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„Ich schreibe, um die Differenz zu sagen“
Diese orale Tradition bringt er auf Französisch in seine Texte ein. Sein Verhältnis zur arabischen Schriftsprache ist distanziert und respektvoll, doch als Sprache des Korans und somit unantastbarer Ausdruck des Göttlichen ist sie ihm zu ritualisiert. In seinen Romanen findet man Kritik an den archaischen Ritualen der islamischen Institutionen. Das Französische macht es ihm einfacher, Tabuthemen wie Sexualität und Körperlichkeit aufzugreifen.
Gleich zu Beginn seines in Marokko entstandenen und in Frankreich beendeten ersten Romans „Harrouda“ aus dem Jahr 1973 begeht Ben Jelloun einen Tabubruch, indem er das weibliche Geschlechtsteil als Objekt der Obsession von Kindern darstellt. „Harrouda“ ist ein experimenteller Bildungsroman, eine phantastische Autobiographie, in der es eine lineare Handlungsentwicklung nicht gibt. Der Text entspricht der transgressiven Norm der „Souffles“-Gruppe, der Ben Jelloun angehörte und wendet die von ihnen bevorzugten Theorien an: Marxismus, Psychoanalyse, Symbolismus, Surrealismus und die Semiotik von Roland Barthes.
Die Protagonisten sind ein nicht näher bestimmtes „Wir“, sind die als kollektives Ich auftretenden Kinder der labyrinthischen Gassen von Fes in den Jahren vor der marokkanischen Unabhängigkeit mit ihren sexuellen Phantasien und Sehnsüchten. In Koranschule, maurischem Bad und bei Beschneidungen erfahren sie die Traumata einer repressiven Gesellschaftsordnung. Die mit dem Aufstand von Kindern und Vögeln symbolisierte Revolution wird von den Machthabern blutig niedergeschlagen. Die letzte Etappe des Romans beschreibt das Erwachsenwerden einer wiederum nicht genauer bestimmten Ich-Figur, deren Öffnung zur Welt einhergeht mit der Erfahrung von Korruption, Verrat, Sexualität und Drogen. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, Harrouda und die Mutter, die im Gegensatz zu den patriarchalischen Herrschaftsverhältnissen stehen. Während die Mutter sich unterordnet, sucht Harrouda den Konflikt. Wie auch in späteren Werken des Autors gibt es kein regelrechtes Ende. Mit dem Kapitel „Verschleierte Silben“ löst sich alles im Rauch des „Kif“ auf, bleibt alles ambivalent. Im Nachwort allerdings erklärt Ben Jelloun die Wortergreifung der Mutter als nicht fiktiv und zum eigentlichen Sinn des Buchs.
„Harrouda“ ist eine alte, von der Bettelei lebende Prostituierte, die als ewige Figur wie viele andere Charaktere Ben Jellouns am Rande der Gesellschaft lebt. In „Der Gedächtnisbaum“ (1978) ist es der Verrückte, der auf öffentlichen Plätzen Geschichten erzählt, und in „Der korrumpierte Mann“ (1994) jener marokkanische Verwaltungsbeamte, der von allen geschnitten wird, weil er sich seiner korrupten Umgebung entgegen zu stellen versucht, aber scheitert.
Auch in „Gebet für einen Abwesenden“ (1981) stammen alle Hauptfiguren aus gesellschaftlichen Randgruppen, so dass ein kritisches Bild der marokkanischen Gesellschaft entsteht. Der vielschichtige Roman basiert auf einer realistisch beschriebenen Reise durch Marokko und verbindet pikareske Erzählmuster mit mystischer Initiationsliteratur. Der magische Schluss bringt auch hier keine Erfüllung, sondern verweist auf die prinzipielle Unabgeschlossenheit der menschlichen Identität. Zwei Vagabunden, die auf einem Friedhof in Fes leben, entdecken dort eines Nachts ein Kind. Eine ältere Prostituierte beauftragt sie, das Kind zum Grabmal des Scheichs Ma’ al-’Aynayn zu bringen.
