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Die unendliche Kraft, die uns jeden Augenblick bewohnen kann
Auf diese Rituale verweist auch sein berühmtestes Solostück "Passage", in dem sich Kôkô auf die animistische Religion und den Pantheon der Voodoo-Götter bezieht. "Passage" ist kein einfaches Stück Tanztheater, sondern schafft eine Atmosphäre der Initiation, kreiert die Wahrnehmung der Kräfte, die verschiedene Formen annehmen und unterschiedlich agieren können. Dies sei nie einem Initiationsritual selbst gleichzusetzen, betont Kôkô. Das Ritual ist die Form, die den magischen Raum ausschließlich für diejenigen zugänglich macht, die als Eingeweihte gelernt haben, wie dieser Raum beschaffen und strukturiert ist. Jedes Ritual hat eine bestimmte Form, die davon bestimmt ist, zu Ehren welchen Gottes es vollzogen wird. "In einem bewusst konstruierten Kontext von Menschen, die alle wissen, wie dieser Raum zustande kommt," so Kôkô, "entsteht eine Variante von dem, was man eine Aufführung im theatralischen Sinne nennen könnte - aber eine Aufführung, die seit über tausend Jahren überliefert ist. Alles darin ist so arrangiert, dass selbst Unordnung darin ihren Platz hat." (ebenda)
Allerdings: "Wenn man das Ritual nicht lebt, kann man es nicht verstehen ... Rituelle Tanztechniken haben einen Code, der mit bestimmten Rhythmen verbunden ist, die einer bestimmten Gottheit gewidmet sind. Aber das Ritual selbst ist kein Theater, das man aufführen kann. Es muss transkribiert werden", erklärt Kôkô. "Wenn man sich aus diesem Kontext herausbegibt und das Ritual für die Bühne übersetzt, dann bin ich als Choreograph und Tänzer damit betraut, einen Zustand eines unendlichen Potentials zu präsentieren, die Möglichkeiten der Trance" (ebenda). "Dafür benutze ich eine Bewegungssequenz, die choreographiert ist, aber auch von einem Moment zum anderen geschaffen wird. Manchmal geschehen auf der Bühne dieselben Dinge wie bei einer Zeremonie, wenn Menschen physisch und psychisch auf einem Wahrnehmungslevel vereint sind. Dann werden die Akteure auf der Bühne, genauso wie die Zuschauer, in denselben Zustand, der alle Möglichkeiten eröffnet, davongetragen."
Sieht der westliche Zuschauer solches Geschehen auf der Bühne, fallen ihm Kategorien wie Kontrollverlust und Körperbeherrschung ein. Die blitzschnellen Übergänge von pulsierender, geschmeidiger, fließender Bewegung und stolzem Schreiten ins abrupte Fallen und Stolpern lassen ihn ahnen, dass den Tänzer die Macht der Trance ergreift, beziehungsweise er sich freiwillig in die Trance begeben hat. Technisch verlangt das von einem Tänzer, dass er in der Lage sein muss, aus jeder Situation wieder "hochzukommen": "Wenn man diese Technik beherrscht, hat man ein Zentrum, das sich verschiebt. Der Körper kann fallen, aber wenn das Zentrum sich mit ihm bewegt und immer noch das Zentrum bleibt, dann wird es interessant" (ebenda).
Entscheidend ist das Zusammenwirken von Tanz und Musik. Auf der Bühne wird Koffi Kôkô von Trommlern begleitet, die auch in die Rituale eingeweiht sind und so ein zweites Element einbringen. "Wenn zwei Elemente zur Verfügung stehen, dann ist ein (magischer) Raum möglich. Im Ritual beschreiben wir den Moment der Trance als den Moment, wenn der Körper singt und die Trommeln tanzen ... Ich versuche die Zuschauer mitzunehmen und es ihnen zu ermöglichen, etwas von dem Potential des Raumes zu erfahren. Ich versuche, die Existenz dieser erweiterten Möglichkeit in dem Kraftfeld zwischen Zuschauer, Musiker und mir herüberzubringen."
