François Bucher

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crossroads:
Überschreitung, Gewalt, Krieg, Liebe, Medien, Patriotismus, Terrorismus, Transformation, Trauma, Verbrechen
region:
America, South, America, North
country/territory:
Colombia, United States of America
created on:
November 6, 2008
last changed on:
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François  Bucher
François Bucher. Courtesy of the artist

Article

The real lesson of art is how to live

„Ich komme mit einem Bart”, simst er, kurz darauf öffnet sich die Tür des Cafés Sankt Oberholtz in Berlin-Mitte. Herein stürmt, gekleidet in einen schlichten Parka und mit langem schwarzen Haar, ein Abbild Che Guevaras. Es ist nicht nur der Bart. Der Mann glüht wie ein Revolutionär. Er setzt sich auf den Bistrostuhl und beginnt, fiebrig von seinem letzten Projekt zu erzählen. Er hat gerade die Filmstills einer Reise in seine Heimat Kolumbien gesichtet. „Cali ist das Silicon Valley Kolumbiens. Kennen Sie die Telenovela ‚Ohne Titten gibt es kein Paradies?´ Hierher kommt heute alle Welt für Schönheitsoperationen. Cali ist zur Hölle gegangen, es ist einem zügellosen Materialismus erlegen, einer Kultur des Äußeren!“ Doch er habe gerade Frieden geschlossen mit seiner Herkunftsstadt. Denn hier habe er vor kurzem die schönste Nacht seines Lebens erlebt. François Bucher, das merkt man schnell, ist kein Künstler eitler Kunst, er ist ein Grenzgänger, der Antworten sucht.
Brüsten könnte er sich wohl. Bucher hat weltweit ausgestellt. Doch statt von seinen Erfolgen redet er von seiner Heimatstadt Cali. Hier verdichte sich alles, nicht nur seine eigene Geschichte. „Cali ist ein Spiegel der Welt“, sagt er, aufgewachsen sei er hier sehr behütet als Kind zweier Professoren zwischen Zuckerrohrplantagen, Barbecues und lauwarmen Pools.

Doch die Geborgenheit platzt bald auf. Als die USA in den 80er Jahren das Medellin-Drogenkartell zerschlagen, ist das die Geburtsstunde des Cali-Kartells. Die soziale Struktur der Stadt wandelt sich. Plötzlich, erzählt er, sieht man ganz andere Leute, die ihre eigenen Jaguars und Ferraris fahren. Die Atmosphäre ist hasserfüllt. Bucher, noch in den Teens, lernt wie alle anderen das Fürchten. Mit einem schönen Mädchen in die Disco zu gehen – hieß, erzählt er, notfalls mit einem Sprung durch das Fenster das eigene Leben zu retten. Er verliert vier oder fünf Freunde im Krieg des Drogenkartells gegen die Bevölkerung.

Heute beschwört er die verlorene Zeit, doch damals sucht er den Bruch. Bucher lässt Cali hinter sich, „erfindet sich selbst neu“. 1999 schließt er ein Studium der Filmwissenschaft in Chicago ab. Seinen ersten Film macht er als Whitney-Stipendiat in New York. Fünf Jahre bleibt er dort, zieht nach Brooklyn. In der Stadt, die er liebt und die einen, wie er sagt, „total erfasst“, findet er seine Motive. „Twin Murders“ (1999) erzählt von einem symbolischen Vatermord. Der Film, an dem er über zwei Jahre arbeitet, wird für ihn zu einer Selbstinitiierung. Als 2001 Al-Quaida Piloten in die Türme des World Trade Centers rasen und das post-9/11 Amerika in ein hysterisches nationales und xenophobisches Trauma abdriftet, filmt Bucher das 30-minütige Video „White Balance – To think is to forget differences“ (2002), eine bittere Parodie auf die US-Kriegsrhetorik.

Kolumbien behält für ihn eine Anziehungskraft. In „Haute Surveillance“ (2007), einer Zwei-Kanal Installation, gezeigt 2008 in der Ausstellung „Rational Irrational“ im Haus der Kulturen der Welt, wendet sich Bucher wieder der Gewalt in seiner Heimat zu. Auch „Haute Surveillance“, ein Titel in Anspielung auf Jean Genets Theaterstück von 1949 (dt. „Unter Aufsicht“), ist eine Montage. Interviews folgen auf Nachrichtensequenzen, Landschaften und Zeichen erzeugen Stimmungen. Ein paar Professoren, eine junge charismatische Dozentin: Sie alle sind Zeugen, berichten von 1999, als eine Welle der Gewalt auf dem Universitätscampus von Medellin drei Opfer fordert. Die Interviewten verströmen eine Aura der Hilflosigkeit. Dann verfassen zwei Studenten ein Drehbuch zu Ehren des Dichters Genet: Ihr Medellin der 90er spiegelt Genet, Genet spiegelt Medellin. Fiktion und Realität verwischen, doch erst in der Fiktion entsteht ein bleibendes Crescendo des Schreckens.

