Ryszard Kapuscinski

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crossroads:
Geschichte, Postkolonialismus
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Reportage)
region:
Europe, Eastern
country/territory:
Poland
city:
Warschau
created on:
June 11, 2003
last changed on:
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Ryszard Kapuscinski
Ryszard Kapuscinski © Irmi Long

Article

Reporter des Jahrhunderts

Der 1932 in dem heute weißrussischen Pinsk geborene und 1999 zum „Polnischen Journalisten des Jahrhunderts" gewählte Ryszard Kapuscinski nennt die von ihm selbst entwickelte Berichterstattung „literarische Reportage". Literarische Erzähltechniken verwendet er für Tatsachenbeschreibungen. "Mein Schreiben ist eine Kombination aus drei Elementen", erklärte Kapuscinski in einem Interview 1997. "Das erste ist Reisen, Reisen wie Erforschen als Zweck. Das zweite ist die Lektüre über das Thema. Das dritte ist die Reflexion, die sich aus dem Reisen und Lesen ergibt."
Ryszard Kapuscinski wurde am 4. März 1932 im damaligen ostpolnischen, heute weißrussischen Pinsk geboren, von wo er mit Kriegsbeginn gemeinsam mit seiner Familie nach Warschau floh. Nach dem Krieg studierte er an der Universität Warschau polnische Geschichte, 1951 begann er seine Tätigkeit als Journalist für die Jugendzeitung Sztandar Mlodych („Jugendbanner“), für die er Reportagen zu schreiben begann. Vier Jahre später reiste er zum ersten Mal nach Asien, um über die Konferenz der blockfreien Staaten in Java zu berichten. 1956 bis 1957 unternahm er als Berichterstatter ausgedehnte Reisen durch Indien, Pakistan, Afghanistan, Japan und China. 1958 reiste er im Auftrag der polnischen Nachrichtenagentur PAP zum ersten Mal nach Afrika, wo er von 1962 bis 1967 als regulärer Korrespondent von PAP tätig war. Anschließend folgte von 1967 bis 1972 seine Entsendung nach Lateinamerika. Zwischen 1972 und 1980 unternahm Kapuscinski ausgedehnte Reisen durch Afrika, Asien und Lateinamerika.

Seine Bücher gehen über die rein journalistische Darstellung hinaus und stellen eine Mischform dar, in der Elemente der herkömmlichen Reportage und des Essays ebenso vertreten sind wie Abschnitte in lyrischer Prosa oder historische Exkurse. Kapuscinski nennt diese von ihm selbst entwickelte Form „literarische Reportage", bei der die literarischen Erzähltechniken für Tatsachenbeschreibungen verwandt werden. „Mein Schreiben ist eine Kombination aus drei Elementen", erklärt Kapuscinski in einem Interview mit dem amerikanischen Journal of the International Institute 1997: „Das erste ist Reisen, Reisen wie Erforschen als Zweck. Das zweite ist die Lektüre über das Thema. Das dritte ist die Reflexion, die sich aus dem Reisen und Lesen ergibt."

Seine Popularität im Polen der sechziger und siebziger Jahre erklärt Kapuscinski mit dem damals stark begrenzten Informationsspektrum sowie der besonderen Faszination des postkolonialen Afrikas, in dem sich die Polen als von Preussen, Russen, Österreichern und später von den Sowjets kolonialisiertes Land wieder erkannten. Zudem bot der einzige Afrikakorrespondent des Landes einen Ausblick in eine exotische, im Geflecht des Kalten Krieges aber zuzuordnenden Ausblick auf die Welt weit jenseits sozialistischer Lebensräume.

Ein weiteres, bedeutendes Merkmal seiner früheren Bücher ist die Technik des äsopischen Schreibens, des Schreibens zwischen den Zeilen, bei der eine zweite Ebene in der Geschichte sichtbar wird. Kapuscinskis bekanntestes Buch, sein Reportage-Roman „König der Könige" über den Niedergang von Haile Selassies anachronistisch gewordenes Regime in Äthiopien erschien 1978 und verdankte seinen großen Erfolg in Polen auch der Tatsache, dass die Geschichte über den Hof des Kaisers dort als Parabel über das Zentralkomitee unter Gierek gelesen wurde.