Dies gelingt ihm, wie bei "Passage" auch in "D’une rive à l’autre", in dem Kôkô ähnliche Mittel benutzt und seine tänzerische Verwandlungsfähigkeit unter Beweis stellt, oder im Dialog mit der Flamencotänzerin Mariacarmen Garcia bei "Terre rougeâtre" / "Scorched Earth" / "Verbrannte Erde". "Terre rougeâtre" ist ein elektrisierender Zusammenprall zweier unterschiedlicher Tanzkulturen und tänzerischer Persönlichkeiten, der die Suche nach einer Begegnung und einer gemeinsamen Sprache wie auch Differenzen freisetzt. Kôkô hatte Garcia 1984 auf einem Festival in Bourges (Frankreich) kennen gelernt und war schockiert, als er sie zum ersten Mal tanzen sah, denn sie erinnerte ihn an einen berühmten senegalesischen traditionellen Tänzer. "Es war nicht länger ein distanzierter Tanzstil. Im Gegenteil, durch die inneren Kräfte, die er freisetzte, schien er mir sehr nah zu sein - ein Tänzer durchdrungen von Tradition, der sich einem zeitgenössischen afrikanischen Ausdruck nähert." (bita 2/97). Allerdings kam es erst mehr als zehn Jahre später zu einer Zusammenarbeit. Garcia war anfangs verwirrt, als Kôkô ihr erläuterte, dass sie afrikanische Schritte tanzte. Auf der Bühne konnten die Zuschauer dann miterleben, wie anfängliche Gegensätze in Ähnlichkeiten übergingen: in den Schritten, Dynamiken und Rhythmen; wie die Tänzer und Musiker voneinander lernten und bei allem Widerstand auch Akzeptanz für die Kunst des anderen zeigten und gemeinsam Freude und Überschwang entwickelten.
Auch im "Genet-Projekt" "Die Zofen" fand eine Begegnung von drei Theatermachern beziehungsweise Tänzern statt, die seit Jahren und jeder für sich einen höchst komplexen Weg zwischen den Kulturen gehen. Alle drei, aus unterschiedlichen Kulturen kommend, schienen wie geschaffen für dieses Experiment. Denn Genet lehnte das europäische Theater ab und forderte, es müsse rituell wie die Chinesische Oper oder das Balinesische Theater sein. Koffi Kôkô, als Priester in den Voodoo-Kulten seiner Heimat Benin zu Hause, aber gleichzeitig zeitgenössischer Choreograph in Paris, konnte hier die Erfahrungen einbringen, die er bei der Transponierung von Initiationsriten seiner Heimat auf die westliche Bühne gesammelt hatte. Yoshi Oida, der gleichermaßen aus der europäischen Moderne wie aus den großen japanischen Theaterlehren schöpft, ist in den spirituellen Erfahrungen des japanischen Zen-Buddhismus ebenso zu Hause wie in den Theatermethoden Grotowskis und Brooks.
Der dritte im Bunde war Ismael Ivo, der Grenzgänger aus São Paulo, der auf der Suche nach einer universalen Tanzsprache den Weg über Alwin Ailey in New York bis hin zum Ausdruckstanz und Tanztheater in Deutschland gegangen war. Alle drei sind herausragende Performer, die nicht auf eine Kultur oder eine ethnische Herkunft festzulegen sind, alle drei haben sich auf eine Passage zwischen rituellen Formen und zeitgenössischen Theatersprachen begeben. Alle drei haben eine existentielle Vision von Theater, jenseits ästhetischer Moden und handwerklicher Routine und suchen - jeder für sich nach einer universellen Theatersprache, in der das Wissen um Körper und Präsentation aus verschiedenen Kulturen für eine aktuelle Theaterarbeit genutzt werden kann.
Ismael Ivo verbindet mit Genet die Radikalität. Nach den Stationen Pasolini, Bacon, Artaud und Heiner Müller im Werk Ismael Ivos lag Genet nahe mit seiner rückhaltlosen Aufdeckung der gesellschaftlichen Strukturen, dem Eintauchen in den Wahnsinn der menschlichen Abgründe ebenso wie in die Visionen einer utopischen Freiheit. Genau wie Yoshi Oida in die Bewusstseinsspaltungen der Patienten von Oliver Sacks (L´Homme Qui, inszeniert von Peter Brook) eintaucht, so erforscht der brasilianische Performer die Grenzbereiche menschlicher Existenz. Und für Koffi Kôkô, der fest verankert ist in seiner spirituellen Heimat des Animismus, gehört diese Peripherie des menschlichen Bewusstseins ohnehin zur Grundlage seiner Wahrnehmung. Für Koffi Kôkô und Yoshi Oida ist Genets Ritualmord die Basis einer metaphysischen Theaterarbeit. Yoshi Oida: "Das Christentum geht zur Spiritualität über die Bestrafung des Körpers, durch Reinigung, Verneinung der Sexualität. So gesehen, stellt Genet den Körper in eine für den Westen unmoralische Position. Das Begehren des Körpers wird in allen Formen akzeptiert. Genet geht durch den Schmutz des Körpers. Er ist kein christlicher Priester, der den Körper schlägt, sondern er geht durch den grausamen Körper, durch das Fleisch zur Spiritualität, zur Freiheit, zur Freiheit im Tod." Und Ismael Ivo: "Genet bezog den Tod immer in sein Verständnis vom Körper ein. Seine Perspektive auf das Leben entwarf er vom Tod aus. Seine Perspektive war die des Unterdrückten, des Underdog, des Ausgestoßenen. Aus diesem Blickwinkel ging es ihm nicht um eine Zerstörung des Körpers, sondern um das Sichtbarmachen einer anderen Wirklichkeit, der Wirklichkeit der sozialen Machtgefüge, der Unterdrückungen." Ismael Ivo benennt hier eine Perspektive im Werk von Genet, die den postkolonialen Diskurs, die Emanzipation aus den ethnischen und wirtschaftlichen Machtgefügen aufnimmt. Eine Überschreitung der Wahrnehmungsmuster von Eurozentrismus und westlicher Kultur. Insofern ist die Inszenierung der Zofen durch einen Brasilianer, einen Afrikaner und einen Japaner eine konsequente Antwort auf die kulturhistorische Dimension dieses Textes.
