Gao Xingjian

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crossroads:
Identität
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Roman)
region:
Asia, Eastern, Europe, Western
country/territory:
China, France
created on:
March 7, 2006
last changed on:
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information provided by:
Gao Xingjian
Gao Xingjian © Promo

Article

Schreiben heißt, sich seiner selbst zu vergewissern

Gao Xingjian, geboren 1940 in Ganzhou in der Provinz Jiangxi im Osten Chinas, erlangte Weltberühmtheit, als er im Jahr 2000 für sein literarisches Werk den Nobelpreis erhielt. Er arbeitete als Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und Maler und lebt seit 1988 im Exil. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht das Ringen um Identität und menschliche Wahrhaftigkeit.
Als Gao Xingjian im Oktober 2000 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, waren nicht nur weite Teile der interessierten Weltöffentlichkeit überrascht, sondern ebenso der Autor, der stets beteuert hatte, im Wesentlichen für sich selbst zu schreiben. Gewürdigt wurde mit dem Stockholmer Preis ein äusserst umfangreiches Schaffen – u.a. Gedichte, Dramen, Kurzgeschichten und Romane, als deren bedeutendste „Der Berg der Seelen” (lingshan: Seelenberg) und „Das Buch eines einsamen Menschen” (ige ren de shengjing: eines Mannes Bibel) gelten.

„Der Berg der Seelen” ist eine kaleidoskopartige Auseinandersetzung mit der Geschichte, Philosophie, Kultur und Gegenwart Chinas auf der Suche des Autors nach sich selbst. Sie reflektiert die zehnmonatige Wanderung, die er unter anderem entlang des Flusses Yangzi unternahm, um der Verschickung in ein Arbeitslager zu entgehen. Sieben Jahre schrieb er im französischen Exil an seinen Schilderungen, die 1990 erschienen. Sie gerieten ihm zu einer „einzigartigen Literaturschöpfung, die man unmöglich mit etwas anderem vergleichen kann als mit sich selbst” (Eröffnungsrede bei Verleihung des Nobelpreises, 2000). Ironischerweise hatte sich das Buch, das als schwer zugänglich und sehr „chinesisch” gilt, in den ersten Jahren kaum verkauft. Seine Misserfolge haben den Autoren nie entmutigt: „Nach meiner Erfahrung mit dem Schreiben kann ich nur sagen dass es der Bestätigung des eigenen Selbst dient...Literatur entsteht hauptsächlich aus dem Bedürfnis des Autors nach Selbsterfüllung. Ob sie irgendeine Rolle in der Gesellschaft spielt, entscheidet sich nach der Vollendung des Werkes und diese Rolle wird ganz gewiss nicht von den Absichten des Autors bestimmt.”

„Das Buch des einsamen Menschen”, das 1999 erschien, betrachtet der Autor als ein Gegenstück zum „Berg der Seelen”. Es ist ein nachdenklicher autobiografischer Rückblick – insbesondere auf die verschiedenen Rollen, die der Autor während der Kulturrevolution einnahm – als Rotgardist, Opfer und stiller Beobachter. Beide Romane hätten so nie in der Volksrepublik erscheinen können – hauptsächlich wegen der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der Gao die Kulturrevolution und seine sexuellen Begegnungen mit Frauen beschreibt. Seine Bücher werden auch nach der Verleihung des Nobelpreises als pornografisch und dekadent gebrandmarkt. Chinas erster und bislang einziger Nobelpreisträger wird in seiner Heimat totgeschwiegen.

Als Dramenschreiber am Volkskunsttheater in Peking erlangte Gao in den frühen achtziger Jahren auch im eigenen Land kurzzeitige Berühmtheit, bevor die Aufführungen verboten wurden. So etwa mit „Bushaltestelle”, ein Stück in dem Leute seit Jahrzehnten auf den richtigen Bus warten. Typisch für sein Theater ist die Verbindung von Einflüssen des westlichen Theaters (hier die Anspielung auf „Warten auf Godot”) mit klassischen chinesischen Elementen.

