Etel Adnan

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November 23, 2007
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Etel Adnan
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Die Weltensammlerin

Die libanesisch-amerikanische Schriftstellerin und Künstlerin Etel Adnan ist eine Grande Dame der Nahost-Literatur, eine Welten- und Sprachensammlerin. Aufgewachsen in einem von westlichen und arabischen Einflüssen geprägten Libanon als Tochter einer griechischen Mutter und eines syrischen Vaters, wechselt sie frei zwischen Kulturen und Sprachen. Was in der Kritik oft als „Heimatlosigkeit“ missverstanden wird, erlaubt der heute über achtzigjährigen Autorin, einen Blickwinkel als Beiruterin wie als Fremde auf die Verhältnisse im Libanon zu suchen. Ihren Stoff findet sie vor allem im Libanesischen Bürgerkrieg und in seinen Folgen. „Beirut klebt an mir wie heißes Wachs“, so die Autorin in ihrem Roman „Von Frauen und Städten“.
Etel Adnan, geboren 1925, wuchs in Beirut, damals ein französisches Mandat, auf. Es war das „Paris des Ostens“, eine blühende, vom Westen wie von der arabischen Welt gleichermaßen beeinflusste Metropole am Mittelmeer. Als Tochter einer aus der heutigen Türkei stammenden christlichen Griechin und eines muslimischen Syrers spricht sie bereits Türkisch und Griechisch, als sie mit fünf Jahren auf eine französische Klosterschule geht. Ihre libanesischen Klassenkameraden sprechen außerhalb der Schule Arabisch miteinander.

Es ist diese Vielfalt der Sprachen und Kulturen, die Etel Adnans schriftstellerisches Werk prägt und ihr einen unnachahmlichen Stil erlaubt. Wie keine andere saugt sie auch in der Zukunft neue Sprachen in sich auf. Die junge Frau studiert Anfang der 50er Jahre zunächst an der Sorbonne Philosophie, geht 1955 in die USA und lernt dort parallel zum Studium so rasant Englisch, dass sie wenige Jahre später einen Posten als Dozentin in einem amerikanischen College bei Berkeley erhält. Eine besondere, poetische Liebe behält sie jedoch zeitlebens zum Arabischen, zu der Schönheit der Sprache, die sie, nur angeleitet von ihrem Vater, autodidaktisch erlernt. Für Adnan eine Sprache der Lyrik, die zu begreifen ihr trotz mangelnder Kenntnisse wunderbarerweise leichter falle als arabische Prosa.

Nicht müde wird Adnan, den Einfluss dieser Sprachen auf ihr Werk zu betonen. So etwa in dem Essay „To Write in a Foreign Language“, in dem sie detailliert ihre Kindheitserinnerungen wiedergibt, denn „Sprachen beginnen zu Hause“. In ihren Beschreibungen gerät das Neben- und Ineinander der Sprachkulturen der nach-osmanischen Zeit, in der sie aufwächst, zu den letzten Spuren einer multilingualen, fast utopischen Welt:

„Das Ottomanische Reich war ein „Reich“, was bedeutet, dass es kein Staat war mit einer vereinheitlichten Völkergruppe. Es war ein Reich, in dem Türkisch nicht einmal die am meisten gesprochene Sprache war. …Entsprechend konnte jeder zumindest etwas von einer anderen Sprache außer der eigenen; aber jeder war verwurzelt in der Sprache und dem Leben seiner Gemeinschaft.“

Es ist diese Welt, fast eine verlorene Ur-Heimat der arabischen Welt, die sie mit anderen arabischen Künstlern zu teilen meint - heute ein einendes, nostalgisches Gefühl , wie sie 2007 in einem Interview anklingen lässt: „Ich habe, wie die meisten arabischen Künstler …diesen tiefen Kummer darüber, was diese Welt hätte sein können, sein sollen am Ende des Osmanischen Reiches …es ist die Dynamik der ‚verpassten Gelegenheit’, einer ‚Welt die eine ganz andere hätte sein können, und die aus verschiedenen Gründen, darunter die Gründung des Staates Israel, von einem Unglück ins nächste geriet …“

