Teresa Margolles Sierra

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crossroads:
Erinnerung, Gewalt, Körper, Ritual, Tod
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation, Objektkunst, Videokunst)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
created on:
June 25, 2003
last changed on:
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Article

Über die Toten zurück ins Leben

Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles hat seit ihrer Zugehörigkeit zu der Gruppe SEMEFO, deren Namen sich vom Gerichtsmedizinischen Dienst herleitet, Leichenschauhaus und Seziersaal zu ihrem Atelier gemacht. Beide sind Orte des Todes, aber auch Schaufenster gewalttätiger gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in der vermutlich größten Metropole der Welt, Mexiko-Stadt. Margolles arbeitet kaum direkt mit Überresten von Körpern, eher mit den Spuren vergangenen Lebens, mit Verhüllen, Vergraben und Erinnern. Die namenlosen und anonymen Opfer gemahnen an die inhumanen Verhältnisse der modernen Massengesellschaft.
Teresa Margolles gehörte 1990 zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe SEMEFO (Servicio Médico Forense / Gerichtsmedizinischer Dienst) und hat seitdem im Rahmen dieser Gruppe Performances, Installationen, Objektplastiken, Interventionen im öffentlichen Raum und Videos gestaltet. Seit einigen Jahren arbeitet Margolles auch individuell in Fortführung des gemeinsamen Programms. Dessen Basis bildet gleichsam das Leichenschauhaus, das sich in einer Metropole wie Mexiko-Stadt als Brennspiegel sozialer Verhältnisse erfahren lässt, die von Armut, Ausbeutung und Kriminalität auf der einen, Reichtum und moderner Technik auf der anderen Seite geprägt sind. Themen wie Gewalt, Tod, Bestattung, aber auch Organhandel und Schönheitsoperation stehen im Zentrum ihrer häufig schockierend wirkenden Auseinandersetzung mit den Relikten des Lebens.
Im Gegensatz zu theatralischen Aktionen der Gruppe, vermeidet die Künstlerin den persönlich Einsatz, sie bittet andere zur Durchführung oder lässt die Objekte „sprechen“.

In einem Interview mit Gerald Matt beschreibt Margolles ihren Weg: „Seit dem Beginn meiner Laufbahn Anfang der neunziger Jahre arbeite ich an einer Ästhetik, die in ihrer Entstehung nicht so sehr mit dem Tod, sondern mit der Leiche in ihren verschiedenen Stadien und mit ihren verschiedenen sozio-kulturellen Implikationen verbunden ist. Ich arbeite am leblosen Körper, mit dem was, verfault. Immer mit der anfänglichen Frage: Wie viel durchlebt eine Leiche? Ich habe verschiedene Stadien durchlaufen. Zuerst zeigte ich die Leiche aus der Perspektive der direkten Gewalt. Schließlich kam ich zur Reinigung von Gegenständen, die ich ihren symbolischen Gehalt ohne irgendwelches Beiwerk ausdrücken ließ“ (Ausstellungs-Katalog T.M., Kunsthalle Wien project space 2003, S. 19-20). Margolles sieht Parallelen zu den Wiener Aktionisten Mühl, Nitsch und Schwarzkogler, wendet sich aber „an eine Gesellschaft, in der Gewalt fast eine Gewohnheit und Allegorie ist und in der die Schmerzunempfindlichkeit, der Mangel an Solidarität und das Einzelkämpfertum immer mehr zunehmen“ (ebd., S. 23).

Zu den Arbeiten der Gruppe SEMEFO zählen u.a. „Dermis“ (1995), Laken aus einem öffentlichen Krankenhaus (dessen Logo aufgedruckt ist) mit blutigen Abdrücken von Leichen (Cuauhtémoc Medina nennt es eine Mimikry an Yves Kleins „Anthropométries“, in: Parachute Nr. 104, S. 36f.), und „Estudio de la ropa de cadáveres“, schmutzige Hemden von verunglückten Kindern, ausgestellt 1997 bei „Así está la cosa“ in Mexiko-Stadt, einer Übersicht über Installations- und Objektkunst in Lateinamerika.

