Yvonne Vera

Article Bio Works Merits
crossroads:
Bürgerkrieg, Gender, Kolonialismus
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Kurzgeschichte, Roman)
region:
Africa, Eastern
country/territory:
Zimbabwe
city:
Harare
created on:
May 14, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since December 28, 2010. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Yvonne Vera
Yvonne Vera

Article

Die 1964 in Bulawayo, dem heutigen Simbabwe, geborene Yvonne Vera wird als Star der neuen postkolonialen Literatur Afrikas gefeiert. In ihren Kurzgeschichten und vielfach ausgezeichneten Romanen verweigert sie ein nostalgisches Bild Afrikas und setzt an die Stelle vermeintlicher Authentizität ihr Bedürfnis nach Selbstvergewisserung. Ein zentrales Thema ihres Werkes sind die Erfahrungen des Befreiungskrieges, die sie vor allem aus der Perspektive von Frauen schildert.
Yvonne Vera begann zu schreiben, nachdem sie Simbabwe verlassen hatte und in Kanada die Erfahrung individueller Befreiung machte, aber auch eine Rückbesinnung auf ihre „afrikanischen Wurzeln" erlebte. Ihre ersten Kurzgeschichten in „Seelen im Exil" (1997) und „Why Don´t you Carve Other Animals“ (1992) erzählen von der Geschichte des Befreiungskrieges im Simbabwe der Jahre 1972 bis 1980. „Wir wissen alle, dass wir verwundet worden sind und unterschiedliche Narben davongetragen haben, die nicht alle sichtbar sind“, erklärt Vera ihr Anliegen. „Schreiben heißt, diese Verwundungen zu akzeptieren, ist ein Heilungs- und Wachstumsprozess" (zit. nach Kritisches Lexikon zur Gegenwartsliteratur 10/00).

Veras Kurzgeschichten beschreiben und diagnostizieren die Wunden des Krieges aus der Sicht der Frauen, die durch den Krieg nichts gewonnen und viel verloren haben. Eine junge Frau fasst in der Erzählung „Es ist schwer allein zu leben“ die Fragestellungen zusammen, die allen Geschichten Yvonne Veras gemeinsam sind: „Das Land ist in einem Stadium der Verwirrung. Wer kennt noch die Regeln? Wer weiß noch, was zu tun ist? Wer weiß, was wirklich wichtig ist? Alles, was wir kennen, sind unsere Verluste, unsere Angst und unser Schweigen.“

Schreiben ist für Vera Manie und Vision. Bis zu zehn Stunden am Tag könne sie wie besessen und bis zur Erschöpfung arbeiten, erzählt die Schriftstellerin. Dann verlässt sie nicht einmal ihr Zimmer, um sich keinen anderen Einflüssen auszusetzen. In diesen Momenten existiert ausschließlich für den Roman und hört ihre Worte wie Musik. Sie sagt, dass sie niemals über ein Thema nachdenkt, bevor sie zu schreiben beginnt. Daher kann sie nur über Themen schreiben, die ihr schon vertraut sind. Entsprechend schreibt sie vorwiegend über Frauen. Das metaphorische, lyrische Englisch, das so entsteht, gilt in Simbabwe als einzigartig.

