Tomas Gutierrez Alea

Article Bio Works
crossroads:
Alltag, Sozialismus
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Groteske, Komödie, Spielfilm)
region:
America, Caribbean
country/territory:
Cuba
city:
Havana
created on:
May 20, 2003
last changed on:
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Tomas Gutierrez Alea
Tomas Gutierrez Alea © Ralf Emmerich - Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.

Article

"Zuviel Polemik über Kuba"

Tomas Gutierrez Alea wurde am 11. Dezember 1928 in Havanna geboren und begann in den vierziger Jahren als Amateurfilmer. Eine professionelle Ausbildung holte er in Rom nach. 1951 gründete er zusammen mit Santiago Alvarez u.a. im Untergrund die illegale Kulturgesellschaft "Nuestro tiempo", deren Filmabteilung die Keimzelle der neuen nationalen Filmproduktion werden sollte. Nach dem Fall des Batista-Regimes beteiligte er sich an der Gründung des kubanischen Kunst- und Filminstituts. In der Folge beschäftigte er sich in mehreren Filmen mit der Revolution, zu der er sich ab den mittleren sechziger Jahren auch zunehmend kritisch verhielt. Hierzulande machte sich Gutierrez denn auch erst mit Filmen einen Namen, die das Leben in dem kommunistischen Karibikstaat auf subtile und manchmal boshafte Weise porträtierten. Sein Überraschungserfolg "Fresa y chocolate" / "Erdbeer und Schokolade" gewann 1994 auf der Berlinale einen Silbernen Bären. In den USA war er 1995 Finalist für einen Oscar in der Sparte bester fremdsprachiger Film. Sein letzter Film "Guantanamera – eine Leiche auf Reisen" (1994) gewann Preise in Havanna, beim Sundance Festival und war 1995 für den Goldenen Löwen in Venedig nominiert. Tomas Gutierrez Alea starb am 17. April 1996 in Havannna an Krebs.
"Es wird zuviel über Kuba polemisiert," beklagte sich Tomas Gutierrez Alea 1994 in einem Interview. "Es wird entweder als kommunistische Hölle oder als kommunistisches Paradies gesehen. Dahinter verschwindet oft das reale Kuba." Der 1928 in Havanna geborene Gutierrez hatte entscheidenden Anteil, das Stereotyp des langweiligen kommunistischen Propagandafilmes von der Karibikinsel zu brechen. Denn in Filmen wie "Erinnerungen an die Unterentwicklung" aus dem Jahr 1968 genauso wie in "Erdbeer und Schokolade" (1993) beschreibt er sein Heimatland genauso subtil wie ironisch. Sein letzter Film "Guantanamera – eine Leiche auf Reisen" zeigt die Absurditäten der kommunistischen Planwirtschaft anhand eines Leichentransports auf – und das im Genre der romantischen Komödie! Neben feinem Humor und Selbstironie sind es Geschichtsbewusstsein und formale Kühnheit, die Aleas Filme auszeichnen.

Von den frühen Dokumentarfilmen, die im direkten Einfluss des italienischen Neorealismus entstanden, über die absurd-satirischen Spielfilme der siebziger Jahre bis zu seinen großen internationalen Erfolgen wie "Erdbeer und Schokolade" (1993) und "Guantanamera" (1995) gelang es Gutierrez immer wieder, das Leben in seiner Widersprüchlichkeit zu zeigen. Als großer Verfechter und Protagonist der Revolution – Alea baute mit Espinosa die Filmabteilung der Guerrilleros auf und war 1959 Mitbegründer des kubanischen Filminstituts ICAIC – behielt er es sich vor, auch über die Ängste der Bourgeoisie liebevoll zu lächeln und die Institutionalisierung der Revolution satirisch bloßzustellen. Amerikanischer Slapstick war ihm ebenso vertraut wie die Filme Ingmar Bergmanns und Luis Buñuels, als deren Bewunderer er sich offen bekannte.

Tomas Gutierrez Alea gehörte zu den Gründungsvätern des kubanischen Filminstituts und hat sich Zeit seines Lebens mit der Revolution auseinandergesetzt. Seine Filme wurden dabei zunehmend kritischer. Er beleuchtete die Missstände lächelnd und augenzwinkernd – und wohl darum um so deutlicher. Wesentlich geprägt wurde seine erzählerische Haltung davon, dass er sich als Mitbegründer des neuen Kubas verstand. Auch wenn er zusehen musste, wie die Ideale des Beginns immer mehr verschüttet wurden, hielt er dennoch zu seinem Land.
In "Historias de la Revolución" (1960), dem ersten kubanischen Spielfilm nach der Revolution von 1959, erzählt Gutierrez in drei Episoden vom Kampf des kubanischen Volkes gegen die Diktatur des General Batista. "Tod eines Bürokraten" (1966) ist dann schon eine Satire auf die bürokratische Erstarrung von Revolutionen und bringt ihm erste internationale Anerkennung.

