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„In der Kunst sollte man so weit gehen, wie es möglich ist.“
Die Videoperformance „Kölnisch Wasser“, die die Künstlerin 1993 zum ersten Mal präsentiert hat, zeigt auf einem Monitor die Dokumentation dieser Tätowierung. Während der Arbeit sprechen Tanya Ury und der Tatookünstler über die Geschichte des Nationalsozialismus, über Deutschland und über die Stadt Köln. Über die zweite Spur des Videos ist die Stimme der Künstlerin zu hören. Sie singt das Lied von der Lorelei und verschiedene Karnevalslieder. Auf zwei weiteren Monitoren sieht man einen Striptease Tanya Urys. Die dunkelhaarige Künstlerin trägt eine blonde Langhaarperücke und ist in Leder gekleidet. Zwischendurch geht sie unter die Dusche. Der Striptease wird von zwei Kameramännern aufgenommen, die sich auch gegenseitig filmen. Ein vierter Monitor gibt das Publikum wieder, das den Striptease und den Vorgang der Tätowierung beobachten.
In der auf Video aufgezeichneten Performance „Golden Showers“ von 1997 ließ sich die Künstlerin in einer stundenlangen Geduldsprobe mit Blattgold überziehen. Stück für Stück legt der Restaurateur das Gold um den nackten Körper, das ihn schließlich schützend wie ein Mantel umhüllt. Diese langwierige Prozedur, das Blatt-für-Blatt-auf-die-Haut-legen, hat etwas Beruhigendes, so als wenn Wunden versorgt werden würden und endlich heilen könnten. Am Ende ist nur noch die Zahl 4711 sichtbar. Das Video hat keinen Ton. „Manchmal muss man ganz schrill schreien“, sagte Tanya Ury in einem Interview im Radio Köln im April 2000, als sie auf das Provozierende in ihrer Kunst angesprochen wurde. Dabei ist ihre Stimme, die in vielen ihrer Arbeiten zum Hinhören zwingt, sanft und weich.
Tanya Ury beschäftigt sich mit ihrer jüdischen Geschichte, mit ihrer Geschichte als jüdische Frau, aber auch mit Ausgrenzung und Rassismus gegenüber anderen Minoritäten. Sexualität spielt in vielen ihrer Arbeiten eine ambivalente, vieldeutige Rolle. Häufig stellt die Künstlerin die Sinnlichkeit ihres Körpers dem Voyeurismus des Betrachters gegenüber. Der Betrachter wird zum Voyeur, weil die Künstlerin es so will und den Voyeurismus inszeniert: Ihr Striptease in „Kölnisch Wasser“ ist zwar live, findet aber nicht direkt vor dem Publikum statt. Zwischen Tanya Ury und dem Publikum ist ein anderer Raum. Die Kamera gewährt den Einblick.
In verschiedenen Arbeiten verbindet Tanya Ury die Themen Holocaust und Pornografie. Zwei Fotos, die im Kontext mit „Golden Showers“ entstanden, heißen „Blue Danaé“ und zeigen das mit Blattgold überzogene Geschlechtsteil der Künstlerin. In der Fotoarbeit „Triptych for a Jewish Princess Second Generation“ von 1996 trägt sie über der nackten Haut einen Luftwaffenmantel aus Leder. Zum mittleren Foto gehört eine Textcollage mit eigenen und fremden, zum Teil sehr provozierenden Sätzen zum Thema Familie, Holocaust und Faschismus. „Every woman adores a Fascist. The boot in the face, the brute“ (Sylvia Plath) lautet einer davon. „Erotik und Sinnlichkeit werden in unserer Gesellschaft missbraucht, Sex wird von Liebe getrennt,“ sagt Tanya Ury. „Die Menschen treffen sich nicht um sich zu lieben, sondern um Sex zu haben.“ Ihre Videoarbeit „Hotel Chelsea – Köln“ von 1995 umkreist in vielen Variationen dieses Thema.
Tanya Urys Arbeiten sind voller Anspielungen und Bilder. Eine 21-teilige Fotoserie von 2000 heißt „Jack the Ladder“. Übereinandergehängt bildet sie in sieben dreiteiligen Sprossenelementen eine Leiter von 3,5 Meter Höhe. Die Bildfragmente zeigen im Spiel von Licht und Schatten eine junge chinesische Frau vor einem orientalischen roten Teppich. Die schwarze Strumpfhose unterstreicht ihre Nacktheit. Man sieht Glassplitter und Nägel, Laufmaschen mit rotem Nagellack, Messer.
„Jack the lad“ ist ein gebräuchlicher Begriff im Englischen und meint den Hansdampf, den frechen Spitzbuben, „ladder“ bezeichnet die Leiter sowie die Laufmasche. Und „Jack the ladder“ erinnert natürlich auch an „Jack the Ripper“.
Diese Arbeit ist im Kontext mit verschiedenen in London und Deutschland gegen Minoritäten verübten Bombenanschlägen entstanden. 2000 explodierte an einer Bushaltestelle in Düsseldorf, an der wie jede Woche zur gleichen Zeit eine Gruppe russischer Juden wartete, eine Nagelbombe.
Weiter gedacht, stellt „Jack the Ladder“ auch eine Anspielung auf die Geschichte der Jakobsleiter dar, mit der Tanya Ury seit Jahren arbeitet. Jakob, der seinen Bruder um sein Erstgeborenenrecht betrügen wollte, musste fliehen und träumte im Exil von einer Treppe mit Engeln, die in den Himmel reichte. In einer zweiten Begegnung mit Gott kämpft er mit einem Engel um den Segen Gottes. Die Künstlerin ist mit der Geschichte nicht einverstanden: „Ich habe ein Problem mit diesem Verhalten“, sagt Tanya Ury, „ mit dieser Art und Weise zu kämpfen. Man will den Himmel mit solchen Methoden.“ Wie wäre es besser getan? „Mit Beten und Geduld fände ich richtiger,“ lautet die schlichte Antwort.