Margolles’ Werk „Entierro/Burial“ (1999) besteht aus einem flachen, unscheinbaren Betonquader. Die einem Minimal-Art-Werk ähnliche Plastik ist aber tatsächlich ein Sarg. Nach einer Fehlgeburt hatte eine befreundete mittellose Frau die Künstlerin gebeten, ihren Fötus nicht im Krankenhaus entsorgen zu lassen, sondern in einem Kunstwerk zu bewahren. So entstand das Betongrab, in dem das ungeborene Kind in einer luftdicht isolierten Höhlung ruht.

Bei der Aktion „Andén. Escultura colectiva por la paz“ (1999) ließ Margolles in der kolumbianischen Drogenmetropole Cali einen Gehsteig im Parque Panamericano in einer Länge von 36 Metern ausheben und bat Hinterbliebene von Drogenopfern, Erinnerungsstücke in die „Wunde“ zu legen. Danach wurde sie wieder zugeschüttet und geteert.

Bei „Lengua“ (2000) handelt es sich um die gepiercte Zunge eines getöteten jugendlichen Heroinsüchtigen, die Margolles als präpariertes Objekt ausstellte. Als Gegenleistung für die künstlerische „Verwertung“ des realen Körperteils gab Margolles der Familie des Toten Geld für dessen Bestattung. Danach setzte Margolles – wie später in Berlin – abgesaugtes menschliches Fett ein, das sie heimlich aus dem Anatomieinstitut von Mexiko-Stadt geschmuggelt hatte. Sie bestrich damit öffentliche Gebäude in Kuba, um sie zu „restaurieren“ („Ciudad en espera“, Havanna 2000) oder benutzte einen lebenden Menschen (ein marokkanischer Immigrant in Spanien, der mit kontaminierten Drogen handelte) als „lebenden“ Bildträger („Grumo sobre la piel“, Barcelona 2001): er wurde eingefettet und anschließend gewaschen. Bei der Arbeit „Fin“ (2002) wurde ein Galerieraum anlässlich seiner Schließung mit einem Gemisch aus Zement und Leichwaschwasser ausgegossen, welche das Publikum auf die Straße drängten.

Im Rahmen des Festivals MEXartes-berlin.de zeigte Teresa Margolles 2002 zwei Installationen. In der Ausstellung „Zebra Crossing“ war „Vaporización/Zerstäubung“ zu sehen, ein Raum, der von dichtem Nebel erfüllt war. In ihm standen Kühlaggregate, die desinfiziertes Leichenwaschwasser verdampften. „Ihre Performance visualisierte nicht nur die physische Erinnerung an eine letzte Waschung, sie spielt darüber hinaus auch auf die Idee des Verschwindens und des Sich-Auflösens an – das Verschwinden eines Individuums in einem dichten Nebel einer Stadt mit mehr als 20 Millionen Einwohnern“ (Klaus Biesenbach, in: Ausstellungs-Katalog Mexico City. An Exhibition about the Exchange Rates of Bodies and Values, S. 151). Ein Schild am Eingang des Raumes klärte über die Hintergründe und die Ungefährlichkeit der eingeatmeten Dämpfe auf.

Eine zweite Arbeit von Margolles befand sich in der Ausstellung „Mexico City. An Exhibition about the Exchange Rates of Bodies and Values” in den Kunstwerken. Sie bestand aus einer monomentalen monochromen Wandfresko besonderer Art: Margolles hatte dafür menschliches Fett verwendet, das bei Schönheitsoperationen abgesaugt wird. “Die Installation wird oft als ein Kommentar zu obsessiver Eitelkeit wahrgenommen, indem das Fett zum Zeichen für die abgesaugten, entsorgten Rückstände von wohlhabenden Patienten wird. Körperfett als Maßstab für Wohlstand und Ernährung ist hier zum Abfallprodukt derjenigen geworden, die aus Angst vor Überernährung einen drahtigen Körper ‚light’ suchen (und dafür zahlen), dem gerade eben dieses Fett teuer entzogen werden muss“ (Klaus Biesenbach, ebd.).

