Moufida Tlati

Article Bio Works
crossroads:
Gender, Islam
genre(subgenre):
Film (Spielfilm)
region:
Africa, Northern
country/territory:
Tunisia
city:
Tunis
created on:
May 29, 2003
last changed on:
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Article

Das Schweigen brechen

Nach jahrelanger Arbeit als Cutterin hat sich die 1946 in Tunis geborene Moufida Tlati mit ihrer ersten Regiearbeit „Saimt el Qusur / Les Silences du Palais" (1994) sofort einen Spitzenplatz unter den arabischen Regisseurinnen und zahlreiche internationale Preise gesichert. Wie in diesem Film so geht es auch in Tlatis zweitem Werk, „Zeit der Männer" (2000), um die Unterdrückung der arabischen Frauen in der eingeschlossenen Welt ihrer Häuser.
Jahrelang war die 1946 in Tunis geborene Moufida Tlatli eine erfolgreiche Cutterin bei vielen tunesischen, algerischen und palästinensischen Filmen. Mit ihrem ersten eigenen Spielfilm „Saimt el Qusur / Les Silences du Palais" (1994) gelang ihr gleich ein internationaler Kinohit, der allein in Frankreich über 200.000 Besucher in die Kinos lockte. „Der Palast des Schweigens" zeigt den Abschied von der patriarchalischen Gesellschaft aus der Sicht eines Mädchens. Zwar spielt die Handlung im Tunesien der fünfziger und sechziger Jahre, aber das Thema des Films ist noch immer aktuell.

Anlässlich eines Todesfalls kehrt die Sängerin Alia zurück in den Palast des Schweigens, aus dem ihr vor 15 Jahren die Flucht gelang. Jahrelang hatte sie als Dienerin des Prinzen Ali, der nun gestorben war, gearbeitet. Nun stellt sie sich der Vergangenheit. Hier war sie als Tochter einer der vielen weiblichen Dienerinnen aufgewachsen. In verschachtelten Rückblenden lernen die Zuschauer den Palast als Ort kennen, an dem von Mädchen und Frauen erwartet wurde, den Männern sexuell zu Diensten zu sein. Frauen, die nie die Außenwelt sahen, hielten hier zusammen – in Untertänigkeit und Schweigen.

Alle, selbst Alias Mutter Khedija, schweigen darüber, wer Alias Vater ist. Es gibt viele Hinweise, dass es Prinz Ali war, doch der Zuschauer erfährt es genauso wenig wie die Protagonistin des Films. Man spricht nicht über die wirklich wichtigen Dinge unter den Dienerinnen der Beys von Tunis. Auch wenn jeder weiß, dass einer von den feudalen Herren Khedija geschwängert haben muss! Auch wenn der Hausherr offensichtlich väterliche Gefühle für das junge Mädchen hegt! Schweigsam ist auch Alia selbst, der wir in fast jeder Einstellung des Films folgen.

Im Laufe des Films lernen auch die Zuschauer, aus den Blicken und Gesten der Frauen zu lesen, das gemeinsame Arbeiten, Singen und Plaudern als ihre Glücksmomente zu erkennen und die Küche als die Oase im Gefängnis des Palastes. Und die schweigsame, schöne Alia entpuppt sich als Rebellin, die wir zuerst immer nur fortlaufen sehen, die aber später in der Musik ihre Sprache findet. Lächeln tut sie nur beim Singen oder mit der Laute in der Hand. Auch wenn Alia – wie man aus verschachtelten Rückblenden erfährt – als Sängerin scheitert, sind die Gesangsszenen die wenigen utopischen Momente in ihrem Leben.

Der Film portraitiert die isolierte Palastwelt der Beys mit ihren schönen Gärten und bunt gekachelten Wänden. Die Kamera passt sich dem langsamen Fluss des Lebens im Palast an. „Die Dienerinnen des Palastes müssen Tag für Tag Essen zubereiten, die Wäsche waschen, bügeln ... die Zeit dehnt sich hier ins Unendliche. Die Langsamkeit ihres Lebens sollte sich in meinem Gebrauch der Kamera abbilden", erklärt Moutifa Tlati. „Der Palast des Schweigens" gerät nie zu einer schwerfälligen Anklage weiblicher Unterdrückung. Die Komplexität der Herr-Dienerin-Beziehung wird nie einseitig geglättet. Die größte Waffe gegen die Freiheit der Frauen ist das ihnen auferlegte Schweigen, das Tlati in ihrem Film mit bewegender filmischer Eloquenz bricht.

Auch in Moutifa Tlatis zweitem Spielfilm „Zeit der Männer" (2000) geht es um die Unterdrückung der arabischen Frauen in der eingeschlossenen Welt ihrer Häuser. Aicha hat Said im Alter von 18 Jahren geheiratet. Aber genau wie alle Männer arbeitet Said elf Monate im Jahr in Tunis. Die Frauen müssen in Djerba auf die Rückkehr der Männer warten. Die „Saison der Männer“ wird von vielen Frauen als ein großes Fest erlebt, fast wie eine Hochzeit. Aicha möchte mit der Tradition des einsamen Wartens brechen und fordert in der Hochzeitsnacht, mit Said nach Tunis kommen zu dürfen. Mit dem Verkauf der kostbaren Teppiche, die sie webt, will sie die Reise finanzieren. Said akzeptiert unter der Bedingung, dass sie ihm einen Sohn gebärt. Doch das dauert. Von ihrer autoritären und invasiven Schwiegermutter tyrannisisiert, denkt Aicha nach langen Jahren des Wartens an Flucht.

Bio

Die 1946 in Tunis (Tunesien) geborene Moufida Tlati wuchs in einem traditionellen tunesischen Milieu auf. Nach einem Filmstudium am l´IDHEC (1966-1968) in Paris kehrte sie 1972 nach Tunesien zurück. Bis 1990 war sie bei vielen erfolgreichen tunesischen, algerischen und palästinensischen Filmen als Cutterin nicht wegzudenken. 1994 realisierte sie ihren ersten eigenen Spielfilm „Saimt el Qusur", der in Cannes zur „La Quinzaine des Réalisateurs" ausgewählt wurde und die „Mention Spéciale Caméra d´Or“ erhielt. Darüber hinaus gewann sie den Preis der Kritik des Festivals in Toronto und Preise in San Francisco, Istanbul und Carthago. Ihr zweiter Film „La saison des hommes" ist 2000 im offiziellen Wettbewerb in Cannes und auf vielen Festivals gelaufen und hat u.a. den Großen Preis der „Biennale du Monde Arabe“ in Paris gewonnen.

Works

La Saison des hommes/ Zeit der Männer

Film / TV,
2000

Saimt el Qusur / Les Silences du Palais / Palast des Schweigens

Film / TV,
1994