Guillermo Gómez-Peña

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crossroads:
Grenze, Identität, Rassismus
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Gedicht)
Performing Arts (Installation, Performance, Video-Performance)
instruments:
Bandoneon
region:
America, Central, America, North
country/territory:
Mexico, United States of America
city:
Mexico City, New York, San Diego, San Fransisco
created on:
June 10, 2003
last changed on:
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Article

Über die Grenze

Der 1955 in Mexiko-Stadt geborene Schriftsteller und Performance-Künstler Guillermo Gómez-Peña lebt seit 20 Jahren in den USA. Die Beziehungen, Grenzen und Distanzen zwischen zwei unterschiedlichen Kulturkreisen stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei dem Verhältnis von Mexiko und den USA. Die Bandbreite des Künstlers, dessen Selbstverständnis politisch geprägt ist, reicht von Happenings, Videos, Radio Performances, Essays, Gedichten, Installationen, Straßeninterviews, Webauftritten, virtuellen Informationsnetzen bis hin zu Elektronischen „Hör“-Opern und Opernprojekten.
Seit mehr als 20 Jahren erforscht und reflektiert Guillermo Gómez-Peña in seiner Arbeit interkulturelle Themen, vermischt dabei die künstlerischen Grenzen und die Sprachen. Seine Tätigkeiten sind so vielschichtig, dass es schwer fällt, sie – wie viele Kritiker das tun – als „Chicano cyber-punk performances“ oder „ethno-techno art“ zu etikettieren. So vielfältig die Formen seiner Arbeiten sind, seinen Themen bleibt er unbedingt treu. Gómez-Peñas Interesse gilt den Ein- und Auswanderern, dem Fremd- und Anderssein, dem Misstrauen und der Angst gegenüber dem Fremden. Dass solche Themen auch seiner persönlichen Erfahrung entspringen, beschreibt Gómez-Peña in vielen seiner Texte. So berichtet er in seinem Buch „New World Border“ wie er, begleitet von einem gänzlich unmexikanisch aussehenden Jungen, von der Polizei verfolgt und gründlich überprüft wird. Den Verdacht auf Entführung, gegründet auf bloßen Augenschein, kann er schnell widerlegen: Der Junge ist sein Sohn.

Solche und ähnliche Erfahrungen inspirieren Gómez-Peña zu den Themen seiner Performances. Bei der Performance „The Loneliness of the Immigrant“ (1979) liegt er für 24 Stunden in einem öffentlichen Lift in Los Angeles. Gefesselt und verpackt in ein folkloristisch anmutendes gemustertes Tuch, als atmendes Möbel, vergessen im Stress eines umfangreichen Umzugs. Ergänzt wird die Menschenskulptur durch einen Text: “Moving to another country hurts more than moving to another house, another face, another lover ... In one way or another we all are or will be immigrants. Surely one day we will be able to crack this shell open, this unbearable loneliness, and develop a transcontinental identity …”. (zitiert nach: Dangerous Border Crossers, S.243)

Bereits in dieser frühen Arbeit zeigt sich, welche herausragende Bedeutung Texte in seinem Werk einnehmen. Sie ergänzen und erklären nicht nur, sondern stehen häufig im inhaltlichen Zentrum eines Projektes. So beschäftigen sich einige seiner Performances mit dem Thema Zensur. In einer Performancce spricht Gómez-Peña vor einer Video-Kamera einen Text, doch wird plötzlich der Ton ausgeblendet wie durch einen fiktiven Zensor. Es entsteht der Eindruck, als sei der Künstler nicht die letzte Instanz bei der Freigabe seiner Texte. Durch seine fremdartige Maske und das Kostüm wird angedeutet, dass die hier dargestellte „Gedankenzensur“ die Ausbreitung fremden und möglicherweise gefährlichen Gedankengutes bewirken soll.

Die Zensur taucht in seinem Werk jedoch nicht nur als ein psychischer Prozess auf. Dass sie auch physisch sein und sogar körperlich ausgetragen werden kann, zeigt das im Jahr 2000 entstandene, sehr humorvolle Video „A binational Boxer“. In ihm kämpft Gómez-Peña ausgestattet mit Symbolen seiner präkolumbianischen Herkunft als Boxer gegen sich selbst. Seine Boxhandschuhe sind im Design der mexikanischen und der US-amerikanischen Flagge gehalten. So tobt der Kampf der Identitäten gegen ihn, aber auch in ihm – die Internalisierung kultureller Minderwertigkeitsgefühle und das Gefühl ausgeschlossen zu sein werden als sportliches Happening theatralisiert.

Einen Schritt weiter geht die Arbeit „Trimming One’s Identity“. Hier malträtiert sich der in ein präkolumbianisches und zugleich extravagant futuristisches Kostüm gekleidete Künstler mit einer stumpfen Schere das Gesicht. Er inszeniert einen Menschen, der nicht mit sich im Einklang steht, heillos im Prozess permanenten „bordercrossings“ gefangen ist, ohne die Chance des Rückzugs auf eine sichere Identität zu haben.