Ausgerechnet der Zweite Weltkrieg verstärkt die Präsenz verschiedener Kulturen und Sprachen im Libanon, Beirut wird internationaler, kosmopolitisch, in den Augen Adnans glänzt die Stadt, wird zu einem Mikrokosmos aus „Krieg und Spaß“. Die Stadt wird unter dem Einfluss der britischen Truppen trilingual und verkörpert, so Adnan, „drei Kulturen, drei Lebensweisen, drei intellektuelle Optionen“, was die damals Zwanzigjährige auf- wie anregt. Zu dieser Zeit schreibt sie ihr erstes Gedicht „Le Livre de la Mer“ – Das Buch des Meeres – auf Französisch.

Der Enthusiasmus, den Adnan mit dem Auftauchen einer kosmopolitischen Welt in ihrer Heimat Beirut entdeckt, wiederholt sich später in den USA. Adnan entpuppt sich als Weltensammlerin. Ihr Leben wird zu einer ekstatischen Entdeckung, sie kommt auf einem neuen Planeten an, der sie fesselt, sie verliebt sich in die englische Sprache und empfindet eine neue Freiheit, etwa auf den amerikanischen Highways: „Auf den amerikanischen Highways Auto zu fahren, war wie das Schreiben von Poesie mit dem eigenen Körper.“

Erst hier gerät ihr französisch geprägtes Selbstverständnis in Wanken. Während des Algerienkriegs stellt sie fest, dass sie nicht „frei in einer Sprache schreiben kann, die sie mit einem tiefen Konflikt konfrontiert.“ Etel Adnan treibt dieser Konflikt in die Sprach-, aber nicht die Ausdruckslosigkeit. Sie sucht einen Ausweg in den bildenden Künsten, einem Metier, das sie als Kunstform nie aufgegeben hat.

Entscheidend für ihr späteres Werk wird der Vietnamkrieg. Adnan kehrt zur Sprache zurück, um gegen den Krieg zu schreiben, diesmal auf Englisch, einer Sprache, die sie neben Französisch später zur Sprache ihres literarischen Schaffens macht. In den frühen 70er Jahren gibt sie nach diversen Reisen nach Marokko, Tunesien, Jordanien oder Syrien ihren Collegejob auf und geht spontan nach Beirut, wo sie eine Arbeit als leitende Feuilletonredakteurin der neu gegründeten französischsprachigen Tageszeitung Al-Safa aufnimmt. Die Stadt ist nach wie vor turbulent, aktiv, in einer Blüte. Bis zum Beginn des Bürgerkrieges, der 1975 mit Gefechten zwischen christlichen Falangisten und PLO-Angehörigen beginnt. Adnan, zu dieser Zeit in Paris, schreibt „Die arabische Apokalypse“, ihr erstes Buch, nachdem sie in der Zeitung gelesen hat, dass die Falangisten in Beirut eine junge Frau entführt hatten, die sie flüchtig kannte. Ganz anders wollte sie im Januar 1975 das Werk beginnen - für sie ein Beispiel dafür, wie „ein Ereignis ein Buch schreibt“:

„Man fängt an zu schreiben wie ein Vogel, der einen Luftzug aufspürt. So ist das mit der Kunst – man erwischt eine Welle und wird davon fort getragen. Ich schrieb also über die Sonne, die Sonne, die Sonne…..Als ich bei der zweiten Seite angelangt war, geschah das Ereignis mit den Falangisten, die eine Gruppe von Palästinensern töteten – das Ereignis, das den Libanesischen Bürgerkrieg auslöste.“

Zwei Jahre nach Kriegsausbruch verlässt Adnan wie viele andere ihr Land und wartet in Paris darauf, dass die Lage sich stabilisiert. Aber es kommt anders. Die Lage stabilisiert sich nie mehr. Sie verschlimmert sich.