Mit der amerikanischen Veröffentlichung von „König der Könige" (1983) wurde Kapuscinski auch im Westen bekannt. Das Buch wurde in den USA zum Bestseller und der britische Autor Salman Rushdie erklärte in der Sunday Times „König der Könige" zu seinem Buch des Jahres. 1978/79 entstand „Schah-in-schah" über das Ende des Pahlavi-Regimes und die Revolution im Iran, das 1982 erschien.

Kapuscinski´s Stärke liegt in seinem Blick für das Detail. „Mit Hilfe von Details kann man alles zeigen", schreibt er an einer Stelle. Kapuscinski verdichtet in einer Folge von kurzen, impressionistischen Kapiteln die kleinen, alltäglichen Details zu atmosphärischen Miniaturen, die Durchblicke auf die politischen Verhältnisse gestatten und verdeutlichen. Jede dieser Vignetten wird so zu einer Metapher des historischen Übergangs.

Kapuscinskis Ansatzpunkt unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was der amerikanische Journalist Robert Kaplan einmal den „Land Rover-Journalismus" der kurzfristig in Krisengebiete eingeflogenen Journalistenheere genannt hat. Kapuscinski glaubt, dass Journalisten die Pflicht haben, Sprachrohre derer zu sein, über die sie berichten. Oft war er gezwungen, sich auf eigenen Wegen sehr viel direkter und ausführlicher mit Land und Menschen zu befassen, weil er als Pole nicht über die finanziellen und logistischen Möglichkeiten der Mehrzahl seiner westlichen Kollegen verfügte.

„Im elektronischen Zeitalter bekommen wir eine Menge an Informationen und Eindrücken, aber keine Erklärungen", sagte Kapuscinski 2001 gegenüber dem britischen Independent. „Um den Kern einer Kultur zu erkennen, braucht es harte Arbeit und Zeit, nicht drei Tage Ruanda oder zwei Tage Sierra Leone. Die Medien marginalisieren zunehmend die Dritte Welt, entfernen sie aus unserem Verständnis und reduzieren sie auf einen Ort von Gewalt und Schrecken als Gegenbild unserer pseudo-realen Welt des Konsumerismus."

Zwischen 1989 und 1992 bereiste Kapuscinski die Länder der zerfallenden Sowjetunion und veröffentlicht seine Erfahrungen in dem Buch „Imperium".

Seine Reisetätigkeit setzte Kapuscinski lange fort. Er unterrichtete oft als Gastprofessor an ausländischen Universitäten, unter anderem an den Universitäten von Bangalore (Indien), Caracas, Philadelphia und Oxford. 1994 hielt er sich als Gast des DAAD in Berlin auf. Ryszard Kapuscinski erhielt zahlreiche polnische und internationale Auszeichnungen und Preise, u. a. wurde er 1999 von der Zeitung Gazeta Wyborcza zum „Polnischen Journalisten des Jahrhunderts" gewählt.

Kapuscinski verstarb am 23. Januar 2007 in Warschau.

Author: Michael von Assel 

Bio

Ryszard Kapuscinski wurde am 4. März 1932 im heute weißrussischen Pinsk geboren. Nach dem Krieg studierte er an der Universität Warschau polnische Geschichte. 1951 begann er seine Tätigkeit als Journalist für die Jugendzeitung Sztandar Mlodych („Jugendbanner“). 1955 reiste er zum ersten Mal nach Asien. 1956 bis 1957 unternahm er als Berichterstatter ausgedehnte Reisen durch Indien, Pakistan, Afghanistan, China und Japan. 1958 reiste er im Auftrag der polnischen Nachrichtenagentur PAP zum ersten Mal nach Afrika, wo er von 1962 bis 1967 als regulärer Korrespondent von PAP tätig war. Anschließend folgte von 1967 bis 1972 seine Entsendung nach Lateinamerika. Zwischen 1972 und 1980 unternahm Kapuscinski ausgedehnte Reisen durch Afrika, Asien und Lateinamerika. Mit der amerikanischen Veröffentlichung von „König der Könige" 1983 wurde Kapuscinski auch im Westen bekannt. 1982 erschien „Schah-in-schah" über die Revolution im Iran. Zwischen 1989 und 1992 bereiste Kapuscinski die Länder der zerfallenden Sowjetunion und veröffentlichte seine Erfahrungen in dem Buch „Imperium". Er unterrichtete oft als Gastprofessor an ausländischen Universitäten, u. a. in Bangalore (Indien), Caracas, Philadelphia und Oxford. 1994 hielt er sich als Gast des DAAD in Berlin auf. 1999 wurde er von der Zeitung Gazeta Wyborcza zum „Polnischen Journalisten des Jahrhunderts" gewählt.

