Radio Tarifa

Article Bio Works Video www
crossroads:
Postmoderne, Tradition
genre(subgenre):
Musik (Flamenco, Fusion)
region:
Europe, Southern
country/territory:
Spain
city:
Madrid
created on:
May 27, 2003
last changed on:
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information provided by:
 Radio Tarifa
Radio Tarifa

Article

Die spanischen Wurzeln (er)finden

Das im Kern aus drei Musikern bestehende Madrider Ensemble Radio Tarifa erforscht auf seiner Suche nach den Wurzeln der spanischen (Flamenco-)Musik die Klangräume Arabiens, des Mittelmeers und des Mittelalters. Dabei erfinden die Musiker rhythmisch differenzierte mittelalterlich-arabisch klingende postmoderne Vignetten, die sie, wenn es ihnen passt, noch mit karibischer Rumba und Cumbia ausmalen. Auch ihre Instrumentierung mit (der arabischen Laute) Ud, Cromorno (Renaissance-Oboe), galizischem Dudelsack, Bouzouki, Akkordeon, Ney (antike arabische Flöte) und neuerdings auch E-Gitarren, E-Bass und Synthesizer sprengt die Ketten von Raum und Zeit.
Wie es sich für einen Jugendlichen und Gitarristen Anfang der siebziger Jahre gehörte, schwärmte auch der Spanier Faín S. Dueñas für Jimi Hendrix und dann für Pink Floyd, Genesis und King Crimson. (Dirty Linen #81). „Aber als der Durchbruch des Pop kam, hasste ich es. Ich beschloss, meine Gibson für eine Flamencogitarre einzutauschen. Und das war der Beginn vom Rest meines Lebens.“ Nachdem er Mitte der achtziger Jahre in der Gruppe Ars Antigua Musicalis Mittelalter- und Renaissance-Musik erforscht und zur Aufführung gebracht hat, erfindet der aus Kastilien stammende Musiker seit 1992 mit der Gruppe Radio Tarifa eine historische Musik, die es so nie gegeben hat, die historisch und geographisch unterschiedliche Musiken zu einer (post)modernen Mischung amalgamiert.

Wenn man Radio Tarifas erste CD „Rumba Argelina“ in einer Kneipe als Hintergrundmusik hören würde, könnte der Eindruck entstehen, es handele sich hier um eine Art Mittelalter-Folkore mit arabischem Einschlag. Und tatsächlich haben der Perkussionist, Gitarrist und Udspieler Faín S. Dueñas und der Franzose Vincent Molino (diverse alte und moderne Flöten und Oboe), bevor sie sich 1992 mit dem andalusischen Flamenco-Sänger Benjamin Escoriza als Radio Tarifa zusammenschlossen, zuvor in der Gruppe Ars Antigua Musicalis die modale arabische Musik gründlich studiert.* Die melismatischen Melodien und die reiche rhythmische Basis in der modalen Musik erlauben einen kontinuierlichen Dialog zwischen Perkussion, den Melodieinstrumenten und der Solostimme. Hier zeigt sich das enge Verhältnis der Musiker zu der traditionellen modalen Musik, die sich seit dem Altertum um das Mittelmeer herum entwickelt hat. Verbindungslinien lassen sich auch auf der iberischen Halbinsel in der arabisch-andalusischen, in der sephardischen und in der spanischen Flamenco-Tradition auffinden. Auch hier spielte man, bis 1492 die letzte maurische Bastion Granada fiel, die (altarabische Laute) Ud, die (altägyptische Flöte) Ney und die Darbuka (Trommel mit Keramikkörper).

