Coco Fusco

Article Bio Works Merits Projects www
crossroads:
Gender, Globalisierung, Grenze, Postkolonialismus, Tod
genre(subgenre):
Performing Arts (Performance)
region:
America, Caribbean, America, North
country/territory:
Cuba, United States of America
city:
New York
created on:
May 22, 2003
last changed on:
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Article

Grenzwerte

Die aus Kuba stammende Coco Fusco zählt zu den bedeutendsten Performance-Künstlerinnen der Gegenwart. Im thematischen Zentrum ihrer Arbeit stehen genderspezifische Konflikte, Migration, kulturelle Kolonialisierung und der Tod. In zahlreichen, bis 1995 gemeinsam mit dem mexikanischen Performance-Künstler Guillermo Gómez-Peña geplanten Projekten wendet sich Fusco vor allem gegen eine Vereinnahmung ethnischer Minderheiten durch die dominierende Nationalkultur. Coco Fusco lehrt an der School of the Arts der Columbiy University und hat sich auch als Autorin und Ausstellungskuratorin einen Namen gemacht. Ihr Lebensmittelpunkt ist New York.
Eine der ersten Aktionen, mit denen Coco Fusco einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, war die Performance „Two undiscovered Amerindians visit Spain“, die sie gemeinsam mit Guillermo Gómez-Peña realisierte. Fusco und Gómez-Peña verbrachten – im zeitlichen Kontext der 500-Jahrfeiern zur Entdeckung Amerikas – drei Tage in einem goldenen Käfig, den sie auf der Columbia Plaza in Madrid platzierten. Sie waren ausgestattet wie Ureinwohner einer vergangenen Hochzivilisation, denen man die freundlichen Errungenschaften der westlichen Welt hat zukommen lassen: Turnschuhe, Fernsehgerät, Plastiktischdecke und Micky Maus-Teppich. Die Betrachter konnten um eine Photopose bitten, sich von den „Eingeborenen“ die Haare kraulen oder sich eine Geschichte aus deren (Phantasie-) Heimat Guatinaui erzählen lassen. Und sie konnten natürlich spenden.

Mit ihrer Performance nahmen Coco Fusco und Guillermo Gómez-Peña Bezug auf die zwischen 1870 und 1910 in Europa so erfolgreichen Völkerschauen und rekonstruierten ein typisiertes Wahrnehmungsraster des Fremden. In einer von Fusco zusammen mit Paula Heredia erarbeiteten Videofassung dieser an vielen Orten der Erde gezeigten „Guatinaui World Tour“ wurden Bilder der Performance mit Material aus z.T. ethnographischen Dokumentarfilmen der dreißiger Jahre gegengeschnitten.

In der Performance "Stuff", einem gemeinsam mit Nao Bustamante kreierten Stück, geht es um "Latin women, food and sex". Thema der Performance ist die Rolle der Tourismusindustrie, ihre Bedeutung im Gefüge der globalen Wirtschaft und die Folgen für die Begegnung der Kulturen. Das Essen, das Einverleiben einer fremden Kultur über die Nahrungsaufnahme spielen in dieser Performance eine symbolische Rolle. "Wenn Nahrung als eine Metapher für Sex dient, dann stellt Essen Konsum in seiner rohesten Form dar. Kultureller Konsum beinhaltet den Verkehr mit dem, was uns am kostbarsten ist: unsere Identität, unsere Mythen und unsere Körper." ("If food here serves as a metaphor for sex, then eating represents consumption in its crudest form. Cultural consumption involves the trafficking of that which is most dear to us all - our identities, our myths and our bodies.")

Ein zentrales Thema der Performances von Coco Fusco ist der Tod. So erinnerte sie in ihrer Performance-Installation "Better Yet When Dead" an die – zum Teil rätselhaften – Tode berühmter Frauen und die Reaktionen auf die Nachricht ihres Ablebens: an Selena, die populäre "Tex-Mex-Sängerin", die erschossen wurde, an Evita Peron, deren Leichnam noch Jahre nach ihrem Tod durch die Militärführung des Landes verborgen gehalten wurde, an die kubanische Filmemacherin Sara Gomez und die ebenfalls aus Kuba stammende Künstlerin Ana Mendieta.