In vielen vor allem jüngeren Arbeiten bezieht Gómez-Peña sein Publikum in seine Performances mit ein. Mitunter stellt sich der Rezipient nur selbst dar und wird damit zum eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. So etwa bei der „Performance Karaoke“, einer Interview-Aktion, bei der US-Amerikaner auf der Straße vor laufender Kamera gebeten werden, sich vorzustellen, ein Mexikaner zu sein. Dass dabei bedenklich stimmende, rassistische Meinungen zu Tage treten, überrascht wenig. Kurios und aufschlussreich wirkt dagegen ein junger Mann, der anfänglich scheu ist und die Mitarbeit ablehnt. Erst nachdem man ihm fünf Dollar verspricht, ist er bereit und beginnt sich vorzustellen, ein Mexikaner zu sein. Unversehens gibt so eine kritische Straßenaktion Einblick in die Projektionsfläche, die ein „durchschnittlicher“ Nordamerikaner zum Thema „mexikanische Kultur“ hat.

Als lebende Installation, ebenfalls mit interaktivem Ansatz, erscheint die Arbeit „Two undiscovered Amerindians visit Spain“ (1992). Gómez-Peña und Coco Fusco verbringen drei Tage in einem goldenen Käfig auf der Columbus Plaza in Madrid. Sie sind ausgestattet wie Ureinwohner einer vergangenen Hochzivilisation, denen man die Errungenschaften der modernen westlichen Welt hat zukommen lassen: Turnschuhe, Fernsehgerät, Plastiktischdecke und Micky Maus Teppich. Die Betrachter können um eine Fotopose bitten, sich von den „Eingeborenen“ die Haare kraulen oder sich eine Geschichte aus deren (Phantasie-)Heimat Guatinaui erzählen lassen. Und sie konnten natürlich spenden. In der Videofassung dieser an vielen Orten der Erde gezeigten „Guatinaui World Tour“ werden die dokumentarischen Bilder der Performance gegengeschnitten mit Filmmaterial aus dem Hollywood der dreißiger Jahre. Damals wurden anlässlich einer glanzvollen Filmpremiere dem Publikum zwei echte, nahezu unbekleidete Kannibalen demonstriert.

Gemeinsam mit der Gruppe „Border Arts Workshop“, deren Gründungsmitglied er ist, führt Gómez-Peña immer wieder Performances an der nordamerikanisch-mexikanischen Staatsgrenze auf, deren Militarisierung durch die Vereinigten Staaten ihn sehr beunruhigt. So inszeniert er in der Performance „End of the Line“ (1986) ein geselliges Treffen von „Gringos“ und Mexikanern. Der Tisch, an dem sich alle versammeln, steht dabei genau auf der geografischen Grenze. Die Performer halten sich „illegal“ die Hände und wechseln schließlich die Seiten. In der Performance „The Cruci-Fiction Project“ (1994) werden drei Darsteller für drei Stunden als Gekreuzigte aufgehängt – auch diese Aktion findet im Grenzbereich zu den USA statt.

Damit ist der Bogen geschlagen zu einem weiteren Thema von Gómez-Peña und seinen Mitarbeitern: Religion, religiöse Sehnsucht, religiöse Verführbarkeit im Spannungsfeld kultureller Differenz. Eine der bekanntesten und in seiner Wirkung fulminantesten Arbeiten zu diesem Themenbereich ist die Performance/Installation „The Temple of Confessions“ (1996). An vielen verschiedenen Aufführungsorten, in Museen und Galerien für experimentelle Kunst, im Rahmen von Festivals und in Universitäten, wurde die Arbeit von 1994 bis 1996 vor allem in den USA und Mexiko gezeigt.

In einer Umgebung, die Gómez-Peña mit an Reliquien erinnernden Gegenständen ausstaffiert, stellen er und der Künstler Sifuentes zwei lebende Heilige dar. Vor der Vitrine aufgestellte Bänke fordern die Zuschauer auf, vor ihnen nieder zu knien und zu beten – und so in einen Dialog zu treten mit den „Heiligen“, die aus der Entfernung tatsächlich die Aura von Anbetungswürdigen zu haben scheinen. Dekoriert mit präkolumbianischen Symbolen, kombiniert mit Objekten der mexikanischer Alltagskultur und mit lebenden Küchenschaben, Grillen oder einem Leguan erscheinen sie als exotische Schamanen in einer entgötterten Welt. So spiegelt das neugierige Interesse des Publikums zugleich seine Bedürftigkeit nach mythischer Sinngebung. Entsprechend sind die – per Tonband mitgeschnittenen – Reaktionen: Vertrautheit, Neugier, Gesprächsbedürftigkeit, melancholischer Neid auf verloren geglaubte Innerlichkeit und Anerkennung wechseln sich ab mit Ablehnung und blankem Hass. „Mexikaner, Hühner und andere Vulgaritäten“, so ein Besucher, hätten in der Kunst nichts zu suchen.
Author: Stefan Zednik 

Bio

Der 1955 geborene Guillermo Gómez-Peña wächst in Mexico City in bürgerlichem Umfeld auf. Als dasjenige von drei Geschwistern mit der dunkelsten Hautfarbe hat er schon als Kind das Gefühl, „doppelt so sauber und gut gekleidet“ sein zu müssen wie die Anderen. Im Klima einer jesuitischen Schulerziehung erfährt er die unterschiedliche Bewertung von Hauttönungen. „Ein Stachel in meinem Herzen, den ich in mir trage, und die USA haben die Wunde infiziert“ sagt er später darüber.

