Jorge Rodríguez-Aguilar

Article Bio Works Projects Images
crossroads:
Gewalt
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Installation, Malerei)
region:
America, South
country/territory:
Brazil, Colombia
city:
Barranquilla, Rio de Janeiro, Santafé de Bo
created on:
May 12, 2003
last changed on:
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Article

Recycling als ästhetische Waffe

Jorge Rodríguez-Aguilar, geboren 1960 im kolumbischen Barranquilla, setzt sich in seinem Werk, das vor allem aus Objekten und Installationen besteht, mit der populären Kultur Kolumbiens wie allgemein Lateinamerikas auseinander. Angeregt vom ästhetischen Erfindungsreichtum der einfachen Leute, entwickelt er aus verschiedenen, häufig ungewöhnlichen Materialien und in kitschigen Farben merkwürdige Artefakte, die konstruktivistischen Fetischen gleichen. Ein zentrales Thema seiner Arbeit ist die tägliche Gewalt, die er auf sarkastische Weise in seiner Installation „Vom Messer bis zur Knarre - unser täglich Brot" aufs Korn nimmt.
Jorge Rodríguez-Aguilar studierte mehrere Jahre Bildhauerei in den USA, gewann aber für seine Arbeit auch wichtige Eindrücke während seiner Aufenthalte und Reisen in Europa und Afrika. Über sein künstlerisches Konzept schrieb er: „Seit 1988 erforsche und entwickele ich meine skulpturale Arbeit, wobei Werte und Ziele der populären und tribalen Ästhetik in Lateinamerika und Afrika den Ausgangspunkt bilden. In dieser persönlichen Aufgabenstellung kommt eine Fusion des Aktuellen und der Populärkultur zum Ausdruck, die ihre Bilder auf authentische und direkte Weise vermittelt. Meine Suche stellt die aktuellen visuellen Codes und Bewertungskriterien in Frage, die von den Zentren der westlichen Kunst aufgestellt wurden und zu denen wir mittels der Geschichte Zugang haben. Diese Kriterien bewerte ich neu, indem ich mit Bezügen arbeite, die unserer Realität näher kommen und überlege, wie man sie mit denen anderer Länder verbinden oder vergleichen kann.“

Nachdem Rodríguez-Aguilar zu Beginn der neunziger Jahre nach Kolumbien zurückgekehrt war, begann er sich intensiv mit den Problemen seines Landes zu beschäftigen, vor allem mit der Gewalt und den spürbaren sozialen Spannungen und Konflikten. Für sein ästhetisches Recycling ließ er sich von Objekten und Dekorationskünsten des täglichen Lebens inspirieren, wie man sie im privaten häuslichen Bereich antrifft, aber auch in Fahrzeugen wie Bussen und Lastwagen. Je nach Region und ethnischer Herkunft, ob aus der Stadt oder vom Land: die Vielfalt der volkstümlichen Kulturen ist groß. „Der Künstler verwendet das eine oder andere Element oder Symbol indianischer Gruppen, schwarzer Gemeinden und der Niederlassungen der Landbesetzer, der Gruppen der Altmaterialverwerter der Großstädte, der Schuhputzergilden, der Straßenverkäufer der Küste und der religiösen Nischen \..., um sie neu zusammenzufügen in den skulpturalen Objekten, deren Reiz gerade aus dieser magischen Wirkung herrührt, in der das Holz, getriebenes Metall, Fell und die metallischen Figuren, die als dekorative Elemente der Busse dienen, miteinander verbunden sind", schreibt die Kunstkritikerin María Claudia Parias (Die Neubewertung der volkstümlichen Ästhetik, Bogotá 1995).

In der im Freien platzierten Skulptur „Bacanería reciclable“ versucht Rodríguez-Aguilar auf abstrakte Art die Ästhetik der Fahrzeuge zu erfassen, die von den „urbanen Nomaden“ der Wiederverwerter von Papier, Glas, Plastik und Metall auf den Straßen von Bogotá benutzt werden. Viele von Rodríguez-Aguilars Artefakten wirken mit ihren verschiedenen, häufig ungewöhnlichen Materialien und ihren kitschigen Farben - vor allem Minzgrün, Dorfrosa und Ockergelb – wie Fetische, die in der modernen Tradition des Konstruktivismus zu stehen scheinen. Ihre Namen sind erfindungsreiche Wortschöpfungen wie „Puyaiunde", „Chilapoira", „Guasamaya" oder „Triki-Traki".

