Githa Hariharan

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crossroads:
Gender, Hinduismus, Identität, Postkolonialismus, Postmoderne, Zensur
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Anthologie, Erzählung, Essay, Kritik, Kurzgeschichte, Roman)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
city:
Delhi
created on:
October 7, 2003
last changed on:
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Githa Hariharan
Ghita Hariharan© Joseph Mehling

Article

„Unser Spielraum schrumpft von Tag zu Tag!“

Githa Hariharans literarische Karriere begann, als ihr Erstlingswerk „The Thousand Faces of Night“ 1993 auf Anhieb den Commonwealth Writers Prize gewann. „Githa Hariharans Prosa ist einfach wunderbar – subtil, humorvoll und zartfühlend zugleich“, schrieb der indo-englische Starautor Michael Ondaatje damals über das Buch. Die Werke der 1954 geborenen Autorin wurden ins Französische, Spanische, Holländische und Deutsche übersetzt. Auch wenn sie selbst nicht als feministische Autorin bezeichnet werden möchte, so ist ihre Prosa doch als gewichtiger Beitrag zur postmodernen Frauenliteratur Indiens zu sehen.
Githa Hariharans Werk ist Teil der Renaissance, den die indo-englische Literatur seit dem Erscheinen von Salman Rushdies Roman „Mitternachtskinder“ zu Beginn der achtziger Jahre erlebte. Autoren wie Ben Okri, Caryl Philipps, oder Sashi Tharoor, die die Konflikte der indischen Moderne – Fragmentierung, Wurzellosigkeit und Verzweiflung – thematisierten, fanden in der indischen Mittelklasse und allmählich auch in Europa und in den USA ihr Publikum. Wohl weil der zentralistische Rigorismus der Regierung Indira Ghandi und das Anwachsen des Hindu-Nationalismus dazu beigetragen hatten, die Rolle des Englischen als Träger einer progressiven Gegenkultur zu etablieren.

Ihren ersten Roman „The Thousand Faces of Night“ schrieb Githa Hariharan, als sie im Mutterschaftsurlaub war: „Ich saß den ganzen Tag da mit einem Baby, das zwar sehr charmant, aber ein überaus schlechter Gesprächspartner war. Ich war umgeben von Frauen aller Altersstufen mit unterschiedlichen Überzeugungen. Ich dachte mir, dies sei der ideale Zeitpunkt mit dem Schreiben anzufangen.“ Die Autorin verwebt hier die Lebensgeschichten von drei Frauen aus drei Generationen im südindischen Madras. Das Buch schildert die Zerrissenheit der Inderinnen zwischen dem Druck der Tradition und dem Versuch, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Dabei greift Hariharan auf die großen Mythen der indischen Überlieferung zurück, die Sanskrit-Epen Mahabharata und Ramayana. Sie interpretiert diese neu und zeichnet Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter nach. In dem Roman „When Dreams Travel“ (Picador, 1999) erkundet Hariharan die Welt der „Mutter des Geschichtenerzählens“, Scheherazade. „Seit ich ‚The Thousand Faces of Night‘ geschrieben habe, haben mich die Träume und das Verlangen von Frauen fasziniert. (...) In dem früheren Buch waren Lust und Begehren sehr viel begrenzter, bescheidener“, sagte Githa Hariharan in einem Interview mit der indischen Frauenrechtlerin Urvashi Butalia, der Gründerin von „Kali“, Indiens erstem feministischen Verlagshaus. Den Entstehungsprozess des Buches beschreibt Hariharan so: „Die Frage, die mich umtrieb, war: Was tat Scheherazade, wenn sie keine Geschichten erzählte? Ich stellte sie mir mit dem Sultan im Bett vor. Wo saß die Schwester und wartete? Wo der Bruder? So wurde der Raum immer größer, andere Charaktere traten auf. Die Erzählung begann zu wachsen.“

Githa Hariharans vierter Roman „In Times of Siege“ (Penguin India, 2003) hat einen realen persönlichen Hintergrund. Als sie 1995 für ihren damals elfjährigen Sohn bei der indischen Reverse Bank ein Sparkonto einrichten wollte, verweigerte man ihr das mit dem Argument, dass dies nur mit der Unterschrift ihres Ehemannes möglich sei. Hintergrund war das damals noch geltende Gesetz, demzufolge eine Mutter erst dann die Vormundschaft für ihre Kinder bekommt, wenn der Vater tot ist. Gemeinsam mit ihrem Mann beschloss sie, vor Gericht zu gehen und gewann den Prozess. Dass der indische Gerichtshof 1999 die Verfassung zu Gunsten der Frauen veränderte – die Mutter „sei unzweifelhaft der natürliche Vormund des Kindes“ – gilt heute als Meilenstein in der Geschichte der indischen Frauenbewegung: „Stellen Sie sich mal vor, Sie sind nicht der ‚natürliche Vormund’ der Kinder, die Sie selbst geboren haben, – und das in einer Gesellschaft, in der die Mutterschaft so hoch bewertet wird!“, kommentiert Hariharan ihren Erfolg. „Aber das wichtigste ist, dass in Indien alle die Privatsphäre betreffenden Gesetze gegen die Frauen, gegen die unteren Kasten und gegen jeden gerichtet sind, der am Rande des tradierten Systems steht, für das diese traditionellen Gesetze formuliert wurden.“

In „Times of Siege“ greift Githa Hariharan das Thema Unterdrückung und Repression in anderer Form auf. Der Roman spielt in den akademisch-literarischen Kreisen Delhis, einer Welt, die Hariharan aus eigener Erfahrung sehr genau kennt. Hauptperson des Buches ist Shiv Murthy, Professor für Geschichte an einer Universität in Delhi. Er hat einen Vortrag über Basavanna geschrieben, einen Poeten und sozialen Reformer des 12. Jahrhunderts, der schon damals das Kastensystem in Frage stellte. Fundamentalistische Kollegen – die „fundoos“ – beschließen, dass dieser Vortrag dem großen Dichter nicht gerecht wird. Sie verlangen das Verbot des Vortrages, weil er die offizielle Hindu-Sichtweise von Heiligen außer Acht lasse und ihre religiösen Gefühle verletzt habe. Dass Hariharan ausgerechnet Basavanna als Zensurbeispiel wählt, hat ebenfalls einen realen Hintergrund: Es hat kürzlich in Indien den Versuch gegeben, ein Theaterstück des Autors H.S. Shivaprakash aus ähnlichen Gründen zu verbieten.

„In Times of Siege“ ist Githa Hariharans radikalstes Buch. Es handelt von der Geschichtsfälschung durch die regierenden politischen Parteien und der „Hinduisierung“ des Erziehungswesens. Eine Universität sei dazu da, die Studenten zu Debatten und Meinungsvielfalt anzuleiten, so Hariharan. „Aber wie soll man lernen, für sich selbst zu denken, wenn man immer nur die Antworten herunterschlucken muss, die andere einem vorgegeben haben?“ Der Roman hält der indischen Gesellschaft, die zunehmend von Fanatismus, Hass, Misstrauen und Zensur geprägt ist, und in dem die Masse von den Hindu-Nationalisten instrumentalisiert wird, den Spiegel vor. „Das Land in dem wir leben, fällt auseinander“, sagt Hariharan. „Das beste Wort um den Zustand zu beschreiben, in dem wir uns befinden, ist Belagerung (lit. ‚siege’). Unsere Spielräume als Bürger, Schriftsteller, Lehrer, Studenten, als rational denkende Menschen, schrumpfen von Tag zu Tag.“ Ihre Ablehnung der Homogenisierungsstrategie des Hindu-Nationalismus – „ als ob man die komplexe, reichhaltige Kulturlandschaft Indiens in ein und dieselbe Uniform zwingen könnte!“ – und seine anti-muslimischen Auswüchse teilt sie mit Paul Zacharia. Der südindische Autor, mit dem sie im Oktober 2003 im Haus der Kulturen der Welt gemeinsam las, gehört zu ihren Lieblingsautoren: „wegen seines poetisch-kapriziösen Stils und wegen der Art, wie er immer wieder seinen Nacken herausreckt.“
Author: Barbara-Ann Rieck

Bio

Githa Hariharan wurde 1954 in Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu geboren. Der Großvater war Englischlehrer und Brahmane, der Vater Journalist sowie Gründer und Herausgeber der indischen Zeitung „The Economic Times“. Hariharans Muttersprache ist Tamil. Englisch lernte sie erst im Alter von acht Jahren. Sie wuchs in Manila und Bombay auf und studierte englische Literatur an der University of Bombay (B.A. 1974). Ein weiteres Studium an der Fairfield University, Conneticut, USA, schloss sie mit einem M.A. in Kommunikationswissenschaft ab. Im Anschluss daran arbeitete sie eine Zeit lang bei einem Rundfunksender in New York. Nach ihrer Rückkehr nach Indien und einigen Jobs in der Werbebranche sowie im Fernsehbereich war sie für mehrere Jahre Lektorin bei dem indischen Verlagshaus Longman Orient in Delhi. Nach dem Erfolg ihres ersten Romans „The Thousand Faces of Night“ gab sie ihre Stelle als Lektorin bei Longman Orient auf. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und Verlegerin mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem Vorort von Delhi. Sie hat für verschiedene Verlage Bücher herausgegeben. Unter anderem „A Southern Harvest“, ein Sammelband, der 16 Erzählungen in den südindischen Sprachen Kannada, Malayalam,Tamil und Telugu enthält und ein faszinierendes Panorama der Vielfalt und Reichhaltigkeit der südindischen Literaturlandschaft entstehen lässt. Githa Hariharan hat mehrere Essays zu kulturpolitischen Fragen veröffentlicht und schreibt Buchkritiken für verschiedene indische Zeitungen



Works

Fugitive Histories

Published Written,
2009
Penguin Books India

The Winning Team

Published Written,
2004
Kurzgeschichten. Rupa & Co.: New Dehli

In Times of Siege

Published Written,
2003
Roman. Viking Penguin: India

When Dreams Travel

Published Written,
1999
Roman. Picador: London

Sorry, Best Friend!

Published Written,
1997
Kurzgeschichten. (Hrsg.) Tulika Publishers: India

Was vom Feste übrig blieb

Published Written,
1995
Erzählung. In: Die Zeiten haben sich geändert. Frauen in Indien. Dtv: München

The Ghosts of Vasu Master

Published Written,
1994
Roman. Viking: New Delhi

The Art of Dying and Other Stories

Published Written,
1993
Kurzgeschichten. Penguin Books: New Delhi

A Southern Harvest

Published Written,
1993
Kurzgeschichten. (Hrsg.) Katha / Rupa: New Dehli

The Thousand Faces of Night

Published Written,
1992
Roman. Penguin India: New Dehli

Merits

1993: Commonwealth Writers Prize für das beste Erstlingswerk des Commonwealth für „The Thousand Faces of Night"

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

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New Perspectives from India

(19 September 03 - 16 November 03)

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