Kane Kwei

Article Bio Works Images
crossroads:
Status, Tod
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei)
region:
Africa, Western
country/territory:
Ghana
city:
Accra
created on:
May 13, 2003
last changed on:
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Article

Mit dem Mercedes auf großer Fahrt

Ein Mensch hat immer Platz in den Skulpturen von Kane Kwei. Aus Holz geschnitzt und bemalt verkörpern sie Objekte, die im Leben und in den Wünschen von Verstorbenen eine große Rolle gespielt haben und ihnen jetzt als Sarg dienen. Als Zimmermann begann Kane Kwei mit der skulpturalen Gestaltung; seit den siebziger Jahren arbeitete er mit seiner Werkstatt in Ghana auch für die Bühnen der Kunst. Mit spielerisch leichter Hand bog er die Pole zweier entgegen gesetzter Systeme zusammen, einer magisch verankerten Weltdeutung voller Beziehungen zwischen Geistern und Dingen und einem kapitalistischen System, in dem das Haben den höchsten Wert verkörpert. Kane Kwei verstarb 1992.
Kane Kwei wurde in den zwanziger Jahren in Teshi geboren, einem Fischerdorf zwischen der Hauptstadt Accra und der Ortschaft Tema. Er gehörte zu einem „königlichen" Klan, aus dessen Mitte traditionell die Oberhäupter gewählt wurden. Wie ein Onkel und ein älterer Bruder lernte er das Handwerk der Zimmerleute. Neben Möbeln, Türen und Särgen stellte er auch Nachbildungen von Kakaobohnen und verkleinerte Bootsmodelle her, die als Souvenirs bei den in Tema stationierten amerikanischen Soldaten beliebt waren.

Die ersten Särge, denen er eine ungewöhnlich ausdrucksvolle Form gab, entwarf Kane Kwei für Mitglieder seiner Familie. Für die Mutter eines Onkels, die als Fischhändlerin auf dem Markt geschätzt war, baute er einen großen Fisch. Der Onkel selbst, der Fischer gewesen war, erhielt einen Sarg in Bootsform, der mit Außenbordmotor und neun Ruderern besetzt besser ausgerüstet war als seine Kähne zu Lebzeiten.

Bald hatte Kane Kwei eine Reihe von Modellen entwickelt. Die Formen von Häusern, Luxuslimousinen und Booten verweisen auf den sozialen Status des Toten und bessern ihn nach. Früchte des Landes wie Kakaobohnen und Zwiebeln, deren Außenwände in leuchtenden Farben marmoriert sind, zeigen den Wohlstand einer Familie an. Ein Thunfischfänger bekam einen Thunfisch, ein Waljäger einen Wal. Für einen alten Mann bestellte die Familie einen Sarg in der Form eines Krokodils, weil ihr Haus in Flussnähe auf einem Grund gebaut war, den vorher Krokodile bewohnten. Ein großes Huhn, das mit weißgrauen Federn bemalt ist und eine Schar gelber Küken beschützt, ist für die Mutter einer Großfamilie gedacht.

Ausgefallener waren die Wünsche der europäischen Kundschaft Kane Kweis. Ein englischer Ethnologe wollte in einem Buch beerdigt werden, ein Gynäkologe und Kunstsammler, der Kane Kwei während seines Entwicklungsdienstes kennen gelernt hatte, bestellte gar einen Sarg in Form einer Gebärmutter.

Kane Kwei wurde „entdeckt", mehrfach gleich: von Entwicklungshelfern, Touristen, von Zeitschriften wie dem deutschen Magazin Geo, von Ethnologen, Kunsthistorikern, Sammlern, Künstlern. In den siebziger Jahren bestellte eine Galeristin aus Los Angeles sieben Särge und ein amerikanischer Sammler erwarb eine Kollektion für ein Museum. Mit der Teilnahme an der Ausstellung „Magiciens de la Terre" 1989 im Centre Pompidou in Paris wurde Kane Kwei zu einem weltbekannten Künstler; in vielen Ausstellungen dienten seine Särge seitdem als Vehikel für ein postmodernes Bild von Afrika.

In seiner Werkstatt, die seit seinem Tod 1992 von einem Sohn fortgeführt wird, arbeiteten zeitweise neun Zimmerleute und ein Maler. Zahlreiche Künstler aus Ghana haben sein Vokabular übernommen und entwickeln es weiter. Unter den neueren Modellen finden sich auch Dinosaurier und Coca-Cola-Dosen. Die Annäherung an die Pop-Kultur wächst.