Auf dem Weg durch reale marokkanische Orte erzählt die Prostituierte Yamna die Geschichte des Scheichs. Als einer der beiden Vagabunden die Mission verrät, wird er wahnsinnig und stirbt bei dem Heilungsversuch durch einen Scharlatan. An seiner Stelle macht sich jetzt das ausgerissene Dienstmädchen Argane mit auf den Weg, bis sie von ihrem ehemaligen Dienstherrn wieder eingefangen wird. Am Ende ihrer Reise im militärischen Sperrgebiet verschwindet auf magische Weise erst Yamna, dann der Vagabund, während eine von zwei Männern begleitete Frau das Kind entgegennimmt.
Hier – wie auch in anderen Texten – schildert Ben Jelloun, dass Selbstverwirklichung für Frauen im patriarchalischen System Marokkos nicht möglich ist. Prostitution und die Tätigkeit als Dienstmädchen in feudalistischer Abhängigkeit boten für Frauen damals die einzige Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Eine erfüllte Identität ist in der marokkanischen Wirklichkeit nur auf dem Weg der Mystiker zu finden, wie sie in „Gebet für einen Abwesenden“ in einer Hommage an den Sufi-Mystiker Al-Halllag ausgedrückt wird. Dessen Mystik ist allerdings nicht mit Weltflucht zu verwechseln, sondern beinhaltet politisches Engagement und eine kritische Haltung gegenüber den Repräsentanten der Macht. Ben Jelloun setzt das sufistische „Sterbt, bevor ihr sterbt!“ in der Struktur des Romans um, indem er ihn auf einem Friedhof beginnen und mit dem Gebet für einen abwesenden Toten enden lässt.
Genau wie seine Romane ist auch die Lyrik Ben Jellouns gesellschaftskritisch motiviert. Der Titel seines ersten Gedichtes „L’aube des dalles“ (Dämmerung der Pflastersteine), das er 1965 in der Zeitschrift „Souffles“ publizierte, erinnert ebenso wie sein 1971 herausgegebener Gedichtband „Hommes sous linceul de silence“ (Menschen unter einem Leichentuch des Schweigens) an seine traumatischen Erfahrungen angesichts des repressiven Vorgehens der marokkanischen Monarchie bei der Niederschlagung der Studenten- und Volksaufstände in den sechziger Jahren. Zwar wurde Ben Jelloun damals nicht wie andere an der Rebellion beteiligte Schriftsteller inhaftiert, dafür aber im Juli 1966 in ein Militärlager zwangsrekrutiert. Auch in der Sammlung von Gedichten und Prosastücken „Cicatrices du soleil“ („Narben der Sonne“) kommt die Politisierung zum Ausdruck. Im Nachwort formuliert Ben Jelloun ein poetisches Manifest. „Ich schreibe, um die Differenz zu sagen“, lautet ein Kernsatz. „Das, was mich mit denen, die mich vielleicht lesen oder lesen werden, vereint, ist vor allem das, was mich von ihnen trennt“, formuliert er seine Scham über das prinzipielle Unvermögen der Literatur gegenüber der Wirklichkeit.
In die Wirklichkeit hat sich Ben Jelloun nach seiner Emigration nach Paris auch im französischen Exil immer eingemischt. Nach seiner Ankunft arbeitete er drei Jahre mit maghrebinischen Immigranten, eine Erfahrung, die er in einer Reihe von Texten verarbeitete: „La réclusion solitaire“ (Einzelhaft, 1973), „Les yeux baissés („Mit gesenktem Blick“, 1991) und „Les raisins de la galère“ („Die Früchte der Galeere“, 1996), was ihn zu einem Wortführer der maghrebinischen Einwanderer in Frankreich machte. In „Mit gesenktem Blick“ geht es um die mit der Emigration verbundene Entwurzelung und um die Schwierigkeiten einer bikulturellen Liebe. Auch hier arbeitet Jelloun wieder mit wechselnden Perspektiven, löst die Chronologie plötzlich auf und erklärt erst im Epilog die Erzählerperspektive. Das Spektrum seiner Schreibweisen reicht entsprechend von konventionellem Realismus über Surrealismus bis hin zu einer Metaliteratur, die mit sich selbst und anderen Texten spielt. Eine echte Auflösung findet nicht statt. Am Ende heißt es „Diese Geschichte endet mit einer anderen, die beginnt...“
Diese erzählerische Mehrdeutigkeit findet man schon in „Sohn ihres Vaters“ (1985) und der Fortsetzung im Roman „Die Nacht der Unschuld“ (1987), für den Ben Jelloun mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. „Sohn ihres Vaters“ erzählt die Geschichte von Zahra, die als achte Tochter ihres Vaters in der Rolle des Sohnes A. Sohn Ahmed aufwachsen muss und deren Ausbruch allerdings scheitert, weil – wie der französische Titel „L’enfant de sable“ signalisiert – die Identität der Frau in Marokko wie Sand zerrinnt. Erst nach dem Tod des Vaters in „Nacht der Unschuld“ („La nuit sacrée“) beginnt für Zahra/Ahmed ein Leben als Frau. Auf der Suche nach sich selbst geht sie eine Beziehung mit einem Blinden ein. Erst nachdem sie grausame Bewährungsproben bestanden hat, kommt es zu einem mystischen Wiedersehen mit dem Blinden, der im Süden des Landes wie ein Heiliger verehrt wird.
