Rommelo Yu

Article Bio Works Projects
crossroads:
Armut, Identität, Rassismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Malerei, Videokunst)
region:
Asia, Southeast, Europe, Western, America, North
country/territory:
Philippines, Germany, United States of America
created on:
September 25, 2005
last changed on:
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information provided by:
Rommelo Yu

Article

Ohnmacht und Widerstand

Rommelo Yu sucht die Diskussion über soziale Ungerechtigkeit, Rassenvorurteile, Anpassungsdruck und Identitätsverlust. Geboren in Manila 1979 und aufgewachsen in den USA spielt für ihn die Erfahrung der nachhaltigen Folgen des Kolonialismus eine große Rolle. Formal findet er mit einer anziehenden und verführerischen Bildsprache oft einen sehr intimen und körpernahen Zugang zu seinen Themen
Rommelo Yu sucht die Diskussion über soziale Ungerechtigkeit, Rassenvorurteile, Anpassungsdruck und Identitätsverlust. Geboren in Manila 1979 und aufgewachsen in den USA spielt für ihn die Erfahrung der nachhaltigen Folgen des Kolonialismus eine große Rolle. Formal findet er mit einer anziehenden und verführerischen Bildsprache oft einen sehr intimen und körpernahen Zugang zu seinen Themen

Wenig empört ihn so sehr wie das Verschwiegene. "Warum erfuhr ich in der Schule nicht, dass Amerika mein Land von Spanien abkaufte, gerade als mein Volk nach 373 Jahren spanischer Besetzung seine Unabhängigkeit errungen hatte?", fragt Rommelo Yu. "Wie konnte ein Krieg von einem Ausmaß wie der Philippinisch-Amerikanische Krieg, bei dem eine Million Filipinos ihr Leben ließen, so völlig vergessen werden? Warum erfuhr ich nicht, dass man 1100 Filipinos ein Jahrzehnt lang in einen amerikanischen Zoo steckte, um ihre Primitivität zu demonstrieren?"

Rommelo Yu, 1979 in Manila auf den Philippinen geboren, wuchs seit seinem siebten Lebensjahr in den USA auf. Die Geschichte seiner Kindheit bildet die Folie der Arbeiten des jungen Künstlers, der seit 2001 in Berlin lebt. Derzeit arbeitet Rommelo Yu an einem groß angelegten Projekt, das er "Die Entkolonisierung des Geistes" betitelt hat - ein Projekt, das durch seinen inhaltlichen und formalen Umfang weit über seine ursprünglich biografischen Beweggründe hinausgewachsen ist. Darin geht es um Erfahrungen von Fremdheit und Ausgrenzung, von Anpassungszwang und autoritärer Gewalt, aber auch um den starken Wunsch nach Zugehörigkeit und Teilhabe an Macht. Wie man mit diesen Widersprüchen leben kann, ist eine der wiederkehrenden Fragen des Künstlers.

Das historische Material, auf das sich Rommelo Yu dabei bezieht, die Geschichten, die er erzählt und die Menschen, mit denen er sich hier auseinandersetzt, gehören unterschiedlichen Hintergründen an und überraschen in ihrer Spannbreite. In „Creatures of Comfort", einer Serie von Zeichnungen, gab er den Erinnerungen koreanischen und chinesischer Frauen, die im Zweiten Weltkrieg nach Japan verschleppt worden waren, eine Form. Zu den "Ready-Mades for post-colonial fetish" zählte unter anderem eine Installation aus Requiten einer vermeintlichen Exotik, zusammengestellt aus Fetisch-Objekten, Federn, Kunstfell, Glocken, Gewichten und Klammern. In einer Performance belud Rommelo Yu sich fast bis zur Bewegungsunfähigkeit mit diesen Objekten. Gleichzeitig malte er Bilder als Zeugnis seines eigenen, schmerzhaft besetzten Körpers. In "Lichtenberg" dagegen untersuchte er die Körpersprache rechtsradikaler Jugendlicher aus einem Bezirk im Osten Berlins und fragte nach den Gründen für ihre Posen.

