Nanaé Suzuki

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crossroads:
Geschichte
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Aquarell, Fotografie, Porträt, Wandbild)
region:
Asia, Eastern, Europe, Western
country/territory:
Japan, Germany
city:
Berlin
created on:
May 14, 2003
last changed on:
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Nanaé Suzuki
Nanaé Suzuki

Article

Taumel

Die Transformation von Gesehenem und Erinnerung beschäftigt die 1947 geborene Künstlerin Nanaé Suzuki. Seit 1981 lebt die Japanerin in Berlin und wurde dort zuerst mit ihren surrealen Architekturbildern bekannt.
Zwischen zwei Fingerspitzen hält sie die Welt. An eine kleine Weltkugel, die sich zu schnell vor unseren Augen dreht, um Einzelheiten mit dem Blick festzuhalten, erinnern die kreisrunden Postkarten-Ausschnitte, die Nanaé Suzuki fotografiert hat, während sie die Scheiben zwischen Daumen und Zeigefinger bewegte. Postkarten kauft man als Zeugnis seiner Bewegung über die Erdkugel - darauf spielt Suzukis Arbeit an. Verwischt durch die Drehung erhält das flache Bild die Plastizität einer Seifenblase, in der sich das Außen spiegelt. Nach einer Weile erkennt man sogar die Sehenswürdigkeiten von Berlin wieder. Seit 1981 lebt Nanaé Suzuki in dieser Stadt.

Taumel und ein Spiel mit der Perspektive, das die Ordnung des Raumes im Handumdrehen neu erfahren lässt, verbindet einen großen Teil der konzeptionellen Arbeiten der Künstlerin. In Berlin wurde in den achtziger Jahren der Umgang mit dem Stadtraum, öffentlichen Plätzen und den alternativen Orten der Ausstellungen selbst zum Thema. In diese Szene hat die in Tokio ausgebildete Künstlerin ein poetisches Element eingebracht. Ihre Formate sind klein, die Motive oft monumental. Sie berührt durch diesen Gegensatz eine Sehnsucht, ein Bild der Welt als Ganzes festzuhalten, bevor sie wieder in alle ihre Teile zerfällt. In ihren Techniken - Aquarell, gefaltete Papiere, Fotografie, Wandbilder - kommt sie ohne großen medialen Aufwand aus.

Wie die Augen Raum in der flächigen Darstellung des Bildes erkennen, wird in den Kulturen Asiens und Europas verschieden eingeübt. In der abendländischen Geschichte des Sehens prägt die Zentralperspektive bis heute die Ordnungsmuster der Wahrnehmung. In der Kultur Asiens dagegen wurde die Parallelperspektive bevorzugt, die zu allen Teilen des Bildes die gleiche Distanz wahrte. In Rollbildern und Wandschirmen fällt der Blick oft durch Fenster, die sich in den Wolken oder den Dächern einer Stadt öffnen, auf das Geschehen darunter.

Zwischen diesen perspektivischen Ordnungen bewegte sich Nanaé Suzuki in ihren Serien von Aquarellen, die zwischen 1993 und 1998 entstanden. Postkarten und Fotografien von italienischen Städten, die von einem hohen Punkt aus aufgenommen waren, dienten als Vorlage. Sie kippte das Bild um: Der Raum stülpt sich um wie ein Handschuh. Hoch und tief vertauschen sich in der Wahrnehmung, Dachkuppeln wirken wie Ausschachtungen, die Fassaden hängen, Teile der Stadt beginnen wie ein Raumschiff davon zu fliegen. Die Stadträume, die in ihren Grundrissen mittelalterlich dicht und verschachtelt wirken, erhalten etwas utopisches. Einzelne Komplexe lösen sich wie Ufos aus der Textur der Stadt. Nanaé Suzuki hat die Umkehrung auch als kleine Objekte aus gefaltetem Papier und bemalter Modeliermasse gestaltet. Letztere sind geformt wie ein Schneckenhaus, in deren Spiralen sich das Spiegelbild der Welt verzerrt, als könnte man plötzlich die Drehung der Erde sehen.

