Xu Bing

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Dekonstruktion, Kommunikation, Sprache
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
region:
Asia, Eastern, America, North
country/territory:
China, United States of America
city:
Peking
created on:
May 12, 2003
last changed on:
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Article

Der Entwaffnende - der Spielerische

Der 1955 in China geborene und 1990 in die USA emigrierte Künstler Xu Bing bedient sich traditioneller Techniken wie der chinesischen Kalligraphie, um in die kommunikative Funktion der Sprache einzugreifen, sie zu verändern, aufzulösen oder gar zu zerstören. Durch die Dekonstruktion von Worten verwehrt er den gewohnten Zugang zur Sprache, bricht Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmuster auf. Damit gelingt es dem Künstler, den Weg frei zu machen für einen neuen und bewussten Umgang mit der geschriebenen Sprache und deren Funktion als Kommunikationsform, nicht nur innerhalb der chinesischen Gesellschaft, sondern auch im Austausch zwischen den Kulturen.
„Ich wuchs während der Kulturrevolution auf, in einer Zeit also, in der die geschriebene Sprache einem ständigem Wandel unterworfen war. Mao ordnete an, das gesamte Schriftsystem zu vereinfachen. Und so waren wir als Kinder gezwungen, stets neue Schriftzeichen zu lernen und die alten wieder zu vergessen. Dann wiederum hatten sie entschieden, dass die neuen Schriftzeichen nicht mehr gut waren, und wir mussten uns die alten wieder aneignen. Das hat unsere Kultur ganz schön durcheinander gebracht", erzählt Xu Bing.

Die monumentale Installation „A Book from the Sky" (Beijing, 1988) besteht aus großen, mit chinesischen Schriftzeichen bedruckten Blättern, die miteinander verbunden wie ein Baldachin von der Decke herabhängen, an den Wänden angebracht sind oder zu dicken Büchern verarbeitet wurden, die aufgeschlagen auf dem Boden ausgelegt sind. Mit der Fadenbindung, den Anordnungen der Überschriften und Randbemerkungen sowie den indigofarbenen Einbänden folgt der Künstler detailgetreu den Regeln der traditionellen Buchdrucker- und Buchbindekunst Chinas. Doch in einem entscheidenden Punkt hebelt Xu Bing diese exquisite und so authentisch wirkende Präsentation nationaler Schriftkultur aus ihren traditionellen Angeln: Die über 4000 Schriftzeichen auf den Blättern sind nämlich frei erfunden. Näher betrachtet stellen sie sich - bei all ihrer Schönheit - als unleserlich heraus.

Drei Jahre benötigte der Künstler, um jedes einzelne Schriftzeichen in Holzblöcke, die als Druckvorlagen dienen, zu schnitzen. Er zergliederte die Schriftzeichen eines chinesischen Wörterbuchs in ihre Bestandteile und fügte diese wieder neu zusammen. Das erklärt die verblüffende Ähnlichkeit der erfundenen mit den „echten" Zeichen.
„Das Werk spricht in der landesüblichen Syntax, dis-artikuliert sie und gibt sie völlig verstümmelt zurück", schreibt Alice Yang. In der Tat ist die Erfahrung, wie Sprache benutzt und missbraucht werden kann, für Xu Bing von zentraler Bedeutung: „Früher genügten schon ein paar Worte, um das Schicksal eines Menschen zu besiegeln. Für den einen konnten sie den Tod bedeuten, dem anderen ein gutes Leben verheißen. Es gab einen Satz: ´Gebrauche einen Federhalter wie ein Messer oder ein Gewehr.´ Überall in den Straßen waren Plakate mit Propagandasprüchen zu lesen. In meiner Erinnerung war alles voller Schriftzeichen, sie reichten vom Himmel bis zur Erde. Schließlich gewann man das Gefühl, dass Worte eine enorme Macht besitzen."

