: Hier sind zwei Kameras im Einsatz, eine steht hinter dem Regisseur und liefert halbnahe Einstellungen von den Schülern, die Kiarostami aus dem Off befragt; eine zweite Kamera steht seitlich und dokumentiert diese Interview-Situation. Zu sehen sind die Kinder einer Gesellschaft im Krieg. Sie skandieren zwar in Reih und Glied die geforderten Siegesparolen gegen den Irak, im Einzelgespräch aber zeigen sie sich strapaziert und überfordert.

Kiarostami erzählt von den Lebensbedingungen im Iran auf eine indirekte, jedoch unmissverständliche Weise. Seine Drehbücher für Jafar Panahi („Der weiße Ballon“, „Der Kreis“, „Rot-Gold“) zeigen Kiarostamis kritische Perspektive auf den Mangel an Alternativen innerhalb der Gesellschaft.

Der auf Video gedrehte „ABC Africa“ (über die Aids-Problematik in Uganda) ist der einzige Film Kiarostamis, der außerhalb des Landes entstanden ist.

Abbas Kiarostamis Werk verdankt dem modernistischen Kino ebenso viel wie der persischen Poesie und gewinnt daraus eine radikal eigenständige Gestalt.
Author: Bert Rebhandl

Bio

Abbas Kiarostami wurde am 22. Juni 1940 in Teheran geboren. Er studierte in den sechziger Jahren an der Kunsthochschule in Teheran, und arbeitete als Illustrator von Kinderbüchern und als Grafiker im Werbefilm. 1970 gehörte er zu den Mitbegründern der Filmabteilung des "Instituts für die intellektuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen". In diesem Zusammenhang entstanden seine ersten eigenen Filme. Zusammen mit „Und das Leben geht weiter“ (1991) und „Quer durch den Olivenhain“ (1994) bildet „Wo ist das Haus meines Freundes?“ (1987) die sogenannte Rostam-abad-Trilogie, mit der Kiarostami im Ausland bekannt wurde. 1994 zeigte das Filmfestival in Locarno eine erste Retrospektive des Gesamtwerks.

Works

Filmografie

Film / TV,
2004
Nan va Kucheh, 1970 Mosafer, 1972 Zang-e Tafrih, 1972 Tajrobeh, 1973 Manam Mitunam, 1975 Do Rah-e Hal bara-ye Yek Mas´aleh, 1975 Lebosi bara-ye Arusi, 1976 Rang-ha, 1976 Gozaresh, 1977 Rah-e Hal, 1978 Qaziyeh Sekl-e Avval, Qaziyeh Shekl-e Dovvum, 1979 Dandan-dard, 1980 Beh Tartib ya Bedun-e Tartib, 1981 Hamsarayan, 1982 Hamshahri, 1983 Avvali-ha, 1985 Khaneh-ye Dust Kojast, 1987 Mashq-e Shab, 1990 Nama-y Nazdik, 1990 Zendegi va digar Hich/Va Zendegi Edameh Darad, 1992 Zir-e Derakhtan-e Zeytun, 1994 Ta´m-e Gilas, 1996 Bad Ma ra ba Khod Khahad Bord, 1999 ABC Africa Ten, 2002

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Real Fictions im Projekt Entfernte Nähe

Ein kuratiertes Kapitel in culturebase.net

(19 March 04 - 09 May 04)