Der Algerier Boualem Sansal, geboren 1949, begann im Alter von fünfzig Jahren seine Karriere als Schriftsteller. Bis dahin hatte sich der promovierte Ökonom und Ingenieur auf seine Arbeit als hoher Beamter im algerischen Industrieministerium konzentriert. Das Attentat auf Präsident Boudiaf (1992), der Tod eines Freundes sowie die eigene Verfolgung in der vom Bürgerkrieg belasteten Heimat veranlassten ihn jedoch, sich in den neunziger Jahren mit dem Schreiben über sein Land ein inneres Exil zu schaffen.
Sein Debüt „Le serment des barbares“ (dt. Der Schwur der Barbaren, 1999) erschien daher in Frankreich, wo es von der Presse gelobt und mit dem Prix du Premier Roman ausgezeichnet wurde. „Le nouvel observateur“ feierte es als „Meisterwerk“. Der Roman, der mittlerweile nach einem Drehbuch Jorge Sempruns verfilmt wurde, beginnt zunächst wie ein Krimi. Im algerischen Städtchen Rouiba werden am selben Tag zwei Männer sehr unterschiedlichen Standes – der vermögende und unantastbare Pate der Region Moh sowie der mittellose Bakour – ermordet aufgefunden. Die Geschichte verwandelt sich allerdings schnell in eine Zustandsbeschreibung des nordafrikanischen Staates, als dem im Fall Bakour ermittelnden Kommissar klar wird, dass beide Morde zusammenhängen und einen politisch höchst brisanten Hintergrund besitzen. Seine Ermittlungen werden zur Suche nach den Wurzeln der terroristischen Gewalt im heutigen Algerien zwischen Korruption, Unterdrückung und Islamismus.
Sansal weist den Algeriern, die es als Nation erst seit der Unabhängigkeit von 1962 gibt, in seinen Romanen mögliche Wege zu einer eigenen Identität. Insbesondere der Titel des 2000 erschienenen Romans „L‘enfant fou de l‘arbre creux“ (dt. Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum), für den er 2001 den Michel-Dard-Literaturpreis erhielt, hat diesbezüglich symbolischen Charakter: Das Kind, das im Hof eines Zuchthauses angebunden ist, steht laut Sansal für das algerische Volk in „diesem riesigen Gefängnis Algerien. Ein infantilisiertes Volk, verblendet, durch Lügen gefesselt. Es ist an einem Punkt angekommen, an dem es weder weiß, wer es ist, woher es kommt noch was es will.“
In Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, wird Sansal wegen seines spielerischen Umgangs mit dem Französischen als Spracherneuerer gefeiert. Aufgrund der politisch explosiven Themen seiner satirischen und zugleich poetischen Romane gilt er in Algerien hingegen als Nestbeschmutzer. Dennoch bleibt er mit seiner Frau und den zwei erwachsenen Töchtern weiterhin in seiner Heimat und veröffentlicht ohne den Schutz eines Pseudonyms. Die Heiterkeit seiner Romane spricht für Sansals Glauben an Algeriens Zukunft, für die sein jüngstes Werk „Dis-moi le paradis“ (dt. Erzähl mir vom Paradies, 2003) einen ersten Entwurf darstellt.
Author: Internatinales Literaturfestival Berlin (ilb)
Das Dorf des Deutschen. Das Tagebuch der Brüder Schiller
Published Written,
2009
Roman. Merlin Verlag: Gifkendorf
Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute
Published Written,
2008
Merlin Verlag: Gifkendorf
Harraga
Published Written,
2007
Roman. Merlin Verlag: Gifkendorf
Erzähl mir vom Paradies
Published Written,
2004
Übersetzung von Regina Keil-Sagawe, Merlin: Gifkendorf
Der Schwur der Barbaren
Published Written,
2002
Übersetzung von Regina Keil-Sagawe, Merlin: Gifkendorf
Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum
Published Written,
2002
Übersetzung von Riek Walther, Merlin: Gifkendorf
Andersprachige Titel siehe englische Textversion
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