Mit „A Book from the Sky" gelingt es dem Künstler, in einer Art virtuoser Entwaffnungsmission jede Bedeutung aus dem konstruierten Text zu entfernen. Und Sprache - ein System von Symbolen, das für die Integrität und Fortdauer einer nationalen Kultur von Bedeutung ist - wird hier jeglichen Inhalts beraubt und ohne Sinn als leere Hülle dargestellt. Noch einmal Alice Yang: „Xu Bings Arbeit betrauert und begrüßt gleichzeitig den Verlust und die Unsicherheit des Wissens, und so kehrt er immer wieder zum Topos einer Kultur auf der Grenze zwischen Untergang und Wiedergeburt zurück." Damit spricht der Künstler eben jene Zeitperiode Chinas an, in der aus einem unbeweglichen Weltreich ein moderner Staat gemacht werden sollte, was mit schmerzlichen politischen und gesellschaftlichen Anpassungsprozessen verbunden war.
Mit dieser Installation machte sich Xu Bing schlagartig als bedeutendster Repräsentant der chinesischen Avantgarde einen Namen. Doch schon ein Jahr nach dem Tiananmen-Massaker wurde seine Arbeit von Chinas Kulturpolitikern plötzlich in kritischem Licht gesehen. Das Werk enthielte versteckt subversive Intentionen, so die chinesische Presse.

Xu Bing, der 1990 in die USA emigrierte, schreibt sich selbst der Generation von Künstlern zu, die jeweils zehn Jahre Sozialismus, Kulturrevolution und Öffnungspolitik durchschritten haben und nun bereits auf ein Jahrzehnt in der westlichen Gesellschaft zurückblicken können. Letztere Dekade findet direkten Niederschlag in seiner Arbeit „A New English Callygraphy" (1994-97). Xu Bing sieht darin eine Kristallisation seiner Erfahrungen vom Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen.

Auch in diesem Werk bedient er sich der traditionellen Kalligrafie, um ein neues Schreibsystem zu entwickeln. In seinem „New English Callygraphy Alphabet" kombiniert er Elemente der englischen und der chinesischen Schrift. Der Künstler hat in monatelanger Arbeit die arabischen Buchstaben so weit modifiziert, dass sie den chinesischen Schriftzeichen ähneln. Das geschriebene Englisch wird in Gestalt des Chinesischen dargestellt. Präsentiert man einen englischen Text auf diese Art und Weise, ist das Ergebnis bestechend: Englisch Sprechende starren irritiert auf die Sätze und nehmen an, dass sie einen Text in fremder Sprache vor sich haben. Tatsächlich können sie ihn aber - wenn sie sich darauf eingelassen haben - nach kurzer Zeit gut lesen. Für einen Chinesen jedoch, der englischen Sprache nicht mächtig ist, bleiben die auf den ersten Blick vertrauten Ideogramme unleserlich.

Am liebsten präsentiert der Künstler diese Arbeit in der Variante des „New English Callygraphy Classroom": Besucher finden beim Betreten einer Galerie oder eines Museums eine ähnliche Situation vor wie in einem Klassenzimmer. Ein Video an der Wand soll sie animieren, an einem der Pulte Platz zu nehmen und mit Pinsel und Tusche die Schriftzeichen selbst zu Papier zu bringen. Vor ihnen liegt ein Buch mit Beispielen des Künstlers und Instruktionen. Während des Kopierens dämmert ihnen schon bald, dass sie eigentlich gerade in einer ihnen vertrauten Sprache ein Schriftstück verfassen, das ihnen noch kurze Zeit zuvor vollkommen fremd und unzugänglich erschien.

Xu Bing ist überzeugt davon, dass bei diesem Vorgang die Sehgewohnheiten angegriffen werden: „Das Ganze soll wie ein Computervirus im Gehirn der Menschen wirken, der Zusammenbrüche in ihren normalen Denkprozessen verursacht." Durch die visuelle Verschmelzung zweier Sprachen unterschiedlicher Kulturkreise und das Kopieren derselben wird das Gefühl der Entfremdung ausgetrickst. Die Besucher erkennen, dass vielmehr sie es waren, die eine Distanz zwischen zwei Schriftsystemen aufgebaut haben oder gar der allzu vertrauten westlichen Angewohnheit erlegen sind, vorschnell alles Orientalische zu exotisieren.

