Rivka Rinn

Article Bio Works Projects Images
crossroads:
Flucht, Geschichte, Geschwindigkeit, Holocaust, Mobilität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie)
region:
Middle East, Europe, Western, Europe, Southern
country/territory:
Israel, Germany, Italy
city:
Berlin, Rom, Tel Aviv
created on:
May 13, 2003
last changed on:
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Article

Der gefrorene Augenblick

Sie ist eine Poetin der Geschwindigkeit. Bei 80 bis 1100 Stundenkilometern fotografiert die israelische Künstlerin Rivka Rinn aus Zügen und Flugzeugen. Stadt und Land verschmelzen längs der Verkehrswege in diesen flüchtig durchmessenen Räumen. Doch nicht nur der alltäglichen Mobilität und dem Vorübergleiten des Wirklichen gelten ihre Aufnahmen. Ein Subtext verbindet die Ortswechsel mit Deportation und Flucht. Das geografische Gewebe ihrer Landschaften ist aufgeladen mit historischen Erinnerungen.
„Rivka Rinn was born in Nepal to a Polish diplomat and a Russian mother who inserted the Tibetian tradition of curing into her medicine practise." So beginnt ein biografischer Text, mit weißen Reliefbuchstaben auf ein Emaille-Schild gedruckt in dem Triptychon „Dislocated CV" von Rivka Rinn 1997. Die mittlere Tafel zeigt das Dach eines Eisenbahnwagons mit vergitterten Fenstern. Ein zweiter biografischer Entwurf folgt, der sich wieder in wenigen Sätzen durch mehrere Kontinente, Kulturen und historische Räume bewegt: „Rivka Rinn was born in Sun Prairie County, Wisconsin to a family related to Ida van Eyck, the mother of Toto O’Keeffe. She was raised in Europe, where her father, a former student of the Bauhaus in Weimar, collected a large number of photographs, mostly from Laszlo Moholy-Nagy.” Der letzte Satz „She lives and works in Berlin, Ravensbrück and Tel Aviv” verweist mit dem Ort des Konzentrationslagers eindeutig auf den Holocaust. Die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden geistert wie ein Gespenst durch den weltläufigen Kontext der fiktiven Biografien, als ob sie der Ausgangspunkt aller Bewegungen über die Erdkugel wären.

Als Rivka Rinn 1994 mit 44 Jahren nach Berlin zog, erlebte die temperamentvolle Künstlerin zum ersten Mal in ihrem Leben eine tiefe Niedergeschlagenheit. Der Zug, mit dem sie in Berlin ankam, der IC 545, war benannt nach der Dichterin Else Lasker-Schüler, die in der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschland nach Tel Aviv emigrieren musste. Kein Tag verging, ohne dass Rivka Rinn in Berlin von Diskussionen um den Umgang mit der Vergangenheit des Faschismus und der Vernichtung jüdischen Lebens hörte, die hier plötzlich so viel näher auf sie eindrangen, als an ihren vorherigen Wohnorten in Tel Aviv, Wien und Florenz. „Ich konnte keinen Schritt vor die Tür setzen, keine Straße überqueren, ohne Verbindungen zu sehen", erinnert sie sich. Fuhr eine S-Bahn nach Wannsee, Endstation einer Linie, dachte sie an die sogenannte „Wannsee-Konfernenz", auf der 1942 die Deportation der europäischen Juden organisiert wurde. Erzählte jemand vom Umbau des Reichstages in den Deutschen Bundestag, hörte sie gleich das „Dritte Reich" heraus. Bald gab es kaum noch einen Ort, zu dem nicht eine neue Geschichte aus der Zeit der Verfolgung der Juden auftauchte. Mit dieser Besetzung der Stadt durch die Rückkehr der Geschichte hatte die Künstlerin nicht gerechnet. Sie blieb dennoch und hält auch heute zwischen Rom und Berlin pendelnd an ihrem Atelier im Berliner Stadtteil Kreuzberg fest.