Die Titelheldin ihres ersten Romans „Nehanda" wurde nach der Unabhängigkeit Simbabwes zu einer Leitfigur nationaler Identität und war schon in den fünfziger Jahren Thema zahlreicher patriotischer Dichtungen. In nicht-linearer Erzählweise, in der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ineinander fließen, erzählt die Autorin die Geschichte des Clan-Geistes Nehanda, der sich Ende des 19. Jahrhunderts im Geistmedium einer Frau manifestierte, die zur prophetischen Führerin der Rebellion von 1896 gegen die Kolonialherrschaft wurde. Die historisch verbürgte Prophetin bewegte 1896 die Shona, sich gegen die britischen Kolonialherren aufzulehnen. Als die Rebellion scheitert, wurde sie zusammen mit ihrem Gehilfen, dem Medium des Geistes Kaguvi, gehenkt. Auf die erzählte Handlung legt Yvonne Vera dabei weniger Wert. Das Wesentliche ihrer Texte ist ganz in die Sprache und die psychische Befindlichkeit der Personen verlegt. So setzt die Geschichte voraus, dass der Leser die Geschichte der Freiheitskämpferin kennt. Yvonne Veras Version des Nehanda-Mythos feiert mit poetischem Pathos die Kraft traditioneller Kultur und die Stärke der Frauen. Nehandas Ende bleibt offen. Sie rettet sich in eine Höhle, wo sie bis zur endgültigen Befreiung ihres Volkes in der Verborgenheit bleiben wird.

Verweist der Schluss von „Nehanda" noch auf eine kommende Erlösung, schließt Veras zweiter Roman „Eine Frau ohne Namen" („Without a Name", 1994) in grenzenloser Hoffnungslosigkeit. Wie in ihren Kurzgeschichten geht es um die Erfahrung des Befreiungskrieges aus der Perspektive von Frauen. Nach einer Vergewaltigung flüchtet die Protagonistin Mazvita in die Stadt. Dort entdeckt sie, dass sie schwanger ist und wird von Joel, dem Mann, mit dem sie zusammen lebt, fortgeschickt, weil er annimmt, dass das Kind nicht von ihm ist. In ihrer Verzweiflung erdrosselt sie ihr Baby mit seiner Krawatte, und kehrt mit der Kinderleiche auf dem Rücken in ihr Heimatdorf auf dem Lande zurück. Als sie dort schließlich ankommt, muss sie entdecken, dass es abgebrannt und zerstört ist. Ihr bleibt nur das tote Kind.

Wie kaum eine schwarzafrikanische Autorin findet Yvonne Vera einen adäquaten Ausdruck für das Leben von allein stehenden Frauen im südlichen Afrika die sozial und kulturell aus der Norm fallen. Ihr gelingen peinigende Bilder für die Schmerzen ihrer Protagonistin: „Ihr Hals war verdreht. Ein Knochen am unteren Ende ihres Halses sagte ihr, dass ihr Hals gedreht und gedreht worden war, bis er keinen ruhigen Ort mehr finden konnte. Ihr war der Hals gebrochen worden. Sie spürte ein grausames Stechen wie zerbrochenes Glas auf ihrer Zunge, auf der sie Fragmente ihres Daseins trug ... An ihrem Hals wuchs ein Knoten ... Ihre Haut blätterte ab und löste sich von ihrem Körper."

Auch mit ihrem dritten Roman „Under the Tongue" („Unter der Zunge", 1996), für den sie den Commonwealth Writers Prize der Region Afrika erhielt, greift sie ein gesellschaftliches Thema auf und bricht ein Tabu, indem sie das Geflecht von Abhängigkeit und Verdrängung in der Familie thematisiert, das zu Gewalt und Inzest führt. Vera arbeitet in diesem Werk mit den traditionellen Bildwelten der Shona und Ndebele. Ihr Leitsymbol ist die weibliche Zunge, die weibliche Sprachlosigkeit, die von der männlichen Übermacht erdrückt wird, und daher „nicht länger lebt, nicht länger weint. Sie ist begraben unter Steinen."

So düster die Bilder in „Under the Tongue" sind, so kraftvoll sind die Ausdrucksformen der Menschen in ihrem vierten Roman „Butterfly Burning" („Verbrennender Schmetterling", 1998). Das Werk ist ein Geschenk an ihre Heimatstadt Bulawayo. In ihm beschwört sie die Kreativität, die Musik, die Straßen, die Gebäude und die Lichter der Großstadt im Jahr 1948. Im Mittelpunkt steht die junge Frau Phephelaphi, die sich in einen älteren Mann verliebt. Zuerst lebt sie nur für diese Liebe, doch dann entwickelt sie sich weiter und möchte als eine der ersten schwarzen Frauen Krankenschwester werden. Als sie einen Ausbildungsplatz erhält, stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Sie kämpft und verliert letztlich - der Schmetterling geht in Flammen auf.




