Raúl Ruiz

Article Bio Works
crossroads:
Exil, Revolution, Traum
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
America, South, Europe, Western
country/territory:
Chile, France
city:
Paris
created on:
May 27, 2003
last changed on:
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Article

Im Kino ist alles möglich: Irrgärten durch Raum un

Der 1941 in Puerto Montt, Chile geborene chilenisch-französische Regisseur Raoul Ruiz hat sich in 100 Kino- und Fernsehfilmen immer wieder mit der Relativität der Wahrnehmung und dem Verhältnis von Realität und Phantasie befasst. Seine besonders in den neunziger Jahren ausgezeichneten Filme sind zugleich auch philosophische Traktate, die mit allen Registern der Filmsprache arbeiten.
Der 1941 geborene chilenisch-französische Regisseur Raoul Ruiz hat in 40 Jahren Arbeit über 100 kurze und lange Spielfilme und Dokumentationen gedreht. Internationale Anerkennung brachten ihm vor allem seine Filme, die er in den neunziger Jahren schuf. In "Trois vies et une seule mort", 1995, "Généalogies d’un crime", 1996, "Le temps retrouvé", 1999 und "Fils de deux mères ou la comedie d’innocence", 2000 spielt Ruiz auf allen Registern der Filmsprache.

"Trois vies et une seule mort" / "Drei Leben und ein einzelner Tod" aus dem Jahr 1995, einem der letzten Filme mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, zeigt Ruiz als Meister des Verwirrspiels. In vier auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Geschichten spielt Marcello Mastroianni einen Mann, der mehrere Leben hat, dem jedoch nur ein Tod beschieden ist. Erst im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass alle von Mastroianni gespielten Charaktere Produkt einer multiplen Persönlichkeit sind. Wie in vielen Filmen des chilenisch-französischen Filmemachers wird dem Zuschauer die Unterscheidung zwischen Realität und Phantasie schwer gemacht.

Dies gilt in besonderem Maße für "Le temps retrouvé", Die wiedergefundene Zeit, eine filmische Annäherung an Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Der 1999 erschienene Film ist eine Symphonie von Bildern und Assoziationen. Er beginnt als Rückblick des sterbenden Proust. Bettlägerig, gepflegt von seiner hingebungsvollen Haushälterin Céleste, tauchen in seinen fiebrigen Erinnerungen noch einmal die Personen auf, die er liebte, mit denen er sein Leben verbrachte, die inzwischen längst zu den Helden seines Romans geworden sind. Wenn der Zuschauer die Hoffnung auf eine linear erzählte Geschichte aufgegeben hat und nicht mehr versucht, die Personen des Proustschen Universums zu identifizieren, kann er sich einer Symphonie von Bildern überlassen. Ruiz’ "Le temps retrouvé" ist assoziativ wie Erinnerungen. Seine Bilder sind in stetiger Bewegung.

Mittels einer komplizierten Schienentechnik werden Tische, Stühle, ja ganze Sitzreihen bei einem Kammerkonzert gegen die Kamera verschoben, um die statischen Momente, die es auch in der Erinnerung nicht gibt, im Film zu dynamisieren. Die räumlichen Verhältnisse zwischen den Personen lösen sich auf. Surrealistische Sequenzen verbinden sich mit theatralischen Effekten, und über all dem schwebt eine Atmosphäre von Décadence.

Im Vergleich zu dem üppig ausgestatteten Film "Le temps retrouvé" kommt "Fils de deux mères ou comédie de l´innocence", 2000 fast als Kammerspiel daher. Auch hier spielt Ruiz auf der Klaviatur sich auflösender Gewissheiten. An seinem neunten Geburtstag reagiert der kleine Camille nicht mehr auf seinen Namen, sondern nennt sich Paul; seine Mutter redet er mit "Ariane" an statt mit "Mama". Bald bestreitet er ganz, ihr Sohn zu sein, und führt sie in einen fremden Stadtbezirk zu einer Frau, die ihn freudig umarmt und als lang vermissten Sohn vereinnahmt. Auch hier erzeugt Ruiz mit Ausstattung und surrealen Bildern wieder eine a-logische Atmosphäre. Es ist das Kind, das sich mit Leichtigkeit durch die Widersprüche zwischen der Welt des Klaren und der Welt des Dunklen bewegt, die für die Erwachsenen unvereinbar sind. Am Ende des Films allerdings gibt Raoul Ruiz doch eine rationale Erklärung für das seltsame Verhalten des Kindes.