Auch in ihren fotografischen Porträts greift die Künstlerin auf einfache Darstellungsformen zurück, um sich dann den von der Gattung erzeugten Erwartungen zu entziehen. Ihr Gesicht, von den Haaren gerahmt, ist dabei verborgen hinter einer farbigen Schicht, fast wie hinter einer Maske, die sich nicht genau zuordnen lässt. Es sind Bildausschnitte, in Bewegung fotografiert und verwischt, die sich über Augen, Mund und Nase wie eine farbige Haut legen. Manchmal sind Schmetterlinge oder Blumen erkennbar, manchmal stehen Zahlen auf der Verpuppung des Gesichts; für einige der Porträts hat Suzuki die Kopien früherer Arbeiten benutzt. Die merkwürdige Konstruktion verwirrt das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Betrachter und Bild. An die Stelle der Physiognomie rückt ein blinder Fleck, an dem sich der gewohnte Prozess des Sehens bricht. Statt ihrer Person liefert uns die Künstlerin eine Frage nach der Konstruktion des Sehens.

Alle Arbeiten von Nanaé Suzuki, die seit 1997 auch in Tokio ausstellt, zeichnet eine spezifische Leichtigkeit aus. Ebenso wie bei den Porträtaufnahmen ging es in der Arbeit „Milchstraße", die sie 2000 für die Ausstellung "Heimat Kunst" im Haus der Kulturen der Welt produzierte, um eine Geste des „Replacements" oder der Ersetzung. In Spiegelschrift trugen Glasscheiben eingravierte Buchtitel und darunter in gewohnter Leserichtung die Grammzahl des Buches. „Wie oft stehen wir vor jener schwierigen Entscheidung, welche Bücher wir beim Verlassen eines Ortes mitnehmen wollen oder können", schrieb Nanaé Suzuki dazu. Denn was man von der gedanklichen Heimat in Büchern mitnimmt, ist letztendlich auch eine Frage des Gewichtes. Anders als die Bücher selbst ließ die gläserne Transparenz der Arbeit zugleich sichtbar werden, wie das, was man mitbringt im kulturellen Austausch, am neuen Ort zum Rahmen für ein anderes Bild wird.

Wichtig ist für Nanaé Suzuki die Einbeziehung der Ausstellungssituation. Nicht weit von Berlin war sie in Steinhöfel eingeladen, in der verlassenen Bibliothek eines alten Schlosses zu arbeiten. Sie nahm eine Inventarliste zum Anlass, den verloren gegangenen Büchern des 19. Jahrhunderts ein visuelles Gedächtnis zu schaffen. Die einzelnen Worte der Buchtitel ordnete sie wie die Linien von Gesichtern auf Blättern an, die mit dem bewegten Spiel der Augenbrauen und den knappen Linien von Mund und Nase auch an japanische Masken erinnern. Diese „Porträts" schauten dem Besucher der Bibliothek wie die Geister von Büchern von den verwitterten Wänden entgegen.

Der Raum, das Individuum, die Geschichte: Sie alle geraten bei Nanaé Suzuki in einen leichten Taumel. Damit entzieht sie diese Begriffe einer eindeutigen Zuordnung in den Rahmen westlicher oder japanischer Kulturgeschichte. Aber dies passiert nur so ganz nebenbei.


Author: Katrin Bettina Müller

Bio

1947 geboren in Kanazawa, Japan. Von 1966 - 1971 studierte sie an der Staatlichen Hochschule der Künste in Tokio. Nanaé Suzuki kam 1981 nach Berlin. 1995 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Senats und 1997 ein Atelierstipendium. Wandbilder entstanden 1995 in Berlin, 1997 in Osaka.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2004 „1st International Biennale“, International Biennale Lodz, Lodz, Polen 2003 „Stadt, Land, Fluss“, Galerie Netuschil, Darmstadt „Das Atmen der Stadt“, Haus am Waldsee, Berlin 2001 Bibliothek im Schlosspark, Steinhöfel 2000 „Heimat Kunst“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1999 „Perspektiva / Perspective, Budapest und La belle jardiniere“, Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf, Wiepersdorf 1996 „Panoptik“, In einem verlassenen Haus, Berlin 1992 „Ortszeit“, Künstlerhaus Schloß Plüschow, Plüschow

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2004 „Lucentic“, Galerie von der Milwe, Aachen „Two and Between“, Stella A, Berlin 2001 Galerie Art Space Niji, Kyoto, Japan Haus am Lützowplatz, Berlin 1998 Galerie von der Milwe, Aachen 1997 Galerie Art Space Niji, Kyoto, Japan Galerie Drei, Dresden 1995 Merve Verlag, Berlin 1993 Fragile Gesellschaft, Berlin 1982 „Nanaé Suzuki Reise um die Welt“, Galerie Giannozzo, Berlin

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)
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Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
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