1968 besucht er zum ersten Mal Kalifornien. Ab 1973 studiert er Linguistik und Literatur in Mexiko City, später Kunst am California Institute of the Arts. Er erlebt die die letzte Phase der marxistisch und national-mexikanisch orientierten Studentenbewegung, setzt sich u.a. mit Zen, Castaneda und Krishnamurti auseinander. Dabei bleibt das Fundament seines Denkens die Erfahrung jener spezifisch mexikanischen „soledad“, dem Gefühl einer durch soziale Spannungen und politischer Ignoranz verursachten Einsamkeit.

Seit 1978 lebt er als Grenzgänger zwischen seiner Heimat und den USA, vornehmlich in San Francisco. Parallel zu seiner Arbeit als Journalist für Tageszeitungen gründet er mit anderen Künstlern 1984 den „Border Arts Workshop“, ein binationales Kollektiv, das zum Thema „Bordercrossing“ arbeitet und vornehmlich die Grenzregion Tijuana/San Diego als ein „Laboratorium für soziale und ästhetische Experimente“ nutzt. Bis 1990 ist er Mitglied dieser Gruppe. Seit 1991 arbeitet Gómez-Peña in einem kleineren Kreis enger Mitarbeiter zusammen, zunächst vor allem mit Coco Fusco (bis 1995), ab 1994 mit Roberto Sifuentes. Sifuentes begleitet ihn dabei in vielfältigen Funktionen, vor allem aber als Darsteller. Gómez-Peña erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den Prix de la Parole beim International Theatre Festival of the Americas (1989), den Bessie Prize in New York (1989), den Viva Los Artistes Award (1993) oder den American Book Award für „The New World Border“ (1997). Er ist der erste mexikanische Künstler, der mit dem berühmten MacArthur Fellowship ausgezeichnet wird (1991-96).

Guillermo Gómez-Peña schreibt neben Essays und Gedichten auch für die Magazine High Performance und Drama Review. Er pendelt heute vornehmlich zwischen Mexiko City und San Francisco.

Works

Ethno-techno

Published Written,
2005
Essays. Routledge: New York/London

Apocalypse Mañana

Production / Performance,
2002
Opera Electrónica, Komposition Guillermo Galindo

Dangerous Border Crossers: the Artist Talks Back

Published Written,
2000
Essays. Routledge: London

Codex espangliensis - From Columbus to the Border Patrol

Published Written,
2000
Essays. City Lights Books: San Francisco

A Binational Boxer

Film / TV,
2000
Video

The Indian Queen

Production / Performance,
1999
A Spanish Lowrider Opera

The Temple of Confessions

Production / Performance,
1996
Interaktive Installation

New World Border

Published Written,
1996
Essays/Gedichte. City Lights Books: San Francisco

Friendly Cannibals

Published Written,
1996
Ohne Angabe. Artspace Books. San Francisco

Temple of Confessions

Published Written,
1996
Essays. PowerHouse Books: New York

El Mexterminator

Production / Performance,
1995
Performance

The Cruci-Fiction

Production / Performance,
1994
Performance

Naftazteca

Production / Performance,
1994
Piraten-TV Performance

A binational performance pilgrimage

Published Written,
1993
Essay. Cornerhouse: Manchester

The Gratinaui World Tour

Production / Performance,
1993
Radio-Performance, 1992-93

Warrior for Gringostroika

Published Written,
1993
Essays / Gedichte. Graywolf Press: Saint Paul

The Gratinaui World Tour

Production / Performance,
1992
Performance/Installation, 1992-93

Designer Warrior

Production / Performance,
1992
Performance

Border Axis

Production / Performance,
1989
Informationsnetz/Installation des Border Arts Workshop

Border Brujo

Production / Performance,
1988
Performance, Film

Made in Aztlán

Published Written,
1986
Ohne Angabe. (Hrsg.), Centro Cultural de la Raza: San Diego

The Broken Line/ La Lìnea Quebrada

Production / Performance,
1986
Zweisprachiges experimentelles Magazin

The End of the Line

Production / Performance,
1986
Performance des Border Arts Workshop

Border Dialogues

Production / Performance,
1984
Zweisprachige Radioshow

The Ballad of Mister Misterio and Salome

Production / Performance,
1983
Performance

The Third Reality

Production / Performance,
1982
Performance

The Loneliness of the Immigrant

Production / Performance,
1978
Performance

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
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Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
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Jenseits des mexikanischen Spiegels

Jenseits des mexikanischen Spiegels/ Gedanken eines Grenzkünstlers
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