In ihrer Performance verwandelte Coco Fusco eine Galerie in einen Leichenschauraum und simulierte katholische Totenwachen; Texte, Musik, Zitate der Verstorbenen, Gebete und Gedenkreden ergänzen die Performance-Installation. Das Publikum wurde aufgefordert, sich in die Kondolenzbücher einztragen.

In "El ultimo deseo" (The last wish) bahrte Coco Fusco sich in Havanna selbst als Tote auf. Für „El Evento Suspendido“ (Das vertagte Ereignis) grub sie sich vom Beginn der Abenddämmerung an drei Stunden lang im Garten einer Galerie in Havanna vertikal bis zur Brust in die Erde ein. „Während dieser Stunden“, berichtet Coco Fusco, „habe ich immer wieder denselben Brief geschrieben und den Zuschauern die Kopien gegeben. In dem Brief stand: Meine Lieben, ich schreibe Euch diesen Brief, um Euch zu sagen, dass ich noch lebe. Jahrelang habe ich gefürchtet, dass, wenn die Wahrheit herauskäme, diejenigen, die statt mich eine andere Frau begraben haben, Euch leiden lassen würden. Ich halte es nicht mehr aus, nicht sagen zu können, dass ich existiere. Es verging kein Tag, ohne dass ich von Euch geträumt hätte. Glücklicherweise kann ich sagen, dass ich mich von der Qual erholt habe, die mit meiner Abreise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Bald schicke ich Euch mehr Nachrichten. Herzlich, C.“ (zit. nach: www.universes-in-universe.de/car/habana/bien7/expo-alt/d-fusco.htm)

Soziale Missstände in Mexiko, unter denen besonders die Frauen zu leiden haben, stehen im Mittelpunkt der Videoarbeit "Dolores from 10 to 10" . "Auf einer Recherchereise nach Tijuana", so beschreibt Coco Fusco die Vorgeschichte der Arbeit, "traf ich im Sommer 1998 die Fabrikarbeiterin Delfina Rodriguez. Ihr Arbeitgeber warf ihr vor, in der Fabrik einen Betriebsrat bilden zu wollen. In der Folge wurde sie von ihrem Vorgesetzten zwölf Stunden lang in einen Raum gesperrt – ohne Wasser, Essen, Toilette oder Telefon. So unter Druck gesetzt, hatte sie dann schließlich ihre eigene Kündigung unterschrieben. Nach ihrer Entlassung klagte sie gegen ihren Arbeitgeber wegen Verletzung ihrer bürgerlichen Rechte, ihr Chef jedoch versuchte sie vor Gericht als geisteskrank darzustellen. Wegen möglicher Konsequenzen hatten ihre Kollegen Angst, für sie auszusagen. Ich war sicher, dass die Ereignisse von den in der Fabrik vorhandenen Überwachungskameras aufgezeichnet wurden: ‚Dolores form 10 to 10’ ist meine Interpretation der möglichen Kamerabilder." Coco Fusco imaginiert ihre eigene Version diese Rechtsbruchs und lässt nachspielen, was die Überwachungskameras festgehalten haben müssen. Durch einen kleinen Bildschirm schaut der Zuschauer in enge Gänge und eine Arbeitswelt, in der sich frühkapitalistische Ausbeutungsmethoden erhalten haben.

Eine ebenso wichtige Form des künstlerisch-konzeptionellen Ausdrucks stellt für Coco Fusco das Schreiben dar. Ihre dramatischen und essayistischen Texte sind eine Fortsetzung der Performance-Arbeiten mit anderen Mitteln. "The incredible disappearing woman" ist ein Stück in einem Akt, gewidmet der Erinnerung an 220 Fabrikarbeiterinnen, die zwischen 1993 und 1999 aus Juarez spurlos verschwanden. In der Essaysammlung "The bodies that were not ours and other writings" setzt sie sich ebenfalls mit dem Verschwinden von Körpern auseinander. Die Reflexionen sind jedoch nicht abstrakt. Es geht meist um das reale, mitunter rätselhafte Verschwinden von Menschen: die bereits erwähnten Frau aus Juarez, hunderte kubanische Bootsflüchtlinge, die 1994 umkamen, die wachsende Zahl von unbekannten Toten in Mexiko-Citys städtischen Leichenhallen usw.

