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John Bocks surreales Welttheater
„Die abgeschmierte Knicklenkung im Gepäck verheddert sich im weißen Hemd“
Im Jahr 2007 zeigte die Schirn in Frankfurt die grotesk-ironisch-post-dadaistisch-humorige Filmkunst des documenta11- und Biennale-Teilnehmers: aufwändig inszenierte, mit Schauspielern gedrehte Filme, die ebenso surreal sind, wie sie sich einer rationalen Deutung entziehen. Zu sehen war etwa das in der eigenen Küche gedrehte Videodebüt „Porzellan-Isoschizo-Küchentat des neurodermitischen Brockenfalls im Kaffeestrudel“. Eigens für die Ausstellung in Los Angeles entstand der Gangsterfilm „Palms“ – aber auch ein französisches Schloss, ein Bunker oder ein norddeutscher Bauernhof taugen als Szenario. „Ich bin wahrscheinlich der schlechteste Regisseur auf Erden, weil ich mich ausschweige“, sagt Bock, der Film-Genres destruiert und das chaotische Ganze zu einem surrealen Welttheater verkittet.
Sein Lebensweg als Künstler war eigentlich gar nicht vorgesehen. Bock studierte Betriebswirtschaft in Hamburg, doch wechselte er später dort an die Hochschule für Bildende Künste. Heute ist er selbst Hochschullehrer. Er lehrt seit dem Wintersemester 2004/05 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe als Professor für Bildhauerei. Schon früh war es der Alltag, der ins Blickfeld des Künstlers geriet. Und die Fallen, die dieser Alltag stellt, die sind bis heute sein Thema.
In den frühen Neunzigern erfand er seine „Vorträge“: Kunstperformances, bei denen der Künstler Elemente akademischer Vorlesungen integrierte. Doch bald wurde John Bocks Werk raumgreifender: Es entstanden große Installationen aus Alltagsobjekten – aus Holz, Pappe, Lebensmitteln, Watte, Putzmitteln oder Rasierschaum, die dem Performer gleichzeitig auch als Bühne dienten. Filme von solchen Aktionen wurden wiederum in die Installationen eingespeist – ein Kreativ-Kreislauf mit stets offenem Ende.
Im Jahr 2000 überquerte Bock mit einem selbstgebauten Floß die Weser, 2001 realisierte er mit „Porzellan-Isoschizo-Küchentat des neurodermitischen Brockenfalls im Kaffeestrudel“ seine erste eigenständige Video-Arbeit: Ein rasanter Film, der einen 2minütigen Kampf des Künstlers mit lebendig gewordenen Lebensmitteln zeigt. Bei der documenta11 präsentierte Bock nur ein Jahr später, wie er es nannte, „eine Art Theaterstück“ inklusive öffentlicher Proben und Aufführungen. In einem Interview erklärte er: „Mir geht es um die Rezeption, um die Durchleuchtung des Entstehungsprozesses: An einer Stelle sieht man die Proben, daneben eine Videoprojektion davon. Nebenan werden die Darsteller in Ganzkörperanzüge eingenäht. Die Kostüme werden bei ´H & M´ gekauft, auch das gehört dazu.“
Und auch das gehört zum Alltag von Kunstausstellungen: dass Besucher gerade an Videoarbeiten und Filmen gerne vorbeilaufen und sich den Gemälden und Fotografien zuwenden – dem, was an der Wand hängt. Doch das, sagt Bock, sei gar kein Problem. Es soll kein Zwang zum Zuschauen entstehen. Jeder sei frei und solle es auch bleiben. Doch zumeist bleiben die Menschen stehen, wenn Bocks Filme zu sehen sind, wenn er Vorträge mit Titeln wie „Die abgeschmierte Knicklenkung im Gepäck verheddert sich im weißen Hemd“ hält, Theater macht, Installationen und Skulpturen zeigt – alles in neuartiger Weise miteinander zu einer Geschichte an der grünen Grenze von Sinn und Unsinn verwoben. Zu einer Geschichte in der Kunsthistorie (die Dadaisten, Surrealisten oder auch Beuys) zitiert wird – doch stets das „Ich“, das Unbewusste, das Subjektive im Vordergrund steht.
Auf der Biennale in Venedig war Bock 1999 und 2005 zu Gast. Auch bei der Manifesta 2004 in San Sebastian. Bedeutende Einzelausstellungen schlossen sich an. 2004 schuf Bock den Film „Gast“, bei dem er die Welt aus der Perspektive eines Hasen zeigt – ein faszinierender Kunstgriff, der das Vertraute der eigenen Wohnung fremd erscheinen lässt.
Vom Kurzvideo fand Bock in den vergangenen Jahren zu stärker narrativen Filmen wie „Meechfieber“ oder „Salon de Beton“, bei denen er auch Schauspieler einsetzt, deren Deutung doch stets vage bleibt: Es sind nicht die Eindeutigkeit, nicht die Kohärenz, die ihn interessieren, sondern das Hintergründige, Unbewusst-Subjektive.
Im vergangenen Jahr wurde Bock mit dem Arken-Preis des dänischen Arken-Museums geehrt, weil er, so die Jury-Begründung, „das Groteske, Absurde und Wahnwitzige wage“. Eine neue, für das Haus der Kulturen der Welt konzipierte Arbeit ist der „GlidderModderlauf der Quasi-Me´s“ („Umhüllungen knicken sich zu analytischen Diagrammen. Der Animalische Existo sprüht Schmierfunken“), bei dem John Bock seine eigenen Kleidungstücke auf einer „Laufkoppel“ präsentiert und Models „zu Quasi-Ichs“ mutieren. Auch das: ein Versuch, durch Kunst die Welt zu ordnen, eine neue Welt zu schaffen, absurd, skurril und dennoch, wie der Künstler sagt, voller Momente von Wahrhaftigkeit, „im spielerischen Ernst gleichsam versteckt“.
Bio
Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. John Bock lebt und arbeitet in Berlin.
Works
Merits
“Ars Viva” prize, Germany