Ihre Fotografien von Berlin, die in Videos und Tafeln Teil eines visuellen Tagebuchs über die alltäglichen Wege und die Beschleunigung unserer Wahrnehmung geworden sind, zerfallen in zwei Bildgruppen: die eine ist mit den historischen Namen verbunden, die andere zeichnet das wachsende Netz ihrer privaten Beziehungen nach. In ihrem Video „Velocity Particles" (1997/2001) verschränken sich beide Ebenen im Takt von 8 Bildern pro Sekunde. Sie sind nicht mehr auseinander zu dividieren. Der Betrachter erfährt nichts von der Verbindung der schnell vorbeiwischenden Orte mit der Geschichte der Vernichtung. Der Sog, den sie entwickeln, verstärkt das Gefühl eines Verlustes von Wirklichkeit: Nicht bleiben und Nichts festhalten zu können, bestimmt den Pulsschlag des Lebens.

Rivka Rinn fotografiert auf dem Weg zum Supermarkt und auf dem Flug nach Rom, durch regennasse Windschutzscheiben und die Panorama-Fenster einer Lobby, in Autobahntunneln und an Mautstellen, auf Bahnsteigen und Landebahnen, auf Brücken und in Unterführungen. Die moderne Mobilität, die das Begreifen der Wirklichkeit aushöhlt, erhält bei ihr eine neue Signatur. Die Bildträger aus Glas, Lichtkästen, Emaille, Metall und Leinwand halten dabei den flüchtigen Bildern den Wunsch des Überdauerns entgegen. Rivka Rinns Bilder sind nicht kalkuliert und bestechen dennoch durch eine eigene Schönheit und Selbstvergessenheit. Immer wieder forstet sie ihre ständig wachsende Sammlung durch und entdeckt unter den unbeabsichtigten Momentaufnahmen Bilder, die in einen anderen Kontext versetzt zu sehr genauen Formulierungen werden. Es sind gefrorene Augenblicke, die sich zu einem unendlichen Gespinst verketten.

Rivka Rinn, geboren 1950 in Tel Aviv, begann als Malerin. Eines ihrer ersten Ateliers lag in der Wüste, unterhalb einer Radarstation, an der sie ihren Militärdienst leistete. Auf einem der letzten Bilder, die sie 1987 malte, hat sie die Raumstation „Voyager I" skizziert, treibend in einem unendlichen Farbmeer. Sieht man heute ihre fotografischen Reihen, könnte man fast glauben, dass sie sich selbst in einer unendlichen Umlaufbahn um die Erde befindet und dort nicht nur Signale verschiedener Orte sondern auch verschiedener Zeiten auffängt.

Es ist das Auge der Malerin, mit dem sie aus ihrem Archiv eine Auswahl für jede neue Ausstellung trifft. Seit zwei, drei Jahren vergrößert sie Bildausschnitte in Inkjetdrucken auf Folien, die den Fenstern des jeweiligen Ausstellungsortes angepasst sind. Die farbigen Pixel flimmern wie die Farbpunkte eines impressionistischen Gemäldes. Nachts leuchten die unwirklichen Landschaften wie ein stillstehender Film; nach Salzburg brachte sie so einen Ausschnitt von Johannesburg, am Haus der Kulturen der Welt leuchtete die Skyline von Tel Aviv, und in der Linienstraße im Berliner Galerienviertel erschien die Brooklynbridge. „Durch die Projektion von fernen Landschaften auf bekannte Umgebungen wird die Harmonie der existierenden Architektur destabilisiert. Die Projektion ist das Abbild des Anderen, und durch die Versetzung (in eine andere Umgebung) wird das andere zu einem integralen Teil der urbanen Landschaft," beschrieb Rivka Rinn diesen Transfer im Katalog der Ausstellung „Heimat Kunst". Sie ist in ihren Bildfolgen zuhause, die ständig weit auseinander liegende Orte miteinander verschmelzen. Durch jeden Ort in dieser Landschaft der Gegenwart scheinen andere Räume auf, die der Betrachter schon in sich trägt.
Author: Katrin Bettina Müller 

Bio

1950 wurde Rivka Rinn in Tel Aviv geboren und wuchs dort auf. Sie studierte in Wien (1976 – 1980) an der Hochschule für Angewandte Kunst. 1981 begann sie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg zu lehren und setzt heute diese Seminare als Professorin fort. 1986 – 1994 lebte sie in Florenz. Ihr fotografisches Werk entstand ab Ende der achtziger Jahre. 1994 zog sie nach Berlin und arbeitet heute dort und in Rom.