Ausgangspunkt ihrer Arbeit war der 15minütige Film "Chanson d´Amour", den Jean Genet selbst gedreht hat. Ein Film, der für Yoshi Oida, Koffi Kôkô und Ismael Ivo ein bedeutsamer Zugang zur Tanztheaterversion von Genets Zofen geworden ist. Der Stummfilm zeigt zwei Gefangene, die Zelle an Zelle liegen, keinen Sichtkontakt haben und ihre Liebesbeziehung jeweils allein in ihren eigenen Körpern leben. Die einzige Verbindung ist ein Strohhalm der durch eine Mauerfuge zur Nachbarzelle gebohrt werden kann und durch den der eine Gefangene den Rauch einer Zigarette zum anderen atmet. Aus der Lunge des einen gerät der Atem in den Körper des anderen. Oder die beiden Männer versuchen, sich durch die vergitterten Fenster eine Blume an einem Band zuzupendeln.
Trotz der Nähe zwischen den beiden Männern trennt sie eine Mauer, die nur in der Immaterialität zu überbrücken ist, durch den Atem, die Imagination, die Erinnerung. Das Bild ist extrem einprägsam: das Gefängnis steht für die Gesellschaft, das heißt: ihre moralische und politische Ordnung. Der Körper steht für die Sexualität, das Begehren. "Genet empfindet sich im Gefängnis. Aber die Mauern sind alltäglich, sie existieren nicht. Durch sie hindurch besteht die Beziehung." erklärt Koffi Kôkô den Kern seiner Interpretation. Er tanzt den Part der Claire gleitend, subtil und fein vibrierend, zeigt sich nuancenreich und im Einklang mit der maliziösen Glut seines Mienenspiels, in jeder Hinsicht modern und nicht folkloristisch.
Das steht im Einklang mit der Tanzsprache, die er anstrebt: "Ich entwickle eine Sprache, indem ich aus meinem kulturellen Gepäck schöpfe, aber nicht im Sinne von ´folkloristisch´ oder ´traditionell´. Es geht eher um Evolution, es geht darum, eine Brücke zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen zu schlagen. Mein Ansatz besteht darin, voll auszuleben, wo ich gerade bin - das heißt Frankreich für die letzten Jahre. Meine Lehrtätigkeit, meine Pädagogik würde ich allerdings Afrikanischen Tanz nennen." (La Danser Magazine, Paris, 1996)
Bio
Aufgewachsen in einer Diplomatenfamilie, wandte er sich gegen den Willen seiner Eltern dem Tanz zu. Er ging an die National School of Dramatic Art in Abidjan/ Elfenbeinküste, um dann später bei Alvin Ailey und Katherine Dunham an der Leslie Dance School in New York und dem Internationalen Tanzzentrum in Paris zu studieren. Kôkô ist international renommierter Dozent und Professor an zahlreichen Akademien Europas, Amerikas und Afrikas. Im Jahr 1999 war er künstlerischer Berater am Kennedy Center in Washington. Kôkô war Organisator und Kurator des panafrikanischen Festivals „Atout Africain“ 2002 in Benin.
Der Choreograf arbeitet mit bedeutenden Vertretern der westlichen Tanz- und Theaterszene zusammen, unter anderem mit Pierre Doussaint, Bruno Boêglin, Shiro Daimon und Yoshi Oida, Gabriel Gbadamosi und Ismael Ivo. Mit Ismael Ivo spielte er im März 2001 unter der Regie von Yoshi Oida das Stück "Die Zofen" nach Jean Genet, das in Stuttgart, Berlin, Rouen, Wien und São Paulo aufgeführt wurde. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen "Passage" (1990), "D´une rive á l´autre" (1994), "L´atelier" (1995), "Percussive Feet" (1996), "Die Zofen" (2001) und "Les feuilles qui résistent au vent" (2003).