Der zweite Eindruck ist: Hier hat jemand solange an einem Kurzwellenradio gekurbelt, bis er im Orient gelandet ist, hat schnell auf Flamenco weitergedreht und schaltet dann immer hin und her. Das kann nicht verwundern, denn der Ort Tarifa liegt an der südlichsten Spitze des europäischen Festlandes, nur dreizehn Kilometer von der Küste Nordafrikas entfernt. Hier landen nicht nur Flüchtlingsboote, hier kann man auch die Radiostationen Nordafrikas empfangen. Der reale Ort (und die kleine unabhängige Radiostation dort) haben für Radio Tarifa keine Bedeutung. Tarifa ist für die Musiker nur eine Metapher. Hier zwischen Europa und Afrika liegen spanische Folklore, mediterrane Melodien und afrikanische Rhythmen fast genauso eng beieinander wie in der riesigen Plattensammlung des Radio Tarifa-Bandleaders Faín S. Dueñas. Als er den Flamenco-Sänger Benjamin Escoriza traf, begannen sie gemeinsam die alte andalusische Musik zu erforschen. Dies führte schließlich zu „Rumba Argelina“, wo sie ihre musikalischen Vorlieben in einem Einspur-Homestudio auf CD brachten.

Wenn man genau hinhört, stellt man fest, dass unter dem Dialog von arabischer Flöte und Flamenco tatsächlich ein Rumbarhythmus aus der Karibik grüßt. Dem andalusischen Stück haben Radio Tarifa ein „modales“ Arrangement gegeben, d. h., sie haben die Harmonie herausgenommen und damit die Affinität zwischen traditioneller iberischer Musik und Volks- und Kunstmusik des Mittelmeers, zwischen andalusischer und Berbermusik hervorgehoben. Wenn der sofort als Rumba erkennbare zweite Track dagegen ironischerweise „Oye China“ heißt, wird deutlich, dass Puristen bei Radio Tarifa an der falschen Adresse sind. Denn die Winde kommen dort von allen Seiten und aus allen Zeiten. In der Wirklichkeit allerdings basteln Dueñas, Molino und Escoriza ihre Musik in einer Garage in der spanischen Hauptstadt Madrid zusammen.

Auch auf ihrer zweiten CD „Temporal“ verschmelzen sie mittelalterliche und arabische Musik mit spanischem Flamenco, die sie wieder mit Flöten aus der Pharaonenzeit, Oboen aus der klassischen Antike, aber auch mit E-Bass und Saxofon servieren. Für das Rumba-Flamenco Titelstück „Temporal“ haben sie sich die Melodie aus Spanien und den Rhythmus aus Afrika und der Karibik geholt. Die 1996 veröffentlichte CD widmet sich ausführlicher der spanischen Tradition. Das „Trio“ ist inzwischen auf acht Mitglieder und einen Flamencotänzer angewachsen, die die Musik verschiedener spanischer Regionen aufnehmen. Im Titelstück „Temporal“, hört man den Rhythmus tanzender Füße aus einer karibischen Tanznacht: Radio Tarifa machen Up-Beat-Musik mit Live-Sound. Sie haben sich nie an das vertraute Duo- oder Solo-Format des Flamenco gehalten und haben eine dynamische Ensemble-Musik entwickelt, die von neuen alten Klängen lebt. Auf der Bühne stehen unter anderem ein argentinischer Banjospieler, ein Akkordeonist aus dem Sudan, ein Flötist aus Montpellier und nicht zuletzt eine römische Flamenco-Tänzerin. Auf „Temporal“ entwickelten Radio Tarifa eine neue „deep“ Version von Flamenco. Das experimentelle Zusammenstellen verschiedener mediterraner Klänge ist einer fundierten Geschichtsschreibung der transkulturellen Flamenco-Tradition gewichen.

Zwei Stücke werden von dem Zigeuner-Sänger Rafael Jimenez „Falo“ gesungen, einem der großen Sänger des traditionellen Flamenco. Ihn brachte sein Interesse für traditionelle Stücke aus dem Norden Spaniens dazu, mit Radio Tarifa zusammenzuarbeiten. Mit dem ersten Track „La Tarara“ verfahren die Musiker wieder als Klangarchäologen, die zeigen, wie nahe sich zwei Kulturen sind. „‚La Tarara“ wurde ursprünglich von García Lorca arrangiert und von „La Argentinita“ mit Lorca am Klavier aufgenommen. Es ist einer der wenigen traditionellen spanischen Songs, die in Marokko sehr populär sind. Es war dort zuerst mit dem Andalusi Orchestra aus Tetuan mit Enrique Morente als Sänger und anderen Flamencosängern und -tänzern Anfang der achtziger Jahre zu hören. Radio Tarifas Version führt zur modalen Version zurück und benutzt die Melodie des berühmten Berberkomponisten Akli Yahiatene.“ (www.radiotarifa.com)

