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Die Besten der Besten
Wer hätte das voraussehen können, als sich Lin Hwai-min, der Sohn eines taiwanesischen Ministers, der eigentlich Schriftsteller hätte werden sollen und sogar schon einen Bestseller geschrieben hatte, das Geld zusammen borgte, um eine Tanzcompagnie zu gründen? Tanzen und choreographieren hatte er in den USA gelernt, als er ein Literaturstipendium dazu nutzte, sich auch im Tanzstudio seiner Universität umzutun, bevor er dann nach New York zu Martha Graham’s und Merce Cunningham’s Tanzschulen ging. Obwohl er dort mit dem Modern Dance vertraut wurde, setzte er mit der Namensgebung ein Zeichen der Tradition, denn Cloud Gate ist der Name der ältesten Form des chinesischen Tanzes. Über den Modern Dance und das klassische Ballett hinaus studierte das Ensemble denn auch die Tanztechniken einer sehr weit gefassten "Heimat". Traditionelle asiatische Disziplinen wie Peking Oper, der Höfische Tanz Koreas und Japans, Tai Chi Tao Yin, eine Form von Chi Kung und Tai Chi, sowie Martial Arts stellen noch heute den Grundstock des Bewegungsrepertoires für die Inszenierungen von Cloud Gate.
Der Rückgriff auf die Tradition war auch eine eminent politische Wahl, denn die USA hatten Taiwan gerade zu Gunsten der VR China fallen gelassen, und die Volksrepublik erhob den Anspruch auf Alleinvertretung auch in kultureller Hinsicht. Immer wieder beschäftigte sich Cloud Gate mit der chinesisch-taiwanesischen Geschichte. "Legacy", die erste Vollproduktion des Ensembles, porträtierte Familien, die vor vierhundert Jahren vom chinesischen Festland über die gefährliche Meeresenge der Formosastraße nach Taiwan emigrierten. Dieses Bekenntnis zu Taiwan erneuerte Cloud Gate 1997/98 mit der Produktion "Portrait of the Families". Ästhetisch eine Unabhängigkeitserklärung mittels des Modern Dance, spannt es in zahlreichen Interviews, die auf der Leinwand den Hintergrund für die Tänzer bilden, den Bogen von der japanischen Kolonisation hundert Jahre früher hin zu den Gräueltaten an den Bewohnern der Insel durch die Kuomintang-Truppen, die 1947 vor Mao auf die Insel geflohen waren. 1990 reagierte Lin Hwai-min mit "Requiem", einer Soloperformance von Cloud Gate-Mitbegründer Lo Man-fei, ein früherer Tänzer von Cloud Gate und künstlerischer Gründungsdirektor von Cloud Gate 2, auf das Massaker auf dem Tiananmen-Platz.
Für die Produktion "Songs of the Wanderers", die 1994 entsteht, wird Lin Hwai-min erstaunlicherweise von der indischen Kultur inspiriert. Die Tänzer folgen darin den Stationen eines endlosen Pilgerweges, während ein junger Mönch bewegungslos am linken Bühnenrand steht, auf den ununterbrochen Weizenkörner fallen. Aus 3,5 Tonnen Reiskörnern entstehen ständig wechselnde Landschaften, während sie wie ein goldener Vorhang auf die Bühne fließen und zuerst einen schmalen Bach und dann einen tiefen Fluss formen, der von einem Mann mit einem Rechen zu unendlichen Kreisen zen-buddhistischen Formen geharkt wird. So entstehen Bilder von atemberaubender Schönheit, das Leben erscheint als eine endlos dahinfließende Pilgerschaft.
Basierte "Songs of the Wanderers" auf Buddhismus und Meditation, so ist das 1998 entstandene "Moon Water" von der chinesischen Bewegungslehre Tai Chi Tao Yin, der chinesischen Kunst des Chi Kung, und Meditation inspiriert, die Lin Hwai-min mit den "Suiten für Violoncello" von Johann Sebastian Bach konfrontiert. Der Titel ist einem berühmten chinesischen Sprichwort entnommen: "Blumen im Spiegel oder der Mond auf dem Wasser - beides ist trügerisch." Für einen Chinesen hat dieses Sprichwort eine doppelte Bedeutung. Für Buddhisten heißt es, dass alles in unserem Leben trügerisch ist und verweist auf die Leere oder das Nichts. Für die, die Tai Chi praktizieren, drückt der Titel den idealen Zustand des Tai Chi am besten aus, denn: "Energie fließt wie Wasser, während der Geist scheint wie der Mond." Mit Bewegungen, die sich im Zentrum des Körpers entwickeln (Tai), um sich dann durch Chi oder die innere Energie in den Gliedmaßen fortzusetzen (Chi), entstehen im Zusammenspiel mit den Cello-Suiten anmutig-langsame Bewegungen, die die Ruhe der Musik in meditative Bilder umsetzen. Durch jahrelanges Training mit dem Tai-Chi- Tao-Yin Meister Hsiung Wei entwickelte das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan einen einzigartigen dynamischen Stil, der mit fließenden Bewegungen von einer skulpturartigen Reglosigkeit zur anderen eine zauberhafte Lyrik entstehen lässt. Manchmal können Bewegungen aber auch überraschen: dann wirkt die Schnelligkeit der energiegeladenen kontrollierten Körper wie ein blitzartiger Angriff.
