Aziza A.

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additional name:
Alev Azize Yıldırım
crossroads:
Gender, Identität, Rassismus
genre(subgenre):
Musik (Oriental HipHop, Rap)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
city:
Berlin
created on:
May 17, 2003
last changed on:
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 Aziza A.
Aziza A. © Gökay

Article

Aziza A. -

Die 1971 in Berlin geborene Aziza A. ist die erste deutsch-türkische Rapperin und HipHop-Musikerin. Sie hat den "Oriental HipHop", ihren eigenen musikalischen Stil, entwickelt, der traditionelle türkische Elemente mit purem HipHop verbindet. Sie rappt zweisprachig auf Türkisch und Deutsch über Probleme der Migration und die Situation von (modernen) Türkinnen der "Zweiten Generation" in Deutschland, versteht sich aber nicht als Feministin. Sie hat eine Fernsehshow moderiert und präsentiert eine eigene Radiosendung. Aziza A. lebt in Berlin (Kreuzberg).
Ob im Leben, auf der Bühne oder im Fernsehen, immer versucht die 1971 in Berlin geborene Aziza A. ihre Schwestern zu ermuntern, größeres Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Der Name ist Programm, denn Aziza heißt im Arabischen "die Mächtige" und das "A." bezieht sich auf das türkische "Abla" = Schwester. In ihren Songs rappt die mächtige Schwester gegen alle Klischees: "Nun, ich nehme mir die Freiheit!! AZIZA-A tut das, was sie für richtig hält, auch wenn sie aus den Augen der ganzen Sippe fällt und niemand sie zu den gehorsamen Frauen zählt! Ist es mir egal, ich sag, was ich denk auf jeden Fall!".

Als sie mit 16 Jahren zu singen begann, kopierte sie erst einmal die Songs der türkischen Sängerin Sezen Aksu. "Sie ist mein Idol. Nach westlichen Vorbildern gefragt, stellte ich irgendwann mal fest: Ich hab´ gar keine! Bin ich bescheuert?!? mein Idol kommt aus der Türkei! Wenn du von türkischen Stars sprichst, kommt Sezen Aksus Name im ersten Atemzug. Sie ist die erste und immer noch einzige Frau dort, die ihren eigenen Stil hat, und im Grunde brachte sie den Pop in die Türkei. Was sie anregt, verfolgen dann andere Leute. Jeder hat Respekt vor ihr!", erzählt Aziza in einem Interview (Blau, Femzine aus Berlin, Nr. 17).

Aber so sehr sie türkische Popmusik mag - Jahre später wird sie sie in einer eigenen Radioshow präsentieren - im Berliner Bezirk Kreuzberg der achtziger Jahre bleibt es nicht aus, dass Aziza A. den HipHop für sich entdeckt und ihren eigenen Stil entwickelt. HipHop in Deutschland ist im Wesentlichen eine Domäne ausländischer Jugendlicher, die sich selbst lieber "Kanaken" (nach einem Schimpfwort für ausländische Arbeitnehmer in Deutschland) nennen. Ihre Mitglieder bzw. deren Eltern kommen aus aller Herren Länder und leben in Deutschland. Zusammen mit "Freundeskreis", "Fresh Familee", "Advanced Chemistry" und "Cartel" gehört Aziza A. zu den wichtigsten Rappern. Neben Cora E. ist sie die wichtigste deutsche Rapperin in einem männerdominierten Milieu. "In den zwei Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin, ziehen meine Schwestern meist den kürzeren!", rappt sie auf ihrer ersten CD "Es ist Zeit" (1997). "Ich will nicht als Exotin, weil Frau, wahrgenommen werden. Natürlich sind die Typen auf mich oder auch Cora E. erst einmal neugierig, weil es kaum weibliche Rapper gibt. Aber wenn die Leute mich dann hören, sollen sie mich nach denselben Kriterien beurteilen wie männliche Musiker; ich will in den Zeitungen nicht ständig nur mit Cora E. oder TicTacToe oder Schwester S. verglichen werden, sondern auch mal mit Ice-T oder Public Enemy.", reklamiert sie Gleichberechtigung auf ihre Weise (TAZ, 16.4.1997).

"So was wie Aziza gab´s bisher noch nicht: Eine türkische Frau, die einfach ihre Meinung sagt, und sagt, wo´s lang geht ...", erklärt anerkennend Soft G. Er bildet zusammen mit Erdinç die beiden Backboys, Siderapper und Percussionisten von Aziza A. bei ihren Auftritten. Mit ihren supereleganten Maßanzügen bilden die beiden auf der Bühne einen vornehmen Rahmen, den Aziza, mit Rastazöpfen, bauchfreiem T-Shirt und cooler Hose ganz in Schwarz, umso wirkungsvoller sprengen kann. Mit dabei sind in dieser Zeit auch der DJ Haschim oder DJ Derezon (Islamic Force) und die Tänzerinnen Menora Azabe und Meryl Prettyman. In ihrer Musik verbindet sie arabeske türkische Klänge mit fetten HipHop-Beats von DJ Derezon. Auf der Bühne hält sich Aziza durchaus nicht an den üblichen HipHop-Kodex: kein Dissen (szenetypisch für herunterputzen) in Richtung anderer RapperInnen, kein Posing. Darin unterscheidet sie sich von den türkischen Jungens-Bands. Sie nützt das Medium HipHop für ihre inhaltlichen Anliegen, und die bestehen hauptsächlich darin, das Leben zwischen zwei Welten zur Sprache zu bringen und das hierzulande eindimensionale Bild der türkischen Frau auszudifferenzieren.