Ryszard Kapuscinski verstarb am 23. Januar 2007 in Warschau.

Works

Ein Paradies für Ethnographen: Polnische Geschichten

Published Written,
2010
Eichborn

Der Andere

Published Written,
2008
Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main

Notizen eines Weltbürgers

Published Written,
2007
Eichborn Verlag: Frankfurt am Main

Die Welt des Ryszard Kapuscinski: Seine besten Geschichten und Reportagen

Published Written,
2007
Hrsg. Ilija Trojanow. Eichborn

Meine Reisen mit Herodot

Published Written,
2005
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Our responsibilities in a multicultural world

Published Written,
2002
Essays. The Judaica Foundation: Cracow

The shadow of the sun

Published Written,
2001
Essays. Allen Lane: London

Die Welt im Notizbuch

Published Written,
2000
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies

Published Written,
2000
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Z Afryki

Published Written,
2000
Czytelnik: Warszawa 2000

Augenzeugen der Geschichte

Published Written,
1999
Ohne Angabe. Ed. Weltenbürger: Hannover

Heban

Published Written,
1999
Czytelnik: Warszawa 1999

Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren

Published Written,
1999
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Lapidarium III

Published Written,
1997
Czytelnik: Warszawa 1997

Lapidarium II

Published Written,
1995
Czytelnik: Warszawa 1995

Wieder ein Tag Leben. Innenansichten eines Bürgerkriegs

Published Written,
1994
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

The best of Granta reportage

Published Written,
1993
Essays. Granta: London

Imperium. Sowjetische Streifzüge

Published Written,
1993
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Lapidarium

Published Written,
1992
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Der Fussballkrieg: Berichte aus der Dritten Welt

Published Written,
1990
Essays. Eichborn: Frankfurt am Main

Schah-in-Schah

Published Written,
1986
Essays. Kiepenheuer und Witsch: Köln

Notes

Published Written,
1986
(Gedichte), Czytelnik: Warszawa 1986

König der Könige. Eine Parabel der Macht

Published Written,
1984
Biographie. Kiepenheuer und Witsch: Köln

Szachinszach

Published Written,
1982
Czytelnik: Warszawa 1982

Cesarz

Published Written,
1978
Czytelnik: Warszawa 1978

Wojna Futbolowa

Published Written,
1978
Czytelnik: Warszawa 1978

Jeszcze dzien zycia

Published Written,
1976
Czytelnik: Warszawa 1976

Chrystus z karabinem na ramieniu

Published Written,
1975
Czytelnik: Warszawa 1975

Dlaczego zginal Karl von Spreti

Published Written,
1970
Czytelnik: Warszawa 1970

Kirgiz schodzi z konia

Published Written,
1968
Czytelnik: Warszawa 1968

Gdyby cala Afryka...

Published Written,
1968
Czytelnik: Warszawa 1968

Czarne gwiazdy

Published Written,
1963
Czytelnik: Warszawa 1963

Bush po polsku. Historie przygodne

Published Written,
1962
Czytelnik: Warszawa 1962

Merits

1994
Buchpreis zur Europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse
1999
Hanseatischer Goethepreis der Alfred-Töpfer-Stiftung
1999
Gewählt zum „Polnischen Journalisten des Jahrhunderts" der Zeitung Gazeta Wyborcza
2000
Premio Viareggio
2003
Premio Grinzane Cavour
Prinz-von-Asturien-Preis für Kommunikation und Humanwissenschaften
Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch

Www

Interview in der taz

"Wir handeln selbstmörderisch"
(05.06.2004) von Robert Misik

Essay in der Le Monde diplomatique

Das organisierte Böse
(16.03.2001) von Ryszard Kapuscinski

Nachruf auf Spiegel online

Der beste Reporter der Welt
(24.01.2007) von Claus Christian Malzahn

Artikel im Guardian

Poland´s ace reporter Ryszard Kapu?ci?ski accused of fiction-writing
New book claims journalist repeatedly crossed boundary between reportage and fiction-writing

(2. März 2010) von Luke Harding