La Negra Graciana

Article Bio Works Projects Images Video
genre(subgenre):
Musik (Son Jarocho)
instruments:
Harfe
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Veracruz
created on:
May 17, 2003
last changed on:
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 La Negra Graciana

Article

Die Königin von Los Portales

Die Endsechzigerin ist zweifellos die First Lady des Son Jarocho, der traditionellen Musik aus dem Bundesstaat Veracruz, die neben der Mariachi-Musik und den Sones aus Jalisco in ganz Mexiko größte Popularität genießt. Die Harfenistin und Sängerin aus einem kleinen Dorf nahe Medellín de Bravo (Veracruz) veröffentlicht 1995 gemeinsam mit dem Trio Silva ihr Debütalbum "Sones Jarochos". Daraufhin gibt sie, die bis dato nie aus ihrer Heimatregion herausgekommen war, zahlreiche Konzerte in Europa und in den USA und tritt erstmals in Mexiko Stadt auf. 1999 erscheint "La Graciana En Vivo", die Live-Aufnahme eines Konzerts im renommierten Pariser Theatre de la Ville.
Die Geschichte der singenden Harfenistin, das Märchenhafte ihrer späten "Entdeckung" ähnelt der der Kapverdianerin Cesaria Evora oder der blinden Sängerin Dona Rosa aus Portugal. La Negra Graciana bringt bereits ein halbes Jahrhundert damit zu, ihre Harfe auf die Straße zu schleppen und dort für die Menschen Musik zu machen: Zunächst als Kind gemeinsam mit Vater und Brüdern auf den Volks- und Familienfesten im heimatlichen Umkreis; später vor allem als Solistin in Los Portales, einem Ausgehviertel mit vielen Terrassen im Hafen von Veracruz, wo sich fast rund um die Uhr Straßenmusiker tummeln.

Dort wird eines Tages auch Eduardo Llerenas hellhörig – ein Liebhaber traditioneller mexikanischer Musik und Betreiber des Labels Corason. Schwer beeindruckt von Gracianas archaischem und dennoch frischem Harfenspiel und ihrem energiegeladenen Gesang, beschließt er, mit ihr eine Platte aufzunehmen. Bald kommt er aus Mexiko Stadt nach Veracruz zurück, um sich zusammen mit La Negra Graciana, ihrem singenden und die kleine Jarana-Gitarre spielenden Bruder Pino Silva sowie ihrer Schwägerin Elena Huerta an die Arbeit zu machen. Elena, ebenfalls Harfenistin, hat eine kleine Truthahnfarm außerhalb der Stadt, die zum temporären Aufnahmestudio umfunktioniert wird. In diesem ländlichen Idyll entstehen ganze 18 Stücke – lauter traditionelle, z.T. uralte sones jarochos, die schon Gracianas Vater geliebt hatte, wie z.B. "El siquisirí" oder "El balajú". Ebenfalls auf dieser ersten Platte befindet sich das in zahllosen Fassungen kursierende Stück "La bamba" (z.B. von der Rockband Los Lobos).

Doch nicht nur Gracianas Interpretation dieses in aller Welt bekannten Jarocho-Evergreens öffnet den Hörern außerhalb Mexikos die Ohren. Es ist ihre spezielle Art, die Harfe zu spielen: "A lo antigüito" – wie sie es selber nennt, langsamer und weniger verschnörkelt als einige ihrer Kollegen, die seit den fünfziger Jahren versuchen, den Son Jarocho gefälliger und kommerzieller zu machen. Bei all dem hat die Harfe, obgleich sie eine wichtige, wenn nicht gar die markanteste Klangfarbe in Gracianas Musik darstellt, selten eine solistische Funktion. Sie begleitet die décimas, die improvisierten Gesangsverse, in denen die Sängerin und ihr Bruder Pino über "Gott und die Welt" sinnieren.

Als Ry Cooder Graciana 1997 in Mexiko Stadt erlebt, soll er begeistert gewesen sein von ihren Sones, diesem Zusammenspiel der Harfe und jener schelmischen, lauthals geschmetterten Gesänge. Zum damaligen Zeitpunkt ist Graciana Silva schon gewohnt, ihre Musik einem Publikum vorzustellen, das nicht aus Mexiko, geschweige denn, aus ihrer Heimatregion stammt. Unmittelbar nach Erscheinen ihres Debütalbums 1995 lud man sie zu diversen Festivals nach Europa und in die USA ein.

Zu diesen Auftritten erscheint La Negra Graciana im typischen Son-Jarocho-Verbund: Zu ihrer Arpa Jarocha gesellen sich zwei jener kleinen Schlaggitarren namens Jarana sowie ein Requinto – eine viersaitige Gitarre, die im Gegenrhythmus zur Harfe gezupft wird. Sämtliche mexikanischen Sones sind seit jeher an bestimmte Tanztraditionen geknüpft. So werden auch in Gracianas Konzerten nach Möglichkeit ein Tänzer und eine Tänzerin einbezogen, die die Rhythmen mit den dazugehörigen Huapangos und Zapateos vorantreiben.