In "Combat d’amour en songe", 2000 ist dann wirklich alles nur noch ein Traum, wie es der Titel des Films verspricht. Eine aristotelische Linearität der Erzählung ist hier völlig aufgegeben. Ruiz folgt ganz der Simultaneität des Traumerlebens und löst die herkömmlichen Parameter des Raum-Zeit-Kontinuums auf. Dinge erscheinen und verschwinden, Personen wechseln Zeiten, Orte und Identitäten. Antike Philosophen erzählen Nonsens, in vielerlei Gestalten bringt der Teufel Menschen in Versuchung. Allerlei Figuren der Film- und Literaturgeschichte treten auf: Piraten, Räuber und Priesterseminaristen, Nonnen, konvertierte Juden und Kurtisanen, Kannibalen und Barkeeper, ja sogar ein kleptomanischer Spiegel, ein lebendiges Bild, eine prophetische Website und 22 Ringe spielen gewisse undurchsichtige Rollen. Und jedes Mal wenn der Zuschauer eine Geschichte mit Hand und Fuß im Entstehen glaubt, kommt eine jähe Wendung ins Absurde. Mit diesem Irrgarten in Raum und Zeit beweist Raoul Ruiz einmal mehr sein Credo: "Im Kino ist alles möglich.", zit. n. "Christine Buci-Glucksmann / Fabrice Revault D’Allonnes, Raoul Ruiz, Paris 1987


Veranstaltungen im HKW:
Neuer chilenischer Film 1968 – 1993
Donnerstag, 20. Oktober 1994
Tres tristes tigres / Drei traurige Tiger

Sonntag, 4. Dezember 1994
La expropiación / Die Enteignung

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarabeit mit den Freunden der Deutschen Kinemathek


Author: Ulrich Joßner

Bio

Raoul Ruiz wird am 25. Juli 1941 in Puerto Montt geboren. Nach einem Filmstudium an der "Escuela de Cine Documental" in Santa Fé, Argentinien schreibt er erst einige Theaterstücke, bevor er 1967 seinen ersten langen Spielfilm "Tres tristes tigres" dreht, der ihm 1969 in Locarno den "Goldenen Leoparden" einbringt. Nach dem Wahlsieg der "Unidad Popular" Salvador Allendes wird er aktives Mitglied der Sozialistischen Partei Chiles und beteiligt sich in der Kultursektion der PS an der Erneuerung des Landes. In diesen Jahren entstehen rund 15 Filme. Nach dem Putsch gegen Allende geht er nach Argentinien ins Exil. Später zieht er nach Frankreich, wo er bis heute hauptsächlich lebt. Neben seinen Filmen inszeniert er dort auch Theaterstücke wie 1986 "Das Leben ist ein Traum" von Calderón de la Barca. 1995 veröffentlicht er den ersten Band der dreiteiligen "Poétique du cinéma".

Seine Filme erhielten zahlreiche internationale Auszeichnungen. So war "L’œil qui ment" 1992 für die "Goldene Palme" in Cannes nominiert, genauso wie "Trois vies et une seule mort" 1996 und "Le temps retrouvé" im Jahr 1999. "Combat d’amour en songe", 2000 gewinnt den Preis der Filmkritik und den großen Preis der Amerikas auf dem Filmfestival in Montreal. "Fils de deux mères ou comédie de l´innocence" , 2000 wird in Venedig für den "Goldenen Löwen" nominiert.

Works

Les mes fortes

Film / TV,
2001

Fils de deux mère ou comédie de l´innocence

Film / TV,
2000

Comat d"amour en songe

Film / TV,
2000

Shattered Image

Film / TV,
1997

Le temps retrouvé/ Die wiedergefundene Zeit

Film / TV,
1997

Généalogies d´un crime

Film / TV,
1996

Poétique du cinéma

Published Written,
1995

Trois Vies et une seule mort/ Drei Leben und ein einzelner Tod

Film / TV,
1995

Fado majeur et mineur

Film / TV,
1994

L´œil qui ment

Film / TV,
1992

Derrière le mur

Film / TV,
1988

La Chouette aveugle

Film / TV,
1987

Le Professeur Taranne

Film / TV,
1987

Richard III

Film / TV,
1986

La Mémoire des apparences

Film / TV,
1986

L´île au trésor

Film / TV,
1986

Tous les nuages sont des horloges

Film / TV,
1986

Manuel dans l´île des merveilles

Film / TV,
1985

Régime sans pain

Film / TV,
1985

Mamamme

Film / TV,
1985

L´Éveille du pont de l´Alma

Film / TV,
1984

Voyage autour d´une main

Film / TV,
1984

Bérénice

Film / TV,
1983

La Ville des pirates

Film / TV,
1983

Les trois Couronnes du Matelot

Film / TV,
1982

Classification des plantes

Film / TV,
1982

Le Territoire

Film / TV,
1981

L´Hypothèse du tableau volé

Film / TV,
1978

La Vocation suspendue

Film / TV,
1976

Dialogue d´exilés

Film / TV,
1974

La petite Colombe blanche

Film / TV,
1973

La Colonie pénitentiaire

Film / TV,
1970

Trois tristes Tigres

Film / TV,
1968

La Mallette

Film / TV,
1960