Sankai Juku

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May 13, 2009
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Sankai Juku
Sankai Juku. Courtesy the artist

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So beunruhigend wie meditativ

Geisterhaft winden sich weißgepuderte und kahlgeschorene Tänzer auf einer Scheibe und saugen den Zuschauer mit ihren langsamen, fast zeitlosen Bewegungen und ihrer hohlen Mimik ein. Sie zeigen aufeinander, lachen wie venezianische Masken, winden sich. Dann deuten sie simultan wie in einer religiösen Geste nach oben. Wer sich hypnotisieren lässt, rutscht irgendwo zwischen die Unterwelt und die Welt der Lebenden. Die Butoh-Stücke, die die Kompanie Sankai Juku seit ihrem Europadebüt 1980 auf die Bühne gebracht hat, erinnern, ganz wie der originale Name „Ankoku Butoh“ oder „Tanz der Dunkelheit“ nahelegt, an dunkle Riten. Doch die Bewegungen der Tänzer sind beunruhigender, denn Rituale dienen einem irdischen Zweck. Sankai Jukus Performer agieren in einem leeren Raum, sie sind auf eine unheimliche Weise losgelöst. Sie lachen über nichts, zeigen auf keinen Gott. „Mich interessiert der Moment vor und nach einer Bewegung, die Spannung und die Entspannung", so Ushio Amagatsu, Gründervater, Tänzer und Choreograf der Kompanie.
Über Ushio Amagatsus Herkunft ist, einmal abgesehen von seinem Geburtsort Yokosuka, einer Stadt an der Bucht von Tokio, nicht viel bekannt. Der heute 60-jährige, schmale Mann lernt Ballet und modernen Ausdruckstanz, bevor er sein Können in den Butoh übersetzt, dessen neue schöpferische Energie ihn „wie ein Strudel“ einsaugt. 1972 gründet er zusammen mit Akaji Maro und Isamu Osuga die Tanzkompanie Dairakudakan. Doch er empfindet die Kompanie als zu groß und möchte mit der Überfülle an Ausdrucksmöglichkeiten brechen, um zu einer reduzierten Form zu finden. Nach drei Jahren trennt er sich von Dairakudakan und gründet mit Sankai Juku, der „Schule des Berges und des Meeres“, seine eigene Kompanie. Seine ersten drei Tänzer wählt er aus einem 30-köpfigen Workshop aus. Bis heute gehören ausschließlich Männer zu seiner Truppe, die er als Butoh-Tänzer der zweiten Generation begreift. Butoh ist für Amagatsu ein „Dialog mit der Schwerkraft“. Dabei sieht er sich zwar in einer Tradition mit den Begründern des Butoh Tatsumi Hijikata und Kazuo Ono, legt aber großen Wert auf seinen eigenen Stil, der sich von den Anfängen in den 60er Jahren gelöst hat.

1980 tourt Sankai Juku erstmals in Europa und tritt beim Nancy International Festival und beim Avignon Festival auf. Die Franzosen empfangen die Kompanie enthusiastisch und engagieren sie beim Théâtre de la Ville in Paris, wo sie von 1982 bis heute im zweijährigen Rhythmus debütieren. Gleichzeitig feiern sie internationale Erfolge. 1984 fliegen sie nach einem vierjährigen Aufenthalt in Europa erstmals über den Atlantik und präsentieren beim Toronto International Festival ihr erstes Debüt auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Bereits Ende der 70er Jahre zeigt Sankai Juku mit „Sholiba“ (1979) ebenso spektakuläres wie bizarres Tanztheater: Die geweißten, nahezu nackten Körper der Performer hängen kopfüber von Häuserfassaden. Ihre Hände sind zu Krallen geformt und blutrot gefärbt. Sie wirken wie Fledermäuse, lassen sich dann langsam zu Boden, wo sie in eine embryonale Haltung verfallen und sich animalisch miteinander verklumpen. 1985 kommt es bei einer Aufführung in Seattle zu einem tragischen Zwischenfall, als sich ein Seil löst. Eines der ursprünglichen Mitglieder der Gruppe, Yoshiuki Takada, stürzt in den Tod, doch Sankai Juku behält die Nummer im Repertoire. 2008, etwa dreißig Jahre nach der ersten Aufführung dieser Art, findet das Motiv Eingang in „Kinkan Shonen“, wo der Meister selbst vor einem azurblauen Hintergrund hängt.

„Kinkan Shonen“, laut Untertitel die „Träume eines Jungen vom Ursprung des Lebens und des Todes“, erzählt von Metamorphosen. Die Tänzer bewegen sich zwischen dem Zivilisierten und Animalischen, Kosmischen und Irdischen. Der Junge, gespielt von Amagatsu, erscheint in sandfarbener Uniform auf der Bühne, Sirenen heulen auf, die Anspannung übersetzt sich in rastloses Pendeln, dann ergibt er sich einer ausweglosen Starre. Ein Reigen von Tänzern in Pappmaché-Masken und in weiten, vegetabil wirkenden Röcken vollzieht ein undurchdringliches, albtraumhaftes Ritual leerer Gesten. Zwischen den Tänzern: ein Pfau – möglicherweise in Anspielung auf „Kinjiki“ von Tatsumi Hijikata, dem ersten Butoh-Stück überhaupt, das 1959 mit einem Huhn debütierte und wegen seiner tabuisierten Inhalte von den japanischen Bühnen verbannt wurde.

Seit damals hat sich viel getan. Der Butoh ist etabliert und der Stolz Japans. Sankai Juku performt auf den ganz großen Bühnen des Landes und wird hofiert, die Kompanie tourt nach ihren Debüts in Frankreich regelmäßig nach Tokio. Laut ihrer Homepage haben sie bislang 43 Länder besucht und 700 Städte. „Peter Brook, Robert Wilson, Beijing Opera, Sankai Juku. Man braucht kein LSD”, schreibt ein Blogger. Auch von Zuschauern, die während der Aufführung aufstehen und gehen oder ihre Mobiltelefone rauskramen, kann man lesen. Man muss Amagatsus Butoh eben aushalten können, das Mysterium des Lebens und die Meditation über den Moment vor oder nach einer Bewegung.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Ushio Amagatsu wurde in Yokosuka City, Japan, geboren. 1972 gründete er mit Akaji Maro und Isamu Osuga die Tanzkompanie Dairakudakan. 1975 gründete er Sankai Juku.

Works

Tobari

Production / Performance,
2008

Toki

Production / Performance,
2005

Utsuri

Production / Performance,
2003

Kagemi

Production / Performance,
2000

Hibiki

Production / Performance,
1998

Hiyomeki

Production / Performance,
1995

Yuragi

Production / Performance,
1993

Omote

Production / Performance,
1991

Shijima

Production / Performance,
1988

Unetsu

Production / Performance,
1986

Netsu No Katachi

Production / Performance,
1984

Jomon Sho

Production / Performance,
1982

Bakki

Production / Performance,
1981

Sholiba

Production / Performance,
1979

Kinkan Shonen

Production / Performance,
1978

Amagatsu Sho

Production / Performance,
1977

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2009

Resistance of the Object - Widerstand des Objekts

(11 June 09 - 21 June 09)

Www

Homepage von Sankai Juku