Oumou Sangare

Article Works Projects
crossroads:
Frauen, Polygamie
genre(subgenre):
Musik (Afro-Pop, Wassoulou)
region:
Africa, Western
country/territory:
Mali
created on:
August 27, 2009
last changed on:
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Oumou Sangare
Oumou Sangare (c) Judith Burrows

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Streitbare Königin

Das Attribut „Queen“ wird in der Musikszene überstrapaziert und inflationär gebraucht. Es wimmelt von Königinnen sowohl in der Popwelt als auch im Jazz, ja, auch in der Weltmusik. Wer allerdings einmal dieser imposanten Frau begegnet ist, wird sich kaum mehr daran stören, dass sie immer wieder als „Queen Of Wassoulou“ bezeichnet wird: Oumou Sangare herrscht seit Anfang der 1990er tatsächlich unangefochten über die Sahel-Szene, wird in der Heimat abgöttisch verehrt, besitzt aber auch in Europa Star-Status – und dies, obwohl sie gerade mal ein eine Handvoll Alben auf den Markt gebracht und sich eine großzügige Pause von 13 Jahren gegönnt hat.
Sangare wird 1968 in Malis Hauptstadt Bamako geboren, ihre familiären Wurzeln jedoch liegen im Wassoulou, im Südosten, der grünsten, fruchtbarsten Region des Landes. Lange schon bringt der Wassoulou immer wieder großartige Sängerinnen hervor, die die Vielzahl von Rhythmen, die Tänze der Erntezeit zu einer packenden Musik formen. In dieser spielt neben dem sich majestätisch aufbäumenden, pentatonischen Gesang vor allem die Kamalengoni eine große Rolle: Das traditionelle Harfen-Instrument der Jäger wurde in neuerer Zeit von der Jugend adaptiert und sorgt für einen ruppigen, „funky“ Unterbau. Dies sind die Vokabeln, die den Stil „Wassoulou“ ausmachen und auf dem Oumou Sangares Musik aufbaut.

Schon als Kind lässt Oumou ihre von Mutter und Großmutter vererbten Vokal-Talente erkennen. Ende der 1980er startet sie ihre Karriere, indem sie mit dem Arrangeur Amadou Ba Guindo und dem Gitarristen Boubacar Diallo experimentiert und schließlich in Abidjan, damals noch alleiniges Zentrum der westafrikanischen Musikindustrie, ihre ersten Songs aufnimmt. Die sehr transparenten Sessions erscheinen zunächst auf Kassette als „Moussoulou“ (Frauen) und werden ein augenblicklicher Renner, hunderttausende Exemplare verkaufen sich in Afrika. Die Erklärung für diesen Erfolg kann man doppelt geben: Sangare revolutioniert die Popmusik Malis, indem sie sich vom damals gängigen elektrisch verstärkten Sound abkehrt und ausschließlich mit akustischen Zutaten wie der einsaitigen Fiedel, der Kamalengoni und Gitarre arbeitet. Das positioniert ihre kraftgeladene Stimme umso intensiver in der Mitte des Geschehens. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund: Niemals hat es jemand vor ihr gewagt, so unverblümt in den Texten Front zu machen gegen die Praxis der Polygamie. „Eine Frau ist genau für einen Mann gemacht“, bleibt die Maxime der gläubigen Muslima.

