Michael Joo

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crossroads:
Buddhismus, Energie, Gender, Identität, Medien, Natur, Rassismus, Religion, Spiritualität, Technologie
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Multimedia, Videokunst)
region:
America, North
country/territory:
United States of America
created on:
May 12, 2008
last changed on:
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Article

Big Brother für Buddhas

Der versunken nach unten blickende Kopf der Buddha-Statue ist umsponnen von einem Netz aus Webcams, jede ein Auge mit schwarzer Pupille, das auf ihn blickt. Buddha ist in der Gegenwart angekommen – er wird von Kameras observiert, seine Meditation wird vielfach aufgezeichnet, vervielfältigt und verbreitet. Ein Big Brother für Buddhas. Die Installation des Künstlers Michael Joo „Bodhi Obfuscatus (Space Baby)“ erhielt 2006 den ersten Preis der Gwangju-Biennale in Korea, die im Zeichen einer gesamtasiatischen Kunst stand. Wie kaum ein anderer präsentiert Michael Joo mit seinen Referenzen zu Buddha und dem Buddhismus Asien, obwohl er in New York geboren und beheimatet ist. Auch auf der 52. Biennale di Venezia 2001 vertrat er das Heimatland seiner Eltern Korea. Joos Multimedia-Installationen laden zum Rätseln ein, spielen mit Stereotypen und lassen Pop-Art auf ehrwürdige Tradition prallen.
Vielfach ist bei dem Werk des koreanischstämmigen Amerikaners Michael Joo „Bodhi Obfuscatus (Space Baby)“ (2005) von einem „Heiligenschein“ aus Kameras die Rede. Mit der Ikonografie des Heiligenscheins aber hat das Netz aus Kameras, das sich vor dem Gesicht des Buddhas wölbt, wenig gemein. Joo selbst sieht hier einen „Astronautenhelm“, eine „Einzelhaftzelle“ und eine „Kamera“ – all das gleichzeitig. Tatsächlich wirkt der meditierende Buddha brutal in die heutige Zeit geworfen, gefangen und observiert.

Joos „Bodhi Obfuscatus“ erinnert an Arbeiten des Videokünstlers Nam June Paik, dem „Michelangelo of Electronic Art“. 1968 stellte der in New York eine Buddhastatue auf, die auf einen Fernsehmonitor blickte. Was damals leicht als eine „West meets East“-Allegorie gelesen werden konnte: Ein tiefreligiöser „Buddha“ blickt auf sein flaches Pop Art-Abbild. Paiks „TV Buddha“ wie Joos „Bodhi Obfuscatus“ sind stylish und würden in jedes New Age Wohnzimmer passen. Joo aber hat die Ernsthaftigkeit hinter sich gelassen, bewegt sich spielerisch und möchte etwa mit dem Titel nichts weiter, sagt er, als „lächerlich“ zu wirken:

„Dieses Werk heißt ‚Bodhi Obfuscatus’. Es spielt mit dem lateinischen Begriff und dem Hindi-Ausdruck ‚Bodhi’. ‚Obfuscatus’ ist eine Art Mutation des Lateinischen und soll irgendwie wissenschaftlich klingen und ein bisschen lächerlich, es ist eine Art Spiel: ein lächerlicher Titel.“

Lächerlich, scheint es, ist für ihn die simple Gegenüberstellung von Ost und West, wie sie in dem Titel anklingt, längst. Osten und Westen sind 40 Jahre nach Paiks „TV Buddha“ nicht mehr als Gegensätze verstehbar und waren es nie. Joo spielt mit den Stereotypen und ihren simplen Gleichungen, nicht ohne sich ganz anderen Fragen zu widmen. Interessiert ist der Künstler nämlich vor allem an den vielfachen Identitäten von Einzelnen und Gruppen und auch den Myriaden Lesarten, die sich dadurch bieten. Das gelingt ihm mit „Bodhi Obfuscatus“ gleich zweifach. Die Installation, die er 2008 in der von Shaheen Merali kuratierten Ausstellung „ReAsia“ im Haus der Kulturen der Welt präsentiert hat, ist seine dritte dieser Art. Schon zum dritten Mal hat der Künstler einem Objekt genau diesen Helm aus Kameras übergestülpt und hat damit die Gandhara Buddha-Statue aus dem dritten Jahrhundert ihrer Identität und Originalität beraubt: „In gewisser Weise hat diese Installation eine Art ‚Zwilling’ in einer anderen Ausstellung, die sozusagen das ‚Original’ ist. Aber welches ist eigentlich das Original dieser Skulptur?“, fragt der Künstler. „Ich war außerdem fasziniert“, sagt er weiter, „von der Möglichkeit, dass dieser Buddha irgendwie ein Doppelleben geführt haben könnte, das ihn mit ganz verschiedenen Daseinsweisen verbunden hat.“