„Das ethische Individuum muss möglicherweise die gesellschaftliche Moral brechen“, sagt Bucher, trinkt seinen Latte Macchiato und sinniert weiter über das Sodom und Gomorra Cali. Diesmal ist er mit gefilmten Interviews seiner Freunde zurückgekehrt, intensiven Bildern seiner vielleicht intensivsten Reise. Schön seien sie, meditativ. Wieder geht es um die Gewalt, die „Krankheit“ Calis, doch diesmal auch um seine persönliche Heilung. Er findet sie ausgerechnet in Drogen. „Die Indianer gewinnen an Einfluss und verhandeln mit der Regierung. Auch die Schamanen sind in die Städte zurückgekehrt, sie bringen die Medizin der Erde zurück“, so der Künstler. Sie bringen Yage, auch genannt die Seelen- oder Todesranke, in die Stadt. Der Rauschtrunk ist tief in der kulturellen Erfahrung Kolumbiens und seiner Nachbarländer verwurzelt. Auch seine Mutter und Schwester hätten die Droge bereits vor vielen Jahren einmal ausprobiert. Die Seelenranke reinigt die Seele, meint er, auch körperliche Symptome wie das Erbrechen gehörten dazu. Es sei trotzdem ein geborgener Rausch, denn die Schamanen, für die der Rauschtrank das Tor zur anderen Welt öffnet, begleiten diejenigen, die sich auf so einen Trip begeben. Bucher filmt und schreibt, transformiert seine Erfahrung in Kunst. Yage ist für ihn eine Offenbarung. Sein Trip versöhnt ihn mit Cali, denn hier erlebt er die „schönste Nacht seines Lebens“. Im heiligen Rausch der Seelenranke sieht er etwas, vielleicht eine alles durchdringende Schönheit, die ihm die Angst nimmt. „Das Bild ist ein Event, man muss nur der Form folgen, die immer schon da ist. Bei dieser Schönheit zu bleiben, das ist entscheidend – die Gegenwart nicht zu verschieben … Die wirkliche Kunst“, schließt er, „ist es zu lernen, wie man leben sollte. Man hat die Wahl zwischen Liebe und Furcht, es gibt keine andere Wahl.“


Aus einem Interview der Autorin mit dem Künstler im Dezember 2008.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

*1972 Cali / Kolumbien
2000 Whitney Museum Independent Study Program, New York
1999 M.F.A. der Filmwissenschaft, The School of The Art Institute of Chicago
1997 B.F.A. minor der Literaturwissenschaft, Universidad de los Andes, Bogotá

Der Künstler lebt derzeit in Berlin.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Established
2008 E-flux Video Rental, Centro de Arte Moderna José de Azeredo Perdigão - Fundação Calouste Gulbenkian, Lissabon, Portugal / Aperture-Colombia , Station - Museum of Contemporary Art, Houston, USA / 2007 Les Rencontres Internationales Paris/Berlin/Madrid / Galerie nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich / In The Poem About Love You Don´t Write The Word Love Overgaden - Institut for Samtidskunst, Kopenhagen, Dänemark / Displaced: Contemporary Art from Colombia, Glynn Vivian Art Gallery, Swansea/Wales, Großbritannien / e-flux , PawnShop Gallery, Los Angeles, USA / Existencias, Musac - Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León, Léon, Spanien / Fair Play 2007, Play - Gallery for still and motion pictures, Berlin / 1st Thessaloniki Biennale of Contemporary Art, Thessaloniki Biennale of Contemporary Art, Thessaloniki, Griechenland / In the Poem about love you don´t write the word love, Midway Contemporary Art, Minneapolis, USA / THE INTRICATE JOURNEY Berlin-Kolumbien-Berlin, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Berlin / 2006 In The Poem About Love You Don´t Write The Word Love, Artists Space, New York, USA / 23. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest - Monitoring, Kasseler Kunstverein, Kassel / Last Lives in the Universe, Smart Project Space, Amsterdam, Niederland / Glaskultur - ¿Qué pasó con la trasparéncia?, Centre d’Art la Panera, Lérida, Spanien / nEUclear reactions, CAB Centro de Arte Caja Burgos, Burgos, Spanien / 7. Werkleitz Biennale - Happy Believers, Werkleitz Biennale, Halle/Saale / 2006 Thesis Exhibitions Series Two , Hessel Museum of Art & Center for Curatorial Studies Galleries at Bard College, Annandale-on-Hudson, New York, USA / A complete Guide to Rewriting Your History 2, Sparwasser H Q - Forum for contemporary art, Berlin / When Artists Say We, Artists Space, New York, USA / Dark Places, Santa Monica Museum of Art, Santa Monica, USA / 2004 Slowness, Govett-Brewster Art Gallery, New Plymouth, Neuseeland/ 2003 24/7: Wilno - Nueva York (visa para), Contemporary Art Center Vilnius (CAC), Vilnius, Litauen / Raw, Smack Mellon Gallery, Brooklyn, New York, USA / 2002 hash brown potatoes, Smack Mellon Gallery, Brooklyn, New York, USA / 2001 Unheard of, Cuchifritos, New York, USA / 2000 Momentum - Nordic Festival of Contemporary Art, Moss, Norwegen

Einzelausstellungen (Auswahl)

Established
2002 François Bucher - White Balance (to think is to forget differences), Location One, New York, USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rational/Irrational

(08 November 08 - 11 January 09)
images
Filmstill aus "Twin Murders - A Mystical Diagram"
Filmstill "White Balance"