Der Begriff Son steht in Mexiko für ein breites, entsprechend den regionalen Unterschieden vielfältiges Repertoire traditioneller Musik. Die Sones von Veracruz werden, wie die Bewohner der Stadt, Jarochos genannt. Fragt man La Negra Graciana nach ihrem Musikstil, dann charakterisiert sie ihn schlicht als "sehr jarocho und veracruzano, weil die ganze Gegend um die Küstenstadt Veracruz herum einfach das Sammelbecken der Jarochos" sei.

In Veracruz, dem "Hafen der Neuen Welt" am Golf von Mexiko, landeten die Truppen von Cortés, der dort auch die erste Stadt Mexikos gründete. Die Musik dieser entsprechend mestizischen Hafenstadt weist in ihrer rhythmischen Akzentuierung und ihren Anklängen von Call and Response vergleichsweise deutliche afrikanische Spuren auf. Und auch die dunkelhäutige Graciana Silva hat diese Mischung buchstäblich im Blut, was ihr den liebevollen Spitznamen La Negra de Veracruz eingebracht hat.
Author: Katrin Wilke 

Bio

Graciana Silva García, alias "La Negra Graciana", wird an einem 18. Dezember Anfang der Dreißiger (Diven haben nur ein gefühltes Alter...) in Puente Izcoalco, einem Dorf nahe Medellín de Bravo, Veracruz geboren, "eine halbe Stunde vom Hafen entfernt", wie sie betont.

Die Musik hat im Elternhaus ihren angestammten Platz und dient auch dem Broterwerb: Gracianas Mutter ist Sängerin und der Vater spielt die Jarana. Diese kleine Gitarre beherrscht nebst der Violine auch Bruder Pino. Er ist es, der ursprünglich begonnen hatte, wie einige seiner Onkels Harfe zu lernen. Doch eines Tages wird sein Lehrer, ein alter, blinder Mann, auf die kleine, damals zehnjährige Graciana aufmerksam, die bei den Unterrichtsstunden heimlich mitgelernt hat. Angesichts ihres Gespürs für das Harfespiel beschließt er, fortan besser sie anstatt Pino zu unterrichten. "Als der Blinde begann, die Harfe zu stimmen, spürte ich, dass mein Herz einen Sprung machte. In jenem Moment sagte ich mir: Ich werde die Harfe lernen.", so erinnert sich die Musikerin an den Beginn der Liebesgeschichte mit ihrem Instrument.

Der blinde Rodrigo Rodríguez bleibt auch ein für alle Mal ihre Bezugsperson; spätere Angebote von Musikern, ihr neue Techniken beizubringen, lehnt sie stets ab: "Ich kann nun mal nur so, wie ich es gelernt habe. Hässlich oder schön – so ist meine Art zu spielen. Meine ganze Erwartung und mein Gusto galten stets der Harfe. Es kommt mir einfach aus dem Herzen." Anfangs spielt sie ihr Instrument mit dem üblichen Arpeggio, bis sie recht bald die nötige Fingerfertigkeit für die schnelleren, sehr virtuosen Tonwechsel und Improvisationen besitzt, die heute ihr Markenzeichen sind. Genauso wie ihre gesungenen décimas, zehnzeilige, zumeist improvisierte Verse, die sich – stets mit viel Humor und einem Schuss Ironie – um alle nur denkbaren Alltagsthemen, vor allem um Romanzen und die Liebe zu den eigenen Traditionen drehen.

Von ihren persönlichen Amouren kann Graciana Silva wohl auch so manches Lied singen, war doch die vielfache Mutter mehr als ein Mal verheiratet. Es heißt, dass keines ihrer acht Kinder sich bis jetzt dazu entschließen konnte, die Familientradition des Harfespiels fortzuführen. Doch immerhin wirkt die jüngste Tochter Guadalupe als Tänzerin bei den vielen Konzerten mit, die La Negra Graciana seit Mitte der neunziger Jahre in aller Welt, insbesondere in Europa und in den beiden Amerikas gibt.

Die wachsende nationale und internationale Bekanntheit scheint der sympathisch natürlichen, einfachen Frau nicht zu Kopf gestiegen zu sein. Die Leute zuhause – meint sie – schauten ihr auf der Straße jetzt vielleicht mit größerem Interesse und Respekt hinterher – aber sie selber habe sich überhaupt nicht verändert. Nach wie vor spielt und singt sie für die Leute, die auf den Terrassen von Los Portales zum Kaffeetrinken oder zum Fischessen verweilen. Und wie eh und je beginnt sie ihre Auftritte stets mit "El siquisirí": Einem – wie es heißt – schwierigen Son, bei dem jeder Harfenist seine Meisterschaft gut unter Beweis stellen könne. Und nach wie vor lebt die leidenschaftliche Köchin in ihrem bescheidenen Haus in Colonia Campestre, einem Viertel unweit des Flughafens von Veracruz.

Works

En vivo desde el Theatre de la Ville

Published Audio,
1999
Paris, Discos CORASON

Sones jarochos con el Trio Silva

Published Audio,
1994
Discos CORASON

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
images
La Negra Graciana
video

"La Guacamaya"

vom Album "Sones jarochos con el Trío Silva"
1994
© 1994 Discos Corason, S. A., Mexico
Discos Corason
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