Works

Rivka Rinn, View Through

Published Written,
1998
Katalog, Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst, Edition Galerie Fotohof, Salzburg

Rivka Rinn, Time Station

Published Written,
1997
Katalog, Georg Kolbe Museum, Berlin und Neue Galeria am Landesmuseum Joanneum/ Graz and Galerie Gaudens Pedit/Lienz

Rivka Rinn, Olympus Trip

Published Written,
1993
Katalog, Stamperia Artistica Nazionale, Turin

Rivka Rinn

Published Written,
1991
Katalog, Museum of Israeli Art, Ramat-Gan

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Lichtkunst aus Kunstlicht“, ZKM, Karlsruhe 2004 „Art Basel“, Editionen und Multiples Artelier, Graz, Österreich „Mehr Licht“, Museum für angewandte Kunst, Wien, Österreich „Support“, Neue Galerie, Graz, Österreich 2003 „Targetti Light Art Collection“, Chelsea Art Museum, New York, USA „Traffic - Ethnografie der Straße“, Kunsthaus, Essen „Overdrive“, Galerie der Stadt Tuttlingen, Tuttlingen „Overdrive“, Galerie der Stadt Sindelfingen, Sindelfingen 2002 „What about Hegel (and you)?", Brigitte March Galerie, Stuttgart „The Art of Light”, The Centre for Contemporary Art, Warschau, Polen „Geschichten aus 2002 Nächten“, Brigitte March, Stuttgart 2001 „ex machina“, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin „Targetti Art Light Collection“, MAERZgalerie, Leipzig „Area Di Transito“, Bladassani e Tognozzi, Sesto Fiorentina, Florenz, Italien „Art Light Collection”, Sainte Chapelle, Paris, Frankreich 2000 „Durchreise“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin „Heimat Kunst“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Video Circle 2000“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1999 „The Biennial of Photography”, Museum del Imagen, Mexiko-Stadt, Mexiko „Painting Now! - Part II”, Galerie Schüppenhauer, Köln 1998 „Positionen Israel“, Kunsthaus Berlin, Berlin „Targetti Art Light Project“, Santa Croce, Firenze, Italien „Kunst ohne Unikat, Steirischer Herbst“, Künstler Haus, Graz, Österreich 1997 „In Medias Res“, Atatürk Culturel Center, Istanbul, Türkei „II. Biennial of Johannesburg“, Biennial of Johannesburg, Johannesburg, Südafrika 1996 „Hauptnutzfläche“, Siemens AG, München „Station Deutschland“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin 1995 „Club Berlin“, Biennale Venedig, Venedig, Italien „Duell Dual“, Galerie Wunschik, Mönchengladbach 1993 „Landschaften – Reisebilder“, Galerie Susanne Albrecht, München „Landscape“, Israel Museum, Jerusalem, Israel 1992 „Passage dans une ruine potentielle“, Rue Paradier, Paris, Frankreich 1991 „La Terra di Semifonte“, Palazzo dei Vini, Florenz, Italien „Grandes Lignes“, Gare de L’Est, Paris, Frankreich

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Andrea Morein / Rivka Rinn“, Goethe-Institut, Brüssel, Belgien 2004 „Rivka Rinn“, Centre for Contemporary Art, Warschau, Polen „Miao | Rivka”, White Space at 798”, Alexander Ochs Galleries, Peking, China 2001 „E-scape”, Zuni Arte Contemporanea, Ferrara, Italien „Accelerated Heavens”, Achshav.Now Contemporary Art, Berlin 1999 „Photo Park“, Galerie Kampl, München „Rivka Rinn - Photoszene Köln“, Galerie Schüppenhauer, Köln 1998 „View Through“, Galerie Fotohof, Salzburg, Österreich „Inter View“, Projektraum Matthias Kampl, Berlin 1997 „Time Station“, Georg Kolbe Museum, Berlin „Artists in Residence“, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz, Österreich „Galerie Gaudens Pedit“, Linz, Österreich „Traffico Intenson“, Galerie Andreas Weiss, Berlin 1995 „Vectors“, Akademie der Künste, Berlin 1993 „Büro Orange“, Siemens AG, München „Memory in Real Time“, Gallery Artelier, Frankfurt 1988 „Romulus Express“, Julie M. Gallery, Tel Aviv, Israel 1987 Galleria Mazzocchi, Parma, Italien 1986 Galleria Schema, Florenz, Italien 1985 Art Brasil Gallery, São Paulo, Brasilien 1984 Julie M. Gallery, Tel Aviv, Israel

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Festival of Vision: Hongkong – Berlin

(27 July 00 - 10 September 00)

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)
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Werk: Titel unbekannt