Liest man „Nacht der Unschuld“ als historische Parabel, erzählt der Text die Geschichte Marokkos: der kolonialen Unterdrückung folgt ein extrem schwieriger Befreiungsprozess. Im Roman findet der Leser Ben Jellouns bevorzugten Themenkreis: die Zwänge der Geschlechterrollen, Androgynität, Identität, Kindheitstraumata und ihre Verarbeitung, Frauenemanzipation, Entdeckung der Sexualität, Kraft der Träume und immer auch die Problematik des Erzählens, der Schrift und der Sprache. An die Stelle der monologischen tritt eine mehrstimmige Erzählweise, die nach dem Vorbild der in den Kreis der Zuhörer tretenden Geschichtenerzähler des Marktplatzes in Marrakesch strukturiert ist.
Einem breiten, nicht-literarischen Publikum wurde Tahar Ben Jelloun durch den großen Erfolg seines Essays „Le racisme expliqué a ma fille“ („Papa, was ist ein Fremder?“) bekannt, der in Frankreich genauso wie in Deutschland an die Spitze der Bestsellerlisten stürmte. Der Text ist aus Gesprächen mit seiner Tochter entstanden, die ihm zum ersten Mal bei einer Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit diese Frage stellte. Ben Jelloun nahm sich Zeit, sprach noch häufig mit ihr und ihren Freunden, und arbeitete das ursprüngliche Manuskript noch mehr als zehnmal um, bis es die Klarheit hatte, die auch Kinder verstehen konnten.
Bio
Mitte der sechziger Jahre findet er Anschluss an die Intellektuellen- und Künstlerkreise der Zeitschrift „Souffles“ („Atemzüge“/ „Inspirationen“), in deren zwölfter Ausgabe auch 1965 sein erstes Gedicht „L’aube des dalles“ („Dämmerung der Pflastersteine“) erscheint. Nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes „Hommes sous linceul de silence“ emigriert er 1971 nach Paris und studiert dort Sozialpsychiatrie. Seine Abschlussarbeit schreibt er über die Situation maghrebinischer Immigranten. 1972 erscheint „Cicatrices du soleil“ („Narben der Sonne“), eine Sammlung von Gedichten und Kurzgeschichten, ein Jahr später die Romane „Harrouda“ („Harrouda“) und „La réclusion solitaire“ („Einzelhaft“). Nachdem ihm 1987 der Prix Goncourt verliehen wird, finden seine Werke auch internationale Verbreitung. Mit seinem Essay „Le racisme expliqué a ma fille“ („Papa, was ist ein Fremder?“), das gleich nach seinem Erscheinen auf Platz eins der Bestsellerlisten landete, avanciert Ben Jelloun zu einem moralischen Gewissen der französischen Nation.
Ben Jelloun ist der auflagenstärkste Autor des französischsprachigen Maghrebs und nimmt eine auch in den Medien viel beachtete Stellung ein. Als Mitarbeiter von „Le Monde“ schreibt er regelmäßig über die arabische Welt und den Maghreb. Seit 1983 hat er eine wöchentliche Sendung bei dem marokkanischen Radio „Médi I“. Als Vertreter der arabischen Welt im „Haut conseil de la Francophonie“ ist er Teil der offiziellen französischen Sprach- und Kulturpolitik.