In ihrem Buch "English is broken here" untersucht Fusco in Aufsätzen und Interviews die verschiedenen Bedeutungen, die der mexikanisch-amerikanischen Grenze beigemessen werden. Mit dem Entstehen einer Grenzkultur (borderculture) sei ein Minenfeld kultureller Missverständnisse gelegt worden.
Author: Stefan Zednik

Bio

Coco Fusco wurde 1960 auf Kuba geboren. Sie studierte "Modern Thought and Literature" an der Stanford University (M.A.) und "Literature and Society and Semiotics" (B.A.) am der Brown University. Von 1991 bis 1995 arbeitete sie mit Guillermo Gómez-Peña zusammen, ab 1995 mit Nao Bustamante, später mit Ricardo Dominguez. Neben ihrer Arbeit als Performance-Künstlerin und Autorin steht eine umfangreiche Tätigkeit als Kuratorin und Dozentin. Coco Fusco lebt in New York.

Works

The Incredible Disappearing Woman

Production / Performance,
2008
ICA, London, Großbritannien

The Furious Gaze

Production / Performance,
2008
Centro Cultural Montehermoso, Vitoria-Gasteiz, Spanien

Whitney Biennial

Production / Performance,
2008
Whitney Museum, New York , NY, USA

Killing Time

Production / Performance,
2007
Exit Art, New York, NY, USA

Black Panther

Production / Performance,
2006
Jack Shainman Gallery, New York, NY, USA

A Room of One´s Own: Women and Power in the New America

Production / Performance,
2006
Performance Space 122, New York, NY, USA

My Country

Production / Performance,
2006
The Hungarian Cultural Center, New York, NY, USA

Schanghai Biennale

Production / Performance,
2004
Shanghai Art Museum, Schanghai, China

In Transit 03

Production / Performance,
2003
Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Transmediale Berlin

Production / Performance,
2003
Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Dolores From 10 to 10

Production / Performance,
2002
In Zusammenarbeit mit Ricardo Dominguez. Eine 12-stündige Netz-Performance zum Thema Überwachung und Disziplinierung weiblicher Körper in der globalen Wirtschaftsordnung. Vorgestellt 2002 im Museum of Contemporary Art in Helsinki. Eine Video-Installation, die auf dieser Aufführung basiert, hatte im Dundee Contemporary Arts Center 2002 Premiere.

Els Segadors (The Reapers)

Film / TV,
2001

The Bodies that Were Not Ours and Other Writings

Published Written,
2001
Routledge/INIVA.

Els Segadors

Exhibition / Installation,
2001
Videoinstallation über die Integration von Immigrantengruppen in nationale Kulturen Europas. In Auftrag gegeben durch die europäische Kulturhauptstadt Rotterdam für die Ausstellung "Unpacking Europe".

The Incredible Disappearing Woman

Production / Performance,
2001
Eine multimediale Performance für drei Schauspielerinnen über Frauen, Sex und Tod in der Grenzregion Mexiko/USA. In Auftrag gegeben vom Portland Institute for Contemporary Art.

El Evento Suspendido (The Postponed Event)

Production / Performance,
2000
Eine ortsbezogene Performance über die symbolische An- und Abwesenheit exilierter Kubaner. Aufgeführt in Havanna.

Corpus Delecti: Performance Art of the Americas

Published Written,
1999
editor, Routledge.

Votos

Production / Performance,
1999
Performance, inspiriert von katholischen Mystikerinnen des 16. und 17. Jahrhunderts. Premiere in Odense, Dänemark.

