Tan Pin Pin

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crossroads:
Heimat, Identität, Sexualität, Zensur
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Curating Art, Videokunst)
Film (Dokumentarfilm)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Singapore
city:
Singapur
created on:
September 26, 2005
last changed on:
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Tan Pin Pin

Article

Schattentänze mit der Zensur

KÜNSTLERSTATEMENT/ POSTKARTENPROJEKT DES HAUSES DER KULTUREN DER WELT 2007 „Warum und für wen machen wir heute Filme? Ich glaube nicht, dass ich bezüglich des Landes, in dem ich letztlich produziere, eine Wahl habe, aber ich habe die Wahl, wo ich wohnen möchte. Durch meine Entscheidung, in Singapur zu wohnen, habe ich eine Entscheidung getroffen, eine unbewusste, was die Werke betrifft, die ich machen würde. Es wären Werke, deren Publikum vorwiegend aus Singapur kommt, und es wären Werke, die versuchen würden, dessen Perspektive auf Singapur zu pushen, die das Publikum auffordern, dieses Land als ein wuselndes, umkämpftes Terrain zu begreifen, worum es weiterhin kämpfen sollte, vor allem aber, nicht die Hoffnung zu verlieren." (Tan Pin Pin) Tan Pin Pin erforscht in ihren Filmen und Videos die Lebensbedingungen in ihrer Heimatstadt Singapur. Dabei arbeitet sie sowohl orthodox dokumentarisch wie künstlerisch experimentell. Gelegentlich übernimmt sie auch Auftragswerke für das Fernsehen.
Tan Pin Pin erforscht in ihren Filmen und Videos die Lebensbedingungen in Singapur. Der Stadtstaat wird seit 40 Jahren von der People’s Action Party regiert. Wirtschaftlicher Erfolg und demokratische Defizite charakterisieren die politische Situation. „Lurve Me Now“, ein früher Kurzfilm Tan Pin Pins, in dem sie über die Fantasien von Barbie-Puppen spekuliert, ist in Singapur aufgrund seiner sexuellen Implikationen verboten. „Es ist sehr schwierig, in Singapur etwas Kritisches zu machen. Man muss etwas zum Ausdruck bringen, ohne es richtig zu sagen. Ich finde mich beständig in einem Schattentanz wieder. Aber es macht meine Filme besser. Man arbeitet beständig daran, die Filme reich an Subtext zu machen.“

In „Moving House“ schildert Tan Pin Pin die Auflösung eines Friedhofs und die Folgen, die daraus für eine Familie erwachsen, deren verstorbene Angehörige nun an einen neuen Ort gebracht werden müssen. Diesem Projekt verwandt ist auch ein Beitrag zu der Dokumentarserie „Afterlife“, die sich mit Tod und Jenseitsvorstellungen in Asien beschäftigt. Tan Pin Pin porträtierte in ihrem halbstündigen Film die Arbeit von Ah Kow, der Gräber öffnet und Leichen umbettet, wenn dies erforderlich ist. Die negativen mit seiner Tätigkeit verbundenen Assoziationen versucht Ah Kow in der Freizeit abzustreifen.
Tan Pin Pin arbeitet häufig für Fernsehstationen in Asien, untersucht aber auch zunehmend die Ausdrucksmöglichkeiten von Film und Video im Kunstraum. „Microwave“ war ursprünglich Teil einer Videoinstallation, bei der verschiedene Objekte gefilmt wurden, während sie in einer Mikrowelle rotierten. Ein Dollarschein, eine American-Express-Karte und eine Barbie-Puppe fanden dabei Verwendung, also „ikonische“ Gegenstände, die in einen unvermuteten Zusammenhang gebracht wurden.
„80km/h“ dokumentiert eine Autofahrt vom Changi Flughafen zum Tuas Checkpoint, dem eigentlichen Zugang Singapurs. Das Auto hält die im Titel genannte Geschwindigkeit penibel, die wenigen Abweichungen werden im Abspann ausdrücklich genannt. Da die Kamera seitlich ausgerichtet ist, ist es die Landschaft neben der Autobahn, die ins Bild gerät – jene undefinierte Zone zwischen Stadtstaat und Umland, die durch Immobilienentwicklung und Verkehr geprägt ist. Im Verlauf der Fahrt wird es allmählich Abend, um 7.43 kommt das Auto vor dem Checkpoint zum Stillstand.

