Article
Das Hundeleben des Menschseins
Alejandro González Iñárritu greift ein naheliegendes Thema auf, mit dem sich gerade die junge Generation mexikanischer Filmemacher häufig beschäftigt: die Metropole Mexico City, der Stadt-Moloch von über 20 Millionen Einwohnern, das ausufernde Chaos, die zum Alltag gewordene Gewalt, der zynische Reichtum, die Unmenschlichkeit der Verhältnisse, die Brutalität der Beziehungen – für viele ein Hundeleben.
Als letzte Hoffnung versuchen sich die Gestrandeten im verbotenen Glücksspiel, in Hahnenkämpfen z.B., wie sie unzählige mexikanische Filme gezeigt haben. Alejandro González Iñárritu begnügt sich damit nicht, sondern führt den Hundekampf als noch stärkere Metapher ein bzw. führt ihn bis zur letzten Konsequenz vor. Er ist für ihn ein Stellvertreter-Kampf: die Hunde zerfleischen sich wie die gewaltbereiten Mitglieder der Gang oder selbst die Partner im Geschlechterkampf.
Drei Geschichten, drei an sich getrennte Welten prallen blutig aufeinander: die von Octavio und seinem Kampfhund Cofi, der am Verbluten ist; die von Valeria, dem blonden Model, das als Riesenreklame Hauswände ziert, und ihrem Schoßhund Richie; sowie die von Chivo, der früher ein Guerrillero war und heute ein Auftragsmörder ist, aber eigentlich als Penner inmitten von Hunden haust. Die Menschen – so zeigt der Film in doppelter Absicht – sind auf den Hund gekommen, doch ihre Beziehung zum Tier ist meist von mehr Gefühl geprägt als die zu ihresgleichen.
Octavio rast auf der Flucht vor der ihn verfolgenden Gang in den Wagen von Valeria. Das Model wird dadurch zum Krüppel und deshalb von ihrem reichen Galan im Stich gelassen. Auch der Bruder Octavios kommt bei dem Unfall beinahe um: es wäre ein Lichtblick für seine von ihm ständig bedrohte Frau Susana, die eigentlich und tatsächlich Octavio liebt. Chivo, der den Unfall beobachtet, schnappt sich den halbtoten Cofi, auch er ein Killer, um ihn zu kurieren; später befreit ihn Cofi von der Meute seiner Köter und ermöglicht ihm eine erstaunliche Wandlung – der einzige Hoffnungsblick in diesem düsteren Film.
Alejandro González Iñárritu hat für jede der drei Episoden einen eigenen Stil und Rhythmus gefunden, die er aus dem sozialen Milieu der einzelnen Figuren entwickelt. Die Atmosphäre aseptischen Reichtums (in der Geschichte der schönen Valeria) schiebt sich zunächst wie ein Fremdkörper in den schmuddeligen Kleinkosmos der Marginalität (von Octavio und Chivo), bis die Gewalt von außen in die scheinbare Idylle vordringt und das Appartement – wie Valerias Leben – verwüstet. Mit „Amores perros“ ist dem Regisseur ein überragender Film gelungen, in dem das Hundeleben des Menschseins einen ebenso grandiosen wie beklemmenden Ausdruck findet.
Nach diesem großen Erfolg wurde Iñárritu in die USA eingeladen, um „21 gramos“ zu drehen. Brennpunkt des Geschehens bildet ein Verkehrsunfall, der die Schicksale von drei Personen und ihren Familien miteinander verknüpft. Die Geschichte entfaltet sich als Rückblick, der nicht chronologisch, sondern bruchstückhaft aufgerollt wird. Sein neues Werk, sagt Iñárritu, sei „eine Meditation über Verlust, Sucht, Liebe, Schuld, Zufall, Rache, Verpflichtung, Glaube, Hoffnung und Erlösung“. (Zit. nach: Karin Müller, Wie viel weigt die Seele?, www.mybasel.ch/freizeit_kino_archiv.cfm).








