Omar Souleyman

Article Works Projects www
crossroads:
Liebe, Sehnsucht
genre(subgenre):
Musik (Dabke, Electro Pop, Folk)
region:
Middle East
country/territory:
Syria
created on:
June 24, 2010
last changed on:
Please note: This page has not been updated since August 8, 2010. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Omar Souleyman
Omar Souleyman © Promo

Article

„Musik wie ein verbotener Morse-Code“

Obwohl der Weltmusikmarkt schon viele Gegenden für sich erschlossen hat, entgehen dem europäischen Ohr immer wieder erstaunliche Klänge. Dies gilt besonders für die Popmusik der arabischen Szene von Djakarta bis Damaskus Dort hat sich – ähnlich wie in Afrika – die Musik-Kassette, aus unserer Sicht ein uraltes Relikt, als viel geliebtes Medium behauptet. Bis eine Spürnase von den lokalen Stars dieser okzidentalen Kassettenmärkte Wind bekommt, können lange Jahre vergehen. Im Falle von Omar Souleyman waren es sechzehn.
Der Syrer gilt in seiner Heimat als Superstar, seine Musik wird buchstäblich an jeder Straßenecke verkauft. Seit Anfang der 90er-Jahre gab er ganze 600 Bänder heraus. Das US-Label Sublime Frequencies, spezialisiert auf obskure Folk- und Pop-Klänge, hat nun die Schätze aus seiner Karriere zusammengetragen. Die Verlagsleute aus Seattle werben damit, dass Souleymans Musik wie ein „verbotener Morse-Code“ klingt. Und ganz unrecht haben sie damit nicht: Da heulen einem anachronistische Keyboards um die Ohren, die an Alarmsirenen von Polizeiautos aus einem uralten Action-Film erinnern. Daneben schlängelt sich eine E-Gitarre, vom Sound her eine arabische Verwandte des Instruments vom Meister des Surf-Rock Dick Dales, das durch eine Batterie von Effektgeräten geschickt wurde.

Hitzige Perkussion, halb aus dem Computer, halb von Rahmentrommeln, treibt das Klanggeschehen rasant voran. Und dann diese Stimme, die zwischen verzückten, genäselten Mäandern und galoppierenden Ausrufen hin- und her schwankt. Plötzlich hält das Geschehen inne und ein langsamer, bauchtanzartiger Groove hebt an, darüber ein halsbrecherisches Lautensolo. Dies alles in einer Tonqualität, die kein Mischer nördlich von Istanbul durchgehen lassen würde. Was verbirgt sich hinter dieser Musik? Und wer hinter Omar Souleyman, der sich auf seinen Covern nicht nur unter einer Kufiya, sondern auch hinter einer immensen Sonnenbrille und einem ebensolchen Schnauzer versteckt?

Souleyman stammt aus dem ländlichen Nordosten Syriens, in der sich die verschiedensten Traditionen der islamischen Welt kreuzen. „Ich wurde nicht in eine musikalische Familie hineingeboren, aber in meiner Heimatregion kann man der Musik kaum entfliehen“, sagt er. „Ein Freund ermutigte mich, auf lokalen Festen zu singen und wenig später, 1995, stieß ich auf den kurdisch-syrischen Keyboarder Rizan Said. Seitdem singe ich professionell mit ihm zusammen auf Hochzeiten im ganzen Nordosten von Syrien.“

In seinen Songs schöpft Souleyman aus verschiedensten Quellen, etwa aus dem kurdischen Rhythmus Shekhani, dem irakischen Choubi oder dem Mawal, mit dem der Sänger seine Improvisationskunst präsentiert. Sein Markenzeichen ist jedoch vor allem der Dabke: „Das ist der moderne Folkloretanz, den man an der ganzen Levante findet, sowohl in Syrien als auch im Libanon, in Palästina, Jordanien, dem Irak und Teilen der Türkei“, erläutert er. „Mein Sound spiegelt den Dabke der Region Jazeera wider, wo mit einer muslimischen, christlichen, kurdischen und armenischen Bevölkerung die verschiedensten Einflüsse aufeinander stoßen. Auch die Nähe zum Irak macht sich in unserer Art von Musik bemerkbar.“

Ursprünglich ein Reihentanz, zu dem man sich an Händen und Schultern fasst und in einer Reihe auf den Boden stampft, wird der Dabke bei Souleyman mit anarchisch-elektronischer Lust aufgeladen. „Wir haben in den 90-er Jahren wirklich etwas Pionierhaftes gemacht“, erzählt er stolz weiter. „Zuerst haben wir die traditionellen Instrumente wie die Flöte Mijwiz und die Fiedel Rebab aufs Keyboard übertragen. Das wird extra dafür programmiert.“ Bouzouki und die Langhalslaute Saz werden ebenfalls verstärkt, der Spezialist hierfür ist Ali Shaker, der den oben erwähnten Surf-Effekt erzeugt. Von Dick Dale, so beteuert Souleyman, haben er und seine Musiker jedoch noch nie etwas gehört.

In kongenialer Partnerschaft mit der Musik wirkt die Ataba-Poesie auf den Hörer ein – ebenfalls ein traditionelles Genre. Souleyman bedient sich dabei der Dichtkunst seines langjährigen Partners Mahmoud Harbi, der sie oftmals erst während der Darbietung entwickelt. Kettenrauchend steht er neben dem Sänger auf der Bühne, flüstert ihm die Worte spontan ins Ohr. „Das sind alles improvisierte Verse, der Poet muss einen cleveren Weg finden, die Namen der Familie einzuflechten, von der wir für die Hochzeitsfeier verpflichtet worden sind“, so Souleyman. „Die Themen ranken sich natürlich um Liebe, vor allem die verlorene Liebe und andere Probleme, die das Leben eben so mit sich bringt.“

Mit seinem Elektro-Dabke hat der Syrer es bis ins nationale Fernsehen geschafft. Eine Ehre, die vor ihm noch keinem Vertreter des Genres beschieden gewesen sei, sagt er. Doch dank des amerikanischen Labels Sublime Frequencies erreicht er mittlerweile nun schon ein weitaus größeres Publikum: „Das hat uns in der ganzen Welt berühmt gemacht! Für uns eine riesige Überraschung und wir können uns nur darüber freuen, dass jetzt überall unserer Musik zugehört wird.“

Eher selten allerdings bleibt ein Konzert Souleymans in westlichen Breiten. Berlin kann sich glücklich schätzen, den syrischen „King of Dabke“ zu empfangen. Man sollte sich aber schon auf ein Erlebnis gefasst machen, dass der rauen Energie des Punk und der trancehaften Erweckung durch die Technobeats zumindest gleich kommt.


Aus einem Interview des Autoren mit Omar Souleyman im August 2010.
Author: Stefan Franzen

Works

Dabke 2020 - Folk and Pop Sounds of Syria

Published Audio,
2009
Sublime Frequencies

Highway to Hassake

Published Audio,
2006
Sublime Frequencies

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Wassermusik 2010

Concerts, Films, Exhibition, Discussions

(22 July 10 - 13 August 10)

Www

Omar Souleyman auf MySpace