Auf ihrer dritten CD „Cruzando El Rio“ spielen Faín S. Dueñas, Vincent Molino und Benjamin Escoriza wieder zu dritt, doch gelingt es ihnen, wie eine Bigband zu klingen, die in ihren Melodien und multiplen Rhythmen die Musik zweier bzw. dreier Kontinente erklingen lässt. Gleich der erste Track „Osú“ weist bis in die Neue Welt. Hier spielen sie zu Colombiana, Cumbia und altkastilisch-maurischen Volkstänzen auf. Wie schon auf den beiden Vorläufern trifft hier Ud auf Cromorno. Aber jetzt spielen verzerrte E-Gitarren zum Steptanz auf, und der gazilizische Dudelsack trifft auf den Synthesizer. Neben Flamenco und arabischen Polyrhythmen („El viaje de Lea“) hat Radio Tarifa traditionelle japanische Melodien („Gujo Bushi“) und einen klassischen Choral aus dem 15. Jahrhundert („Si j’ai perdu mon ami“) von ihrer musikalischen Weltreise mitgebracht. Diese Mischung brachte ihnen eine Nominierung für den BBC Radio 3 World Music Award 2001 ein.

(*Modale Musik: Traditionelle arabische Musik hat keine Harmonie im Sinne „westlicher Musik“. Sie ist im Wesentlichen melodisch, d. h. jede Note bezieht ihren Sinn aus der Note davor oder dahinter und aus der Melodie, zu der sie gehört. Wenn verschiedene Instrumente zusammen spielen, dann spielen alle Perkussionsinstrumente im Wesentlichen denselben Rhythmus und die Melodieinstrumente dieselbe Melodie im Rahmen ihrer Ausdrucks- und technischen Möglichkeiten.)

Bio

Radio Tarifa wurde 1992 von Rafael (Faín) Sanchez Dueñas in Madrid gegründet. Das Ensemble zählt zu den innovativsten Gruppen der zweiten, vom Erfolg der Weltmusik getragenen Flamenco-Welle in den 80er und 90er Jahren. Faìn S. Dueñas und Vincent Molino hatten sich schon in den frühen 80ern in der Gruppe Ars Antigua Musicalis mit arabischer und mittelalterlicher Musik beschäftigt. Zusammen mit dem Flamenco-Sänger Benjamin Escoriza spielten sie dann als Trio Radio Tarifa 1993 ihre erste CD ein. „Rumba Argelina“ gibt die über das Mittelmeer verstreuten musikalischen Verankerungen der Gruppe und ihre Suche nach den historischen Wurzeln des ibero-mediterranen Klangraumes wieder: Nordafrikanische Musikstile fließen hier ebenso ein wie arabische, nahöstliche und karibische Elemente; auch die keltischen Anteile des spanischen Mittelalters sind zu hören.

Der Erfolg ermöglichte es den Musikern, ihre eigentlichen Berufe an den Nagel zu hängen. Denn Vincent Molino ist von Haus aus Hydrologe, Benjamin Escoriza, der Sänger, war beim Fernsehen tätig und Fain Dueñas ist Architekt.
Auf „Rumba Argelina“ folgten hunderte von Konzerten in aller Welt. Live spielten Radio Tarifa mit einem achtköpfigen Ensemble inklusive Flamenco-Tänzerin. Den dabei erprobten Live-Sound führten sie auf ihrer neuen CD „Temporal“ von 1997 weiter. 2001 kam ihr drittes Album „Cruzando El Rio“ heraus, das für den BBC Radio 3 World Music Award nominiert wurde.

Works

Fiebre

Published Audio,
2003
BMG Spain

Cruzando El Rio

Published Audio,
2000
BMG Spain

Temporal

Published Audio,
1996
BMG Spain

Rumba Argelina

Published Audio,
1994
BMG Spain

Www

video

"Rumba Argelina"

von der CD "Rumba Argelina"
BMG Ariola
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"La Molinera"

von der CD "Cruzando el Río"

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