Indem Joo nach dem Original fragt, attackiert er spielerisch fest gefügte Begrifflichkeiten und entlarvt sie als Stereotypen: Ein Original lässt sich aufheben, lässt sich in einer Serie auflösen und gewinnt so eine andere Identität. War nicht auch die Gandhara-Statue selbst bereits Teil einer frühen Massenproduktion, kann man weiter fragen. Und lassen sich so nicht schnell auch die Grenzen zwischen Moderne und Altertum verwischen? Hatte letztlich nicht auch schon der vormoderne Mensch multiple Identitäten oder Rollen? Die Kameras, die mit vielen Augen auf ihn blicken und so verschiedene Perspektiven und Lesarten anbieten, scheinen genau das zu bestätigen.

Joos Buddha ist also eine Zeitmaschine, die uns auf eine Reise in die Vergangenheit einlädt, dabei in die Gegenwart zurückkatapultiert und ihre Fragen beantwortet: „Hoffentlich können wir, selbst wenn wir viele hunderttausend Jahre umspannen, eine ähnliche, ganz zeitgenössische Frage an uns stellen, indem wir uns im Spiegel anblicken und dabei gleichzeitig durch die neue Technologie auf etwas im besten Sinne Heiliges wie diese Skulptur, die uns möglicherweise zurückbringen kann in die damalige Zeit, als der Künstler dieses Werk erschuf.“

Joo erschaffe eine Welt, schrieb der Kunstkritiker Ken Johnson in der Art in Review der New York Times vom 4. Juni 1999, die philosophisch hermeneutisch sei. Seine Multimedia-Figuren seien „philosophical riddles”, sie laden zum Rätseln ein, spielen mit Stereotypen und, folgert er: „Je mehr man über sie nachdenkt, desto interessanter werden sie“.



Alle Zitate sind Kommentare des Künstlers zu seinem Werk im Haus der Kulturen der Welt, 2008
Author: Heike Gatzmaga