Auf Empfehlung von Ali Farka Touré schließlich kann Oumou Sangare ihren Ruf nach Europa ausweiten. Das Londoner Label World Circuit, das später mit dem Buena Vista Social Club ein glückliches Händchen hat, nimmt die 21jährige Frau aus Mali unter Vertrag. Schlagartig wird „Wassoulou“ ein Begriff in der noch jungen Weltmusik-Szene, die bislang aus Westafrika vor allem Männer kennen gelernt hatte. Ihr zweites Album „Ko Sira“ wird bereits in London eingespielt und avanciert 1993 zum Album des Jahres in den Worldmusic Charts. Mit dem dritten Werk „Worotan“ macht sie den gewagtesten Schritt. Ihr Sound wird kompakter und schlägt eine Brücke in Richtung Afro-Amerika: Niemand geringerer als Pee Wee Ellis, seine Zeichens Saxophonist bei James Brown, ist für die Bläsersätze verantwortlich. „Ich bin dabei, das Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne zu finden“, sagte sie damals. “In diesem Bläser-Sound fühlen sich viele Afrikaner zuhause, einerseits gibt es ihn ja auch im nigerianischen Highlife, andererseits spüren die Leute bei uns darin den Zusammenhang von Schwarzafrika und dem schwarzen Amerika.“ Auch dieses Werk von Oumou Sangare klettert wieder an die Spitze der Weltmusik-Listungen.

Ihre folgenden Jahre sind geprägt von einem Triumphzug über europäische, aber auch afrikanische Bühnen. Bei einem dieser Auftritte schmettert sie dem für seine Vielweiberei berüchtigten König von Swaziland eine im eigentlichen Wortsinn „schallende Ohrfeige ins Gesicht. Bei solchen „Unverfrorenheiten“ beruft sich Oumou Sangare auf die Wassoulou-Tradition des „Songbirds“: „Indem ich in die Rolle eines Vogels schlüpfe, habe ich mehr Freiheit, Missstände in der Gesellschaft anzuprangern, im Gesang lässt sich das viel leichter ausdrücken als wenn man direkt darüber spricht.“

Für ihren Mut und ihre innovativen Ansätze erhält sie in Aachen 2001 den International Music Council-Preis der UNESCO. Zugleich zieht sie sich in die Heimat zurück, veröffentlicht ihr viertes Album „Laban“ nur in Mali, das dort wieder sofort vergoldet wird, und sie eröffnet in Bamako ihr eigenes Hotel. Nur ausgesuchte Festivals in Europa profitieren von ihren Auftritten, die die Veröffentlichung einer Best Of-CD mit einigen bislang unbekannten Stücken begleiten. Endlich, nach nahezu 13 Jahren Pause, erblickt mit „Seya“ ein neues Studiowerk 2008 das Licht der Welt.

Von Transparenz kann nun keine Rede mehr sein: Oumou Sangare umgibt sich mit einer 40köpfigen Bigband, die jedoch das Kunststück schafft, die Hörgewohnheiten des Wassoulou und Europas zugleich zu verkörpern – nicht zuletzt deshalb sind Schlagzeuger Will Calhoun und Flötist Magic Malik mit von der Partie neben den vielen Akteuren an traditioneller Perkussion, Balafon, Lauten und Harfen. Als Produzent teilen sich der namhafte Cheikh Tidiane Seck und World Circuit-Mann Nick Gold das Pult. Die Texte rekurrieren auf altbewährte Themen: Der Kampf gegen Polygamie wird weitergeführt, das Loblied von Griots gesungen, aber auch das der Modedesigner und Schneider, die Sangares Charisma all die Jahre in Szene gesetzt haben. Dazu treten Lieder, die einfach auch mal die Freude („Seya“) des Feierns inszenieren. Und wenn das Haus der Kulturen der Welt sein 20jähriges Bestehen zelebriert, könnte das mit einer Oumou Sangare in Feierlaune nicht besser passen: Auch die ersten Erfolge der streitbaren Malierin liegen genau zwei Dekaden zurück.
Author: Stefan Franzen

Works

Seya

Published Audio,
2009
World Circuit (Indigo)

Oumou

Published Audio,
2004
Nonesuch

Worotan

Published Audio,
1996
Nonesuch

Ko Sira

Production / Performance,
1993
Nonesuch

Moussoulou

Published Audio,
1989
Nonesuch

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Spirit of the Haus (deutsch)

20 Jahre Haus der Kulturen der Welt

(02 September 09 - 30 September 09)