In ihren Texten geht es immer wieder um die Situation der türkischen Frauen, die hier in Deutschland leben (im Titelsong "Es ist Zeit"). Dabei lässt sich Aziza A nicht vor einen feministischen Karren spannen, sondern geht ihren eigenen Weg ("Kendi Yolun"). "Ich habe auch eine Menge Erfahrungen weiterzugeben, eine Menge zu erzählen, deshalb mache ich auch Rap. Aber ich werde nie eine Frau von der Bühne herab auffordern: Kämpfe für dein Recht! Ich werde sagen: Sieh, wie du lebst. Wenn´s dir so gefällt, dann ist es okay. Aber glaube mir, das ist nicht alles. Du könntest viel mehr machen. Ich gehe nicht auf die Bühne, um Frauen aufzufordern, was zu machen. Aber ich zeige ihnen, was ich mache, und ich zeige es ihnen einfach durch meine Taten: Das könnt Ihr auch, wenn Ihr nur wollt - auf eure Art und Weise" (TAZ, 16.4.1997).

Aziza A. kann (außer HipHop und Rappen) noch einiges - und tut das auf ihre Art. 1996 präsentierte sie mit "Dr. Mag" als erste deutsch-türkische Moderatorin eine Fernsehsendung. Seit 1998 moderiert sie ihre eigene Radiosendung auf SFB 4 Multikulti in Berlin, wo sie von Türkpop bis HipHop das gesamte Spektrum der türkischen Musik spielt. Inzwischen experimentiert sie auch auf der Bühne mit Musik und Gesang jenseits von HipHop, und man darf gespannt sein, welche Freiheit sie sich als nächstes nehmen wird.

Bio

Aziza A. (Alevio Dün) wurde 1971 in Berlin geboren, drei Jahre nachdem ihre Eltern mit ihrem Bruder nach Berlin gekommen waren. Ihre Grundschulzeit fiel in die Ära des Dönerbuden-Booms. Das brachte ihr damals (wie allen türkischen Mitschülern) im kleinbürgerlichen Berliner Bezirk Steglitz den Spitznamen "Kebab" ein. Die deutschen Kinder benutzten damals auch das Schimpfwort "Kanake", das sie von ihren Eltern gehört hatten, dessen Bedeutung ihnen aber - wie Aziza A. vermutet - gar nicht bekannt war. "Damals war ich noch ein braves türkisches Mädchen und wurde nie handgreiflich. Ich war mehr der Beobachter." (http://home.snafu.de/galler/aziza-a/history.html)

Auf einer Gesamtschule im Berliner Bezirk Schöneberg beginnt sie, Selbstbewusstsein zu entwickeln. "Still sein und beobachten bringt einem nicht allzu viel - also wurde ich laut, gab meinen Senf dazu und wurde aktiv. Ich ließ mir fast nichts mehr sagen und fing an, meinen eigenen Weg zu gehen, ein Weg, der immer sehr viel Abzweigungen hatte und noch hat!" (ebenda)

Im Oberstufenzentrum des (vielleicht "multikulturellsten") Berliner Bezirks Kreuzberg fand Aziza ihren eigenen Stil. "Ich trug damals nur schwarze Klamotten, niemand dachte daran, dass ich Türkin sei - warum auch, so läuft doch keine anständige Türkin herum! Die anderen Türkinnen beobachteten mich immer und wussten nicht, wie sie mich ansprechen sollten, erfuhr ich später. Sie fanden es toll, dass ich so anders war, aber sie selbst trauten sich nicht, anders zu sein - schade! Die Jungs dagegen - für die war ich durchgeknallt. Die konnten damit nicht umgehen, dass ich so selbstbewusst war und mich ihnen nicht unterwarf. Aber wir kamen trotzdem miteinander aus" (ebenda).

Aziza beginnt zu singen und hält sich bald nur noch in Kreuzberg auf. "Kreuzberg ist für mich was Besonders, weil irgendwie jeder jeden akzeptiert - oder zumindest toleriert. Extrem verschiedene Menschen, die trotzdem miteinander leben können, vom Punk bis zum Geschäftsmann. Dieser Bezirk prägte meine Identität. Doch dann kriegte ich die Krise und wollte für immer zurück in die Türkei. Mein Bruder und mein Onkel haben eine Firma in Istanbul, dort sollte ich arbeiten. Vier Monate habe ich es ausgehalten, keinen Tag mehr." (ebenda).

Zuerst singt Aziza A. Lieder der türkischen Sängerin Sezen Aksu nach, dann aber entdeckt sie den HipHop und erobert dessen Terrain auch für Frauen. 1996 wird sie Dank ihrer Direktheit zur ersten deutsch-türkischen Fernsehmoderatorin in der ZDF-Sendung "Dr. Mag". 1997 erscheint ihre erste CD "Es ist Zeit". Seit 1998 präsentiert sie im Berliner Radio "Multikulti" die Sendung "Haydi Hop". Hier macht sie deutlich, dass sie die ganze Bandbreite der türkischen Musik liebt. Denn bei "Haydi Hop" stehen "von den alten Klassikern der Folklore über Arabesk bis zur heutigen Popmüzik und Oriental HipHop ganz unterschiedliche Genres nebeneinander und verschmelzen zu einem farbigen, unterhaltsamen Bild der populären türkischen Musik und Kultur", wie es in der Selbstbeschreibung der Sendung heißt.

Works

Es ist Zeit

Published Audio,
2003
Orient Express/GGM

Kendi Dünyam

Published Audio,
2002
Double Moon

Breaking Walls

Published Audio,
1996
MultiKulti/Gift Music

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rethinking Europe

Debates, lectures, concerts, readings

(26 March 98 - 24 January 99)
video

"Takil Bana"

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Interview with Aziza-A

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audio

"Biz Bizi Biliriz (We Know Ourselves)"

taken from the CD "Kendi Dünyam"
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