Santu Mofokeng

Article Bio Works Projects Images
crossroads:
Erinnerung, Geschichte, Identität, Natur, Postkolonialismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation)
region:
Africa, Southern
country/territory:
South Africa
city:
Johannesburg
created on:
June 21, 2003
last changed on:
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Article

Erinnerungen

Der international renommierte südafrikanische Fotograf Santu Mofokeng zeigt in seinen Bildern vor allem die Lebensumstände der schwarzen Bevölkerung Südafrikas. Seine Fotos ergreifen Partei, dokumentieren die Missstände im Land, zeigen aber auch Momente des Glücks. Die Möglichkeiten seiner Arbeit betrachtet Mofokeng differenziert: „Als Fotograf bin ich mir der Natur meiner Tätigkeit bewusst, ihrer Möglichkeiten, ihrer Grenzen und ihrer Tendenz, ungewollt die Hierarchien, die sie anprangern, zu reproduzieren“. In den letzten Jahren hat Mofokeng sein thematisches Spektrum über die südafrikanischen Verhältnisse hinaus erweitert. So setzte er sich während eines längeren Arbeitsaufenthalts in Deutschland mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander und stellte in Fotoarbeiten Bezüge zur jüngeren Vergangenheit in Südafrika her.
Das alltägliche Leben in den südafrikanischen Townships dokumentiert Mofokeng in zahlreichen Arbeiten, so auch auf „Winter in Tembisa” (1989). Im Zentrum des Bildes befindet sich ein riesiges, schief an einem Mast hängendes Werbeplakat für die Waschmittelmarke OMO. Die Umgebung, in der das Plakat hängt, ist trostlos und öde; auf der Erde liegt Unrat, einige Männer stehen in einer Gruppe zusammen, vielleicht an einer Haltestelle. Ein einzelner Mann läuft mit großen, schnellen Schritten im Vordergrund, so als wolle er die Umgebung möglichst schnell verlassen. Die Marke OMO – als Waschmittel ein Synonym für Reinheit – kontrastiert auf skurrile Art mit der Umgebung, die alles andere als sauber scheint. Das riesige Waschmittelplakat scheint sich durch seine Schräglage und seine Grafik – auf dem Plakat sind Wellen, die eine Schleuderbewegung andeuten – selbst zu einer rotierenden Waschmaschinentrommel zu verselbständigen, als habe es vor, die Umgebung zu säubern. Die ursprüngliche Werbebotschaft wirkt wie eine trügerische Hoffnung – in einer Welt in der selbst die Scheinwelt der Werbung keinen Glanz zu bringen vermag.

Neben seiner Dokumentation der südafrikanischen Gegenwart beschäftigt sich Mofokeng mit der Historie der schwarzen Bevölkerung. In dem Projekt „Black Photo Album/Look at Me 1890-1950“ (1991-2000) stellt er Archivfotografien schwarzer, städtischer Familien aus der Zeit von 1890 bis 1950 zusammen, die einen Ausschnitt südafrikanischer „schwarzer“ Geschichte dokumentieren. Diese, an die Werke Christian Boltanskis erinnernde Arbeit, ist das Ergebnis des Forschungsprojekts „Politics of Representation: Images of Self and Family History of Black Urban South Africans 1890 bis 1950“ der University of Witwatersrand in Johannesburg.