Ebenso zahlreich wie die Inhalte sind die von ihm genutzten Medien wie Zeichnung, Schrift, Performance, Installation und Video. Spürbar ist in seinem Werk dennoch ist ein erstaunlicher Zusammenhang nicht nur inhaltlicher, sondern auch formaler Natur. Die von ihm entworfenen Formen beschäftigen sich durchgängig in sehr intimer Weise mit dem Körper. So wenig es überrascht, dass ein junger Künstler seiner Generation sich einem kritischen postkolonialen Diskurs verpflichtet fühlt, so sehr überraschen seine Wege der Annäherung und die Umsetzung seines inhaltlichen Stoffes.

So locken die kreisrunden Zeichnungen der "Creatures of Comfort" (2003) den Blick zuerst durch verführerisch ornamentale Strukturen an. Dann entdeckt man in den organisch weichen Formen eine geringelte Locke, Augen, ein Ohr, eine Brust. Allmählich setzen sich die Formen zusammen, Gesichter tauchen auf von kleinen Mädchen, finsteren Männern und Monster mit Krallen und Tentakeln. Dann erst rückt ins Bewusstsein, dass man die ganze Zeit auf pornografische Bilder gestarrt hat. Wie im japanischen Manga sind die Figuren verniedlicht und statt Männerschwänzen, deren Darstellung dann doch Einschränkungen nach sich zieht, schwänzeln jede Menge fremder Eindringlinge mit Tentakeln durch die Bilder.

Das aber ist nur die erste Ebene der Entschlüsselung. Erst aus einer Nähe, in der sich die Figuren wieder auflösen, erkennt man, dass ihre Flächen und Linien aus Textzeilen in winzig kleinen Buchstaben gebildet sind. Es ist kaum vorstellbar, wie man so zierlich schreiben kann. Die Sprache nimmt in diesen Pünktchen den Ton eines ganz leisen Flüsterns an, fast ein zärtliches Murmeln. Man muss seine Sinne schon sehr anstrengen, um mitzubekommen, was erzählt wird.

Das aber, die Bewegung durch ein fast Verstummen hindurch, durch den Rückzug in das kaum mehr Entzifferbare, ahmt genau nach, was das Schicksal dieser Texte war. Sie alle sind gefundenes Material; in allen erzählen Frauen. Hunderte davon entdeckte Rommelo Yu im Internet. Sie bezeugen die Geschichte erfahrener Gewalt, des Krieges, der Verschleppung, des sexuellen Missbrauchs und der Gleichgültigkeit danach. Die Frauen, die erzählen, stammen aus Korea, China und den Philippinen - und sie sind alt, als sie endlich über das Trauma ihrer Jugend reden können.

Für Rommelo Yu ist die Geschichte der Kolonialisierung eine, die quer durch den Körper geht und ihn mit widersprüchlichen Wünschen belegt. Die Erfahrung von Schwäche und Demütigung erzeugt den Wunsch nach Stärke: Die Ambivalenz der Stärke zwischen Schutz und Bedrohung thematisierte er in seiner Videoinstallation "Mike". In einem dunklen Raum, in dem zuerst nichts zu erkennen ist, taucht schemenhaft die Projektion eines schwarzen Mannes auf. Er bewegt sich sehr langsam, dreht sich ins Licht und entzieht sich wieder, seine Schuhe knarzen, die Kleidung erinnert an eine Uniform. Seine ungewöhnliche Ruhe und die Herauslösung der Figur aus jedem Kontext machen es schwer, ihn einzuschätzen. Rommelo Yu wirft den Betrachter damit auf seine Vorstellungen zurück, auf ein Nachdenken über die Bilder im Kopf.