Sein "Historias del subdesarrollo” / "Erinnerungen an die Unterentwicklung" (1968) zeichnet ein subtiles Portrait der Nöte und Gewissensnöte eines Mannes, der sich für die kubanische Revolution entscheidet. Der Film dreht sich um die Gedankenwelt des Protagonisten Sergio, der 1961 nach der gescheiterten amerikanischen Invasion der Schweinebucht beschließt, in Kuba zu bleiben, während seine Familie in die USA flieht. Der wohlhabende Bourgeois ist zerrissen zwischen dem dekadenten Lebensstil des vorrevolutionären Kubas und dem Idealismus der neuen Gesellschaft. Er versucht weiter von seinen Mieteinnahmen zu leben und jagt gleichzeitig mit neurotischem Eifer den Frauen nach.

Gutierrez erweist sich hier als Meister der Perspektive. Der Film spielt grandios auf verschiedenen Ebenen, indem er fiktive Szenen und Dokumentarsequenzen aneinander schneidet und Erinnerungen an verpasste Chancen an Fernsehbilder der Schweinebucht-Invasion montiert. Es gelingt ihm, dokumentarisches und semidokumentarisches Material so in den Film einzuweben, dass es völlig glaubhaft aus der Perspektive seines Protagonisten hervor zu kommen scheint. Er verwendet sogar Ausschnitte eines Pornofilmes, wie sie zu Zeiten Batistas in Kuba produziert wurden. Darüber hinaus kommentieren Gutierrez und, Edmundo Desnoes, der Autor des Romans, auf dem der Film basiert, was in Sergios Kopf vorgeht. Die "aggressive Vitalität" von Antagonismen nutzt Alea, um beim Zuschauer Erkenntnisse über die eigene Identität zu provozieren.

"Die Überlebenden" (1979) ist eine Groteske, die sich um die Einstellung der Privilegierten zur Revolution dreht. Als Fidel Castro in Kuba die Macht ergreift, zittern die Reichen. Familie Orozco versucht panisch, ihren Besitz zu retten. Kaum ist Hab und Gut zu Geld gemacht, lässt die Regierung neue Scheine drucken. Dann laufen den Orozcos die Diener davon, und die Vorräte werden knapp. In seiner Not fasst der Clanchef einen Entschluss: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Diese Devise fordert bald ihre ersten Opfer... Gutierrez führt hier vor, dass ausgerechnet die dekadente Gesellschaft, die ihren "zivilisierten" Standard wahren will, in der Barbarei endet. "Die Überlebenden" brachte ihm 1979 eine Nominierung für die Goldene Palme in Cannes ein. Doch auf den ganz großen Erfolg musste er noch warten.

Erst in den neunziger Jahren gelingt Tomas Gutierrez Alea mit "Erdbeer und Schokolade" und danach mit "Guantanamera" ein unerwarteter internationaler Durchbruch. "Fresa y chocolate" handelt vom Kampf Homosexueller mit der Prüderie des revolutionären Kubas des Jahres 1979. "Ich will zunächst genau die Klischees bedienen, um sie dann aufzubrechen", beschreibt er sein Vorgehen bei der Darstellung von Homosexualität in seinem Welterfolgs-Film "Erdbeer und Schokolade".

In einem Café lernt der Künstler Diego den Studenten David kennen. Der Soziologie-Student ist überzeugter Kommunist und ebenso überzeugter Hetero. Diego, ein ehemaliger Lehrer und jetzt in der Kunstszene, ist schwul und hat nicht nur deshalb einiges auszusetzen am Sozialismus. Die kommunistische "Jungfrau" und die erfahrene Schwuchtel, das ernste Spiel beginnt. In seinem exzentrischen Heim voller verbotener Bücher, Ikonen und US-Whiskey versucht Diego den liebeskranken David zu verführen. Ohne Erfolg. Wütend denunziert David den regimekritischen Homosexuellen bei der Partei. Doch Genosse Miguel schickt David zurück. Er soll Diego bespitzeln. Dabei eröffnen sich dem Studenten ungeahnte Perspektiven. Es scheint sogar, als würde er lernen, dass es sich ohne Ideologien sehr wohl leben lässt.