Seit Mitte der neunziger Jahren schafft der Künstler vor allem komplexe Installationen, wie die in der Ausstellung „Die anderen Modernen" im Haus der Kulturen der Welt gezeigte mit dem Titel „De la lesna al changón - el pan nuestro de cada día" („Vom Messer bis zur Knarre - unser täglich Brot“) von 1996/97. Angeregt wurde Rodríguez-Aguilar zu dieser Arbeit durch einen Bericht über die Beschlagnahmung von Waffen in Straßen und Gefängnissen von Santafé de Bogotá. Er war von ihrer „technischen Unbekümmertheit" und „Pfiffigkeit in ihrem Design" so fasziniert, dass er beschloss, diese „hausgemachten" Waffen auf eigene Weise nachzubauen und Teil einer Installation werden zu lassen. Sie ist als Verkaufsstand aus Holz aufgebaut und enthält fiktive Waren aller Art, einschließlich Lebensmittel, Spielzeug und entschärfte Waffen wie Maschinenpistolen, die - auf direkte oder ironisch verfremdete Weise - einen Bezug zur Gewalt haben. Der Künstler will sowohl auf die alltägliche Gewalt, die durch Abstumpfung kaum noch wahr genommen wird, wie auch auf das kreative Potential der einfachen Leute in seinem Land aufmerksam machen. Die Arbeit wurde 1998 auf der Art Frankfurt sowie Ende 1999 in der Galerie Ruta Correa gezeigt; zu dieser Ausstellung erschienen die Edition „La ilusión - Conciencias limpias" („Die Illusion – Reines Gewissen“) sowie eine kleine Serie von Handfeuerwaffen der besonderen Art.

Während seines dreimonatigen Aufenthaltes in Berlin 1997 entstand eine weitere Reihe mit experimentellen Arbeiten zum Thema der Gewalt, die „Beschwörungsgläser", deren Titel sich aus Wunderheilerei und Aberglauben von Afrikanern und Indios herleitet. Sie bestehen aus einer Serie von Flaschen verschiedener Formate, die mit Öl und unterschiedlichen Objekten gefüllt sind, die der Künstler auf den Flohmärkten von Berlin gefunden hatte. Mit jeder Flasche wird, je nach Inhalt, ein anderer metaphorisch-narrativer Bezug hergestellt.

Nach seiner Übersiedlung nach Brasilien gestaltete Rodríguez-Aguilar eine kleine Installation mit Spielzeugwaffen, die wegen ihrer Verwechslung mit realen Waffen verboten sind. Er hatte sie mittels Collage von Geldscheinen und metaphorischen Illustrationen verändert. Das neueste Projekt des Künstlers trägt den Titel „Realidades ambulantes/Realidades estagnadas“ („Wandernde Realitäten/Festgefahrene Realitäten“) und bezieht sich auf die aussichtslose Situation der Gewalt am Beispiel Rio de Janeiros. Als Metapher dafür steht ein Karren, auf dem Süßigkeiten in Form von Waffen und Pistolen aus verrostetem Eisen und Wachs in phallischer Form verkauft werden; seine Räder lassen sich nicht bewegen.
Author: Michael Nungesser 