Mofokeng sammelte für das Projekt im Gespräch mit schwarzen Familien Fotografien, die er retouchierte, abfotografierte und in unterschiedlichen Variationen zeigte. Zum Teil wurden sie als Silbergelatinedrucke mit Äußerungen der Eigentümer der Fotografien gezeigt, in anderen Ausstellungen als Installation mit Diaprojektion und Interviewausschnitten. Mofokeng hinterfragt in seiner Arbeit die Motive der Personen, sich auf eine bestimmte Art und Weise porträtieren zu lassen, er analysiert die Sichtweise der Kolonialisierten auf sich selbst und ihre Identifikationsmuster. So sitzt beispielsweise ein Paar vor der mediterran-klassizistischen Kulisse eines Fotostudios. Die beiden haben sich ganz dem Stil der Kolonialherren angepasst: Der Mann trägt Kniebundhosen und einen Frack, sein Haar ist geglättet und gescheitelt. Auch die Haare der Frau sind im europäischen Stil der Jahrhundertwende frisiert. Sie trägt eine weiße Bluse, einen gestreiften Rock und Schnürstiefel. Ernst und würdevoll zeigen sich beide dem Betrachter. Das Bild dokumentiert das zaghafte Selbstbewusstsein einer jungen, bürgerliche Ideale repräsentierenden Familie. Wie viele Fotografien von „Black Photo Album / Look at Me, 1890-1950“ scheint auch diese einen Widerspruch in sich zu bergen: Sie zeugt von schwarzem Selbstbewusstsein und dem Bedürfnis nach Repräsentation in Zeiten von Kolonialherrschaft und Unterdrückung.

Im Rahmen eines Aufenthaltes im Künstlerhaus Worpswede (1998) hat Santu Mofokeng eine Serie von Fotografien des Konzentrationslagers Auschwitz geschaffen. Sie bilden die Serie „Chasing Shadows: End of the Line“. Zwischen der südafrikanischen Apartheid und dem deutschen Nationalsozialismus sieht Mofokeng Parallelen: „Ich denke nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass der Holocaust und die Apartheid die beiden unvergesslichsten Übel sind, die in diesem Jahrhundert die Welt hypnotisierten.“ Mit dieser Ansicht berührt Mofokeng einen empfindlichen Punkt, war die Unvergleichlichkeit des Holocaust doch Ausgangspunkt des Historikerstreits.

Auch die Arbeit „Sad Landscapes” problematisiert die Erinnerung an historische gewaltsame Ereignisse. 20 schwarz-weiß Fotografien zeigen Orte, die Schauplätze von Tragödien waren: Landschaften, Friedhöfe, Denkmäler. Die Bilder stammen aus den letzten 15 Jahren, sie sind die Konstruktion einer historischen aber auch persönlichen Bilderreise. Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, wie wir mit der Erinnerung an historische Ereignisse umgehen: „Wer besitzt diese Erinnerung? Was wird erinnert und wie? Wie lang reicht die Erinnerung zurück? Was tun wir damit? Brauchen wir sie? Wer kann mit der Erinnerung betraut werden?“ Ein weiterer Aspekt der Arbeit ist die Unschuld der Natur, die menschlichem Leiden gegenüber gleichgültig ist und die Spuren des Grauens ganz allmählich vernichtet, indem Neues entsteht, das an seine Stelle tritt.
Author: Petra Stegmann

Bio

Santu Mofokeng wurde 1956 in Johannesburg geboren. Er studierte an der University of the Witwatersrand in Johannesburg. Von 1985 bis 1992 war Mofokeng Mitglied des Afrapix Collective, einem multiethnischen Kollektiv von Fotografen, die sich vor allem mit den Lebensumständen unter der Apartheid auseinander setzten. Von 1987 bis 1988 war er Fotograf für die Zeitung New Nation.

1991 erhielt Santu Mofokeng das Ernest Cole Scholarship und studierte am International Centre for Photography in New York. Mofokeng war zehn Jahre lang Forscher und dokumentarischer Fotograf am Institute for Advanced Social Research an der University of Witwatersrand. 1998 hielt er sich im Rahmen eines Stipendiums im Künstlerhaus Worpswede auf. 2002 war Mofokeng Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin.

Santu Mofokeng lebt und arbeitet in Johannesburg.