Im Paris dieser Zeit entsteht ihr Roman „Sitt Marie-Rose“ (1977), heute ein Klassiker der Nahost-Literatur, der in über zehn Sprachen übersetzt ist. „Sitt Marie-Rose“ gilt als eine der eindrucksvollsten Schilderungen der Frühphase des Libanesischen Bürgerkriegs. Mit dem Krieg hat Adnan ihr Thema gefunden. Ihre christliche Protagonistin wird von der eigenen Religionsgemeinschaft ermordet, nachdem sie sich den Muslimen angenähert hat. In der Folge der Veröffentlichung erhält Adnan Morddrohungen christlicher Falangisten und kann vorerst nicht publizieren. „Sitt Marie-Rose“, auf Französisch verfasst, ist zugleich Adnans erstes Anti-Kriegsbuch:

„Indem ich die Geschichte „Sitt Marie-Rose“ schrieb, wurde ich zur Pazifistin. Weil ich den Schrecken des Krieges gesehen hatte. Ich war überzeugt und bin es noch: Kriege lösen keine Probleme, sie schaffen nur neue. Ich bin also Pazifistin… Am Ende des Buches dachte ich: „wenn du das schreibst, musst du auch selbst danach leben.“

Auch die folgenden Romane und Schriften Adnans kreisen um das, was nach dem Krieg aus ihrer Heimat geworden ist, um die Menschen, die als Täter und Opfer gleichermaßen vom Krieg gezeichnet zurückblieben, so „Von Frauen und Städten“, das sie zwischen 1990 und 1992 verfasst und „Im Herz des Herzens eines anderen Landes“ (2003).

„Von Frauen und Städten“ basiert auf Briefen, die sie aus Beirut, Barcelona, Rom, Aix en Provence und Berlin an einen Freund in Paris schreibt. Eindrucksvoll erzählt sie hier in einer klaren, dabei poetischen, metapherreichen Sprache ihre Rückkehr in das kriegszerstörte Beirut, das sie zärtlich wie einen Körper betrachtet. Die Gebäude sterben, ihre Skelette liegen durch die Zerstörung bloß, ihre Fassaden sind entstellt. Die Altstadt ist die „Mutter“, die „Matrix“ der Stadt. Kritisch kommentiert sie den Gedächtnisschwund, die opulenten Exzesse der Nachkriegsphase, die Partys, die Gesprächsthemen. Das „Herz der Stadt fault“, stellt sie fest. Beirut versuche, den Krieg zu verdrängen. Es versinke in einem Realitätsproblem.

„‚Heimat’ und ‚Identität’ müssen Etel Adnan wie Wörter einer ausgestorbenen Sprache erscheinen“, so Stefan Weidner in der Wochenzeitung Die Zeit. Ganz das Gegenteil scheint der Fall. „Beirut klebt an mir wie heißes Wachs“, schreibt Adnan in „Von Frauen und Städten“, ein Buch, das passagenweise als Liebesbrief an ihre Heimat gelesen werden kann. Faszinierend dabei ihr Blick: die verschiedenen Welten, in denen sie sich zeitlebens bewegt hat, erlauben der heute über achtzigjährigen Autorin, einen Blickwinkel als Beiruterin und als Fremde auf die Verhältnisse im Libanon zu suchen. Es ist ein Spiel von Nähe und Distanz, eine Fähigkeit zum Perspektivwechsel, vergleichbar dem Zoom einer Kamera. Sie betrachte die arabische Welt von innen heraus, so Adnan, mit einem gleichzeitigen Blick von außen, seltsamerweise sei sie „objektiv“ und „selbst beteiligt“.