Tan Pin Pins jüngster Film „Singapore GaGa“ handelt von Menschen, die in den Nischen der offiziellen Kultur ihr Auskommen finden. Eine arme Frau im Rollstuhl verkauft vor der U-Bahn Taschentücher für einen Dollar. Wenn das Geschäft schlecht geht, singt sie ein Jesus-Lied zum Trost. Ein alter Mann in kurzen Hosen führt in der U-Bahn seine musikalischen Kunststücke vor. Er hat schon mehrmals Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt, auch jetzt fragt ihn eine missmutige Frau nach seiner Genehmigung. Unverdrossen bezeichnet er sich als „Nationalheiligtum“. Tan Pin Pin sucht in „Singapore GaGa“ nach Indizien und Orientierungspunkten einer kulturellen Identität, die unbeachtet von der offiziellen Selbstdarstellung des Landes bleiben. So kommt sie zum Beispiel auf den Bauchredner Victor Khoo zurück, der mit seiner Puppe Charlie schon in ihrer Kindheit berühmt war und seit vielen Jahren die Heranwachsenden unterhält. In den Radiostationen von MediaCorp findet sie Menschen, die Nachrichten in chinesischen Dialekten sprechen, die in Vergessenheit geraten, weil im offiziellen Alltag Singapurs mittlerweile Englisch und Mandarin vorherrschen. Tan Pin Pin findet in „Singapore GaGa“ dagegen eine bunte Sprachenvielfalt vor. Alte Männer singen Gaudeamus Igitur und erinnern sich an ihren Schulbesuch, während verschleierte Mädchen sich bei einem Sportbewerb in Arabisch anfeuern. So klein Singapur als Stadtstaat an der Südspitze Malaysiens auch ist, so sehr ist es in den südostasiatischen Großraum eingebunden und von dessen wechselvoller Geschichte geprägt. In „Crossings“ schildert Tan Pin Pin einen emotionalen Besuch des Filmemachers John Woo in seiner Heimat Hongkong. Er arbeitet inzwischen in Hollywood. Tan Pin Pin zeichnet seine Karriere als typische Erfolgsgeschichte der Diaspora nach, und greift dabei auf rare Filmausschnitte zurück.

Vom 11. bis 13. November 2005 richtet Tan Pin Pin in Singapur gemeinsam mit dem Kurator Yuni Hadi den Videowettbewerb Fly by Night aus. 40 Kandidaten oder Gruppen werden mit einem Thema konfrontiert, zu dem sie in einem Tag ein Video verfertigen sollen. Diese „Video Challenge“ soll zur Demokratisierung der audiovisuellen Medien in Singapur beitragen.
Author: Bert Rebhandl

Bio

Tan Pin Pin, geboren 1969 in Singapur, ist Autorin und Regisseurin von Filmen und Videos. Sie schloss ihre Studien im Fachbereich Film an der Northwestern University, USA, mit einem MFA ab. 2004 war sie Artist in Residence der University of Technology in Sydney, Australien. Ihre Arbeiten erhielten bisher mehr als zwanzig Preise und Nominierungen, unter anderem den Student Academy Award und den USA-ASEAN Film Award für ihren Film „Moving House.“ Sie ist Co-Organisatorin des Video-Wettbewerbs „Fly by Night“, der das unabhängige Filmschaffen in Singapur fördern will.

Works

Singapore GaGa

Film / TV,
2004
Dokumentarfilm. 55 Min.

80 km/h

Film / TV,
2003
Experimenteller Dokumentarfilm

Roger´s Park

Film / TV,
2001
Kurzfilm. 16 mm

Red

Film / TV,
2001
Experimenteller Kurzfilm

Moving House

Film / TV,
2001
Dokumentarfilm. 22 Min.

Afterlife

Film / TV
N/A

Microwave

Film / TV
Kurzfilm. 2 Min. 30 Sek.

Lurve Me Now

Film / TV
Kurzfilm. 3 Min. 30 Sek.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)

Www

Website von Singapore GaGa