Access Denied

Exhibition / Installation,
1998
Videoinstallation über Latinos, Globalisierung und die digitale Revolution. Caracas, Venezuela.

Rights of Passage

Production / Performance,
1997
Performance über staatliche Kontrolle von interner und externer Migration. Johannesburg Biennale, South Africa.

El Ultimo Deseo/The Last Wish

Production / Performance,
1997
Performance über Tod und Wiedereingliederung exilierter Kubaner. Havana, Kuba.

Stuff

Production / Performance,
1996
Performance mit Nao Bustamante, weltweite Aufführungen.

Better Yet When Dead

Production / Performance,
1996
Aufgeführt u.a. beim YYZ Artistsí Outlet in Toronto und bei der Arts Bienal of Medellin, Colombia.

Pochonovela

Published Written,
1995
30-minütiger Videofilm, Parodie auf eine TV-Soap-Opera

English is Broken Here: Notes on Cultural Fusion in the Americas

Published Written,
1995
The New Press.

Mexarcane International

Exhibition / Installation,
1995
Performance/Installation in Zusammenarbeit mit Guillermo Gómez-Peña. The National Review of Live Art in Glasgow, präsentiert u.a. beim London International Theatre Festival.

The Couple in the Cage

Film / TV,
1993
30-minütige Video- Dokumentation über die Performance mit Gómez-Peña. New York Film Festival Video Visions Program.

The Year of the White Bear

Production / Performance,
1992
(Co-Autorin) Interdisziplinäres Projekt, bestehend aus einer Multimedia-Installation, experimentellem Radio-Soundtrack und verschiedenen Performances. In Zusammenarbeit mit Guillermo Gómez-Peña. Aufgeführt u.a. im Mexican Fine Arts Center Museum, Chicago, 1993.

Two Undiscovered Amerindians Visit the West

Production / Performance,
1992
(Co-Autorin) Performance-Projekt in Zusammenarbeit mit Guillermo Gómez-Peña. Aufgeführt u.a. an der University of California – Irvine, dem Edge Arts Festival, London und Madrid, dem Walker Art Center, Minneapolis, der Smithsonian Institution, der Sydney Biennale, dem Field Museum of Natural History, Chicago, der Whitney Biennial, der Fundacion Banco Patricios, Buenos Aires.

La Chavela Realty Company

Production / Performance,
1991
Performance in Verbindung mit Guillermo Gómez-Peña´s: A Performance Chronicle. Brooklyn Academy of Music.

Norte: Sur

Production / Performance,
1990
(Co-Autorin / Regie / Akteurin) Interdisziplinäres Projekt in Zusammenarbeit mit Guillermo Gómez-Peña und René Yánez

Havana Postmodern: The Cuban Art

Production / Performance,
1987
(co-producer) Eine Video-Dokumentation für das öffentliche Fernsehen, in Zusammenarbeit mit Robert Knafo und Andras Mesz.

Merits

1989
New York State Council on the Arts, Critical Writing on Media

1991
New York State Council on the Arts, Media Program

National Endowment for the Arts, Interarts

New York Foundation for the Arts, Non-Fiction Fellowship

1994
Arts International Travel Grant

1995
Critics´ Choice Award from the American Educational Studies Association for English is Broken Here: Notes on Cultural Fusion in the Americas.

ATHE Research Award for Outstanding Journal Article from the Association of Theatre in Higher Education. For the essay, The Other History of Intercultural Performance, published in The Drama Review, Spring, 1994.

Los Angeles Department of Cultural Affairs, Artist´s Fellowship

1997
Arts International Travel Grant

New York Foundation for the Arts, Non-Fiction Fellowship

1998
Multi-Arts Production Fund, Rockefeller Foundation

Franklin Furnace Fund for Performance Art

1999
Temple University Summer Research Fellowship

2000
Tyler School of Art Merit Award for Outstanding Research

2000-2001
Temple University Junior Research Leave

2002
Arts International Grant for The Incredible Disappearing Woman

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2003

Customs – Nothing to declare

(30 May 03 - 14 June 03)

Www

Homepage der Künstlerin