Wie fremd ihr manches in ihrer späteren Heimat in Kalifornien bleibt, lässt sich in einem satirischen Absatz ihres Romans „Im Herzen des Herzens eines anderen Landes“ lesen:
„Die US-Regierung sammelt wichtige Informationen über alle Hunde im Land. Weil viele Bürger schon übererfasst sind, haben viele Computer nichts zu tun und viele Menschen keine Arbeit …Wie soll denn jemals Anarchie ausbrechen in dieser vermieteten, vermessenen, parzellierten Welt, in der das Leben zum Theater geworden ist?“

Adnan, die sich beim Schreiben auf ihr „Gespür“ für Themen verlässt, erweist sich auch hier als Kassandra. Anfang der 70er Jahre findet sie in einem Buchladen der Beat-Generation in San Francisco den Titel „Im Herzen des Herzens des Landes“ des US-amerikanischen Autors William Gass. Inspiriert davon, wie Gass „Abschnitt für Abschnitt“ einen „mythischen Ort“ aufbaut, beginnt Adnan nach ihrer Rückkehr nach Beirut, Träume, Aphorismen, kleine Essays zu schreiben, eine „poetische Prosa“, die sie 2003 - 25 Jahre später – als Grundlage für „Im Herz des Herzens eines anderen Landes“ nimmt, kurz vor Beginn des Irakkrieges, dem sie von New York aus die letzten Kapitel ihres Buches widmet. Da sie den Lufthauch spürt und sich von der Welle der Geschehnisse tragen lässt, sind Adnans Bücher ebenso brisant und aktuell wie poetisch. Denn Etel Adnan betrachtet die arabische Welt wie einen verwundeten Körper. „Wenn man die Krankheit nicht benennt“, sagt sie, „kann man sie nicht heilen.“

Zitate ohne Hinweis auf eine literarische Quelle stammen aus "gefilmten Gesprächen" mit Etel Adnan, die 2007 im Programm Di/Visions im Haus der Kulturen der Welt gezeigt wurden
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Etel Adnan wurde 1925 in Beirut geboren. Sie ist eine vielseitige Künstlerin und Schriftstellerin. In ihrer Geburtsstadt Beirut studierte sie Literaturwissenschaften und an der Sorbonne, Harvard und Berkeley Philosophie. Sie schreibt auf Englisch und Französisch Lyrik, Prosa und Theater und ist zudem Malerin. Ihre Bücher sind ins Arabische, Italienische und Deutsche übersetzt, ihre Gedichte von bedeutenden Musikern vertont. 1985 arbeitete sie mit Robert Wilson für seine Oper CivilwarS zusammen. Sie lebt in Paris und Beirut.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
UNESCO, Paris, Frankreich Midiath que, Les Mureaux, Frankreich L’Atelier, Rabat, Marokko Musée de L’Institut du Monde Arabe, Paris, Frankreich Forces of Change: Artists of the Arab World, The National Museum of Women in the Arts, Washington DC, USA

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
Marin County Civic Center, San Rafael, CA/ USA Galerie Sami Kinge, Paris, Frankreich Kufa Gallery, London, Großbritannien Gallery 50 x 70, Beirut, Libanon

Deutsche Publikationen

Published Written
2009 Der Herr der Finsternis, Suhrkamp: Frankfurt/M. 2008 Reise zum Mount Tamalpais, Ed. Nautilus: Hamburg 2006 Von Frauen und Städten, Edition Nautilus: Hamburg 2004 Essays und autobiografische Schriften. Im Herzen des Herzens eines anderen Landes, Suhrkamp Die Sonne zergeht auf der Zunge, Etel Adnan (Hrsg. Wolfgang Storch) Edition Nautilus 2003 Gedichte. Jenin, Lettre International, Berlin 2000 Essays. Paris, When It’s Naked, Suhrkamp 1988 Roman. Sitt Marie-Rose, Suhrkamp WEITERE PUBLIKATIONEN SIEHE ENGLISCHE VERSION DES PORTRÄTS

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

DI/VISIONS

Culture and Politics of the Middle East

(08 December 07 - 13 January 08)