Chicha Libre

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genre(subgenre):
Musik (Latin Folk, Psychedelic Pop, Surf Musik)
region:
America, North
country/territory:
United States of America
created on:
June 24, 2010
last changed on:
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 Chicha Libre
Chicha Libre. Photo: Chris Smith

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Schillernder Bastard zwischen Amazonas und Brooklyn

Er ist das am weitesten verzweigte Wassernetzwerk der Erde, und er liefert uns vor allem eines: Sauerstoff für den ganzen Planeten. Doch vom Amazonas kommen auch erstaunliche Klänge, die mal ganz klassisch aus einem Opernhaus mitten aus der grünen Hölle dringen (remember Fitzcarraldo!), oder sich in der Mündungsmetropole Belém indianisch-karibisch mit Carimbó- und Lambada-Rhythmen äußern. Chicha Libre hingegen nehmen uns mit zum Oberlauf des Amazonas, da, wo der Fluss noch nicht brasilianisch ist, sondern sich durch peruanisches Gebiet schlängelt. Chicha heißt das Genre, dem sie sich mit Herzblut und Retro-Philosophie verschrieben haben. Und das kam so, wie Bandleader Olivier Conan erzählt: „Vor fünf Jahren war ich in Peru im Urlaub und hoffte, dort etwas von der Criollo-Musik mitzukriegen, von der ich seit Jahren ein Fan war. Ich kaufte eine Menge Platten ein und einer der Verkäufer spielte mir eine peruanische Cumbia vor, die ich nie zuvor gehört hatte. Auf dem Trip fokussierte ich mich also immer mehr auf Musik und geriet rein durch Zufall an die Chicha. Ein sehr glücklicher Zufall, wie ich sagen muss!“
Die Musik, der Conan so verfiel, ist schon ein merkwürdiger Bastard: Ausgeformt hat er sich in den 1960ern, als die indianische Bevölkerung der peruanischen Amazonasregion Rock’n’Roll entdeckte und zugleich eine Vorliebe für die Popmusik Kolumbiens entwickelte, dazu Anden-Melodien mit psychedelischen Sounds konfrontierten. Mit billigen elektronischen Instrumenten wie Farfisa-Orgeln und E-Gitarren, die im Surf-Style gespielt wurden, gründeten sie Bands, die den eklektischen Mix in die Tat umsetzten: „Diese Musik enthält alle Elemente der Stile, die ich mein Leben lang geliebt hatte, die ich aber niemals in einem einzigen Genre gehört hatte. Das ist die globalste, am meisten synkretistische Form von Musik mit Elementen aus Cumbia, Guaracha, Psych-Rock, Surf, Boogaloo, Klassik und brasilianischer Musik. Wirklich wunderbar“, schwärmt Conan.

Er führt diese ganz und gar unorthodoxe Mixtur auf die Eigenart der peruanischen Popkultur zurück, die ein faszinierender Kreuzungspunkt Lateinamerikas ist. Es sei schon immer gang und gäbe gewesen, dass dortige Musiker auf verschiedensten Hochzeiten tanzten. Ausgebildet als Criollo-Gitarristen oder vom Studium her im klassischen Fach bewandert, bezogen sie die tropischen Stile aus den nördlicheren und östlicheren Gefilden des Kontinents mit ein. Und schnappten dazu noch alles auf, was das peruanische Radio hergab, von Surf bis Salsa. In Lima bildete sich ein Zentrum der Chicha-Kultur, das nicht zuletzt wegen der vielen Immigranten deutliche Färbungen von Anden-Musik annahm, in Metropolen wie Iquitos und Pucallpa blieb hingegen die Amazonas-Komponente dominanter.

„Chicha ist die erste unbewusst entstandene postmoderne Musik“, resümiert Conan. „Dieser Eklektizismus inspiriert uns. Mehr noch als die reine Musik ihr Entstehungsprozess, die Tatsache, dass du jede erdenkliche Musikform in das, was du spielst, integrierst. Als musikalischer Ansatz ist das gar nicht mal so sehr anders als das, was John Zorn 20 Jahre später gemacht hat – nur dass es sich hier um eine populäre Tanzmusik handelt.“ Mit der Kompilation seiner CD „Roots Of Chicha“, die bald ein zweites Kapitel bekommen wird, hat Conan den Sound, der mittlerweile nur noch an verborgenen Plattentheken von Second Hand-Shops zu finden ist, hinaus in die Welt geschickt. Allmählich mausert er sich auch in europäischen Clubs vom Geheimtipp zum festen Inventar der DJs. Doch noch viel spannender ist, dass er mit seiner Band Chicha Libre das fast vergessene Genre zu neuem Fleisch und Blut erweckt.

In Brooklyn hat Conan dafür Kollegen um sich geschart, mit denen er schon seit geraumer Zeit aus Teamworks in anderen Bands vertraut ist, und die er mühelos mit seinem Chicha-Fieber anstecken konnte. Stammen sie doch aus Bands wie One Ring Zero und Combustible Edison, die für ihre Vorliebe für obskure Instrumente, Retro-Stile und eine gänzlich nischenhafte Americana-Philosophie bekannt sind. “Wir halten uns ziemlich eng an die klassische Instrumentierung, haben sie aber ein wenig abgewandelt. Statt zwei Gitarren spiele ich ein venezolanisches Cuatro und an die Stelle der Farfisa tritt eine Electravox von Hohner, die aussieht wie ein Akkordeon. Doch es ist nur der Körper eines Akkordeons mit den Electronics einer Orgel aus den 1960ern.“

Auf “¡Sonido Amazonico!“ lässt sich dieser irrwitzigen Revival-Idee nachhorchen. Und man kann sich des Höreindrucks nicht erwehren, als würden Chicha Libre die Liebe zur kruden Mixtur ihrer Vorbilder noch toppen wollen: Neben den Coverversionen der legendären Chicha-Bands, die ohnehin schon mit allen erdenklichen Farben von Funk und Ska über Cumbia und Tex-Mex bis hin zu arabesken Anwandlungen gewürzt sind, findet sich etwa auch eine schwüle, nach tropischer Kirmes klingende Version von Joe Dassins „Indian Summer“ oder eine zurückgelehnte Abwandlung des frühen Synthi-Pop-Hits „Popcorn“. Selbst die „Pavane Pour Une Infante Défunte“ von Claude Debussy oder Erik Saties „Gnossiene No.1“ werden respektlos jedoch kongenial in den Chicha-Sound einverleibt, mit Salsa-Flair und verhalltem Cha Cha Cha konfrontiert.

Bliebe eigentlich nur noch der Name zu klären. Mit seiner Nähe zu „Cuba Libre“ liegt der Verdacht nahe, dass Conan und seine Mannen „hochprozentig“ assoziieren. Und in der Tat: Chicha ist ein beliebter Kornschnaps, der in ganz Peru beliebt ist und dem nachgesagt wird, er sei schon von den präkolumbianischen Einwohnern favorisiert worden. Das Klang gewordene Flüssiggold der Inkas – es wird im Jahre 2010 in neue, spannende Formen gegossen.



Aus einem Interview des Autoren mit Chicha Libre im Juni 2010.
Author: Stefan Franzen

Works

Sonido Amazonico

Published Audio,
2009
Crammed (Indigo)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Wassermusik 2010

Konzerte, Filme, Ausstellung, Diskussionen

(22 July 10 - 13 August 10)