Im Frühjahr 2003 hatte Margolles in der Kunsthalle Wien eine Einzelausstellung unter dem Titel „Das Leichentuch“. Es war die Installation eines 2 x 24 Meter großen Tuches mit menschlichen Körperabdrücken zu sehen. Sie stammen von nicht identifizierten, zum Sezieren freigegebenen Obdachlosen. Der beißende Geruch der gegen die Verwesung eingesetzten Chemikalien bewirkte, dass das Tuch zeitweise abgehängt werden musste. Außerdem waren Videos von Margolles’ früheren Performances und Installationen zu sehen. Während man beim Berliner Auftritt in der Presse eher gelassen auf die vermeintlich berechnete Provokation reagierte – „Es sind eher etwas platte, leicht durchschaubare Installationen, deren Aussage sich zwar ein wenig zu leicht erschließt, deren Wirkung einfach grandios ist“ (Uta Baier, in: Berliner Morgenpost, 21.9.2002) –, löste die Ausstellung in Wien einen Skandal aus. Dabei ging es weniger um das Leichentuch als um das Video „Bañando el bebé“, das die Präparierung eines totgeborenen Kindes zeigt (für die oben genannte Arbeit „Entierro/Burial“). Es kam zu Anfragen der FPÖ im Wiener Gemeinderat: die Ausstellung sei ekelerregend, pervers, menschenverachtend; die Schließung des „degoutanten Schauspiels“ wurde gefordert. Die Presse strich hingegen das Verstörende und Irritierende als eher positiv hervor.

Margolles, die als „Grenzgängerin existenzieller Herkunft“ (Karlheinz Schmid, in: Kunstzeitung, November 2002) und als „eine der umstrittensten Vertreterinnen einer neuen Minimal-Body-Art“ (Niklas Maak, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.2003) gilt, rührt mit ihren Spektakel und Pathos höchst dosiert einsetzenden künstlerischen Transformationen an Tabus. Das Arbeiten mit Leichen, die zur Autopsie frei gegeben wurden, verweist auf weit verbreitete Anonymität und Armut, die keine würdige Bestattung zulassen. Doch Margolles stellt nicht den Toten ins Zentrum, sondern die physischen Spuren, die Tod, Gewalt und soziale Ausgrenzung hinterlassen haben und nutzt sie als mahnende und kathartisch wirkende Elemente einer subtilen und beunruhigenden sozialkritischen Kunst.
Author: Michael Nungesser

Bio

Teresa Margolles wurde am 14. Juli 1963 in Culiacán/Sinaloa geboren. Sie studierte dort bei der Kunstinitiative der Dirección de Fomento a la Cultura Regional del Estado de Sinaloa (DIFOCUR) sowie Kommunikationswissenschaften an der Universidad Nacional Autónoma de México und erlangte beim Servicio Médico Forense ein Diplom in Gerichtsmedizin. 1990 gründete sie gemeinsam mit Arturo Ángulo Gallardo, Juan Luis García Zavaleta und Carlos López Orozco die Gruppe SEMEFO – Abkürzung des Begriffs Servicio Médico Forense und bewusste Anspielung auf den gerichtsmedizinischen Dienst. Anfangs agierte die Gruppe vor allem als Death Metal Rock Band und Untergrund-Performance-Gruppe, bevor sie mit ihrer ersten Ausstellung von 1993 in die Kunstszene eintrat. Die Anzahl der Mitglieder fluktuiert.

1996 führte Margolles mit der Gruppe SEMEFO einen Kurs für Kinder zum Ausstopfen von Tieren durch. Vom Fondo Nacional de Cultura y las Artes erhielt Margolles in den Jahren 1994 (mit SEMEFO) und 1996 das Stipendium Jóvenes Creadores (Skulptur und alternative Medien) und war 2001 bis 2003 an dessen Sistema Nacional de Creadores de Arte beteiligt. Sie erhielt zahlreiche Preise, u.a. 1996 den 1. Platz im Salón de Plástica Sinaloense, 2000 einen Ankaufspreis beim Wettbewerb Cuerpo y Fruta der Französischen Botschaft in Mexiko-Stadt, 2001 eine ehrenvolle Erwähnung bei der Nordwest-Biennale in Culiacán und einen Ankaufspreis bei der 7. Biennale von Cuenca in Ecuador. Mit der Gruppe SEMEFO erhielt sie 1999 einen Ankaufspreis bei der Biennale von Monterrey. Im selben Jahr nahm sie am künstlerischen Austauschprogramm zwischen Mexiko und Kolumbien teil. Teresa Margolles, die als einziges Gruppenmitglied auch einzeln arbeitet und ausstellt, lebt in Mexiko-Stadt.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
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"Instalación con Vapor": Vaporization Three
"Instalación con Vapor": Vaporization Two
"Instalación con Vapor": Vaporization One
Vaporización