Die Särge von Kane Kwei sind in vielen Welten zuhause. Ihre Form verankert sie fest im Diesseits, in einer Welt von Statussymbolen, Werbeträgern und Fetischobjekten; ihre Funktion dagegen weist ins Jenseits. Ihr Material ist vergänglich: Aus Holz geschnitzt, möglichst Mahagoni oder Wawa, war ihre ursprüngliche Bestimmung, in der Erde zu verrotten und sich aufzulösen. Sie gehörten den Geistern der Toten, nicht der Erinnerung der Lebenden. Erst die Transformation in einen Kunstgegenstand hat sie dieser Vergänglichkeit entzogen und zum dauerhaften Dokument im kulturellen Gedächtnis gemacht. Sie erzählen in ihrer Objekthaftigkeit von sozialen Umbrüchen der Postkolonialzeit, sie gehören der Sphäre des Glaubens und der Spiritualität an, sie bezeugen die unternehmerische Praxis des Handwerks und sie sind zu Kunstwerken geworden, die den autonomen Kunstbegriff des Westens mit Leichtigkeit umstoßen.

In die Begeisterung über Kane Kwei mischt sich einerseits die Sehnsucht einer selbstreferentiellen und von den Gesetzen des Marktes eingeschränkten Kunst nach einer tieferen Verbundenheit mit den existentiellen Feldern des Lebens. In den Skulpturen des Künstlers aus Ghana durchdringen sich das Heilige und das Profane ohne Mühe. Andererseits sehen seine Luxuslimousinen wie ein weißer Mercedes der hypertrophen Bedeutung der Waren und Dinge in der Pop-Kultur täuschend ähnlich; man ist fast versucht eine ironische Camouflage auf den Kapitalismus in ihnen zu wittern. Und doch weiß man, dass es sich um etwas anderes handelt.

Die Särge Kane Kweis haben die Ausstattung für die Reise ins Jenseits weiterentwickelt, in der Geschenke für die Toten, um ihre Geister von den Lebenden fernzuhalten, schon lange eine Rolle spielten. Zu den Statussymbolen, die um den Leichnam drapiert wurden, kamen schon bald nach der Ankunft der Europäer in Handelsunterkünften an der Goldküste, Waren europäischer Herkunft. Särge in Auftrag zu geben, war eine Neuerung der Kolonialzeit. Ihre besondere Gestaltung durch Kane Kwei ist also weniger tradierte Praxis als vielmehr eine Fortsetzung der Umschreibung von Zeichen, in der Symbole und Rituale in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Gegenwart neu formuliert werden.

Manche Fotografien zeigen die Särge Kweis oder anderer Künstler am Ort ihrer Entstehung und ihres Gebrauchs. Da bilden sie den Mittelpunkt einer vielköpfigen, familiären Kommunikation. Ganz anders werden sie im Kunstkontext ihrer Ausstellungen in Europa oder den USA präsentiert, sozusagen vereinsamt und als Objekt isoliert. Diese beiden Umgangsweisen stehen nebeneinander und markieren deutlich eine nicht zu schließende Lücke dazwischen. So haben sie als Skulpturen nicht zuletzt die Aufgabe übernommen, die Unterschiede im Verständnis und der Funktion von Kunst bewusst zu machen.


Author: Katrin Bettina Müller 

Bio

Kane Kwei wurde in den zwanziger Jahren (die Angaben schwanken zwischen 1922, 1924 und 1926) in Teshi geboren, als die Küste Ghanas von den Kolonialmächten noch Goldküste genannt wurde. Er begann als Zimmermann, der neben Möbeln auch Särge fertigte. In den siebziger Jahren setzte seine Entdeckung durch das westliche Kunstsystem ein und der Transfer seiner Särge in Museen, Galerien und Sammlungen. Mit der Pariser Ausstellung „Magiciens de la Terre" wurde er 1989 international bekannt. In Ghana haben viele Künstler seine Modelle aufgenommen und weiterentwickelt. Seit seinem Tod 1992 führt ein Sohn seine Werkstatt weiter.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Arts of Africa“, Grimaldi Forum, Monaco, Frankreich „African Art Now”, Museum of Fine Art, Houston, USA 2004 "Sexualität und Tod - AIDS in der Zeitgenössischen Afrikanischen Kunst", RJM Museum, Köln 2003 „Ghana: hier et aujourd’hui", Musée Dapper, Paris, Frankreich 1998 „AFRICA Vibrant New Art from a Dynamic Continent”, Tobu Museum of Art, Tokio, Japan 1996 „Neue Kunst aus Afrika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1993 „Skizzen eines Projektes“, Ludwig Forum für internationale Kunst, Aachen 1991 „Africa Explores: 20th Century African Art”, New Museum of Contemporary Art, New York, USA 1989 „Magiciens de la Terre”, Georges Pompidou Center, La Grande Halle de la Villette, Paris, Frankreich

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2000 „Ein Fisch für die letzte Ruhe“, Museum auf dem Ohlsdorfer Friedhof, Hamburg 1998 „Kane Kwei”, Museum of Contemporary and Modern Art, Genf, Schweiz 1997 „Wie das Leben, so der Sarg...Nam June Paik“, Ifa Gallery, Bonn
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Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt