Eyal Sivan

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crossroads:
Erinnerung, Holocaust, Menschenrechte, Politik
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Debatte)
region:
Middle East
country/territory:
Israel
created on:
June 3, 2010
last changed on:
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Eyal Sivan
Eyal Sivan. © Sebastian Bolesch

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Das Bild der Orange in der Geschichte

Wer im Supermarkt eine Orange kauft, hat immer noch gute Chancen, eine Frucht aus Israel in die Hand zu bekommen. Mit dem Namen Jaffa verbindet sich eine reiche Markentradition. Unzählige Ladungen Jaffa-Orangen gingen von Tel Aviv aus in alle Welt. Hinter jeder Marke verbergen sich auch Geschichten. Im Falle Jaffas ist es die des arabisch-jüdischen Landbaus in Palästina, die mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 dem kalkulierten Vergessen anheimfiel. Eyal Sivan untersucht in seinem Dokumentarfilm „Jaffa – The Clockwork’s Orange“ das Bild der Jaffa-Orange im Lauf der Geschichte – von den Anfängen des Zionismus bis in die jüngere Zeit, in der Israel zu einer Besatzungsmacht mutierte und Menschen in aller Welt begannen, seine Orangen zu boykottieren. Den Dokumentarfilmer und Autoren Eyal Sivan zählen heute manche zu den „Dissidenten“ des israelischen Kinos.
Es ist bezeichnend für den kritischen Juden Eyal Sivan, dass er aus diesem scheinbar nebensächlichen Thema eine originäre Sicht auf den Staat Israel gewinnt. Schon in seinem ersten Film „Aquabat Jaber“ (Passing Through, 1987) wechselte er die Seite und drehte in einem palästinensischen Flüchtlingslager, gedrängt von einem Interesse an den Lebensbedingungen derjenigen, die ihr Heim verloren hatten. Es war die erste politische Arbeit des früheren Modefotografen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Eyal Sivan bereits überwiegend in Paris, wohin er 1985 von Jerusalem gegangen war.

1990 ließ er „Izkor“ (Slaves of Memory) folgen, in dem er sich mit der Rolle auseinandersetzte, die der Holocaust für die nationale Identität Israels spielte (er interviewte dafür den Philosophen Yeshayahn Leibowitz). Sowohl zu „Aqabat Jaber“ wie „Izkor“ setzte er in den 1990er-Jahren seine Gespräche mit Leibowitz fort und vertiefte seine Positionen, etwa an der die israelische Gesellschaft bis heute spaltenden Frage eines Rückkehrrechts der ab 1948 vertriebenen Araber.

1996 wandte er sich mit dem kurzen Dokumentarfilm „Itsembatsemba – Rwanda, One Genocide Later“ der Aufarbeitung des Genozids in Ruanda zu. Auch dies war nicht zuletzt ein Versuch, die Ausnahmestellung des Holocausts in der internationalen Erinnerungspolitik in einen größeren Kontext zu stellen ohne sie zu relativieren.

1997 wurde Sivan mit „Der Spezialist“ (gemeinsam mit Rony Brauman) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er verwendete hierfür Videoaufnahmen aus dem Jerusalemer Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann von 1961 und montierte aus diesem Material eine Untersuchung über des von Hannah Arendt geprägten Begriffs der „Banalität des Bösen“. Zugleich ging es ihm um eine Rekonstruktion des wichtigen historischen Moments, in dem sich zum ersten Mal das „transnationale historische Narrativ“ zeigte, das die Judenvernichtung in der Folge zunehmend aus der Geschichte des Zweiten Weltkriegs herauslöste.

Zahlreiche Festivaleinladungen und kontroverse Diskussionen in aller Welt waren die Folge. Sivan geriet zu einem Experten für Fragen des Archivs und der offiziellen Erinnerungspolitik. So gestaltete er etwa 2004 aus Aufnahmen der DDR-Staatssicherheit den Montagefilm „Aus Liebe zum Volk.“

2002 schließlich kam der Film heraus, der die politischen Debatten, auf die es Sivan immer schon ankam, noch einmal anschob. Gemeinsam mit seinem palästinensischen Kollegen Michel Khleifi fuhr er für „Route 181“ die Grenzlinie entlang, die die UNO 1948 für die territoriale Trennung Israels von Palästina festgelegt hatte. Diese imaginäre Linie, die de facto niemals wirksam wurde, nahmen Sivan und Khleifi zum Anlass, den Status Quo in den umstrittenen Gebieten Palästinas zu dokumentieren. Einige ihrer Aufnahmen in „Route 181“ lassen einen Vergleich der israelischen mit der genozidalen Politik des nationalsozialistischen Deutschland zumindest denkbar erscheinen. Claude Lanzmann, der Regisseur von „Shoah“, nahm an zwei Szenen Anstoß, in denen ein palästinensischer Friseur und eine Eisenbahngleisanlage zu sehen sind. In ihnen erkannte Lanzmann nicht nur revisionistische Anspielungen auf vergleichbare Szenen in „Shoah“, sondern auch Denunzierungen jüdischer Opfer der NS-Judenvernichtung.

Der Streit ist bis heute virulent. Auch, wenn sich bald darauf Jean-Luc Godard und der Philosoph Etienne Balibar auf die Seite Sivans schlugen. Im Grunde ist dies ein Streit um die Vergangenheitsbewältigung. Sivan wendet sich gegen die zu einer Doktrin gewordene Erinnerung an die Shoah, weil sie eine in seinen Augen falsche Politik legitimiert. Darum gilt Sivan heute gemeinsam mit Avi Mograbi und Amos Gitai auf der internationalen Bühne als einer der „Dissidenten“ des israelischen Kinos.
Author: Bert Rebhandl

Bio

Eyal Sivan ist ein Filmemacher, Produzent und Essayist. Geboren wurde er in Haifa, Israel. Mit „Itsembatsemba“ war er in der von Okwui Enwezor kuratierten Documenta 11 (2002) vertreten. Für seine Filme hat er viele Preise gewonnen, u.a. den Cinéma du réel, den Preis von Rom und den Adolf-Grimme-Preis. Zurzeit hält Sivan eine Forschungsprofessur an der University of East London.

Works

Filmografie

Film / TV
Aqabat-Jaber, passing through (1987) Izkor: Slaves of Memory (1991) Itsembatsemba: Rwanda One Genocide Later (1996) The Specialist (1999) I Love You All (2004) Route 181: Fragments of a Journey in Palestine-Israel (2004) Citizens K. (2007) Jaffa, the clockwork´s orange (2009)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Berlin Documentary Forum 1

New practices across disciplines

(02 June 10 - 06 June 10)