Mit "Erdbeer und Schokolade" ist Tomas Gutierrez Alea ein Film der Zwischentöne und Schattierungen gelungen: über Kommunismus und Katholizismus, Homosexualität und Machismo und über Freundschaft, die allen System übergeordnete Macht.

"Ich hatte lange Perioden der Auseinandersetzung mit dem System," sagte Gutierrez in einem Interview, "es gab Zeiten, in denen ich marginalisiert war und nicht reisen durfte. Aber letzten Endes haben sie immer die Reife besessen, mich und meine Arbeit anzuerkennen." Auch sein letzter Film "Guantanamera" wurde in Kuba ausgezeichnet. Dabei führt er – auf allerdings sehr vergnügliche Weise – in vielen Details vor, wie absurd die Planwirtschaft in Kuba funktioniert.

Da sind ein etwas ungewöhnlicher Leichenzug und ein Lastwagen auf derselben Route – aus sehr verschiedenen Gründen. Die Trauernden – ein Staatsbeamter, seine Frau Gina und ein alter Musiker, die große Jugendliebe der Verstorbenen – versuchen verzweifelt, die neue staatlichen Bestimmungen für die Überführung von Toten zu erfüllen. Denn bei der Bewältigung der dauernden Treibstoffknappheit ist den kubanischen Behörden keine Anstrengung zu groß, kein Gesetz zu abwegig. Das Beerdigungswesen ist davon genauso betroffen: Es wird bestimmt, dass jedem Beerdigungsunternehmer eine Treibstoffmenge zugesprochen wird, die sich aus der durchschnittlichen Zahl der Beerdigungen der vergangenen fünf Jahre errechnet. Weil Leichenwagen nur innerhalb ihres Distriktes operieren dürfen, müssen Transporte über weite Strecken zu einem regelrechten Staffellauf verkommen. Ein Staffelrennen mit Leichen!

Die Fahrt durch Kuba, die für Adolfo und seine Frau Gina zu einer Reise in eine neue Beziehung werden wird, läuft nicht ohne Probleme ab. Die amourösen Abenteuer eines Fahrers halten die Trauerprozession ebenso auf wie die schlechte Gewohnheit, bei jedem Halt Waren einzukaufen, die für den Schwarzmarkt in Havanna bestimmt sind. Zwangsläufig treffen Leichenzug und Lastwagen immer wieder aufeinander und zwischen Gina und Mariano "funkt" es bald einmal, denn Gutierrez hat seine Gesellschaftssatire als romantische Komödie aufgezogen. Das ist seine "Erfindung". Sein Material hat er aus der Wirklichkeit schöpfen können, denn "diese Geschichte beruht auf Tatsachen. Wir haben den absurden Teil nicht etwa erfunden," hat der Regisseur betont, "er ist Bestandteil unseres Alltags."


Veranstaltungen im HKW:
Samstag, 7. August 1999
Cinema TriContinental
Die großen Regisseure Afrikas, Asiens, Lateinamerikas
Fresa y Chocolate / Erdbeer und Schokolade

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Bio

Born in Havana on Cuba on 11th December, 1928, Tomas Gutierrez Alea began making amateur films in the 40s and then trained as a professional film-maker in Rome. In 1951, together with Santiago Alvarez and others, he founded the illegal cultural society Nuestro tiempo, whose film department grew into the new national film production company. After the fall of the Batista regime, he co-founded the Cuban Art and Film Institute and made a number of films reflecting on the revolution, whose aftermath he viewed more critically after the mid 60s.

Tomas Gutierrez Alea first gained a reputation abroad for films showing life in the communist Caribbean state in a subtle and sometimes wicked way. His surprising success Fresa y chocolate (Strawberry and Chocolate) won a Silver Bear at the Berlinale in 1994, and in the USA was a finalist for an Oscar as the best foreign-language film in 1995. His last film, Guantanamera (Travelling with a Corpse, 1994) won prizes in Havana and at the Sundance Festival, and was nominated for the Golden Lion in Venice in 1995.

Works

Guantanamera – Eine Leiche auf Reisen

Film / TV,
1994
zusammen mit Juan Carlos Tabia

Erdbeer und Schokolade

Film / TV,
1993
(zusammen mit Juan Carlos Tabia)

Briefe aus dem Park

Film / TV,
1988

Die Überlebenden

Film / TV,
1979

Historias del subdesarrollo / Erinnerungen an die Unterentwicklung

Film / TV,
1968
1968

Tod eines Bürokraten

Film / TV,
1966

Muerte al Invasor / Tod den Invasoren

Film / TV,
1961
(zusammen mit Santiago Alvarez)

Historias de la Revolución

Film / TV,
1960

Esta tierra nuestra

Film / TV,
1959