"Cursive", eine der letzten Produktionen des Cloud Gate aus dem Herbst 2001, knüpft hier an und lotet die Möglichkeiten des Tai Chi und der Kampfkünste für das Tanztheater weiter aus. Der Titel knüpft die Verbindung zur chinesischen Kalligraphie. Lin Hwai-min erkannte nach dem Studium verschiedener Meisterwerke der chinesischen Kalligraphie, dass bei allen Unterschieden doch ein gemeinsames Merkmal zwischen dem Pinselstrich und der Bewegung besteht: die konzentrierte Energie, mit der die Kalligraphen "tanzten", während sie schrieben. So probten die Tänzer und Tänzerinnen vor riesigen Vergrößerungen von Kalligraphien und versuchten die Energie, die diese ausstrahlten, zu absorbieren, indem sie dem Lauf der Tinte folgten. Diese Übungen riefen vorher nicht vorstellbare Bewegungen hervor, subtile Zeitlupen und kampfsportartige Attacken voller Energie, die das Bewegungsmaterial für "Cursive" bilden. Musikalisch fiel die Wahl auf den zeitgenössischen chinesischen Komponisten Qu Xiao-song aus Schanghai, der ein Kammerstück für Cello und traditionelle chinesische Perkussionsinstrumente schuf, das neben dem Fluss des Streichinstruments und den perkussiven Explosionen Raum für die meditative Qualität der Leere lässt.
Es ist dieser leere Raum, den Cloud Gate-Chef Lin Hwai-min an der chinesischen Landschaftsmalerei schätzt und dessen Qualität er mit "Cursive" transportieren will, auch wenn der künstlerische Ausdruck zeitgenössisch ist. Schwarz gekleidete Tänzer und Tänzerinnen tanzen auf einer weißen Bühne, wie schwarze Tinte auf weißem Papier fließt. Videos und Diaprojektionen von Kalligraphien sind die einzige Bühnendekoration. Nahaufnahmen der Buchstaben machen aus ihnen schöne Abstraktionen, die sich einer Bedeutung entziehen, aber ein Echo zum Energiefluss der Tänzer bilden. So ist auch "Cursive", was die meisten Produktionen des Cloud Gate Dance Theatres in den neunziger Jahren waren: ein zeitgenössisches Tanztheaterstück, das von asiatischem Denken und asiatischer Ästhetik inspiriert ist.
(Vor seiner Teilnahme an IN TRANSIT 06 gastierte das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan bereits im Juni 1997 am Haus der Kulturen der Welt.)
Bio
Als er mit den langen Haaren eines „Hippie“ 1972 nach Taiwan zurückkehrt, wird er - auf der Grundlage des immer noch geltenden Kriegsrechts - von einem Polizisten zu einem Friseur „eskortiert“. Er borgt sich Geld von Freunden, um 1973 eine eigene Tanzcompagnie zu gründen, die er nach dem ältesten chinesischen Tanz "Cloud Gate" nennt. Der Rest ist Tanzgeschichte. Nach dem ersten langen Stück "Legacy" folgt die erste US-Tournee 1979, die erste Europa-Tournee 1981. Von nun an tanzt das Cloud Gate auf der ganzen Welt in den ersten Häusern. Trotzdem gerät Cloud Gate 1988 in eine Krise, als die Männer zum Militärdienst eingezogen werden sollen. Nach einer Tour, die die Tänzer/innen u. a. zum Internationalen Tanzfestival Nordrhein-Westfalen und nach Australien führt, löst Lin Hwai-min die Truppe auf. Während die Männer bei der Armee sind, gehen die Frauen zur Universität, um den Tanz und die Geschichte des Tanzes zu erforschen. Als alle wieder zurück sind, kann Lin Hwai-min der Versuchung nicht widerstehen, 1991 noch einmal mit einer dritten Generation von Tänzern und Tänzerinnen neu zu beginnen.
In den neunziger Jahren erzielt Cloud Gate seine größten Erfolge. ‘Nine Songs’ (1993), ´Songs of the Wanderers´ (1995), ´Portrait of the Families´ (1997), ´Moon Water´(1998), ‘Bamboo Dream’(2001)and ´Cursive´ (2001), ‘Smoke’(2002), ‘Cursive II’(2003) and ‘Wild Cursive’(2005) werden überall gefeiert und erhalten begeisterten Beifall. Aber nirgendwo kann ein so großes Publikum die Produktionen von Cloud Gate anschauen wie in der Heimat, wenn bei ihren kostenlosen Auftritten zu jeder Vorstellung mehr als 60.000 Menschen zusammenströmen. In Taiwan tritt das Ensemble regelmäßig in großen Häusern wie dem National Theatre in Taipeh auf, aber auch in den Aulen der höheren Schulen kleiner Dörfer. 1999 wird Cloud Gate 2 gegründet, um junge Choreographen zu fördern, und um in Universitäten und kleinen, unabhängigen Tanztheatern aufzutreten. Die meisten der Cloud Gate Produktionen wurden auch zu Tanzvideos verarbeitet. So entstanden Fernsehfassungen in den Niederlanden für die "Songs of the Wanderers", in Frankreich von "Moon Water", in Deutrschland von „Bamboo Dream“ und in der Schweiz von „Cursive II“.
Lin Hwai-min hat viele Auszeichnungen erhalten. 1983 wurde er von Jaycees International unter die 10 hervorragendsten jungen Menschen in der Welt gewählt. 1996 bekam er den "Lifetime Achievement Award" des "Department of Culture" von New York. 1997 errang er mit dem "Ramon Magsaysay Award" den "asiatischen Nobelpreis". "Dance Europe" wählte ihn zum Choreographen des 20. Jahrhunderts und "Ballet International" wählte ihn zur Persönlichkeit des Jahres 2000, zusammen mit Merce Cunningham, Jiri Kylian, Pina Bausch und William Forsythe. 2005 wurde er vom "Time magazine" als einer von "Asiens Helden" gewählt.