Author: Birgit Koß

Bio

Yvonne Vera wurde im ehemaligen Rhodesien, heute Simbabwe, als Tochter eines Geschäftsmannes in Bulawayo, Matbeleleland, geboren, wo sie ihre Kindheit und Jugend überwiegend in der Obhut ihrer Großmutter verbrachte. Obwohl sie so recht behütet aufwuchs, drängte sich der Unabhängigkeitskrieg in ihr Leben. Familienmitglieder verschwanden und wurden nie wieder gesehen, in der Schule herrschte Unruhe und Angst. Dauernd gab es Durchsuchungen der Wohnviertel nach Guerillakämpfern.

Sie begann mit dem Schreiben, als sie 1985 nach Kanada ging, um an der York University in Toronto, Kanada, englische Philologie, Kunstgeschichte und Filmwissenschaften zu studieren. Yvonne Vera promovierte in englischer Literatur mit einer Arbeit über das Gefängnis im kolonialen Raum. Sie war die erste Frau Simbabwes, die im Ausland einen Doktortitel erwarb. Zurück in ihrer Heimat, begann sie Romane zu schreiben. 1997 bot man ihr die Leitung der National Gallery in Bulawayo, dem zweitgrößten Kunstmuseum Simbabwes an. Seitdem beschäftigt sie sich mit bildender Kunst, organisiert aber auch Lesungen und Musikveranstaltungen in ihrem Museum. Ein besonderes Anliegen ist es ihr, Raum für junge Künstlerinnen zu schaffen. Ihre Romane schreibt sie während ihres Urlaubs. So sagte sie in einem Interview: „Alle Mitarbeiter der Galerie können 45 Tage im Jahr Urlaub nehmen. Ich nehme meinen gesamten Urlaub, um zu schreiben. Einige Kollegen nutzen die Zeit, um ihre Felder zu bestellen, ich bestelle das Feld der Literatur."

Yvonne Vera war mehrfach auf Lesereisen in Deutschland. Bis Ende Juni 2001 war sie auf Einladung des Kulturreferats München Gast der Villa Waldberta.

Die an HIV erkrankte Künstlerin starb 2005 an einer Meningitis.

Works

The stone virgins

Published Written,
2002
Roman. Farrar Straus Giroux: New York

A Voyeur´s Paradise ... Images of Africa

Published Written,
2001
Nordic Africa Institute,

Black women (Hrsg. Yvonne Vera)

Published Written,
2001
Erzählungen. Lamuv: Göttingen

Schmetterling in Flammen

Published Written,
2001
Roman. Marino bei Frederking & Thaler: München

Seelen in Exil

Published Written,
1997
Erzählungen. Lamuv: Göttingen

Eine Frau ohne Namen

Published Written,
1997
Roman. Marino-Verlag: München

Under the Tongue

Published Written,
1996
Roman. Baobab Books: Harare

Nehanda

Published Written,
1993
Roman. Baobab Books: Harare

Merits

Yvonne Veras Bücher „Africa" und „Under the Tongue" wurden mit dem Commonwealth-Preis ausgezeichnet. In den Jahren 1993, 1995 und 1997 wurde die Autorin mit dem Preis der Zimbabwe Book Publishers Association geehrt.
Für ihr Werk „Voice of Africa" erhielt sie 1999 den angesehenen und hochdotierten Schwedischen Literaturpreis.
Für „Stone Virgins" wurde ihr der Macmillan Writers´ Prize for Africa verliehen (2002). Es folgten LiBeraturpreis (2002) für „Schmetterling in Flammen",
der Premio Feronia (2003)
und der Tucholsky-Preis für das Gesamtwerk 2004 (Schwedischer PEN).