Dinaw Mengestu

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October 1, 2009
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Dinaw Mengestu
Dinaw Mengestu (c) Blair Fethers

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Grenzen überwinden

Aus Äthiopien kommen einige der schnellsten Athleten der Welt. Der aus dem ostafrikanischen Land stammende Dinaw Mengestu ist zwar kein Läufer. Aber der 31-jährige Autor hat gerade mit seinem Debütroman „Zum Wiedersehen der Sterne“ einen Blitzstart hingelegt. Und nicht nur das. Mengestu spricht so rasant, dass man ihn guten Gewissens als einen Sprachathleten bezeichnen darf. Dass er auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen geraten ist, hat ihn ganz aus dem Häuschen gebracht, denn fast gleichzeitig mit der Nominierung seines literarischen Kindes hat sein eigenes das Licht der Welt erblickt. Als ihn die Nachricht erreichte, saß er gerade in der Entbindungsstation. „Es war wirklich ein aufregender Augenblick, ein brandneues Baby und die großartigen Neuigkeiten zum Preis“, sagt er. „Emotional ging da alles drunter und drüber.“
Ebenso leichtfüßig und intensiv, wie er diesen Augenblick schildert, erzählt Mengestu auch in „Zum Wiedersehen der Sterne“ – und das, obwohl er hier viele Themen am Wickel hat, die sich dafür eigentlich nicht eignen. So viele, dass sie Zeiten und Kontinente überwinden und gleichzeitig topaktuell sind. Seinen Erzähler Sepha Stephanus, der als emigrierter Äthiopier in den USA lebt, lässt er hierfür das raue Sozialklima der USA im Economic Downturn spüren. Sepha sucht sich Freunde – Judith, die in seiner Nachbarschaft lebt und Joseph und Kenneth, die wie er aus Afrika nach Amerika gekommen sind. Die lässt er immer wieder diskutieren: Über afrikanische Politik. Über afrikanische Diktatoren und Rebellenführer. Kurz: über alles, was schief gegangen ist im postkolonialen Afrika und darüber, wer eigentlich dafür verantwortlich ist. Er wollte über eine verantwortlichere Art über afrikanische Politik sprechen, als das für gewöhnlich der Fall sei, erläutert der Autor. Darum habe er diese Episoden eingeflochten. „Es gibt“, sagt er, „eine bestimmte Art und Weise, in der für gewöhnlich über Afrika diskutiert wird, afrikanische Politik wird meist auf einfache Begriffe reduziert wie ‚entsetzlich‘ und ‚schrecklich‘.“

Tatsächlich ist Mengestu selbst eng mit dem Schicksal seines Kontinents verbunden. Sein Vater flieht 1978 aus Äthiopien, vier Jahre nach dem Sturz Haile Selassies und drei Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung. Familienmitglieder verschwinden und tauchen nicht wieder auf. Das Buch sei auch sein Weg gewesen, sich diese Vergangenheit vorzustellen und zwar mit einem enormen Respekt für die Menschen, die diese Zeit durchgemacht haben, sagt er. So war die Politik vielleicht nicht sein erstes Anliegen, aber gibt es überhaupt etwas außerhalb der Politik? Menschen werden doch von Politik gemacht, so Mengestu: „Ich denke, ich habe beim Schreiben kein politisches Programm im Hinterkopf gehabt, aber ebenso, dass Politik mir immer noch irgendwie wichtig ist. Sie ist ein integraler Bestandteil dessen, was wir als Menschen sind, sie prägt unsere Persönlichkeit, unsere Nationen. Also war es für mich unmöglich, das im Roman nicht aufzunehmen, denn sie wird ein Teil der Figuren. Die Figuren sind politische Exilanten, sie sind sowohl Opfer amerikanischer wie afrikanischer Politik. Die Politik ist ein Teil dessen, was sie sind.“

„Zum Wiedersehen der Sterne“ zeigt vielleicht genau das: Dass Politik untrennbar mit uns verwoben ist. Nicht nur mit unserer Nation, auch mit unserer Geschichte, sogar mit unserem Charakter. Wir sind aus Politik gemacht. Die großen Geschichten dringen in unser Leben ein. Auch Lokales und Globales sind untrennbar. Migration, Multikulturalismus, sich wandelnde Identitäten, das passiert überall, in jedem noch so kleinen Kaff in Europa oder anderswo. Mengestu spricht von den „globalen Dimensionen des Lokalen“ und fügt hinzu: „Ob du in einer Kleinstadt in Frankreich lebst oder in Deutschland – du bist sowieso von diesen Themen betroffen, sie werden zu einem Teil der nationalen Debatte.“

In dieser Debatte, die letztlich nicht nur lokal oder national, sondern auch global stattfindet, brauchen wir die Übersetzung. Was nicht übersetzt wird, so Mengestu, geht verloren. Ohne die Fähigkeit, sich ein anderes Land vorzustellen, ein anderes Leben, ein Buch in der Übersetzung zu lesen, haben wir es schwer, meint er, einander zu verstehen. Die Übersetzung, sagt er ebenso rasant, wie er eingestiegen ist, wird zu einem politischen Event, denn: „Manchmal muss man aus seiner begrenzten Realität einfach raus und etwas aus einer anderen Perspektive sehen, um wahrzunehmen, was im eigenen Land passiert. Und ebenso im eigenen Selbst. Deshalb wird die Übersetzung zu einem Mittel, diese Grenzen zu überwinden, von denen wir meinen, sie sind unüberwindlich. Erst durch die Übersetzung kann man begreifen, dass es etwas wie eine geteilte, miteinander erlebte Menschlichkeit gibt, die mit Nationen nichts und mit Staaten nur wenig zu tun hat.“
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Dinaw Mengestu wurde 1978 in Äthiopien geboren, mit zwei Jahren kam er mit seiner Familie, die aus politischen Gründen fliehen musste, in die USA. Er studierte Literatur und erhielt 2006 ein Schreibstipendium von der New York Foundation for the Arts. Dinaw Mengestu hat Kurzgeschichten in Zeitschriften veröffentlicht, mit seinem ersten Roman „Zum Wiedersehen der Sterne“ feierte er bereits Erfolge in den USA, Großbritannien und Frankreich. Seine Auszeichnungen: Guardian First Book, Award, Los Angeles Times Bestseller, New York Times Notable Book 2007, Prix du Meilleur Premier Roman Etranger.

Works

Zum Wiedersehen der Sterne

Published Written,
2009
Claassen Verlag

Merits

The New Yorker "20 Under 40", 2010
Los Angeles Times Book Prize, 2008
New York Public Library Young Lions Award Finalist, 2008
Dylan Thomas Prize, Finalist, 2008
Prix du Premier Meilleur Roman Etranger, 2007
Grand Prix de Lectrices de Elle, Finalist, 2007
Prix Femina Etranger, Finalist, 2007
Guardian First Book Award, 2007
National Book Award Foundation, 5 Under 35 Award, 2007
Lannan Fiction Fellowship, 2007
New York Times Notable Book, 2007

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Internationaler Literaturpreis

Haus der Kulturen der Welt

(01 January 09 - 30 September 09)

Www

Artikel im Guardian

Ethiopian-American wins Guardian First Book Award. Von Sarah Crown (05.12.2007)