Xu Bing sagt von sich selbst, dass er mit seiner Kunst nicht direkt die Gesellschaft verändern oder gar reformieren möchte. „Aber ich habe einen Weg gefunden, das Wertvolle und Kostbare der chinesischen Kultur in die zeitgenössische Gesellschaft zu bringen, indem ich mich östlicher kultureller Methoden bediene, um zeitgenössische Fragen zu stellen."
Author: Irene Sauter und Alice Grünfelder 

Bio

Xu Bing wurde 1955 in Chongqing (Sichuan Provinz), China, geboren. Sein Vater brachte ihm die Kalligrafiekunst bei. Er studierte an der Kunstakademie in Beijing, wo er 1987 seinen Abschluss als „Master of Fine Arts" machte. Seit 1990 ist er amerikanischer Staatsbürger und wurde noch im selben Jahr von der Universität von Wisconsin-Madison zum Honorary Fellow ernannt. Xu Bing lebt und arbeitet in New York. 1999 wurde er mit dem renommierten Genius Award der Mac Arthur Foundation ausgezeichnet.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Kunst und Cover / Lettre International“, Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt „Regeneration”, Arizona State University Art Museum, Phoenix, USA „Mahjong - Chinesische Gegenwartskunst“, Kunstmuseum, Bern, Schweiz „Celebrate 22 Years”, Tilton Gallery, New York, USA „On the Edge”, Indianapolis Museum of Art, Indianapolis, USA „The Elegance of Silence“, Mori Art Museum, Tokio, Japan 2004 „Biennale São Paulo 2004”, Biennale, São Paulo, Brasilien „A Real China Club Night”, Alexander Ochs Gallerie, Berlin „Claude Closky, Xu Bing, Olaf Nicolai”, Moderna Museet, Stockholm, Schweden 2003 „Shanghai Biennale 2002”, Shanghai Biennale, Shanghai, China „Guangzhou Triennale 2002”, Guangzhou Triennale, Guangzhou, China 2001 „Free Exchange”, Victoria and Albert Museum, London, England „Crossing Boundaries: East-West Symposium”, Print Art Portland Institute for Contemporary Art, Portland, Oregon, USA 2000 „Sydney Biennale”, Art Gallery New South Wales, Sydney, Australien „Global Conceptualism”, MIT List Visual Arts Center, Cambridge, USA „Power of the world”, Faulconer Gallery, Iowa, USA „Ev+a 2000 Friends and Neighbours”, Limerick City Gallery Of Art, Limerick, Irland „Inside Out”, National Gallery of Australia, Canberra, Australien „Animal. Anima. Animus”, Fuller Museum of Art, Boston, USA 1999 „Banner Project”, MOMA, New York, USA „Half A Century Of Chinese Woodblock Prints”, The Museum of Art, Ein Harod, Israel „Global Conceptualism: Points of Origin”, Queens Museum of Art, New York, USA „Transcience: Chinese Art at the end of the 20th Century”, Smart Museum of Art, Chicago, USA „Five Continents and one City”, Mexico City Museum, Mexiko-Stadt, Mexiko „Animal, Anima, Animus”, Museum voor Moderne Kunst, Arnheim, Niederlande „The Third Asia-Pacific Triennial of Contemporary Art”, Queensland Art Gallery, Brisbane, Australien „The 3rd Art Life 21”, Spiral/Wacoal Art Center, Tokio, Japan „CON(TEXT)”, The Bronx Museum of the Arts, New York, USA „Zeitwenden”, Kunstmuseum, Bonn „Concerning Truth”, Gallery 400, The School of the Art Institute, Chicago, USA „Text Project”, Ikon Gallery, Birmingham, England „Contemporary East Asian Letter Arts”, Seoul Arts Center, Seoul, Korea 1998 „Crossings”, The National Gallery of Canada, Ottawa, Kannada „Site of Desire´98”, Taipei Biennale, Taipei Fine Art Museum, Taipei, Taiwan „Inside – out”, PS1 and Asian Society, New York, USA „Unreadable books. New letters“, The Mitaka City Art Centre, Mitaka, Japan „The Library of Babel”, ICC- Intercommunication Center, Tokio, Japan „Project for International Park of Sculptures”, Open Air Museum of Brasilia, Brasilien „Where Heaven and Earth Meet: Xu Bing and Cai Gou Qiang”, Museum of Centre for Curatorial Studies, New York, USA 1997 „Around Us, Inside Us. Continents.“, Konstmuseet, Boras, Schweden „New English Calligraphy”, ICA- Institute of Contemporary Arts, London, England 1996 „Interzones“, Kunstforeningen, Kopenhagen, Dänemark „Interzones-2“, Uppsala Konstmuseum, Uppsala, Schweden „Fractures Fairy Tales: Art in the Age of Categorical Disintegration”, Duke University Museum of Art, Durham, USA „Origins and Myths of Fire”, The Museum of Modern Art, Saitama, Japan „New Works”, The International Artist in Residence program, San Antonio, USA „Installation / Performances“, Marstall Theater, München 1995 „China Avantgarde Movements”, Santa Monica Art Center, Barcelona, Spanien 1994 „Cocido y Crudo“, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, Spanien „Jumping Typography”, O Art Museum, Tokio, Japan „Flesh & Ciphers”, Here Foundation, New York, USA 1993 „Venice Biennale“, Biennale, Venedig, Italien „Fragmented Memory - The Chinese Avant-Garde in Exile“, Wexner Center for the Visual Arts, Columbus, USA „Mao goes Pop: China Post – 1989”, Museum of Contemporary Art, Sydney, Australien 1992 „Desire for Words“, Hong Kong Arts Center, Hong Kong, China „Looking for Tree of Life: A Journey to Asian Contemporary Art”, Museum of Modern Art, Saitama, Japan 1991 „I Don´t Want to Play cards With Cezanne”, Pacific Asia Museum, Kalifornien, USA 1989 „China Avant-Garde”, National Fine Art Museum, Beiing, China