Bio

Jorge Rodríguez-Aguilar wurde 1960 in Barranquilla, Kolumbien, geboren. Er studierte 1981 bis 1982 an der Texas A & I University in Kingsville, 1983 bis 1985 an der Texas Christian University in Fort Worth (Bachelor of Fine Arts) und 1986 bis 1989 Skulptur und Malerei an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts (PAFA) in Philadelphia. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u.a. im Rahmen seines Studiums an der PAFA 1986 den Charles A. Weiner-Preis für Skulptur sowie 1986, 1987 und 1989 den Mary Townsend- und William Clarke Mason-Gedächtnispreis für Skulptur sowie 1988 den J. Henry Schiedt Gedächtnispreis; 1989 verlieh ihm der Bürgermeister von Philadelphia den Preis für hervorragende Leistungen in der bildenden Kunst. 1988 unternahm er Studienreisen nach England, Belgien und Kenia, wo er sich zwei Monate aufhielt und sein Interesse für populäre und tribale Ästhetik entstand. 1990-92 war er Dozent an der Kunstakademie der Universidad Javeriana in Santafé de Bogotá, 1991 erhielt er ein Stipendium der Delfina Studios in London. Von Bogotá weitete er seine Studien über populäre Ästhetik auf andere Städte und ländliche Regionen aus und schloss sich der Forschungsgruppe „Expedición Humana“ an, mit der er Gemeinden von Schwarzen, Indios und Landbesetzern besuchte. Rodríguez-Aguilar zog 1998 nach Rio de Janeiro, wo er im gleichen Jahr als Dozent an der Escuela de Artes del Parque Lage arbeitete; 1999 war er Dozent an der Universidad de Campinas in São Paulo. 2000 war er Mitglied der Forschungsgruppe „Caminho das Aguas“, mit der er den Fluss Rio São Francisco bereiste.

Jorge Rodríguez-Aguilar lebt und arbeitet in Rio de Janeiro.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2002 „Backstage Into View“, Galerie Ruta Correa, Freiburg 2000 „Dissonances“, Centre Régional d´Art Contemporain, Montbéliard, Frankreich 1998 „Art Frankfurt“, Galerie Ruta Correa, Frankfurt am Main 1997 „Die anderen Modernen. Zeitgenössische Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1996 „Art Frankfurt“, Galerie Ruta Correa, Frankfurt am Main „Revisiones a la historia“, Fundación Gilberto Alzate Avendaño, Bogota, Kolumbien 1995 „Art Frankfurt“, Galerie Ruta Correa, Frankfurt am Main „Generación intermedia. 9 de los noventa“, Fundación Gilberto Alzate Avendano, Bogota, Kolumbien „Arte y objeto”, Museo de Arte Moderno, Bucaramanga, Kolumbien „Arte para Bogotá“, Galería del Planetario Distrital, Bogota, Kolumbien 1994 „XXXV. Salón Nacional de Artistas“, Colcultura, Bogota, Kolumbien „Tandem - lejos del equilibrio”, Galería Sextante, Bogota, Kolumbien „Juguetes“, Galería El Museo, Bogota, Kolumbien „El bodegón”, Galería Arteria, Barranquilla, Kolumbien 1993 „Actitudes”, Galería de Arte Contemporáneo Jenni Vilá, Cali, Kolumbien „Sommer 93. Dreidimensional”, Galerie Ruta Correa, Freiburg „Arte Contemporáneo y Cultura Popular”, Museo de Arte Moderno, Cartagena, Kolumbien 1992 „Gathering. 13 Columbian Artists in London“, Canning House, London, Großbritannien „XXXIV. Salón Nacional de Artistas“, Colcultura, Bogota, Kolumbien 1991 „Art Frankfurt“, Galerie Ruta Correa, Frankfurt am Main „Aspekte lateinamerikanischer Kunst heute”, Rohrbach-Museum, Dotterhausen 1990 „II. Bienal de Bogotá“, Museo de Arte Moderno, Bogotá, Kolumbien „Aspekte“, Galerie Ruta Correa, Freiburg 1989 Pennsylvania Academy of Fine Arts Museum, Philadelphia Ruth Zafrir Gallery, Philadelphia 1988 Port of History Museum, Philadelphia

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2000 „Unser täglich Brot“, Galerie Ruta Correa, Freiburg 1995 Galerie Ruta Correa, Freiburg 1991 „Jorge Rodrigues-Aguilar“, Galería Garces Velásquez, Bogota, Kolumbien 1989 University of Pennsylvania Law School, Philadelphia, USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Die Anderen Modernen

Contemporary Art from Africa, Asia & Latin America

(08 May 97 - 27 July 97)
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Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
Werk: Titel unbekannt
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