An der Ausstellung "Räume und Schatten" im Haus der Kulturen der Welt nimmt Rommelo Yu mit einem Projekt teil, das ihn noch eine Zeit lang weiter beschäftigen wird. Für "Lichtenberg" trägt er Interviews und Videoaufzeichnungen zusammen, ein großes Archiv, das sich mit dem Auftreten, dem öffentlichen Bild und der Körpersprache von jungen Neonazis beschäftigt. "Lichtenberg" ist ein Langzeitprojekt und das Vertrauen zu den Beteiligten aufzubauen erfordert viele Gespräche. Eine Quelle für die Arbeit sind Therapiestunden für junge Neonazis, die aus der Szene aussteigen wollen und dem Künstler erlauben, mit seiner Videokamera dabei zu sein.

Es ist die erste größere Arbeit, bei der sich Rommelo Yu dezidiert mit deutschen und Berliner Verhältnissen auseinandersetzt. Die Frage liegt nahe, was gerade ihn an der Auseinandersetzung mit jungen Männern angezogen hat, die vor allem für ihre Fremdenfeindlichkeit und die Artikulation der Ausgrenzung berüchtigt sind. Wenn Rommelo Yu erzählt, warum er nach Lichtenberg geht, dann redet er über seine Kindheit in den USA und die Erfahrungen von Machtmissbrauch in der Familie und in Kinderheimen. Auch darüber, wie das Leiden unter Machtlosigkeit im Kind und Jugendlichen zum Wunsch nach Machtentfaltung und Gewalt führt. Seine These ist, dass die jungen Neonazis ein Bild bedienen, das Stärke suggeriert und dass sie oft nicht sind, was sie scheinen wollen. Er hört ihren Gesprächen zu und findet in ihren Familienproblemen, in der Missachtung durch Erwachsene, in ihrem Unglücklichsein, in dem Hunger nach Aufmerksamkeit und in der Anziehungskraft, die Verbotenes für sie hat, Motive seiner eigenen Kindheit wieder. Diese inneren Schichten will er in Bearbeitung des Materials zum Sprechen bringen.

Seine Konzepte sind durchdacht, seine Arbeitsweise ist langsam. Manchmal klingen seine Vorhaben gewaltig und ausufernd und man kann sich schwer vorstellen, wie er sie im Rahmen der Kunst auf den Punkt bringen will. Schließlich aber steht er auch noch am Anfang eines Weges und was bisher ausformuliert zu sehen war, hielt seinen selbst gesetzten hohen Ansprüchen Stand.

September 2005


Author: Katrin Bettina Müller

Bio

Rommelo Yu, geboren 1979 in Manila, Philippinen, lebte ab seinem siebten Lebensjahr gemeinsam mit seiner Mutter in den USA. Seine schulische Ausbildung erhielt er weitgehend in Internaten. Von 1995-2000 studierte er Kunst (Visual Arts), Literatur und Kreatives Schreiben an der Brown University, Providence, Rhode Island. Seit 2001 lebt er in Berlin.


Works

Selected Group Exhibitions

Exhibition / Installation
2003 “Lebenslänglich 14”, Laura Mars Grp., Berlin, Germany “paradies”, Mais V, Bunker unterm Alexanderplatz, Berlin, Germany “ArtCologne”, Kölner Kunstmesse, Cologne, Germany Artissima”, Turiner Kunstmesse, Turin, Italy 2002 “one fine day”, 34K, Berlin, Germany “Here and Now”, Büro Friedrich, Berlin, Germany snow crash”, Kunst- und Medienzentrum Adlershof, Berlin, Germany 2001 “White Hot”, Smack Mellon Studios, Brooklyn, New York, USA

Selected Solo Exhibitions

Exhibition / Installation
2003 “Creatures of comfort”, Laura Mars Grp., Berlin, Germany 2001 “Winter Special Projects”, P.S.1/MoMA, L.I.C., New York, USA 2000 “all Special Projects”, S.1/MoMA, L.I.C., New York, USA “Pat the Bunny”, Ethan Cohen Fine Arts, New York, USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)