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Da, wo Tiere miteinander sprechen
Anri Salas poetisch-politische Verunsicherungen
Ein schlafender Obdachloser im Mailänder Dom, der sich der allgemeinen Hektik des Ortes verweigert. Ein ausgemergeltes Pferd an einer Autobahn in Tirana, das sich kaum auf den Beinen halten kann. Mal geblendet von vorbeifahrenden Autos, dann in der Dunkelheit verharrend. Krabben an einem südamerikanischen Strand, die mit dem Licht von Taschenlampen „gesteuert“ werden. Ein bedrohliches, aggressives Szenario – nachts gefilmt. All das ist in Salas Kunst zu entdecken, die bei der Biennale von Venedig, der Berlin-Biennale, der Manifesta 3 in Ljubljana und bei vielen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen war.
„Was man braucht, sind Momente der Freiheit, um nachzudenken“, sagt Anri Sala, der an der École Nationale Supérieure des Arts décoratifs in Paris und an der Nationalen Kunstakademie in Tirana studiert hat. Sala lenkt seinen Blick gerne auf das, was am Rande liegt. Seine Bilder sind ungewöhnlich, surreal und skurril, die Orte seiner Kunst oft nicht identifizierbar: Da ist ein Parkplatz, ein Strand, ein Plattenbau, eine Straße, ein Hochhaus in Marzahn. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinn, es wird keine Geschichte erzählt. Die Filme haben einen sehr bedächtigen, langsamen Duktus. Sie verzichten manchmal sogar auf jede Bewegung der Kamera.
Bei früheren Videoarbeiten machte Sala oft das persönlich Erlebte zum Thema. In seinem ersten Video „Intervista“ aus dem Jahr 1998 entwickelte er ein dichtes Porträt seiner Mutter – vor dem Hintergrund der kommunistischen Geschichte seiner Heimat Albanien. Seine Vorlage war ein im Elternhaus gefundener Film ohne Tonspur, der die eigene Mutter als junge Kommunistin zeigt, die als Vorsitzende der „Jugend-Allianz“ im staatlichen Fernsehen ein Interview gab. Sala: „Ich habe mir überlegt: Wie kann dieser Film sich quasi in einen Mund verwandeln, einen Mund, der etwas erzählen kann.“ Dabei halfen ihm die Schüler einer Taubstummenschule, die das Gesagte rekonstruieren konnten. Aber konnten sie das wirklich? Sala zweifelt. Sein Film argumentiert anders: Sprache ist immer nur in dem System lesbar, in dem sie gesprochen wurde – sie ist unübersetzbar.
„Nocturne“ wurde 1999 auf 16mm gedreht. Der Film porträtiert zwei Männer, die einander nie begegnet sind und die jetzt die Kunst zusammenführt. Denis, der französische Söldner, hat auf dem Balkan gekämpft, Jacques dagegen ist Fisch-Sammler und vereinsamter Besitzer eines Aquariums. Beide Männer eint trotz ihrer so unterschiedlichen Biografien der Schmerz am Leben.
In dem Film „Byrek“ aus dem Jahr 2000 thematisiert Sala die Heimatlosigkeit des Immigranten: Die Arme einer Frau kneten den Teig des Byreks, überblendet von einem Rezept, das Salas Großmutter vor vielen Jahren aufgeschrieben hat. Ein Jahr zuvor entstanden ist das Video „Uomoduomo“, Salas Beitrag zur Biennale in Venedig. Der Film zeigt einen schlafenden Obdachlosen im Mailänder Dom. Es ist vor allem die fragile, verletzliche Intimität des Schlafs in der Öffentlichkeit, die der Videofilm auf symbolträchtige Weise zum Ausdruck bringt.
2001 fertigte Sala das Video „Arena“, das eine langsame, suggestive Kamerafahrt durch einen verwahrlosten Zoo in Tirana zeigt. Zu sehen sind verlassene Gehege, ein trostloser, im Verfall befindlicher Ort, den Sala als Spiegelbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Albanien verstanden wissen will. 2002 erarbeitete er neben dem Krabben-Video Ghostgames“ auch die surreale Fotoarbeit „No Barragán No Cry“: eine Auseinandersetzung mit einer verschollenen Skulptur im Garten des mexikanischen Architekten Luis Barragàn. „Three Minutes“ (2004) zeigt nicht mehr als ein Schlagzeug-Becken, dessen Oberfläche das Licht eines Stroboskops reflektiert.
In neueren Videoarbeiten werden Salas Sujets abstrakter, aber auch universeller, wie etwa in „Who is afraid of red, yellow and green“ (2008) oder auch in „Answer Me“ (2008), das in der großen Kuppel der ehemaligen NSA-Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg entstanden ist. Hier ist es eine Frau, die ein Gespräch mit ihrem männlichen Partner führen möchte, doch dieser wendet ihr den Rücken zu und spielt auf seinem Schlagzeug und macht sein Schweigen hörbar. Kommunikation und damit Nähe sind unmöglich.
Im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt Anri Sala in „The Spirit of the Haus“ die Installation „Why the Lion Roars“, eine Auftragsarbeit der Stadt Paris, bei der die Reihenfolge der gezeigten Filme vom Berliner Wetter abhängt: „Jeder Film entspricht einem Grad der Temperaturskala. Ändert sich die Außentemperatur, so wird ein anderer Film im Auditorium gezeigt.“
Stets sind die Protagonisten des Künstlers Teil eines politischen, historischen und sozialen Kontextes, doch Salas visuelle Sprache der Erinnerung ist metaphorisch und auf poetische Weise verunsichernd. Ein besonderes Stilmittel Salas ist die Dunkelheit. Viele seiner Bilder findet er in der Dämmerung. In Übergangsmomenten zwischen Tag und Nacht. Oft an Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.





