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Leere, die klingt
Wäscheständer? Qin Yufen sammelt für ihre Rauminstallationen oft einen Typus in vielfacher Kopie, integriert Objekte aus dem Alltag wie Bügelbretter und Nähmaschinen und formuliert damit gleichzeitig Kontraste zwischen chinesischen Materialien wie Seide, Bambus sowie Reispapier und Gegenständen westlicher Herkunft. Doch während sie Mitte der neunziger Jahre Wäscheständer und Reispapier so aufstellte, dass eine klare Struktur ablesbar war wie beispielsweise in „Frühling in der Jadehalle“ (1996), gerieten die Installationen im Laufe der Jahre zunehmend zu unförmigen Gebilden, die in die Höhe ragen und eindeutige Aussagen verweigern.
Die Landschaften aus mobilen Wäscheständern verweisen auf Qin Yufens Auseinandersetzung mit Ost und West, die sich in der Verwendung unterschiedlicher Dinge aus unterschiedlichen Kulturkreisen materialisieren. Doch soll man sie deshalb gleich Kulturvermittlerin nennen? Sucht sie nicht vielmehr einen Kompromiss, oder will sie gar die Konfrontation? Der Direktor der Bremer Kunsthalle Wulf Herzogenrath bezeichnet sie als „Nomadin zwischen den Kulturen“, die ihre eigene Identität nicht aufgegeben hat, sondern diese in der Fremde sichtbar werden lässt und mit Prinzipien des Minimalismus „die sinnliche Vernetzung der Erlebnisse in unterschiedlichen Kulturen“ vorantreibt.
Doch zurück zur auffälligen Veränderung der Arrangements im Laufe der Jahre: Wenn es stimmt, was der Kurator Hou Hanru schreibt: dass Qin Yufen in ihren Rauminstallationen ein eigenes Universum zu schaffen sucht, Raum für Sinnlichkeit im Chaos des Alltags, dann scheint nun der Alltag sich dieses Raums zu bemächtigen, und der Gegenentwurf zur Realität misslingt. Vielmehr wird in den sich neuerdings zu Ungetümen auswachsenden Wäscheständer-Installationen die Übermacht des Chaos und die Ohnmacht des Individuums angedeutet, wenngleich die Macht ausgehöhlt zu sein scheint, denn die Installationen sind begehbar.
Dies sind nur Vermutungen, die jedoch eine weitere Bestätigung finden, wenn wir uns intensiver mit den neueren Arbeiten beschäftigen. Beispielsweise mit der Installation „Beautiful Violence“ (2001) oder mit „Zeit für Dialoge“ (2002). Die kunstvoll drapierte Seide, die kindlich anmutenden Luftballons, der martialische Stacheldraht – konträrer könnten die Materialien nicht sein. Sollen die Gegensätze zwischen hart und weich oder – mit den Worten der Künstlerin – „zwischen Spaß und Gewalt“ nicht mehr länger nur spielerisch und zurückhaltend sein, sondern eindrückliche und bildhaft überwältigende Ohnmacht artikulieren?
Die Spannung zwischen lyrischer Schönheit, dem Fragilen und dem Chaotischen, Unbestimmten – sie beherrscht seit jeher das Werk Qin Yufens. Hou Hanru ist der Ansicht, die Künstlerin möchte eine Beziehung zwischen der Welt des Realen und Phantastischen sowie zwischen verschiedenen Kulturen herstellen. Sie sucht in all ihren Arbeiten nach einem Gleichgewicht, dessen prekäre Natur in früheren Werken lediglich angedeutet, und erst in späteren deutlicher ausformuliert wird. Luftballons zerplatzen, und mit ihnen möglicherweise die Illusion, Harmonie jemals herstellen zu können.
Die Rauminstallationen der Künstlerin, die den innovativen Umgang mit chinesischen Materialien und Gegenständen aus dem hiesigen Alltag bezeugen, seien eigentlich für die Bühne konzipiert, behauptet der Kunstkritiker Huang Du. „Die Legende der Farbe“ (1996), eine Klanginstallation aus Mao-Jacken, Seide, Kabel und Lautsprecher, wurde auf der Bühne des Theater Berliner Ensemble ausgestellt. Arbeiten wie „Zwischen“ (1998) und „Yin Song“ (1998) erweitern unsere sinnliche Skala der Empfindungen: Allein wie Qin Yufen hier Seide und Stoffbahnen in Ruinen zu drapieren weiß und ganz ohne Effekthascherei doch die tiefsten Bewusstseinsebenen zu berühren versteht!
Die meditative Ausstrahlung solcher Arbeiten, erzeugt durch sphärische Töne, verstärken den spirituellen und lyrischen Charakter dieser Klangbilder. Das Klangmaterial besteht aus Alltagsgeräuschen und von der Künstlerin selbst rezitierten chinesischen Gedichten, die elektronisch verfremdet werden, aus Kompositionen der Peking-Oper kontrastiert mit Sequenzen aus Wagner-Opern. Installationen wie „Lichtklang“ (1996) wirken besonders filigran und minimalistisch: Aus den Lautsprechern am Ende der durchscheinenden Kabel sind in unbestimmter Abfolge nicht genau definierbare Töne zu hören, die zu poetischen Klangbildern, poetischen Rauminszenierungen gerinnen.
Diese rätselhafte Unscheinbarkeit und Unaufdringlichkeit verweist immer auch auf einen chinesischen Kontext. Qin Yufen bezieht sich auf ihre eigenen Wurzeln und entwickelt aus ihnen heraus einen Gegenentwurf, eine Strategie. Mit der Verwendung chinesischer Laute oder Materialien verschiebt sie bewusst eine innerhalb des westlichen Diskurses marginalisierte Kultur ins Zentrum der globalen Kultur. Und auf einmal gewinnen die zurückhaltenden, zunächst sehr intim wirkenden Installationen eine politische Dimension, die vor allem in ihren neuesten Werken deutlich zu Tage tritt. Die Künstler müssen wieder Stellung beziehen, sagte Qin Yufen 2001 in Solothurn, die Konzeption l’art pour l’art sollte indes hinterfragt werden. Der mehrfach bemühte Ost-West-Konflikt tritt dabei endgültig in den Hintergrund, das Abbilden von Konflikten universeller Natur gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Qin Yufen sei eben eine Seiltänzerin, die auf einem Seil zwischen Chaos und Harmonie tanze, so Hou Hanru über die Suche und Sehnsucht der Künstlerin nach Gleichgewicht und stillem Einverständnis.