Gao Xingjian schätzt seine im Exil geschriebene Literatur deutlich höher ein als alles, was er unter Zensur und Selbstzensur in China verfasste. Mittlerweile schreibt er „mit reinstem Vergnügen” auch in französischer Sprache. Sich selbst sieht er weder als chinesischer noch als französischer Autor, sondern als Weltenbürger - und Schriftsteller schlechthin. Er steht wie kaum ein anderer für die Sehnsucht chinesischer Künstler nach Unabhängigkeit vom politischen Tagesgeschäft und die Restaurierung der Würde des innerlich beschädigten Menschens durch das Wort.

März 2006



Author: Hanne Chen

Bio

Gao Xingjian wurde im Januar 1940 in Jiangxi als Sohn eines Bankangestellten und einer Amateurschauspielerin geboren. Durch seine Mutter machte er früh Bekanntschaft mit westlichem Kino und Theater. Er entschied sich, Französisch zu studieren und machte seinen Abschluss 1962. In den frühen sechziger Jahren wurde Gaos Mutter zur Umerziehung aufs Land verschickt, wo sie bei einem Unfall ums Leben kam. Kurz nach Ausbruch der Kulturrevolution (1966-1976) verbrannte Gao vorsorglich sämtliche Manuskripte. Dennoch wurde er als Fremdsprachen-Student in ein Umerziehungslager geschickt. Die Wirren jener Zeit spielen in seinem späteren Werk eine Hauptrolle. Nach der Kulturrevolution arbeitete er als Übersetzer im Chinesischen Schriftstellerverband und als Dramenschreiber am Volkstheater Peking. Seine erste Erzählung erschien 1978. In den nächsten zehn Jahren folgten eine Reihe von Kurzgeschichten, Aufsätzen und Dramen, die zunehmend ins Visier der Parteikritik gerieten. Als Gao 1987 eine Gelegenheit bekam, als Maler nach Europa auszureisen, entschloss er sich, China endgültig zu verlassen, um ohne Repressionen schreiben zu können. 1989 trat er nach den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz aus der Partei aus.

Seine Hauptwerke verfasste er im französischen Exil, wo er 1998 die Staatsbürgerschaft zuerkannt bekam.

Works

Die Angel meines Großvaters

Published Written,
2008
Frankfurt/Main: Fischer

La silhouette sinon l´ombre

Film / TV,
2006

Das Buch eines einsamen Menschen

Published Written,
2004
Roman. S. Fischer: Frankfurt am Main

Snow in August

Published Written,
2003
Drama. Chinese University Press: Hongkong

Buying a Fishing Rod for My Grandfather

Published Written,
2002
Erzählungen. Flamingo: London

One Man´s Bible

Published Written,
2002
Roman. HarperCollins publishers: New York

Was hat uns das Exil gebracht?

Published Written,
2001
Gespräche. DAAD, Berliner Künstlerprogramm: Berlin

Das andere Ufer

Published Written,
2001
Drama. Sinologische Gesellschaft: Hamburg

Der Berg der Seele

Published Written,
2001
Roman. S. Fischer: Frankfurt am Main

Auf dem Meer

Published Written,
2001
Erzählungen. Fischer Taschenbuch: Frankfurt am Main

Nächtliche Wanderung : Reflektionen über das Theater

Published Written,
2000
Essays. Ed. Mnemosyne: Neckargemünd

Tuschmalerei 1983 - 1993

Published Written,
2000
Kalligrafien. Modo-Verlag: Freiburg

The Other Shore

Published Written,
1999
Drama. Chinese University Press: Hongkong

Ja oder Nein

Published Written,
1999
Drama. Projekt-Verlag: Bochum

Fugitives

Published Written,
1993
Drama. Center of East Asian Studies: Chicago

Flucht : eine moderne Tragödie

Published Written,
1992
Drama. Brockmeyer: Bochum

Die Busstation

Production / Performance,
1988
Drama. Brockmeyer: Bochum

Merits

1992 Chevalier de l´Ordre des Arts et des Lettres
2000 Literaturnobelpreis
2006, Lions Award vom New York Public Library (NYPL)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas

(24 March 06 - 14 May 06)

Www

Interview in der ZEIT

"Die Hölle ist man selbst" Ein Gespräch mit dem chinesischen Nobelpreisträger Gao Xingjian über den kalten Blick des Schriftstellers. Interview mit Rüdiger Wischenbart
extra

culturebase.net interview

culturebase.net interview mit dem chinesischen Nobelpreisträger Gao Xingjian im April 2006
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