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2008 ReAsia, Haus der Kulturen der Welt, Berlin Red, Sotheby´s, New York/N.Y., USA 2007 New York States of Mind, Queens Museum of Art, Queens/N.Y., USA Shangri-la, Haus der Kulturen der Welt, Berlin Timer 01/Intimita/Intimacy, Triennale Bovisa, Milano, Italien Post Object, Doris McCarthy Gallery, University of Toronto, Ontario, Kanada 2006 In The Darkest Hour There Will Be Light, Serpentine Gallery, London, Großbritannien 6. Gwangju Biennale2006, Gwangju, Korea Eretica, Palazzo Sant´ Anna, Palermo, Italien RADAR: Selections From The Collection of Vicki and Kent Logan, Denver Art Museum, Denver/Colorado, USA 2005 Artwalk NY, Sotheby´s, New York/N.Y., USA Monuments For The USA, CCA Wattis Institute For Contemporary Arts, San Francisco/California; White Columns, New York/N.Y., USA This Must Be The Place, Center For Curatorial Studies, Bard College, New York/N.Y., USA 2004 Art Basel 04 (film/video), Basel, Schweiz Field, Socrates Sculpture Park, curated by Alyson Baker, Long Island City/N.Y., USA Needful Things: Recent Multiples, Cleveland Museum, Cleveland/Ohio, USA Standing on a Bridge, Arario Gallery, Seoul, Südkorea 2003 Black Belt, The Studio Museum in Harlem, New York/N.Y., USA Commodification of Buddhism, The Bronx Museum of the Arts, Bronx/N.Y., USA Full Frontal, Contemporary Asian Artists from the Logan Collection, Denver Art Museum, Denver/Colorado, USA Paradise/Paradox, Castle Gallery, The College of New Rochelle/N.Y., USA Short Cuts: Video Art and Photography, The Israel Museum, Jerusalem, Israel 2002 Black Mariah Film Festival, Jersey City/New Jersey, USA It´s Unfair!, Museum de Paviljoens, Almere, Niederlande Manifeste, oder: Ergriffenheit – was ist das?, Galerie Daniel Blau, München The Mind is a Horse, Bloomberg Space, London, Großbritannien 2001 A Contemporary Cabinet of Curiosities, Selections from the Vicki and Kent Logan Collection, California College of Arts and Crafts, Oakland/Kalifornien, USA Translated Acts, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Queens Museum of Art, Queens/N.Y., USA 2000 Drawings 2000, Barbara Gladstone Gallery, New York/N.Y., USA Juvenilia, Yerba Buena Center for the Arts, San Francisco/Kalifornien, USA Koreamericakorea, Artsonje Center, Seoul, Südkorea; Sonje Museum, Gwangju, Südkorea The Korean War and American Art: Fifty Years Later, Guild Hall Museum, East Hampton/N.Y., USA Media_City Seoul 2000, National Historical Museum, Seoul, Südkorea Psycho, Art and Anatomy, Anne Faggianto Fine Art, London, Großbritannien 2000 Whitney Biennial 2000, Whitney Museum of American Art, New York/N.Y., USA 1998 Matthew McCaslin, Susan Etkin, Michael Joo, PS.1 Contemporary Art Center, Long Island City, New York/N.Y., USA Nine International Artists at Wanås, Wanås Foundation, Knislinge, Schweden Selections from the Permanent Collection, Walker Art Center, Minneapolis/Minnesota, USA 1997 2. Johannesburg Bienniale 1997, Museum of Africa, Johannesburg, Südafrika Art in the Anchorage, Creative Time, Brooklyn Bridge Anchorage, Brooklyn/N.Y., USA Techno-Seduction, Cooper Union School of Art, New York/N.Y., USA Transmission, L´Ecole des Beaux Arts Galerie, Paris, Frankreich 1996 Against, Anthony D´Offay Gallery, London, Großbritannien Joo, Sheward & White, Wigram, The Post Office, London, Großbritannien Patrick Painter Editions, Bloom Gallery, Amsterdam, Niederlande Urban Structures, Kunsthalle, München 1995 La Belle et la Bête, (Beauty and the Beast), Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris, France (ARC), Paris, Frankreich Better Living Through Chemistry, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA Configura 2: Dialog der Kulturen, Erfurt Institute of Cultural Anxiety, Institute of Contemporary Art, London, Großbritannien Gwangju Biennale, Gwangju Contemporary Museum, Gwangju, Südkorea 1994 Crash, Thread Waxing Space, New York/N.Y., USA Drawing on Sculpture, Cohen Gallery, New York/N.Y. , USA Some Went Mad, Some Ran Away, Serpentine Gallery, London, Großbritannien; Nordic Arts Centre, Helsinki, Finnland; Kunstverein, Hannover; Museum of Contemporary Art, Chicago/Illinois, USA; Portalen, Kopenhagen, Dänemark 1993 Across the Pacific, Queens Museum of Art, Queens/N.Y.; Kumho Museum, Seoul, Südkorea Aperto-93, 45th Biennale di Venezia, Venedig, Italien Changing I: Dense Cities, Shedhalle, Zürich, Schweiz The Final Frontier, New Museum for Contemporary Art, New York/N.Y., USA

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2008 PKM GALLERY, Seoul, Südkorea Circannual Rhythm, Anchorage Museum of History and Art, Anchorage, Alaska 2006 Michael Joo, Rodin Gallery, Seoul, Südkorea 2005 Anton Kern Gallery, New York/N.Y., USA Bodhi Obfuscatus (Space-Baby), Asia Society, New York/N.Y., USA Still Lives, The Bohen Foundation, New York/N.Y., USA 2004 Michael Joo, Palm Beach Institute for Contemporary Art, Lake Worth/Florida, USA 2003 Michael Joo, MIT List Visual Art Center, Cambridge/Massachusetts, USA 2002 Anton Kern Gallery, New York/N.Y., USA Curti/Gambuzzi & Co., Milano, Italien PKM GALLERY, Seoul, Südkorea 2001 49. Venedig Biennale, Südkoreanischer Pavillon, Venedig, Italien 1999 Anton Kern Gallery, New York/N.Y., USA 1998 White Cube, London, Großbritannien 1997 Anton Kern Gallery, New York/N.Y., USA 1996 Thomas Nordanstad Gallery, New York/N.Y., USA 1995 Crash, Anthony D´Offay Gallery, London, Großbritannien Galerie Anne de Villepoix, Paris, Frankreich Nature vs. Nature at the Glass Ceiling, Stedelijk Museum Bureau Amsterdam, Amsterdam, Niederlande (mit Christiaan Bastiaans) Thomas Nordanstad Gallery, New York/N.Y., USA 1994 Salt Transfer Cycle, Thomas Nordanstad Gallery, in collaboration with Petzel/Borgmann Gallery, New York/N.Y., USA 1992 The Artifice of Expenditure, Nordanstad-Skarstedt Gallery, New York/N.Y., USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

RE ASIA

Exhibition, Films, Literature, Dance, Conference

(13 March 08 - 18 May 08)
images
Bodhi Obfuscatus (Space-Baby)