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2004 „Xu Bing in Berlin - Sprach-räume“, Museum für Ostasiatische Kunst, Berlin „The Glassy Surface of a Lake”, Elvehjem Museum of Art, University of Wisconsin-Madison, Wisconsin, USA „Xu Bing in Berlin”, Museum für Ostasiatische Kunst, Berlin „The Well of Truth”, El Pozo de la Verdad, Sala La Gallera, Valencia, Spanien „Where Does the Dust Collect Itself?”, National Gallery and Museum, Cardiff, Wales, England „Tobacco Project”, Shanghai Gallery of Art, Shanghai, China „Xu Bing & Gu Xiong”, Museum London, Ontario, Kannada 2001 „North Carolina Museum of Art“, Raleigh, North Carolina, USA „Word Play”, Arthur M. Sackler Gallery, Washington, USA „Three Installations”, Elvehjem Museum of Art, Madison, Wisconsin, USA 2000 „Book-Ends: Imag "in" ing the Book”, New York State University, Albany, USA „Tobacco Project”, Duke University, Durham, NC., USA 1998 „Babylon Tower“, New Museum of Contemporary Art, New York, USA „Recent projects”, California Institute for the Arts, Valencia, USA 1997 „Classroom Calligraphy”, Fundacio Pilar i Joan Miró, Mallorca, Spanien „Lost letters”, Asian Fine Arts / Galerie Prüss & Ochs, Berlin „New English Calligraphy”, Nationalgalerie, Prag, Tschechien „The Net: A collaborative Installation”, December Art Gallery, Charleston, Illinois, USA 1996 „A Book From The Sky“, University Art Museum, Albany, New York, USA 1995 „Language Lost“, Massachusetts College of Arts, Boston, USA „Series Exhibition-2”, North Dakota Museum of Art, Grand Forks, USA 1994 „Recent Work“, The Bronx Museum of the Arts, New York, USA „Negotiation Table”, Art Center College of Design, Pasadena, USA „Experimental Exhibit”, Han Mo Art Center, Beijing, China 1991 „Three Installations“, Elvehjem Museum of Art, Madison, Wisconsin, USA „Series Exhibition-1”, North Dakota Museum of Art, Grand Forks, USA 1988 „A Book from the Sky”, National Fine Arts Museum, Beijing, China „A Book from the Sky”, Tokyo Gallery, Tokio, Japan 1986 „Modern Chinese Prints from the Central Academy of Fine Arts Beijing”, British Museum, London, England

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Die Anderen Modernen

Contemporary Art from Africa, Asia & Latin America

(08 May 97 - 27 July 97)

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