Works

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2004 „Santu Mofokeng“, Gallery Momo, Johannesburg, Südafrika „Rethinking Landscape”, CPIF - Centre Photographique d’ille de France, Pontault-Combault, Frankreich 2000 „Sad Landscapes“, Camouflage Gallery, Johannesburg, Südafrika 2003 „Rites sacrés, rites profanes“, 5es Rencontres de la photographie africaine, Bamako, Mali 1999 „Chasing Shadows“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „The Black Photo Album - Johannesburg, 1890-1950“, l´Atelier de Visu, Marseille, Frankreich 1998 „Lunarscapes”, Institut de Photo des Pays-Bas, Rotterdam, Niederlande 1997 „Chasing Shadows”, Gertrude Posel Gallery - Wits University, Johannesburg, Südafrika 1995 „Distorting Mirror / Townships Imagined”, Workers Library, Johannesburg, Südafrika 1994 „Rumours/The Bloemhof Portfolio“, Market Gallery, Johannesburg, Südafrika 1993 „Like Shifting Sand“, Market Gallery, Johannesburg, Südafrika 1991 „Schwarz Weiss“, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2006 „Africa Remix”, Mori Art Museum, Tokio, Japan „Black, Brown + White“, Kunsthalle Wien, Wien, Österreich 2005 „Africa Remix”, Centre Pompidou, Paris, Frankreich „Africa Remix”, Hayward Gallery, London, Großbritannien „Mooimarkshow Wien-Johannesburg”, Kunsthalle Exnergasse, Wien, Österreich „Unsettled: 8 South African Photographers”, Durban Art Gallery, Durban, Südafrika „Unsettled: 8 South African Photographers”, Reykjavík Museum of Photography, Reykjavík, Island „New Identities - Contemporary Art from South Africa”, JAG Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika „New Identities - Contemporary Art from South Africa”, Pretoria Art Museum, Pretoria, Südafrika 2004 „Self-Portrait / Part 2”, Galerie Michel Rein, Paris, Frankreich „Unsettled”, National Museum of Photography, Kopenhagen, Dänemark „New Identities“, Südafrika Museum, Bochum „Afrika Remix“, Museum Kunst Palast, Düsseldorf „Fotografie aus Südafrika“, Galerie Christine König, Wien, Österreich „Ralentir vite“, Frac Ile-de-France - Le Plateau, Paris, Frankreich 2003 „Sharjah International Biennial 6“, Biennale Sharjah, Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate 2002 „Documenta XI“, Documenta, Kassel „Survivre à l´Arphtheid de Drum Magazine á aujourd´ hui“, MEP - Maison Européene de la Photographie, Paris, Frankreich 2001 „Africas. The Artist and the City”, CCCB, Barcelona, Spanien „The Short Century - Befreiungsbewegungen in Afrika“, Villa Stuck, München „The Short Century - Befreiungsbewegungen in Afrika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2000 „Translation/Seduction/Displacement“, White Box, New York, USA 1998 „Eye Africa”, S.A. National Gallery, Kapstadt, Südafrika 1997 „2. Johannesburg Biennale, Johannesburg Biennale, Johannesburg, Südafrika 1996 „Colours - Kunst aus Südafrika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Drum, 40 Jahre Fotografie in Afrika“, Guggenheim Museum, New York, USA 1995 „Transitions, Contemporary Art from South Africa”, F-Stop Gallery, Bath, USA „Distorting Mirror/Townships Imagined”, Worker´s Library, Resource Centre and Museum, Johannesburg, Südafrika „Südafrikanische Fotografie“, ifa Galerie, Bonn 1994 „Rencontres de la Photographie Africaine“, Bamako, Mali „A Shifting Landscape“, Photo International, Rotterdam, Niederlande „This Land is Our Land“, The Market Gallery, Johannesburg, Südafrika 1993 „Montages 93, - International Festival of the Image”, Rochester, New York, USA „In Transit”, New Museum of Contemporary Art, New York, USA 1991 „Schwarz Weiß“, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin „Vita Art Now“, Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika 1988 „Taking Sides“, White Chapel Gallery, London, Großbritannien 1987 „Domestic Workers”, Witwatersrand University, Johannesburg, Südafrika „Human Rights”, Market Galleries, Johannesburg, Südafrika „Train Culture -The Staffrider Group Exhibition”, The Market Gallery, Johannesburg, Südafrika

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Colours

Contemporary Art from South Africa

(24 May 96 - 18 August 96)
images
Preparing Sheep-Heads, Dukathole, 1989